Das Regimentshaus

Regimentshaus in der Mammonstraße, Regimentsgeschichte.

"Wer zum Offizierskorps gehörte, empfand beim Betreten des Hauses stets das anheimelnde Gefühl, in seinen behaglichen, Erinnerung atmenden Räumen zu Hause zu sein."

aus der Regimentsgeschichte

Das Regimentshaus in der Mammonstraße war eine ganz besondere Einrichtung. Wenige Regimenter konnten eine solche Einrichtung ihr Eigen nennen. Damit war das Erste Garderegiment zu Fuß auch in diesem Punkt weit aus der Armee herausgehoben. Bemerkenswert ist, daß die Könige von Preußen, besonders Wilhelm II. hier gerne einkehrten.

 

Bei der Feier am 03.10.1857 schenkte der König aus seiner Privatschatulle 11.000 Thaler zum Ankauf einer Offiziers-Speiseanstalt. Eine solche Speiseanstalt hatte das Offizierscorps bis dato noch nicht, die Offiziere aßen im großen Kasino in der Waisenstraße oder in "Voigts Blumengarten" vor dem Nauener Tor. Nun wurde eifrigst unter der Leitung von Oberst Freiherr Hiller von Gärtringen nach einem geeigneten Grundstück gesucht. Am 06.12.1860 kaufte das Offizierscorps des Ersten Garderegiments zu Fuß Das Grundstück nebst Haus in der Mammonstraße 4. Dieses war am 02.05.1859 von den Nachfahren des Generals von Bischoffswerder in den Besitz des "Kronfideikommißfonds" übergegangen. Der General und seine Nachfahren hatten dieses Mitte des 18. Jahrhunderts erbaute Haus von 1801 bis zum Verkauf 1859 im Besitz gehabt. Der Preis betrug 15.238 Thaler, 2 Silbergroschen und 10 Pfennig. 2.500 Thaler konnte das Regiment aus disponiblen Beständen bezahlen, die fehlenden 1.738 Thaler, 2 Silbergroschen und 10 Pfennig wurden von der Kronfideikommißkasse zinsfrei geliehen und mußten in vierteljährlichen Raten zu 60 Thalern zurückgezahlt werden. Durch A.K.O. vom 25.11.1859 war das Kriegsministerium ermächtigt worden, das Haus auf Rechnung des "Servisfonds" baulich zu unterhalten.

 

Regimentshaus von der Gartenseite aus gesehen, Regimentsgeschichte.

 

Nun wurde das Haus zum Regimentshaus umfunktioniert und erfuhr fortan mehrere bauliche Veränderungen. Zunächst wurden die Hintergebäude abgerissen, um Platz für einen größeren Garten zu schaffen. Dennoch war der Garten noch zu klein, um Versammlungen des ganzen Offizierskorps des Regimentes zu ermöglichen. Daher wurden vom Oberst Karl Graf von der Goltz Verhandlungen mit dem Königlichen Hof-Marstallamt um Abtretung des zum Bischofswerderschen Grundstück zugehörigen Gartens aufgenommen, was schließlich auch gelang. Der Preis des Gartenstückes ist nicht mehr überliefert. Der König bewilligte jedoch am 28.02.1861 aus dem Kronfideikommißfonds einen Vorschuß von 1.000 Thalern, damit die begonnenen Umbaumaßnahmen fortgesetzt werden konnten. Aus dem gleichen Fonds dann nochmal 2.500 Thaler (zinsfrei) und aus seiner persönlichen Schatulle abermals 1.000 Thaler, unter gleichzeitiger Bestimmung, daß das Regiment die Vorschüsse fortan anstatt mit 60 nun mit 75 Thalern vierteljährlich zurückzahlen sollte. 1873 waren schließlich alle Schulden getilgt. Am 17.10.1860 aßen die Offiziere erstmals im Regimentshaus, allerdings noch in den unteren Räumen, da die feierliche Einweihung durch Oberst Graf von der Goltz erst am 22.03.1861 - dem Geburtstag Wilhelms I., der so viel zum Regimentshaus beigetragen hatte - statt fand.

