3.      Die Schatten der Vergangenheit 1919 bis heute

3.1.       Unruhige Zeiten 1919-33

Ehrenkompanie in Potsdam,  9. (Preußisches) Infanterie-Regiment, Bild Nr. 0311 aus einem Zigarettenbilderalbum der 1920er Jahre

„Kein Kaiser mehr! Republik! Soldatenräte! - Welche Schmach!“

Aus der offiziellen Regimentsgeschichte

Im Hintergrund hören Sie den 1922 komponierten Parademarsch der Langen Kerls (AM I,106). Mit freundlicher Genehmigung durch die DGfMM

Nach dem Ende des alten Regimentes wurde dessen Geschichte noch ein Stück weiter geschrieben von den nachfolgenden Truppenteilen, die zumindest teilweise aus ihm hervorgegangen sind. Die meisten Angehörigen des Regiments wurden ins Zivilleben entlassen. Ein Teil ging jedoch in das Baltenland um den Krieg gegen die Bolschewiki weiter zu führen.  Dieses "Grenzschutz Ost" oder "Grenzschutz Kurland" genannte Freikorps, bzw. dessen I. Bataillon  stand unter dem Befehl von Hauptmann von Schauroth und entstand am 27.12.1918. Die Truppen im Baltikum standen unter dem Befehl des Generalmajors Graf von der Goltz und nannten sich "1. Garde-Reserve-Division".

Ein anderer Teil der angehörigen des Ersten Garderegiments zu Fuß trat zum "Freikorps Potsdam"[1] über und nahm an den Kämpfen in Berlin teil. Das gesamte I. Bataillon dieses Freikorps oder Regiments Potsdam bestand aus ehemaligen Angehörigen des Ersten Garderegiments zu Fuß. Das I. Bataillon wurde von Leutnant von Oppen geführt, sei Adjutant war Leutnant von L´Estocq, das gesamte Freikorps Potsdam wurde von Major Franz von Stephani (1876-1939)[2] geführt. Ein anderes Freikorps, das mehrheitlich aus ehemaligen angehörigen des Ersten Garderegiments zu Fuß bestand, war das "Freikorps Eulenburg", welches vom letzten Regimentsführer, Major Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken 1919 aufgestellt wurde. Es gelangte jedoch nur noch in Teilen ins Baltikum und wurde dann in die vorläufige Reichswehr überführt. Die Freikorps entstanden offiziell am 12.12.1918 als vom Rat der Volksbeauftragten das "Gesetz zur Bildung freiwilliger Volkswehren" erlassen wurde. Sie sollten namentlich der von den Arbeitern geforderten "Volksmiliz" entsprechen, aber denkbar andere Aufgaben erfüllen. In dem Flugblatt zur Bekanntgabe wurde gleichzeitig zur allgemeinen Waffenabgabe aufgerufen. Hans von Seeckt (1866-1936) und andere Offiziere hatten jedoch bereits am 8. Dezember 1918 begonnen "konterrevolutionäre Freiwilligenverbände" aufzustellen. Diese "Freikorps" setzten sich zum Großteil aus ehemaligen Berufssoldaten - die wegen ihrer zu hohen Anzahl nicht alle in das neue Heer aufgenommen werden konnten - aber auch aus Schülern und Studenten zusammen. Bis zum Ende des Jahres 1918 waren um Berlin ca. 10.000 der "freiwillige Soldaten" zusammengezogen worden. Im März 1919 waren in diesen unter harter Disziplin geführten antirepublikanischen, antibolschewistischen Truppen schließlich 250.000 Mann organisiert, die so die größte Militärorganisation innerhalb Deutschlands bildeten. Da sie nicht unter der Führung der Regierung standen, widersprach ihre Existenz nicht den Waffenstillstandsbedingungen. Eingesetzt wurden die Freikorps bei allen Kämpfen im revolutionären Deutschland. Das Freikorps Potsdam war dabei auch in die Kämpfe des „Spartakusaufstandes“ (05. – 12.01.1919) verwickelt und tat sich dort durch besondere Härte hervor.

Am 10.01.1919 eröffnete es z. B. das Feuer auf das mit ca. 600 Mann verteidigte Gebäude der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“ in der Lindenstraße in Berlin. Die Truppen standen um 02:00 Uhr bereit, das I. Bataillon auf dem Belle-Alliance-Platz. Im Morgengrauen fing der Artilleriebeschuß an, gleichzeitig griffen Abteilungen des Regimentes das Gebäude an der Rückfront, vom Reichspatentamt her, an. Vor dem Amt hatte man einen Minenwerfer in Stellung gebracht. Aus dem Gebäude schossen die Verteidiger mit MG´s zurück, sie wurden jedoch von kampferprobten Stoßtrupps mit Flammenwerfern und Handgranaten überwältigt. Gegen 09:00 Uhr gaben die letzten Besetzer auf, was die Freikorps-Truppen jedoch nicht davon abhielt, 5 Parlamentäre, die mit weißer Fahne aus dem Gebäude kamen zu verprügeln und anschließend in der nahe gelegenen Garde-Dragonerkaserne zu erschießen. Einen sechsten Parlamentär schickte man in das Gebäude zurück um die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation zu überbringen. Nachdem diese Forderung nicht erfüllt wurde, stürmten die Freikorps das Gebäude. Der verantwortliche Major Franz von Stephani wurde später freigesprochen. Zu seiner Verteidigung ist aber auch zu sagen, daß seine Truppen bei der Erstürmung des Vorwärts 300 Gefangene machten und diese nicht erschossen, wie es später üblich wurde. Um zu erfahren, was er mit ihnen machen solle, rief Stephani in der Reichskanzlei an und erhielt vom "Oberbefehlshaber der Regierungstruppen" Gustav Noske (SPD) die Antwort: "Alle erschießen!" Dies verweigerte er strickt.  Die Verluste an jenem 10.01.1919 betrugen 7 Tote und 11 Verwundete beim Freikorps Potsdam. Das Freikorps meldete: "I. Bataillon erreichte das erste Angriffsziel. Bataillons-Gefechtsstand: Fahrkartenschalter Hochbahnhof Hallesches Tor. A. B. v. L´Estocq."

Am 13.01.1919 erließ der Oberbefehlshaber der Regierungstruppen Noske eine Verfügung nach der Weisung der Regierung Friedrich Ebert (SPD), welche besagte, daß Berlin durch starke "regierungstreue" Truppen zu besetzten sei und diese mit einer weißen Armbinde kenntlich zu machen seien. Notfalls reiche auch ein Taschentuch. Damit war es natürlich jedermann leicht gemacht, sich schnell auf die Regierungsseite zu schlagen, falls dies erforderlich wurde. Der Spartakusaufstand schien mit der Eroberung des "Vorwärts" und der darauf folgenden Eroberungen der anderen Widerstandsnester zunächst beendet. Als jedoch die Spartakus-Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf dem Weg in die Garde-Kavallerie-Kaserne im Hotel "Eden" erschossen wurden, rief der Spartakus zum Generalstreik auf.

