2.5.       Der Totentanz 1914 - 1918

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Feldgottesdienst am 09.08.1914 auf dem Lustgarten, vorne die Kaiserliche Familie, Regimentsgeschichte / Archiv Seitenautor

„Ich erwarte von meinem Ersten Garderegiment und Meiner Garde, daß sie ihrer glorreichen Geschichte ein neues Ruhmesblatt hinzufügen werden.“

Wilhelm II. am 9. August 1914 bei der Verabschiedung des Ersten Garderegiments zu Fuß

Im Hintergrund hören Sie den Rigaer Einzugsmarsch (AM II, 244). Komponiert 1917 vor Riga. Komponist ist Karl Hagen, vor dem Krieg Obermusikmeister der Kürassierregiment Graf Wrangel Nr. 3 in Königsberg, im Krieg Leiter der Musikkorps des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 259. An der Spitze dieser Truppe lässt er beim Einzug in Riga, an dem auch das Erste Garderegiment zu Fuß beteiligt war, am 06.09.1917 seinen frisch geschaffenen Marsch erklingen. Der anwesende Kaiser Wilhelm II. vermerkt sofort: „Ha, etwas Neues. Ein reizend neckischer Marsch“. Es ist der letzte Marsch, den der König von Preußen zum Armeemarsch bestimmt hat. Mit freundlicher Genehmigung durch die DGfMM.

Warum letzten Endes der 1. Weltkrieg ausbrach, ist bis heute nicht recht geklärt. Fakt ist, daß ihn alle irgendwie nicht wollten, ihn aber auch niemand ernsthaft verhinderte. So schlidderten die europäischen Mächte genau nach der Vorhersage Bismarcks wegen einer „Lappalie auf dem Balkan“ in den großen Krieg hinein. Bismarck machte diese Voraussage bereits in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, nun sollte sie sich bewahrheiten. Auslöser war der Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand (18.12.1863 - 28.06.1914) und seiner Gemahlin Sophie Maria Josephine Albina Gräfin Chotek von Chotkowa und Wognin (01.03.1868 - 28.06.1914) in Sarajevo, welches seit der Annexion Bosniens 1908 österreich-ungarisches Gebiet war, durch den serbischen Attentäter Gavrilo Princip (25.07.1894 - 28.04.1918). Der Grad der Beteiligung des serbischen Geheimdienstes in das Komplott zur Ermordung des Thronfolgers war und ist umstritten, es kann jedoch zumindest von einer Mitwisserschaft ausgegangen werden. Die hektischen und komplizierten diplomatischen und geheimdienstlichen Aktivitäten, die nun zwischen den europäischen Mächten stattfanden, markierten den Beginn einer großen Krise. Diese Julikrise war geprägt von Drohungen, diplomatischen Fehlern und politischen Fehleinschätzungen. In Potsdam jedoch schien man wenig Notiz von den Ereignissen zu nehmen. Zunächst schien alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Der Kaiser trat sogar wie gewohnt seine Nordland-Reise an.

Automobil und Uniformrock des Erzherzogs Franz Ferdinand, Aufnahme im Heeresgeschichtlichen Museum Wien 2009, Archiv Seitenautor

In Österreich-Ungarn ging man derweil davon aus, Serbiens Geheimorganisation "Schwarze Hand" habe das Attentat initiiert und der serbische Ministerpräsident habe deren Aktivitäten gedeckt. Dahinter standen Autonomiebestrebungen der serbischen Minderheit im österreichischen Vielvölkerstaat, denen Russland positiv gegenüberstand. Dies wurde ideologisch mit einer Solidarität aller Slawen (Panslawismus) begründet, hatte aber ebenso mit geostrategischen Interessen Russlands zu tun, etwa an der Ausdehnung der russischen Macht bis an die Dardanellen, die zum Osmanischen Reich gehörten, eventuell auch an einer Zerschlagung der K.-u.-K.-Monarchie. Am 05. und 06.07.1914 bekräftigte der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (29.11.1856 - 02.01.1921) gegenüber der Regierung Österreich-Ungarns Deutschlands unbedingte Bündnistreue. Dies wurde als deutsche "Blankovollmacht" und Rückendeckung für eine etwaige österreichische Kriegserklärung gegen Serbien mitsamt den zu erwartenden Folgen betrachtet. Ein Versuch der Berliner Reichsregierung, auf den Verbündeten mäßigend einzuwirken, erfolgte nicht.