 

Die Grund-Maße waren für das Hauptgebäude 27,31m x 12,87m und für das Nebengebäude 11,82m x 5,5m. Diese Maße entsprechen dem letzten Stand um 1900.

 

Von der Einfahrt aus blickte man auf den Garten mit seinen großen Bäumen. Später hingen an diesen 1870/71 erbeutete französische Wegweiser. An der Gartenseite des Hauses war das Schild des Gasthauses "Zum weißen Rößl" eingemauert. In diesem Gasthaus hatte der Mittagstisch der Offiziere in alten Zeiten stattgefunden. In der Einfahrt führten einige Stufen in das Erdgeschoß, in dem sich u. a. der Ablegeraum und die beiden Frühstückszimmer befanden.

 

Kleines Frühstückszimmer, Regimentsgeschichte.

Großes Frühstückszimmer, Regimentsgeschichte.

 

Das vordere, kleinere war mit Bildern gefallener Offiziere des Regimentes geschmückt. Im größeren Frühstückszimmer hing eine wertvolle Sammlung von Stichen aus der Zeit Friedrichs des Großen, die die Offiziere zusammengetragen hatten. In diesen Zimmern konnte von 09:00 - 14:00 Uhr gefrühstückt werden. Daneben lag das Billardzimmer in dem auch die Bibliothek untergebracht war. Dort waren natürlich vorwiegend militärische Bücher, aber auch "schöne" Bücher zu finden (aus der Regimentsgeschichte). Links der Einfahrt hatte der Tischdirektor eine kleine Wohnung; neben ihr lag die Portierloge, in der eine Ordonnanz den Verkehr im Hause überwachte. Die Haupttreppe links der Einfahrt führte in das obere Stockwerk. Im Treppenhaus stand ein überlebensgroßes Standbild König Friedrich Wilhelms I. An den Wänden hingen Uniformbilder verschiedener Epochen. Durch einen mit einer Glastür verschlossenen Vorraum gelangte man in das Teppichzimmer, das komplett mit einem großen Teppich und bequemen Sesseln ausgestattet war. Quasi das Wohnzimmer des Hauses. Hier fanden die vom Kommandeur anberaumten Offiziersversammlungen statt. An den Wänden hingen später Darstellungen aus der Regimentsgeschichte, so zum Beispiel die Bilder der Erstürmung der Kirche von Leuthen 1757 durch das III. Bataillon Garde Nr. 15, das Bataillon Grenadiergarde bei Hohenfriedberg 1745 oder die Eroberung der Batterie der Toten 1866. Die Bilder der Erstürmung der Batterie der Toten und des Kirchhofes von Leuthen waren Geschenke von Kaiser Wilhelm II. Weiterhin hingen dort Bilder von fürstlichen Persönlichkeiten, wie Kaiser Friedrich III. Später stand dort auch eine Büste des 1870 bei St. Privat gefallenen Regimentskommandeurs Oberst von Roeder. Dahinter stand die alte Fahnenstange des I. Bataillons, die dort aufgestellt wurde, als das Bataillon1889 die neue Leibfahne bekam. In der anderen Ecke des Raumes stand ein Kamin, den der Herzog Karl Eduard von Sachsen-Coburg-Gotha dem Offizierscorps geschenkt hatte.

 

Teppichzimmer, Regimentsgeschichte.

 

Vom Teppichzimmer gelangte man in das Eulenzimmer, das seinen Namen von einer auf dem Ofen stehenden Eule trug. In einem Eckschrank wurden die Uniformen der Regimentschefs seit 1807 aufbewahrt, welche allesamt die preußischen Könige waren. In einem anderen Schrank wurden Geschenke und Erinnerungsstücke aufbewahrt, die ebenfalls meist mit dem Hause Hohenzollern in Verbindung standen. Im Eulenzimmer wurde häufig "Bierschach" gespielt, oft auch von Mitgliedern der Königsfamilie.

 

Bierschach im Eulenzimmer, Regimentsgeschichte.