Am 18./19.01.1919 wurde die erste Wahl zur neuen "Nationalversammlung" abgehalten, aus der die SPD als klare Führungspartei hervorging. Doch Sicherheit und Ordnung kehrten in das geschundene Deutschland nicht ein. Putsche in Bremen, Wilhelmshaven und Hamburg erschütterten das Land. Die ohnehin schon kleine wöchentliche Kartoffelration wurde auf ganze 2,5kg herabgesetzt, die Kohlenvorräte waren nahezu erschöpft. In diesen unruhigen Zeiten trat am 06.02.1919 die Nationalversammlung in Weimar zusammen. Berlin wurde als zu unsicher erachtet, daher wich man ins beschauliche Weimar aus. Am 11.02.1919 wurde dort Friedrich Ebert zum ersten Reichspräsident der jungen Republik gewählt. Als neue Nationalfahne wurde Schwarz-Rot-Gold gewählt, die Farben des Hambacher Festes und der Revolution von 1848.

Inzwischen war aus dem Regiment/Freikorps Potsdam  und anderer Truppenteile der Umgebung von Berlin die "1. Landesschützen-Brigade" gebildet worden. Der Brigadestab war ausschließlich von ehemaligen Offizieren des Ersten Garderegiments zu Fuß gebildet worden. Brigadekommandeur war Generalmajor von Hahnke, die beiden Generalstabsoffiziere hießen von Oppen und Graf Matuschka. Ordonnanzoffizier war Leutnant von L´Estocq. In den Wochen der Aufstellung der Freikorps spielten sich zum Teil groteske Szenen ab. Da wurde neuverpflichteten Freiwilligen ein Handgeld gezahlt, mit dem sie sogleich verschwanden. Manche Neuverpflichtete erschienen sogar, ließen sich neu einkleiden und verschwanden erst dann. Wieder andere genossen den Vorzug einer guten Verpflegung, während die Bevölkerung hungerte und fror, und verschwanden erst nach der Ausgabe von Waffen und Munition. Die Ausrüstung nahmen sie selbstverständlich ebenfalls mit. Die Ordnung war allenthalben in Auflösung begriffen. am schlimmsten sah es im Ruhrgebiet aus, welches zum Teil von den Alliierten besetzt war und in dem nur sehr wenige regierungstreue Truppen standen. Der Aufstand des Spartakus-Bundes fand hier wenig Gegenwehr und so lag dieses menschenreiche Industriegebiet Anfang 1919 nahezu am Boden. Es wurden erbitterte Kämpfe geführt, der kommandierende General des VII. Armeekorps, General von Watter, hatte alle Mühe, mit den Spartakisten fertig zu werden. Da rollte die willkommene Verstärkung in Form mehrerer Freikorps per Bahn an, darunter auch die 1. Landesschützen-Brigade. Nach sehr komplizierten Verhandlungen mit den französischen Besatzungsbehörden konnten die Freikorps am 28.02.1919 Düsseldorf besetzen. Der Spartakus-Aufstand brach damit auch an Rhein und Ruhr zusammen. Zum Abschluß der "Befriedungsaktion" zog dabei die 1. Landesschützen-Brigade feierlich in Düsseldorf ein. danach kehrten die Truppen in ihre Quartiere in und um Berlin zurück.

Am 16.02.1919 war der Waffenstillstand zunächst auf unbestimmte Zeit verlängert worden, den Deutschen wurden jedoch alle Abwehrbewegungen gegen Polen untersagt. Als die ersten Bedingungen des kommenden Friedensvertrages bekannt wurden, herrschte in Deutschland entsetzen über die Härte der Sieger. Wie hätten wohl die Bedingungen der Deutschen ausgesehen, wenn sie den Krieg gewonnen hätten? Nun aber diktierten die Alliierten den Deutschen ihre Bedingungen auf. Der Leiter der Deutschen Delegation bei den Verhandlungen in Versailles war  der Außenminister Ulrich Graf zu Rantzau[3] (1869-1928), der in einer Note dem französischen Präsidenten Clémencau Schrieb: "Wer diesen Friedensvertrag unterzeichnet, spricht damit das Todesurteil über viele Millionen deutscher Männer, Frauen, Kinder aus!". Er bezeichnete diesen Frieden als „Diktatfrieden“. Der Kanzler Philip Scheidemann (SPD, 1865-1939), bezeichnete die Bedingungen als "schauerlichen und mörderischen Hexenhammer; welche Hand müsse nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt? Der Vertrag ist unannehmbar!" Die Regierung Scheidemann trat daraufhin geschlossen zurück. Es folgte die Regierung Bauer, die schlußendlich garkeine andere Wahl mehr hatte, als den Versailler Friedensvertrag anzunehmen. Militärischer Widerstand war von der desorganisierten und nahezu aufgelösten deutschen Armee nicht mehr zu leisten. Das Volk sehnte sich nur noch nach Frieden und Wiederaufbau, lediglich die Frontsoldaten wollten die Niederlage noch nicht wahrhaben. Berliner Freikorpsverbände holten die im Krieg 1870/71 eroberten französischen Feldzeichen aus dem Zeughaus und verbrannten sie vor dem Denkmal Friedrichs des Großen unter den Linden. Sie sollten laut Vertrag an Frankreich zurückgegeben werden. Paul von Hindenburg, immer noch Chef der OHL (Ludendorff war schon 1918 zurückgetreten), erklärte sich gegen die Unterzeichnung. Das gesamte Offizierskorps der regierungstreuen Truppen und die Führer der Freikorps drohten mit Rücktritt für den Fall der bedingungslosen Annahme. Doch auch die OHL unter von Hindenburg und Goerner mußte sich schließlich eingestehen, daß jeder weitere Widerstand gegen den Vertrag zwecklos war. So wurde am 28.06.1919 der Vertrag im Schloß von Versailles unterzeichnet. Auch die Regierung Bauer zerbrach an der schweren Last, diese Schmach unterzeichnen zu müssen. Besonders der berüchtigte "Kriegsschuld-Paragraph", welcher besagte, daß Deutschland alleine die Schuld am verheerenden Weltkriege gehabt habe (was natürlich völliger Irrsinn ist), sorgte in der Heimat für Empörung. Die Neue Regierung unter dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) und die neue militärische Führung Deutschlands unter dem Reichswehrminister Dr. Otto Geßler und dem Chef der Heeresleitung General Hans von Seekt, sorgten nun allmählich dafür, daß die Zeiten sich beruhigten. Sie gingen mit Augenmaß daran, die Bedingungen des Versailler Vertrages umzusetzen. Zwar folgte noch der Kapp-Lüttwitz-Putsch am 13.03.1920, der sich gegen die Reduzierung der Truppen richtete. Dieser Putsch wurde aber durch den Generalstreik der Arbeiter in  Deutschland beendet, Wofgang Kapp floh nach Schweden und wurde in Abwesenheit des Hochverrats angeklagt. 1922 stellte er sich dem Prozeß und verstarb wenig später in Untersuchungshaft.

