Der Lange Stall

Südseite des Exerzierhauses, sog. Langer Stall, Aufnahme von 1911, historische Fotopostkarte, Archiv Seitenautor.

"Im Lustgarten und im später erbauten Langen Stall exerzierte Friedrich Wilhelm I. oft selbst »seine lieben blauen Kinder."

Aus: Vergeben, Vernichtet, Vergessen, Militärbauten und militärische Denkmäler in Potsdam

Der Lange Stall wurde 1734 von Gayette im Auftrage König Friedrich Wilhelms I. in Preußen als Exerzierhaus für sein Regiment des Königs Nr. 6, vorzugsweise sein I. (Rothes) Leibbataillon Große Grenadirs Nr. 6, errichtet. Sie sollten hier bei schlechtem Wetter exerzieren, bei gutem wurde gewöhnlich der Lustgarten hierfür genutzt. Er erstreckte sich von der Garnisonkirche bis zum Stadtkanal und hatte eine Gesamtlänge von ca. 100m.

 

Offizierskorps des Ersten Garderegiments zu Fuß und der Couleur von den Gardes du Corps um 1900 vor dem Portal des Langen Stalles, Archiv Hupertz.

 

"Zwar hatte dieser schlichte, aber eindrucksvolle, mehr als 100m lange »Stall« nichts mit Pferden zu tun, doch seit Kindertagen an bedeutete mir dieser »Lange Stall« etwas besonderes." (Christoph von L´Estoq) Sein Kopfteil, dem Platz der Garnisonkirche zugewandt, wurde 1781 von dem Architekten Unger dem langen Scheunengebäude vorgebaut; eine reiche, mit Säulen gegliederte Fassade mit geschmücktem Giebel ließ einen eintreten in einen völlig schmucklosen, riesigen langen Stall. Dieses Gebäude war sicherlich das eigenartigste der Stadt, eben ein "Exerzierstall", den es so kein zweites mal gab. Der klassizistische Vorbau war nur entstanden, um das Bild des Platzes vor der Garnisonkirche harmonischer zu gestalten. Man muß sicherlich sehr ernüchtert gewesen sein, wenn man durch die reich gegliederte Fassade in die Riesenscheune eintrat, einen gewaltigen, monumentalen Fachwerkbau, der in dieser schlichten, ja fast armseligen Bauweise so gar nicht in das architektonisch schöne Viertel um die Breite Straße passen wollte. Auf steinernen Fundamenten stand das Fachwerk aus mächtigen Balken, das Dach stieg steil auf. Im Inneren war gut die Konstruktion zu erkennen, da sie nur teilweise verputzt oder verblendet war. "Ganz ohne Schmuck, ganz einfach stand dieser bescheidene »Stall« dort, in seinem Verhältnis zur benachbarten Garnisonkirche sich viel harmonischer unterordnend, als später mit seinen anspruchsvollen Anbauten."  (Christoph von L´Estoq)

 

Nach seiner Erbauung nutzte der König es als Exerzierhaus für seine Garde. Sein Sohn, König Friedrich II. in Preußen, nutzte den Langen Stall nicht mehr als Exerzierhaus. Denn bis zum Jahre 1756 existierte im Langen Stall offenbar eine Griechisch Orthodoxe Kirche, welche dann in das Rathaus verlegt wurde. Der Lange Stall wurde anschließend vermietet an "herumziehende Theatergesellschaften". (aus der Regimentsgeschichte)

 

Rekrutenvereidigung um 1900 vor dem Portal des Langen Stalls, links die Garnisonkirche, Privatarchiv.

 

1795 war zwar das Königliche Schauspielhaus erbaut worden, dennoch fanden auch im Langen Stall  weiterhin Theateraufführungen statt. Das Exerzierhaus verfiel jedoch zusehends, sodaß es bei den Aufführungen bei starkem Regen durch große Löcher im Dach und zerborstene Fensterscheiben auch auf die Zuschauer hernieder regnete. Später wurde der Bau restauriert, das genaue Datum ist nicht mehr bekannt, es dürfte jedoch in den 1820er Jahren gewesen sein.

 

Rekrutenvereidigung 1905 vor dem Portal des Langen Stalls, Regimentsgeschichte.

 

Der Lange Stall wurde nach seiner Restaurierung für besondere Anlässe genutzt, wenn diese Aufgrund schlechten Wetters nicht im Lustgarten stattfinden konnten. Ebenfalls diente er wieder als Exerzierhaus, seiner eigentlichen Bestimmung entsprechend.

 

Dienst im Langen Stall 1849, Zeichnung von Richard Knötel, Müller-Bohn: Kaiser Friedrich Gedächtniswerk.