 

Aus dem Eulenzimmer gelangte man rechts in das Lesezimmer an dessen einer Wand ein Landschaftsbild des Grafen Kalckreuth (1840-45 Offizier im Regiment) hing. Ein Tisch mit Zeitungen stand darunter, daneben ein kleiner Tisch, auf dem Korrespondenzen erledigt werden konnten. In einer Ecke, unter den Bildern der Generäle Johann Carl von Möllendorff (1811-1837 im Regiment, ab 1818 Kommandeur der Leibkompagnie, ab 1829 Kommandeur des I. Bataillons) und Freiherr Hiller von Gärtringen stand ein ovaler Tisch. An diesem weilte Wilhelm II. besonders gerne und schwelgte mit seinen alten Kameraden aus dem Regiment in Erinnerungen.

 

Lesezimmer, Regimentsgeschichte.

 

Auf der anderen Seite des Eulenzimmers war das Spielzimmer mit seinen vier Spieltischen. Die Einrichtung war ein Geschenk des Großherzogs von Baden. 1886 wurden auf Anregung Kaiser Wilhelms I. die Ölgemälde der Regimentskommandeure, sowie der 1866 und 1870/71 gefallenen Offiziere in die Wandtäfelung eingelassen. Neben diesen Räumen lag südlich der große Speisesaal. In der Mitte der Hauptwand hing ein großes Bild Wilhelms II., welches er selbst 1912 dem Regiment geschenkt hatte. Daneben hingen die Bilder Kaiser Wilhelms I. und Kaiser Friedrichs III. An den anderen Wänden hingen die Bilder der Preußischen Könige bis hin zu Friedrich I. Diese Bilder waren zum größten Teil Geschenke Friedrichs III. An der Hauptwand hing weiterhin das Bild des Angriffs des Regiments und der Erstürmung St.-Privats 1870, 1896 geschenkt von den alten Herren des Regiments und ein weiteres Bild von der Erstürmung von Leuthen durch das Regiment Garde Nr. 15, 1896 von Kaiser Wilhelm II. geschenkt. Beide Bilder stammten, wie so manche andere im Hause, vom bekannten Maler Carl Röchling. Im Nebensaal hingen weitere Bilder aus der Geschichte des Regimentes.

Spielzimmer, Regimentsgeschichte.

 

Die Offiziere bezahlten von ihren Gehältern den Unterhalt dieses Hauses. Überdies zahlte jeder neu eingetretene Offizier 130 Mark in den "Silberfonds" von dem Bestecke etc. beschafft und gepflegt wurden.

 

Für das leibliche Wohl der Offiziere war der Tischdirektor verantwortlich, ein Leutnant aus dem Regiment, der jährlich gewählt wurde. Normalerweise hatte der Tischdirektor ca. 40 Offiziere zu versorgen, bei hohem Besuch mochten es aber auch schon einmal 140 gewesen sein.

 

An Freitagen mußten auch die verheirateten Herren und die nach Potsdam und Berlin abkommandierten Offiziere zum Essen erscheinen. An diesen Tagen kam stets eine "Blumentante" zum Tisch und verkaufte kleine Blumensträuße, mit denen sich die Offiziere später neckten und bewarfen.

 

Wilhelm II. vor dem Regimentshaus in Potsdam, Regimentsgeschichte und Archiv Seitenautor.

 

Oft waren auch Gäste zugegen, das Offizierscorps des Lehr-Infanterie-Bataillons wurde stets nach dem Zusammentreten dieses Bataillons eingeladen. Auch die Offiziere der Gardes du Corps oder der Gardejäger waren gerngesehene Gäste. Festtage des Regimentes, wie die königlichen Geburtstage oder Schlachtengedenktage wurden stets im Regimentshaus begangen. Nach solchen Festtagen, die meist mit einer Besichtigung durch die kaiserlichen Hoheiten einher ging, kamen diese meist auch noch mit in das Regimentshaus, das sie ja selber aus ihrer Zeit beim Regiment gut kannten. Wilhelm I. pflegte an seinem Geburtstag (22. März) zum Frühstück in das Regimentshaus zu kommen und dort die Kerzen seiner Geburtstagstorte zu verteilen. Das gleiche tat auch Wilhelm II. an seinem Geburtstag (22. Januar), der jedoch den ganzen Geburtstag im Regimentshaus zu verbringen pflegte. Am Mittagstisch wurde dem Kaiser ab 1894 immer ein Gedicht vorgetragen, welches von einem Offizier des Regimentes verfaßt worden war. Thema waren meist in leicht ironischer Form Vorgänge im Regiment. Im Nebensaal wurde (auch ab 1894) anschließend stets für den Kaiser ein Theaterstück aufgeführt, dessen Schauspieler natürlich auch Offiziere des Regimentes waren. Seine Majestät waren von der ersten Aufführung so begeistert, daß er das Stück wenige Tage später auch der Kaiserin in Berlin vorführen ließ. Zur Generalprobe des Stückes, welches natürlich auch die Offiziere selbst schrieben, wurden die königlichen Prinzessinnen und die Damen des Regimentes eingeladen. Danach schloß sich meist ein Tanz an.