Am 06.03.1919 wurde das "Gesetz zur Bildung einer vorläufigen Reichswehr" erlassen. Ab 1920 wurden alle Freikorps auf Druck der Alliierten verboten und langsam aufgelöst, dabei natürlich auch das Freikorps Potsdam, die 1. Landesschützen-Brigade, das Freikorps Eulenburg und der Grenzschutz Ost. Vom 16. bis zum 27.05.1919 entstand als Teil des "Übergangsheeres" die Reichswehr-Brigade 3 zunächst noch Ohne Brigadeführer. Befehlshaber der Infanterie innerhalb dieser Brigade war Oberst Wilhelm von Hahnke, sein Generalstabsoffizier der Hauptmann Graf von Matuschka Freiherr von Toppolczan und Spaetgen, beide waren ehemalige Angehörige des Ersten Garderegiments zu Fuß. Mit ihr entstand zunächst das IV. Bataillon des Reichswehr-Infanterie-Regimentes 5, in dem fast ausschließlich ehemalige Angehörige des Ersten Garderegiments zu Fuß dienten. Das Reichswehr-Infanterie-Regiment wurde geführt von Oberst von Taysen. Zunächst führte dessen IV. Bataillon Hauptmann Gutknecht, ab 02.06.1919 dann Major von Schütz, sein Adjutant war Leutnant von Kessel. Am 17.07.1919 wurde das Bataillon umgegliedert zum II. Bataillon des Reichswehr-Infanterie-Regiments 5, die Führerstellen blieben gleich besetzt. Am 16.09.1919 wurde es abermals umgegliedert zum I. Bataillon, Führer war nach wie vor Major von Schütz, mit seinem Adjutanten Leutnant von Kessel (beides Offiziere des ehemaligen Ersten Garderegiments zu Fuß). Am 10.05.1920 traten die Reste des Grenzschutz Ost als 1. Kompagnie unter Hauptmann von Schauroth in das I. Bataillon Reichswehr-Infanterie-Regiments 5 über. Adjutant des I. Bataillons wurde nun Leutnant Adalbert von Taysen (29.01.1898-01.06.1995), im 1. Weltkrieg zeitweise Adjutant des Füsilierbataillons beim Ersten Garderegiment zu Fuß.

Nach Auflösung seines Freikorps zog sich Major Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken auf seinen Adelssitz Wicken in Ostpreußen zurück. Der Deutsche Soldatenkalender 1970 berichtet: "Es war erstaunlich, wie sehr Graf Eulenburg nach Übernahme des Familiengutes Wicken in seine neue Aufgabe hineinwuchs und ein erfolgreicher Landwirt wurde. Am Aufbau des heimatlichen Grenzschutzes beteiligt, blieb seine Beziehung zum Heer durch alljährliche Teilnahme an den Manövern und an Planspielen erhalten. Er erhielt den Charakter als Oberstlt., dann als Oberst. 1924-1933 stand er als einer der profiliertesten Landesführer an der Spitze des ostpreuß. »Stahlhelm« / Bund der Frontsoldaten. Verdient um die Wehrbereitschaft der isolierten Provinz, von seinen Kameraden sehr verehrt, erwarb er sich in breiten Schichten der Bevölkerung hohe Achtung."

Der Versailler Friedensvertrag sah eine Truppenstärke von zunächst 250.000 Mann  und weitere starke Beschränkungen für das neue deutsche Heer vor. Diese Zahl sollte bis zum 16.09.1919 erreicht werden, am 10.05.1920 dann 200.000 Mann, am 01.10.1920 dann nur noch 150.000 Mann und schließlich am 31.12.1920 nur noch 100.000 Mann. Panzer, Flugzeuge und U-Boote waren der Reichswehr verboten. Kontrolliert wurde das alles von der "Interalliierten Kontrollkommission", denen die Deutschen wo es nur ging, die abzugebenden Waffen und Ausrüstungsgegenstände vorenthielten. Man nahm diese Dinge nicht in Bestandlisten auf, versteckte sie, etc.

Am 01.01.1921 wurde aus dem Reichswehr-Infanterie-Regiment 5 das 9. (Preußische) Infanterieregiment errichtet, welches die alte Garnison des Ersten Garderegiment zu Fuß bezog und in dem auch viele der alten Offiziere des Regimentes fortan dienten[4]. Das neue Regiment wurde ebenfalls von Oberst von Taysen geführt, das I. Bataillon nach wie vor von Major von Schütz mit seinem Adjutanten Leutnant von Taysen. Am 23.03.1921 wurde schließlich die Reichswehr offiziell gegründet und das frisch entstandene 9. (Preußische) Infanterieregiment der 3. Infanteriedivision (3. ID) zugeordnet. Es mag verwundern, daß ein anderes Regiment am 01.01.1921 als 1. (Preußisches) Infanterieregiment in Königsberg bezeichnet wurde und nicht das Nachfolgeregiment des Ersten Garderegiments zu Fuß. Doch in Königsberg war vor 1918 das Grenadier-Regiment Kronprinz (1. Ostpreußisches) Nr. 1 stationiert, daher ist die Bezeichnung als neues 1. (Preußisches) Infanterieregiment schlüssig. Man war also nicht mehr „Das Erste in Krieg und Frieden“, sondern nur noch schnöde Linie Nr. 9. Damit nicht genug, zum Dienst in der neuen Republik zählte obendrein auch nicht mehr wie bisher der protokollarische Dienst beim Staatsoberhaupt und vor den offiziellen Gebäuden. Hierfür wurde im November 1920 eine spezielle „Wachtruppe“[5] ins Leben gerufen, die fortan diese dem alten Ersten Garderegiment zu Fuß ureigenste Aufgabe erfüllte. So versah man in Potsdam den normalen Militärdienst und wenn nicht bei der 1. Kompagnie die Tradition des Vorgängerregimentes gepflegt worden wäre, hätte beinahe gar nichts mehr an dieses erinnert. Daran änderte sich auch wenig während der gesamten Zeit der Weimarer Republik. Chef der 1. Kompagnie blieb Hauptmann von Schauroth.