Vom 20. bis 23.07.1914 besuchten Frankreichs Staatspräsident Raymond Poincaré (20.08.1860 - 15.10.1934) und Ministerpräsident René Viviani (08.11.1863 - 07.09.1925) St. Petersburg: Über den Inhalt ihrer Gespräche mit der russischen Regierung ist wenig bekannt. Zur Zurückhaltung im beginnenden österreichisch-serbischen Konflikt scheinen sie dem Zaren und seinen Ministern nicht geraten zu haben, denn aus dem anschließend veröffentlichten Kommuniqué geht hervor, dass sie ihren Gastgebern gegenüber Frankreichs Bündnistreue beschworen. Anschließend zeigten die Russen ihre Gewissheit über „die volle Entschlossenheit der französischen Regierung“, mit ihnen gemeinsam zu handeln. Unmittelbar nach Poincarés und Vivianis Abreise hatte die Regierung Österreichs ein Ultimatum von 48 Stunden an Serbien gestellt: Es forderte, die Attentäter und ihre (vermuteten) Hintermänner strengstens zu verfolgen und zu bestrafen, die gegen Österreich aktiven Separatisten wirksam zu bekämpfen und dabei polizeiliche und militärische Dienststellen aus Wien in die Ermittlungen einzubeziehen. Der Text wurde so formuliert, dass er als Eingriff in die Belange der serbischen Regierung und Ehrverletzung aufgefasst werden konnte. Am 25.07.1914 nahm die serbische Regierung diese Forderungen weitgehend an und erklärte, man könne sie erfüllen, wenn Serbiens Souveränität gewahrt bleibe. Diese Antwort erachtete Österreichs Regierung als unzureichend und brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen zu Serbien ab. Beide Staaten verfügten eine Teilmobilmachung ihrer Truppen. Russland entschied, Serbien zu unterstützen.