 

So war denn im Regimentshaus ein reges Treiben zu beobachten. Es spiegelte auch die enge Verbundenheit des Ersten Garderegiments zu Fuß mit der Hohenzollernfamilie wieder.

 

Im Jahre 1891 erschien das Werk "Das Buch vom Deutschen Heere" von Herrmann Vogt (siehe das Literaturverzeichnis). Es widmet ab Seite 274 ein ganzes Kapitel dem Ersten Garderegiment zu Fuß, aus welchem der Teil das Regimentshaus betreffend hier ungekürzt wieder gegeben werden soll:

    So gehört es seit Jahren zu den Gewohnheiten unserer kaiserlichen Herren, am 2. Mai, am Ehrentage von Großgörschen, die Vorstellung der Bataillone des 1. Garderegiments abzunehmen, und mit scharfem Blicke die gesamte Bataillonsschule, die Handhabung der Kolonnen und das Gefecht zu verfolgen. Wie dies in der Armee überhaupt üblich, pflegt der Kaiser dann das Offizierskorps des Regiments um sich zu versammeln, sich über die gewonnenen Eindrücke auszusprechen, und im Kreise der Offiziere ein Frühstück im Regimentshause einzunehmen.

    Die Offiziere des Leibregiments unter Friedrich Wilhelm I., wie die des Ersten Bataillons Garde, des späteren Regiments Garde zu Fuß und ebenso des Regiments der Garde du Korps waren tägliche Gäste des Königs und speisten an der sogenannten Adjutantentafel. An Stelle dieser Beköstigung sind später erhebliche Geldzuschüsse getreten, die der Fürst unter dem Namen von Tischgeldern aus seiner Schatulle den Offizieren des 1. Garderegiments zu Fuß und der Garde du Korps gewährt. Damit trat auch an die Offiziere dieser Regimenter das Bedürfnis einer gemeinschaftlichen Speiseanstalt heran. König Friedrich Wilhelm IV. machte dem Offizierskorps des 1. Garderegiments zu Fuß gelegentlich seines 50jährigen Dienstjubiläums am 3. Oktober 1857 ein Geschenk von 11000 Thalern. Dafür wurde das Bischoffswerdersche Haus in der Mauerstraße vom Kronfideikommiß angekauft, welches jetzt völlig schuldenfreies Eigentum des Offizierskorps ist, eine vortrefflich eingerichtete und geleitete Speiseanstalt bietet, mit dem dahinter gelegenen Garten als angenehmer Mittelpunkt für jede Art von Erholung und Geselligkeit dient, und damit dem glücklichen Korps einen Vorzug vor fast allen Regimentern der Armee gewährt.

    Der Kaiser verschmäht es nicht, gelegentlich als Gast im »Regimentshause« zu erscheinen, er nimmt aber auch teil an anderen Veranstaltungen der Offiziere, welche ihm schon deshalb besonders nahe stehen, weil sie zum größten Teile selbst wieder Söhne alter Offiziere sind."

Das Regimentshaus in der Mammomstraße Nr. 4, heute Werner-Seelenbinder-Straße, hat den 2. Weltkrieg nicht überdauert. Es wurde vermutlich beim Alliierten Großangriff im April 1945 vernichtet. Über den Verbleib des Interieurs ist nichts bekannt, lediglich einige Röchling-Bilder haben den Krieg überstanden und sind heute teilweise restauriert meist im Besitz der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten oder des Semper-Talis-Bundes.