Die Alliierten hatten Deutschland insgesamt 21 Infanterieregimenter bewilligt, daher kamen auf jedes Regiment mehrere Stamm- oder Traditionstruppenteile. Das 9. (Preußische) Infanterieregiment führte folgende Traditionen fort: 1. Kompagnie = Erstes Garderegiment zu Fuß, 2. Kompagnie = 3. Garderegiment zu Fuß, 3. Kompagnie = Füsilierregiment Prinz Heinrich von Preußen Nr. 35, 4. (MG-) Kompagnie = Preußische Fliegertruppen, 5. Kompagnie = Gardeschützen, 6. Kompagnie = Gardejäger, 7. Kompagnie = Infanterieregiment Generalfeldmarschall Prinz Friedrich Karl von Preußen Nr. 64, 8. (M.G.-) Kompagnie = Infanterieregiment Nr. 130, 13. (Minenwerfer-) Kompagnie = Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika. Das neue 9. (Preußische) Infanterieregiment brauchte wesentlich mehr Platz als ein Regiment der alten Armee, da mehr Fahrzeuge, Nachrichtenmittel, MG´s, Pferde und sonstiges Feldgerät nun zu einem kriegsstarken Regiment gehörten. Daher lagen nur der Regimentsstab und das I. und II. Bataillon noch in Potsdam, das III. Bataillon stand in Spandau. Die drei Kompagnien des Ausbildungsbataillones (14.-16. Kompagnie) lagen in Lübben, Lichterfelde und Wünsdorf. Neben der Kaserne des Ersten Garderegiments zu Fuß in der Priesterstraße belegten die neun Potsdamer Kompagnien (6 Infanterie-, 2 MG- und eine Minenwerferkompagnie) und die Stäbe auch die Kasernen des 1. Gardeulanen-Regiments am Ruinenberg, die einstige Unteroffizierschule in der Jägerallee, die Kaserne der Gardejäger und der Garde-Maschinengewehrabteilung I am Bornstedter Feld und schließlich die Kaserne der 3. und 5. Schwadron der Gardes du Corps in der Behlertstraße.

Die Uniformierung der neuen Reichswehr wurde in Anlehnung an die Felduniform der alten Armee neu geschaffen. Grundfarbe war feldgrau und die weiße Abzeichenfarbe der Infanterie blieb ebenfalls erhalten. Die gesamte Reichswehr erhielt jedoch die vormals nur der Garde vorbehaltenen Litzen am Kragen, diese von der bisherigen Form, also grau mit weißem Spiegel. Die Waffenfarbe weiß stimmte ja ebenfalls überein, so sah dann die neue Uniform , besonders der später eingeführte "Sarasani" der Wehrmacht, der Uniform des alten Ersten Garderegimentes zu Fuß sehr ähnlich. Nur, daß eben die gesamte Reichswehr so gekleidet war und nicht mehr nur ein einziges Regiment. Der neue Eid der Soldaten wurde nicht wie bisher auf die Person des Staatsoberhauptes abgeleistet, sondern auf die bereits am 11.08.1919 beschlossene Verfassung des neuen Staates. "Der Eid gilt nicht der Person des jeweiligen Inhabers der Reichspräsidenten-Würde", stellte von Seekt in einem Erlaß fest. Viele Soldaten wurden aufgrund der Verkleinerung des Heeres nicht übernommen in die neue Reichswehr. Viele quittierten aber auch von sich aus ihren Dienst, weil sie unter den gegebenen Umständen nicht mehr weiter dienen konnten oder wollten. Auch mit der neuen Eidesformel konnte sich so manch ein altgedienter Offizier nicht anfreunden.

Die Fahnen des Gardecorps wurden mit den übrigen preußischen Truppenfahnen am 01.10.1919 aus dem königlichen Schloß in das Dienstgebäude der „(Reichswehr-) Befehlsstelle/Heeres-Abwicklungsamt Preußen“ (ehem. Preußisches Kriegsministerium) in der Leipziger Straße in Berlin verbracht und dort von der neuen Reichswehr bewacht. Im Sommer 1921 wurden die Fahnen des Gardecorps in die Potsdamer Garnisonkirche verbracht, die 4 Fahnen des Ersten Garderegiments zu Fuß jedoch in der Königsgruft aufgestellt, wie auch die Fahnen einiger anderer (insgesamt 9) Truppenteile. Dort verblieben die Fahnen nun die weitere Weimarer Zeit.

Die Fahnen an den königlichen Särgen in der Gruft der Garnisonkirche, links die Fahnen des Ersten Garderegiments zu Fuß, Archiv Seitenautor.

Die 4 Fahnen des Ersten Garderegimentes zu Fuß und anderer besonderer "Leibtruppen", nämlich die Standarten der Gardes du Corps und die Fahnen des Grenadierregimentes König Friedrich der Große (3. Ostpreußisches) Nr. 4, hingen in der Königsgruft über den Särgen der Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. Dabei waren die Fahnen des Ersten Garderegiments zu Fuß am Sarge Friedrich Wilhelms, die anderen am Sarg Friedrichs aufgestellt. Als sich die Interalliierte Kontrollkommission zu einem Besuch in Potsdam ankündigte, bei dem französische Offiziere zugegen sein sollten, wurden alle Fahnen und Standarten jedoch von den Leutnants Henning von Tresckow und Rudolf Schmundt (später Adjutant und Heerespersonalchef von Adolf Hitler)  in der hintersten Ecke des Langen Stalls in eine Kiste verpackt. Erst nachdem diese Kommission aufgelöst worden war, wurden die Feldzeichen wieder ausgepackt und an die Särge zurück gebracht. Kein einziges Feldzeichen sollte den Siegern als "Kriegsbeute" in die Hände fallen. Nur zu feierlichen Anlässen wurden die Fahnen aus der Garnisonkirche getragen, die Fahne des I. Bataillons (Grenadiere), also die Leibfahne, blieb jedoch stets bei den Königssärgen, als bewache sie die Könige. Daher sind bei den Ausmärschen mit den alten Feldzeichen immer nur drei Fahnen zu sehen.

Die Grenadiermützen des Ersten Garderegiments zu Fuß, die während des Krieges auf Kammer gestanden hatten und dort hin und wieder von den Rekruten des Ersatz-Bataillons besichtigt worden waren, wurden an die letzten Träger oder, falls diese gefallen waren, deren Angehörigen verschickt. Konnten diese nicht ermittelt werden oder war kein Trägername vermerkt, wurden die Mützen für 20 Mark an Regimentsabgänger oder andere Interessenten verkauft. So gelangten die Mützen meist in Sammlerhand. Die Kölner Prinzengarde, die sich einst von den Roten Funken abgespalten hatte und sich fortan gewissermaßen als Ehrengarde des Kölner Karnevals sah, kaufte auch einen Bestand an Mützen, die fortan und bis zum heutigen Tage dort getragen werden.