In den übrigen Hauptstädten Europas begannen nun erst Vermittlungsversuche, um den Krieg doch noch abzuwenden und die durch gegenseitige Beistandsverträge absehbare Bündnismechanik der wechselseitigen Kriegserklärungen aufzuhalten. Kaiser Wilhelm II. sah nach Serbiens „Kapitulation demütigster Art“ keinen Kriegsgrund mehr. Großbritannien schlug eine internationale Botschafterkonferenz, Deutschland direkte Verhandlungen zwischen Österreich und Russland vor. Beide Vorschläge verfehlten jedoch ihre Wirkung. Noch während der laufenden Vermittlungsbemühungen erklärte Österreich am 28.07.1914 Serbien den Krieg, der mit der Beschießung Belgrads am Folgetag eröffnet war. Reichskanzler Bethmann-Hollweg unterstützte die Wiener Kriegserklärung in der Annahme, der Krieg sei auf den Balkan begrenzbar. Am 29.07.1914 ließ Russland jedoch einen Teil seiner Truppen, am 30.07. das ganze Heer mobil machen. Dies wurde in Berlin als Provokation gewertet. Der deutsche Generalstabschef Helmuth von Moltke (25.05.1848 - 18.06.1916) drängte seinen österreichischen Kollegen Franz Conrad von Hötzendorf (11.11.1852 - 25.08.1925) nun ebenfalls zur Generalmobilmachung und riet von Vermittlungsversuchen ab, die Bethmann-Hollweg parallel dazu noch unternahm. Am 31.07.1914 folgte Österreichs Generalmobilmachung; gleichzeitig verkündete Deutschland den „Zustand drohender Kriegsgefahr“ und stellte Russland ein Ultimatum von 12 Stunden, innerhalb derer die russische Generalmobilmachung einzustellen sei. Ein weiteres Ultimatum von 18 Stunden an Frankreich verlangte dessen Neutralitätserklärung im Fall eines deutsch-russischen Konflikts. Nachdem eine russische Antwort ausgeblieben war, ließ Berlin am 01.08.1914 das deutsche Heer mobil machen und erklärte Russland am Abend den Krieg. Da Frankreich die ultimative deutsche Neutralitätsforderung ausweichend beantwortet hatte, folgte am 03.08.1914 die deutsche Kriegserklärung an Frankreich. Zuvor hatten die deutschen Heeresgeneräle auf eine schnelle Entscheidung gedrängt, um ihren seit langem vorliegenden Aufmarschplan West umsetzen zu können. Auf ihn war der Generalstab angewiesen, da er die einzige strategische Planungsarbeit für einen Konflikt mit Frankreich war, die vorlag. Daraufhin setzte das deutsche Oberkommando diesen Aufmarschplan, eine modifizierte Version des "Schlieffenplans" in Kraft, der als einzige Siegchance für den drohenden Zweifrontenkrieg gesehen wurde. Dieser setzte auf Geschwindigkeit, um die langsame russische Mobilmachung für einen schnellen Schlag gegen Frankreich auszunutzen. Nachdem das neutrale Belgien die Durchmarschgenehmigung verweigerte, verletzte das Reich die belgische Neutralität für den Angriff gegen Frankreich, da ein direkter Angriff über die stark befestigte deutsch-französische Grenze für aussichtslos gehalten wurde. Für die liberale Regierung in London war dies der Anlass, in den Krieg einzutreten. Nach der Verletzung der belgischen Neutralität erklärte Großbritannien dem deutschen Kaiserreich den Krieg. Die britische Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich trat am 04.08.1914, nach Ablauf eines vorausgehenden Ultimatums Großbritanniens um 0:00 Uhr in Kraft. Damit hatte der Erste Weltkrieg begonnen.

Am 01.08.1914 machte also wie erwähnt das deutsche Reich mobil. Für das Erste Garderegiment zu Fuß wurde dabei der 02.08.1914 angesetzt. Neben der Mobilisierung und Aufstellung der Ersatzbataillone (je eines für das Erste Garderegiment zu Fuß und für das 1. Garde-Reserve-Regiment) wurde auch das 1. Garde-Reserve-Regiment aufgestellt, meist aus Reservisten und älteren Jahrgängen des aktiven Regimentes. Die Regimenter wurden zu drei Bataillonen und einer Maschinengewehrkompagnie aufgestellt, die Ersatzbataillone zu vier Kompagnien und einem Rekrutendepot. Die drei jüngsten Jahrgänge der Reserve dienten zur Auffüllung des aktiven Regimentes, die beiden ältesten Jahrgänge der Reserve und die jüngeren Landwehrleute kamen dagegen in das Reserve-Regiment. "Die ältesten Landwehrleute traten zu den Ersatzbataillonen. Zahlreiche aktive Offiziere und Unteroffiziere wurden dem Reserve-Regiment zugewiesen, während Reserveoffiziere auf beide Regimenter verteilt wurden. Das aktive und das Reserve-Regiment mußten am 8. Mobilmachungstag (Sonntag, den 9. August, 8 Uhr abends) mobil sein, die 3. und 4. Kompanie des Ersatzbataillons am 10. Mobilmachungstag abends." (aus der Regimentsgeschichte) Die Uniformierung beider Regimenter war identisch. Die Mobilmachung verlief reibungslos. "Unvergessen sei auch jener einstige Mitkämpfer von St. Privat, ein Westfalenrecke mit langem Vollbart und mit dem Eisernen Kreuz von 1870, der darauf bestand, als Unteroffizier in das aktive Regiment eingereiht zu werden." (aus der Regimentsgeschichte)