 

Traditionell fanden die Vereidigungen der neuen Rekruten des Ersten Garderegiments zu Fuß stets vor, oder bei schlechtem Wetter im Langen Stall statt. Am 09.02.1877 z. B. kam der junge Prinz Wilhelm von Preußen als Premierlieutenant zum Regiment, nachdem er seine Studienzeit abgeschlossen hatte. Er wurde als Adjutant des Kompagniechefs der 6. Kompagnie, Hauptmann von Petersdorff eingestellt. An jenem 09.02. trat das Regiment im Langen Stall an und der alte Kaiser Wilhelm hielt eine markige Ansprache. Dann führte er seinen Enkel an den linken Flügel der 6. Kompagnie und stellte ihn mit den Worten "Nun gehe und tue Deine Schuldigkeit!" in diese als linken Flügelleutnant ein.

 

Rekrutenvereidigung 1907 vor dem Portal des Langen Stalls, Regimentsgeschichte.

 

Nach dem Ende des alten Regiments wurde der lange Stall in gleicher Weise vom 9. (Preuß.) Infanterieregiment weiter genutzt. Er mußte dabei aber auch für ungewöhnliche Dinge herhalten. Als sich die Interalliierte Kontrollkommission zu einem Besuch in Potsdam ankündigte, bei dem französische Offiziere zugegen sein sollten, wurden alle Fahnen und Standarten, die sonst bei den Königen in  der Gruft der Garnisonkirche "wachten", von den Leutnants Henning von Tresckow und Rudolf Schmundt (später Adjutant und Heerespersonalchef von Adolf Hitler)  in der hintersten Ecke des Langen Stalls, in eine Kiste verpackt. Erst nachdem diese Kommission aufgelöst worden war, wurden die Feldzeichen wieder ausgepackt und an die Särge zurück gebracht. Kein einziges Feldzeichen sollte den Siegern als "Kriegsbeute" in die Hände fallen.

Die Kompagnie- und Regimentschefs im 9. (Preußischen) Infanterieregiment wechselten häufig. So war ab 1931 Oberst Ewald von Kleist Regimentskommandeur, er löste Oberst Hans Feige ab. Die Übergabe des Regimentes an den neuen Kommandeur fand traditionsgemäß im Lustgarten statt, 1931 jedoch aufgrund schlechten Wetters im langen Stall. Dort hatten sich das I. und II. Bataillon, sowie die 13. (Minenwerfer-)Kompagnie eingefunden.

Am 16.01.1932 fand im Langen Stall die feierliche Übergabe des Degens des Generals von Möllendorff an den Kompagniechef der 1. Kompagnie des 9. (Preuß.) Infanterieregimentes, Hauptmann Graf von Schwerin statt. Der Semper Talis Bund (STB) hatte damals beschlossen, dem Führer der Traditionskompagnie als Zeichen der Verbundenheit diesen Degen des Generals von Möllendorff, der am 04.03.1803 als Gemeiner in das Regiment Garde Nr. 15 eingetreten war, als Ehrendegen zu überreichen. Es war also nicht der Degen des Generals Wichard Joachim Heinrich von Möllendorff, der 1757 als Kapitän im Regiment Garde Nr. 15 den Kirchhof von Leuthen erstürmte, sondern der seines Sohnes Johann Carl von Möllendorff (geb. 20.05.1791, gest. 06.11.1860, vom 30.03.1829 bis zum 12.07.1837 Kommandeur des I. Bataillons, dann bis zum 17.10.1844 Kommandeur des 2. Garderegiments zu Fuß, dann bis zum 04.12.1849 der 2. Gardeinfanteriebrigade, als er der Kommandeur der Gardeinfanterie wurde). Einst hatten die Offiziere der Garde-Infanterie diesen Degen dem scheidenden General der Infanterie von Möllendorff gewidmet. Nun übergab Prinz Eitel Friedrich von Preußen den Degen dem Chef der Traditionskompagnie des Ersten Garderegiments zu Fuß, Hauptmann Graf Schwerin.

Allgemein war man bisher des Glaubens, daß auch die Garnisonkirche beim Luftangriff vom 14./15.04.1945 von Bomben getroffen wurde. Nach mehreren übereinstimmenden Augenzeugenberichten sind jedoch nicht die Bomben, sondern die im benachbarten Langen Stall gelagerte und explodierende Munition dafür verantwortlich, daß erst das hohe Kirchendach in Feuer fing und von dort das Feuer auf den Turm übergegriffen habe. Kirche und Langer Stall brannten vollkommen aus. Der Lange Stall war ja größtenteils als Fachwerkbau ausgeführt und brannte daher bis auf das steinerne Portal ab. Dieses Portal steht heute noch. Die Straße, früher Mammonstraße, ist heute eine Sackgasse, namens Werner-Seelenbinder-Straße.

Portal des Langen Stalls 2010, Archiv Seitenautor.

"Und pünktlich und vielstimmig wie immer rief das Glockenspiel der Garnisonkirche dröhnend sein »Lobe den Herren...« und sein »Üb´ immer Treu und Redlichkeit...« hinunter in den langen Raum. Es war immer und jedes Mal für jeden beeindruckend, die Eigenart dieses Langen Stalles auf sich wirken zu lassen."  (Christoph von L´Estoq)