Eine Kompagnie des 9. (Preußischen) Infanterieregiment beim Manöver 1921 in Jüterbog, Privatarchiv.

1921 wurde in Potsdam der „SEMPER TALIS-Bund“ (STB) von ehemaligen Offizieren des Ersten Garderegiments zu Fuß gegründet. Er hatte zum Ziel, die Überlieferung des alten Regiments und die Kameradschaft aus Frieden und Krieg zu pflegen. Während der zwanziger Jahre wurden in ganz Deutschland Ortsgruppen gegründet, so daß der Bund in dieser Zeit weit über 10 000 Mitglieder zählte. Sie kamen aus dem alten Stamm-Regiment sowie den bei Beginn und während des Krieges aufgestellten Neuformationen, z. B. dem 1. Garde-Reserve-Regiment. Wie schon zu Zeiten des alten Regiments war das Haus Hohenzollern auch dieser Organisation verbunden und mehrere preußische Prinzen waren sogar Mitglied im STB. In der Satzung des Bundes war neben der Kameradschaft und Traditionspflege auch die Hilfe für in Not geratene Mitglieder enthalten. Auch eine Zeitschrift, das „SEMPER TALIS-Blatt“, wurde regelmäßig herausgegeben. In ihm wurden z. B. Artikel zur Regimentsgeschichte veröffentlicht. Weiterhin wurde ab 1921 der „von Rohdich´sche Legatenfonds“ vom STB, zwei Beamten des preußischen Staatsministeriums und Offizieren bzw. Unteroffizieren des  9. (Preußischen) Infanterieregiments verwaltet. Geschäftsführer des Legatenfonds wurde ein Feldwebel des  9. (Preußischen) Infanterieregiments. Eine hohe Wertsteigerung des Berliner Grundstücks und der damit gestiegene Mieterlös ermöglichten in den 1920er-Jahren den Erwerb von drei weiteren Immobilien in Potsdam. Bis 1945 konnten so die Kinder von Unteroffizieren, Mannschaften und Beamten des 9. (Preußischen) Infanterieregiments mit einer monatlichen Ausbildungsbeihilfe von je 30 Mark unterstützt werden. So wurde wenigstens diese eine Tradition nahtlos fortgeführt.

1921 wurde Deutschland auf der "Pariser Konferenz" die Zahlung von Reparationen in Höhe von mehreren Milliarden Goldmark auferlegt. Die Zahlungen sollten 42 Jahre, also bis 1963 dauern[6]! In der Konferenz von London im März 1921 lehnte der Außenminister Simon den Pariser Zahlungsplan ab, daraufhin traten "Sanktionen" gegen das Deutsche Reich in Kraft. Dabei wurden am 08.03.1921 das Ruhrgebiet, Düsseldorf und Duisburg von französischen Truppen besetzt. Die junge Republik wurde dadurch zusätzlich erschüttert. Immerhin schienen sich die Ostgrenzen zu festigen, denn eine Abstimmung in Oberschlesien am 20.03.1921 ergab 717.000 Stimmen für den Verbleib im Deutschen Reich zu 433.000 Stimmen für Polen.

Am 23.03.1921 wurde das neue Wehrgesetz erlassen und damit die Reichswehr auf feste gesetzliche Grundlagen gesetzt. In diesem Gesetz wurden alle Fragen, die neue Armee der Weimarer Republik betreffend, geregelt. So auch der Fragenkomplex "Reichswehr und Politik". Im §36, Absatz 1-3 heißt es u. a. "Die Soldaten dürfen sich politisch nicht betätigen... Den Soldaten ist die Zugehörigkeit zu politischen Vereinen und die Teilnahme an politischen Versammlungen verboten. Für die Soldaten ruht das Recht zu wählen oder zur Teilnahme an Abstimmungen im Reich, in den Ländern oder Gemeinden." Die damit von Seeckt bewußt festgelegte Entpolitisierung der Reichswehr führte dazu, daß die Soldaten sich immer weniger mit den innenpolitischen Entwicklungen im Reich beschäftigten. Die Reichswehr wurde so zu einer in sich geschlossenen und schlagkräftigen Truppe, die bewiesen hat, daß eine Berufsarmee ausbildungsmäßig und geistig allen auf Grund von Wehrpflicht zusammengesetzten Streitkräften überlegen ist. Nachteilig war natürlich die gewisse Isolierung der Truppe, die so nach und nach zum Staat im Staate wurde. Von preußischer Tradition durchdrungen und durch einen festen Korpsgeist zusammengeschweißt, war sie in unruhigen Zeiten ein ruhender Pol.

1921 wurde Oberst von Pawelcz Regimentskommandeur. Im Sommer 1922 führte das 9. (Preuß.) Infanterieregiment erstmals als Preußische Truppe ein Manöver in Sachsen durch. Am 20.11.1922 wurde Oberst Lademann neuer Regimentskommandeur, Leutnant von L´Estocq wurde sein Ordonnanzoffizier, Oberleutnant Graf Hülsen sein Adjutant. Chef der 1. Kompagnie (Traditionskompagnie des Ersten Garderegiment zu Fuß) wurde Hauptmann Graf Matuschka., das I. Bataillon blieb bei Major von Schütz.

Oberst Lademann begrüßt die Offiziere des I. Bataillons am 20.11.1922, Privatarchiv.

Das Denkmal des Ersten Garderegiments zu Fuß in St. Privat wurde, wie auch viele andere auf dem ehemaligen deutschen Gebiet von Elsaß-Lothringen, zerstört. Die große Statue wurde 1922 von Dieben abmontiert und offenbar eingeschmolzen. Lediglich der steinerne Sockel blieb bis heute stehen.

Am 09.01.1923 stieg der Dollar auf 10.000 Mark, die Inflation begann zu "galoppieren". Die Reparationszahlungen gerieten in´s Stocken und daraufhin besetzten die Franzosen erneut das Ruhrgebiet.  Es begann der "Ruhrkampf", bei dem die deutschen Arbeiter passiven Widerstand zu leisten versuchten.

Am 01.08.1923 wurde der ehemalige Chef der 2. MG- Kompagnie des Ersten Garderegiments zu Fuß, Oberleutnant Henning von Tresckow (10.01.1901-21.07.1944) in die 1. Kompagnie des 9. (Preuß.) Infanterieregimentes eingestellt. Vom 01.02.1928 bis 01.10.1930 war er Adjutant des I. Bataillons. Am 01.10.1934 wurde er zur Kriegsakademie versetzt.