Da das Gardekorps seine Rekruten und seine Reservisten im ganzen Reichsgebiet (außer Bayern) bezog, erging an die Beurlaubten und Reservisten der Garde der Befehl, sich in Leipzig zu sammeln. Einer von Ihnen war Karl Willnitz (siehe das Literaturverzeichnis), Angehöriger des Füsilierbataillons des Ersten Garderegiments zu Fuß und gerade mit zwei anderen Reservisten auf abenteuerliche Weise aus einem Italienaufenthalt nach München zurückgekehrt. Er berichtet 1936 über den 01.08.1914:

"Die Kriegserklärung traf uns in München. Trotz des allgemeinen in Deutschland verfügten Bierausschankverbotes habe ich mich wohl selten so in Stimmung getrunken wie an diesem Tage in Bayerns schöner Metropole. Leipzig war der Bestimmungsort, an dem ich am zweiten Mobilmachungstage, der gleichbedeutend mit dem 2. August 1914 war, einzutreffen hatte. Normaler Zugverkehr hätte mich zur rechten Zeit nicht dorthin gebracht. Alle Züge gingen, mit Teilen des »stehenden Heeres« beladen, an die Grenzen, das Durchschnittstempo der sogenannten Schnellzüge für den Privatverkehr dürfte in diesen Tagen wenig mehr als fünfundzwanzig Kilometer in der Stunde betragen haben. Um militärisch pünktlich zu sein, galt es also, ein Auto zu beschaffen und den Weg nach Leipzig über die Landstraßen zu nehmen. Dies war schwerer, als man es sich heute vorstellen kann. Zwar, die Beschaffung des Wagens gelang uns bei unseren immerhin noch flüssigen Mitteln sofort. Alle Straßen aber waren besetzt und die krankhafte Spionenfurcht dieser Tage verschaffte uns, noch vor der Front: Dreimal an einem Tage Feuer aus Schrotflinten, weil wir auf Aufruf unseren Wagen nicht sofort stoppten. Fast vor jedem größeren Dorf standen Sturmböcke, drei- und vierfach aufgebaut, Heuwagen waren quer über die Straße gefahren, und eine peinliche Untersuchung reihte sich an die andere. Für uns, die wir Eile hatten, war dies besonders schlimm. Alles Fluchen und Wettern hatte aber keinen Sinn, da wir uns meist umso verdächtiger machten, je schneller wir auf Abfahrt drängten. Fünfzigmal haben wir sicher anhören müssen, daß fünf Milliarden Gold im letzten Augenblick von Frankreich nach Rußland mit Automobilen durch Deutschland gefahren würden. Jeder, der ein solches Automobil zur Strecke brächte, erhielte eine große Belohnung vom Staate für die Festnahme des Goldes und der Begleiter. Ich war heilfroh, als wir, ohne Schaden genommen zu haben, doch noch am ersten August abends an unserem Gestellungsorte anlangten, und ich noch einmal im Kreise der Kameraden einen lustigen Abend verbrachte.

In der Messestadt gingen die Wogen der Kriegsbegeisterung besonders hoch. Scharen von Menschen aller Klassen und Stände zogen gemeinsam durch die Straßen und sangen vaterländische Lieder. Vor dem österreichischen und italienischen Konsulat bereitete man große Huldigungen vor, die jedoch sehr bald in eine fürchterliche Schlägerei auszuarten drohten. Soweit hatte damals bereits der ... Marxismus verblendeten Menschen den Klassenkampf eingeimpft, daß ein Zug von vielen hundert Menschen selbst in dieser Stunde mit roten Fahnen erschien, und »Nieder mit dem Krieg!« und »Es lebe die Internationale!« brüllte. Doch diesen Wahnsinn übertönten immer stärker »Deutschland, Deutschland über alles« und »Die Wacht am Rhein«. Wohl nur das Eingreifen der Polizei verhinderte ein Blutvergießen in diesen Stunden zwischen den aufgepeitschten und erregten Menschen."