Am 08./09.11.1923 putschte in München ein bis Dato völlig unbekannter Weltkriegs-Gefreiter Namens Adolf Hitler (20.04.1889-30.04.1945) zusammen mit dem bekannten General Erich Ludendorff (09.04.1865-20.12.1937). Dieses Datum wurde bewußt gewählt, es war der Tag des Waffenstillstandes 1918. Am Abend des 08.11.1923 wurde als Reaktion darauf dem Chef der Heeresleitung von Seekt, die "Vollziehende Gewalt" übertragen. Der völlig dilettantisch ausgeführte Putsch wurde am Mittag des 09.11.1923 von Reichswehr-Verbänden vor der Feldherrnhalle niedergeschossen. 16 Putschisten und drei Polizisten kamen bei dem Schußwechsel ums Leben. Hitler wurde am 26.02.1924 des Hochverrats angeklagt, am 01.04.1924 zu überaus milden 5 Jahren Haft in der Feste Landsberg verurteilt. Dort schrieb er sein Pamphlet "Mein Kampf".

Bis Dezember 1923 stieg der Dollarkurs auf unglaubliche 4,2 Billionen Mark. Die Löhne wurden waschkörbeweise ausgegeben. Mancherorts wurden sogar diese Körbe ausgeschüttet und mitgenommen, das wertlose Papiergeld, welches am Tag darauf nur noch die Hälfte wert sein konnte, ließ man liegen. Mit Stichtag zum 31.12.1923 wurde die neue "Rentenmark" eingeführt. Bei dieser Währungsreform wurden 4,2 Billionen Papiermark zu 4,2 Rentenmark zu 1 US-$ umgetauscht. Zwar wurden damit alle angesparten Gelder wertlos, jedoch konnte ab 1924 die wirtschaftliche und damit auch politische Lage im Land stabilisiert werden. Weitere Putschversuche erfolgten nun nicht mehr und so gab von Seekt am 01.03.1924 die "Vollziehende Gewalt" zurück an den Reichspräsidenten Ebert.

Das Semper-Talis-Denkmal des Ersten Garderegiments zu Fuß in Potsdam, historische Fotopostkarten, Privatarchiv, Archiv Hellenthal.

Am 18.01.1921 wandte sich der Verein ehemaliger Offiziere des Ersten Garderegiments zu Fuß in Berlin und Potsdam, sowie der Offiziersverein des Regiments an den Potsdamer Magistrat:

"...Bei den wegen der Beziehungen des Regiments zur Stadt Potsdam - beider Geschichte sind nicht voneinander zu trennen - bin ich überzeugt, daß die Stadt regsten Anteil an dieser Denkmalsfrage nehmen wird. Als geeigneter Platz für das Denkmal erscheint der quadratische Platz südöstlich der Garnisonkirche zwischen Breiter und Mammonstraße.

Auf ihm und in seiner nächsten Umgebung hat sich ein großer Teil des Regimentslebens abgespielt, mit dem Garnisonkirche und Langer Stall engstens verbunden sind...

Siegfried Graf zu Eulenburg

Königlich Preußischer Major a. D., letzter Kommandeur des 1. Garde-Regiments zu Fuß"

Am 25.02.1921 beschloß der Magistrat den Schmuckstreifen der Breiten Straße hinter der Waisenbrücke zum Bau des Denkmales zur Verfügung zu stellen. Ein erstes Modell des Prof. Wandschneider wurde abgelehnt, daraufhin schrieb General von Friedeburg im August 1921 einen Denkmalswettbewerb aus. Im November 1922 waren 6 Entwürfe im Maßstab 1:6 fertig und wurden dem Magistrat vorgestellt, welche dafür zunächst den Raum 320 im Stadtschloß zur Verfügung stellte. Dann aber verlegte der Magistrat die Ausstellung der Modelle in das Zivilkasino in der Waisenstraße. Es wurde schließlich der Entwurf des Bildhauers Dorrenbach angenommen.

Enthüllung des Semper-Talis-Denkmals des Ersten Garderegiments zu Fuß in Potsdam am 14.06.1924, Privatarchiv.

Am 24.06.1924 wurde dann das „SEMPER-TALIS-Denkmal“ neben der Potsdamer Garnisonkirche eingeweiht. Auf ihm sind die Gefallenen des Ersten Garderegiment zu Fuß geehrt worden. Aber auch die aus dem Regiment hervorgegangenen Truppen, wie das 1. Garde-Reserve-Regiment sind mit aufgenommen worden. Das Denkmal trug auf der Vorderseite die Inschrift:

"SEMPER TALIS

Dem Ersten Garderegiment zu Fuß und seinen treuen Toten 1914-1918"

Auf der Rückseite stand die Inschrift:

"Für Kaiser und Reich

Für König und Vaterland starben im Weltkrieg den Heldentod

Im Ersten Garderegiment zu Fuß

sein Regimentsführer Oberstleutnant von Bismarck

96 Offiziere, 480 Unteroffiziere, 4025 Mannschaften

 

Im ersten Garde-Reserve-Regiment

sein Führer Oberstleutnant von Schmidt,

106 Offiziere, 353 Unteroffiziere, 3059 Mannschaften

und

in anderen Truppenteilen zahllose aus beiden Regimentern stammende Kameraden."

Im Herbst und Sommer 1924 wurden Manöver in der Neumark abgehalten, anschließend wurde bei Strausberg eine große Parade vor General von Seekt abgehalten.

Am 26.04.1925 wurde Paul von Hindenburg der Nachfolger Friedrich Eberts als Reichspräsident.

Wie zu Zeiten des alten Ersten Garderegiments zu Fuß besuchten im Laufe der Jahre viele ausländische Militärbeobachter das 9. (Preuß.) Infanterieregiment, welches im In- und Ausland aufgrund des hervorragenden Ausbildungsstandes einen sehr guten Ruf besaß. Es kamen Gäste aus den USA, China, Thailand, der Schweiz, Italien, England und vielen anderen Ländern. Sie wurden wie eh und je im Regimentshaus bewirtet.

Im Sommer 1925 wurden Manöver in Jüterbog abgehalten, im Herbst in Schlesien. Im gleichen Jahr nahm das 9. (Preuß.) Infanterieregiment an der Trauerparade anläßlich der Überführung des Jagdfliegers Manfred Freiherr von Richthofen teil. Die 4. (MG-)Kompagnie unter ihrem Chef Oberleutnant von L´Estocq war ja der Traditionsträger der Preußischen Fliegertruppe. Auch der Reichspräsident von Hindenburg erwies dem Toten die letzte Ehre.

4. (MG-)Kompagnie des 9. (Preußischen) Infanterieregiments 1926, Archiv Seitenautor.

1926 nahm die Ära von Seekt an der Reichswehr-Spitze ein abruptes und unrühmliches Ende. Er hatte die Erlaubnis erteilt, daß der älteste Sohn des Kronprinzen Wilhelm als Zuschauer an Manövern des 9. (Preuß.) Infanterieregiments teilnehmen dürfe. Das war für von Seekt so lapidar, daß er niemanden in der Regierung davon unterrichtete. Die Anwesenheit des Prinzen Wilhelm bei einem preußischen Regiment griffen vorrangig linke, süddeutsche Zeitungen auf. General von Schleicher, der politische Referent von Seekts, dementierte. Die Seekt-Krise wurde zur Reichswehr-Krise und schließlich sogar zur Kabinetts-Krise. Von Seekt entschied sich, um Schaden vom Reichspräsidenten abzuwenden, zurück zu treten. Als besondere Ehrung erhielt von Seekt die Nennung seines Namens in der Rangliste des 9. (Preuß.) Infanterieregiments, dessen goldene "9" er danach auf den Schulterstücken trug.

Mit der Verfügung vom 22.07.1927 wurde bei der Reichswehr ein feldgrauer Ausgeh- oder Paraderock eingeführt, der nun neben dem Dienstrock bestand. Er hatte 2mm breite Vorstöße an der Knopflochseite des Rockes herunter in Abzeichenfarbe und ebensolche Kragenpatten auf denen silberne Doppellitzen von 7cm Länge saßen. Die steingraue Hose hatte ebenfalls den Vorstoß in Waffenfarbe.

1927 kehrte das I. Bataillon des 9. (Preuß.) Infanterieregiments vom Truppenübungsplatz Munsterlager von einer Übung zurück und rückte mit klingendem Spiel in Potsdam ein. An der Spitze der "sehr tüchtige, aber auch überaus dicke" (Oberleutnant von L´Estocq über ihn) Obermusikmeister Hagemann, dahinter zu Pferde, der Kommandeur des I. Bataillons, Major von Schauroth, rechts daneben der Chef der 1. Kompagnie (Traditionskompagnie des Ersten Garderegiments zu Fuß), Hauptmann von Salmuth. Die Regimentsmusik war dem I. Bataillon angegliedert.

Musikzug des 9. (Preußischen) Infanterieregiments beim Einmarsch in Potsdam 1927, Archiv Seitenautor.

Die Belegung der Kasernen des Regimentes wechselte mit der Umgliederung des Regimentes. Im Herbst 1928 wurde der Stab des II. Bataillons und die 8. Kompagnie, 1929 auch die 5. Kompagnie von Lichterfelde nach Potsdam verlegt. Im Juli 1929 war das 9. (Preuß.) Infanterieregiment wieder auf dem Truppenübungsplatz Munsterlager im Kreis Soltau in der Lüneburger Heide.

Vom STB wurden nach dessen Gründung mehrfach sogenannte "Gardeappelle" durchgeführt, bei denen sich die im STB oder anderen Garde-Kameradschaften organisierten alten Gardisten trafen. In Stendal fand so zum Beispiel 1928 der "Märkische Garde-Appell" statt, an dem neben dem letzten Friedenskommandeur des Ersten Garderegiments zu Fuß, Generalleutnant von Friedeburg, auch der Schirmherr des STB, Oskar Prinz von Preußen teilnahm.

Märkischer Gardeappell 1928 in Stendal, Semper Talis Nachrichtenblatt (Vorkrieg) Nr. 33.

Am 25.10.1929 brach die New Yorker Böse zusammen. Im den Strudel der nun folgenden Weltwirtschaftskrise wurde auch Deutschland gezogen. Das Ende der "goldenen 20er" und auch der Weimarer Republik war damit eingeläutet. Es folgte massenhafte Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich, die Stimmung im Lande kippte zugunsten der Radikalen von links und rechts, welche die Stimmung gegen die Republik geschickt ausnutzten. Am 27.03.1930 scheiterte die letzte SPD-Regierung unter dem Kanzler Hermann Müller. Daraufhin berief am 30.03.1930 Reichspräsident von Hindenburg Heinrich Brüning (Zentrumspartei, 1885-1970) zum Reichskanzler, ohne das Parlament zu befragen. Es folgten noch mehrere "Präsidialkabinette". Bei den Wahlen am 14.09.1930 errang die NSDAP 18,3%, die KPD 13,1%, die Mehrheitsverhältnisse ließen aber keine Regierung zu, so ernannte Hindenburg am 09.10.1930 erneut Heinrich Brüning zum Kanzler. Das Kabinett bestand bis 30.05.1932, am 01.06.1932 folgte das Kabinett Franz von Papen (Zentrumspartei, 1879-1969). Es bestand bis zum 17.11.1932 und wurde an diesem Tage gefolgt vom Präsidialkabinett des parteilosen Kurt von Schleicher (1882-1934). Am 31.07.1932 waren erneut Wahlen, die jedoch abermals keine Klärung der Mehrheiten schaffte. Die NSDAP schaffte nun 31,7%, die KPD 14,3%. Am 30.01.1933 wurde schließlich der ehemalige Putschist Adolf Hitler (NSDAP) zum Kanzler ernannt, sein Vizekanzler wurde Franz von Papen.

Nach der Zeitschrift für Heereskunde August 1931, Nr. 32 erfolgte am 07.06.1931 die Verleihung eines silbernen Fahnenringes an die Fahne des I. Bataillons (Grenadiere) mit der Aufschrift: "Mit dieser Fahne in der Hand fiel am 23. August 1914 bei St. Gérard in Belgien der Fahnenträger des I. Bataillons Sergeant Paul Gehrke der 2. Kompanie." Sie wurde in der Garnisonkirche durchgeführt mit dem selben Hammer, der am 24.04.1808 benutzt worden war bei der Nagelung der ersten Fahnen des Ersten Garderegiments zu Fuß im Schloßhofe zu Königsberg. Die Fahne des I. Bataillons wurde nach dem Tod von Sergeant Gehrke (2. Kompagnie) vom Einjährig Freiwilligen Unteroffizier Bartels weiter getragen. Die Zeitschrift für Heereskunde (Nr. 32, August 1931) berichtet weiter: "Nach dem Gefecht ernannte ihn der Rgts.-Kommandeur zum Sergeanten, wohl ein einzig dastehender Fall in der preußischen Armee. Wenigstens haben wir von Einjährig-Freiwilligen Sergeanten bisher noch nichts gehört." In der Gleichen Ausgabe steht weiter: "Der Fahnenhammer des Ersten Garde-Regiments zu Fuß trägt die Inschrift: »F. W. III. Alex. 1807«. Es ist ein Erinnerungsstück von großem historischen Wert. Er wurde 1861 von Graf Konrad Fick von Finckenstein (geb. 1820, gest. 1884) dem Offizierkorps des Ersten Garde-Regiments zu Fuß geschenkt."

Die Kompagnie- und Regimentschefs im 9. (Preußischen) Infanterieregiment wechselten häufig. Bemerkenswert ist jedoch, daß nach wie vor die alten preußischen Geschlechter, die auch schon Jahrhunderte zuvor in der Garde des Königs als Offiziere gedient hatten, im 9. (Preuß.) Infanterieregiment vertreten waren. So war ab 1931 Oberst Ewald von Kleist Regimentskommandeur, er löste Oberst Hans Feige ab. In den Kompagnien fanden sich die Offiziere von L´Estocq, von Taysen, Graf Schwerin, von Selchow, von Kessel und viele andere bekannte Namen. Viele Freiwillige deren Väter oder Großväter im Ersten Garderegiment zu Fuß gedient hatten, versuchten nun im 9. (Preuß.) Infanterieregiment aufgenommen zu werden.

Die Übergabe des Regimentes an den neuen Kommandeur fand traditionsgemäß im Lustgarten statt, 1931 jedoch aufgrund schlechten Wetters im Langen Stall. Dort hatten sich das I. und II. Bataillon, sowie die 13. (Minenwerfer-) Kompagnie eingefunden.

Fahnenkompagnie des 9. (Preußischen) Infanterieregiments beim Semper Talis Tag im Juni 1931, Semper Talis Nachrichtenblatt (Nachrieg) Nr. 22.

Am 16.01.1932 fand im langen Stall die feierliche Übergabe des Degens des Generals von Möllendorff an den Kompagniechef der 1. Kompagnie des 9. (Preuß.) Infanterieregimentes, Hauptmann Graf von Schwerin statt. Der STB hatte damals beschlossen, dem Führer der Traditionskompagnie as Zeichen der Verbundenheit diesen Degen des Generals von Möllendorff, der am 04.03.1803 als Gemeiner in das Regiment Garde Nr. 15 eingetreten war, als Ehrendegen zu überreichen. Es war also nicht der Degen des Generals Wichard Joachim Heinrich von Möllendorff, der 1757 als Kapitän im Regiment Garde Nr. 15 den Kirchhof von Leuthen erstürmte, sondern der seines Sohnes Johann Carl von Möllendorff (geb. 20.05.1791, gest. 06.11.1860, vom 30.03.1829 bis zum 12.07.1837 Kommandeur des I. Bataillons, dann bis zum 17.10.1844 Kommandeur des 2. Garderegiments zu Fuß, dann bis zum 04.12.1849 der 2. Gardeinfanteriebrigade, als er der Kommandeur der Gardeinfanterie wurde). Einst hatten die Offiziere der Garde-Infanterie diesen Degen dem scheidenden General der Infanterie von Möllendorff gewidmet. Nun übergab Eitel Friedrich Prinz von Preußen den Degen dem Chef der Traditionskompagnie des Ersten Garderegiments zu Fuß, Hauptmann Graf Schwerin. Der Degen ist in den letzten Kriegswirren, vermutlich beim Bombenangriff im April 1945, verschollen und befindet sich heute wieder restauriert im Besitz des Semper-Talis-Bundes.

Die Weimarer Zeit wurde nach den anfänglichen Wirren nun mit Ausbildung und Exerzieren verbracht. Für die politischen Wendungen im Deutschen Reich interessierte man sich in Potsdam wenig. Dennoch spürte man auch hier das Heraufziehen der dunklen Wolken am politischen Himmel. Die Nationalsozialisten, zunächst als Spinner abgetan, wuchsen immer mehr zu einer ernst zu nehmenden Bewegung heran und übernahmen schließlich am 30.01.1933 die Macht in Deutschland.

 

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[1] Wird häufig auch als Freikorps „Regiment Potsdam“ bezeichnet.

[2] Im 1. Weltkrieg war Stephani lange Führer des I. Bataillons Grenadiere, teilweise übernahm er sogar vertretungsweise die Regimentsführung. Später wurde er der Berliner Landesführer des Stahlhelmbundes der ehemaligen Frontsoldaten, der zwar offiziell unpolitisch war, jedoch stets konservative bis reaktionäre Ansichten vertrat. Der Stahlhelmbund wurde von den Nazis – wie alle freien Organisationen – nach deren Machtergreifung aufgelöst.

[3]Er diente von 1891-93 im Ersten Garderegiment zu Fuß als Offizier.

[4] Wegen der vielen adligen Offiziere in ihren Reihen bekam das  9. (Preußische) Infanterieregiment bald den Spitznamen „Regiment Graf Neun“

[5] Zur Wachtruppe wurden abwechselnd Kompagnien aller Reichswehrregimenter abkommandiert. Dies sollte den Ausbildungsstand der Soldaten heben. Aus der „Wachtruppe“ wurde 1937 das „Wachregiment Berlin“, dann im Sommer 1939 das berühmte „Infanterieregiment Großdeutschland“ ("GD") (mot.), aus dem wiederum das „Führer-Begleitbataillon“ abgespalten wurde. Das „GD“ war ein Eliteverband und wurde ständig erweitert und schließlich am 12.03.1942 zur „Infanteriedivision Großdeutschland“ und am 19.05.1943 zur „Panzer-Grenadier Division Großdeutschland“.

 

[6] Nachdem die Nazis die Zahlungen einstellten, nahm die Bundesrepublik diese nach dem 2. Weltkrieg wieder auf, nicht aber die DDR. Die Abzahlung der Restschulden wurde im Londoner Schuldenabkommen vom 27.02.1953 für die Bundesrepublik geregelt. Nach der Wiedervereinigung mußte nun Deutschland die fehlenden Beträge der DDR + angefallene Zinsen nachzahlen und tut dies bis zum heutigen Tage! Es gibt im Bundesetat einen eigenen Posten für diese Zahlungen an unsere jetzigen "Verbündeten". Bei Geld hört eben jede Freundschaft auf. Die Zahlungen nach dem Versailler Vertrag enden demnach erst 2010 für Deutschland. Ein in der Geschichte wohl einmaliger Vorgang.

Quellen:

1. Auskunft des Bundesministeriums der Finanzen vom 27.11.1996

2. Schulze-Ronhof, Gerd: 1939 - Der Krieg, der Viele Väter hatte, 2. Auflage, München 2005, Olzog, Seite 73