Derweil übergab in Potsdam General Friedrich von Friedeburg, der das Erste Garderegiment zu Fuß die letzten Vorkriegsjahre über geführt hatte, am 01.08.1914 an Eitel Friedrich Prinz von Preußen. Dazu ließ er das Regiment um 20:00 Uhr im Ordonnanzanzug auf dem Kasernenhof antreten. Er dankte allen Dienstgraden für die getane gute Friedensarbeit und wandte sich dann dem neuen Kommandeur zu und übergab diesem das stolze Regiment. Daß ein Sohn des Kaisers das Erste Garderegiment zu Fuß nun führte, wurde vom Regiment als besonderer Vertrauensbeweis und als Auszeichnung empfunden.

In Leipzig sammelten sich am 02.08.1914 aus allen Teilen Mittel- und Süddeutschlands die Reservisten des Garde-Korps. Karl Willnitz vom Füsilierbataillon des Ersten Garderegiments zu Fuß berichtet:

"Mir wird es ewig unvergessen bleiben, wie wir mit allen verfügbaren Leipziger Musikkapellen stundenlang um die alte schöne Ringpromenade marschierten, jeder ein Mädel am Arme und alt und jung zu den alten Märschen im Schritt und Tritt uns Gardisten begleitete. Erst am späten Nachmittag wurden wir endlich verladen und landeten nachts, nach sechsstündiger Fahrt, in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof. Beim Marsch zum Potsdamer Bahnhof stießen wir auf das Café Piccadilly, das heutige Haus Vaterland. Unübersehbare Menschenhaufen verlangten die Beseitigung des ausländischen Firmenschildes, und, als dies nicht schnell genug geschah, holte die Menge das riesenhafte Schild einfach selbst herunter. Dann zog sie weiter, und alles, was keinen deutschen Namen trug, wurde »beseitigt«. Im Café selbst, in das ich mich zurückzog, spielte man vielleicht zum hundertsten Male das Deutschlandlied. Ein dicker aktiver Feldwebel der »Alexander«, dem es scheinbar zu viel geworden war, immer und immer wieder aufzustehen, wenn die Strophe erklang, hatte das besondere Mißfallen junger Burschen erregt. Sie waren gleichfalls von der Spionenfurcht befallen, denn plötzlich packten sie den Feldwebel beim Schlawittchen und warfen ihn kurzerhand durch die großen Scheiben hinaus auf die Straße.

Dort war der Kampf jedoch noch nicht zu Ende. Alles Beteuern, er sei aktiver Feldwebel, half nichts. Die gespannte Atmosphäre suchte ein Ventil und machte auch vor der Feldwebel-Uniform nicht Halt. Es zeugt von blitzschnellem Erfassen der Kampflage, daß der so Bedrängte plötzlich, trotz seiner reichen Körperfülle, die alte, am Potsdamer Bahnhof damals noch stehende Friedhofsmauer erklomm und durch seine Behendigkeit und die Verblüffung der Menge entwetzte. Zugute kam ihm allerdings, daß verschiedene Soldaten, die den »Spieß« genau kannten, jetzt eingriffen und die Heißsporne zur Ruhe brachten. Uns belustigte die ganze Angelegenheit sehr. Wir haben noch oft und viel über diesen Vorgang später lachen müssen. Der Zufall wollte es sogar, daß wir den gleichen Feldwebel eines Tages im Felde mit einer Kompagnie an uns vorüberziehen sahen.

Von Berlin nach Potsdam ist es nur ein Sprung. Dort angelangt, bedurfte es nur eines Ganges zur Kammer unseres alten Regiments, um kaum zwanzig Minuten später völlig in »Feldgrau«, das heißt mit der ersten Garnitur eingekleidet, dem Einteilungskommando zur Verfügung zu stehen. Daß dies alles wie am Schnürchen klappte, lag daran, daß von jedem deutschen Soldaten während der aktiven Dienstzeit für den Krieg eine Montur mit allem, was dazu gehörte, mehrere Jahre in Bereitschaft gehalten wurde. Wir Reservisten ersten Aufgebotes hatten aus dieser Maßnahme den Vorteil, sofort dem aktiven Regiment zugeteilt zu werden und sahen unseren größten, im Stillen gehegten Wunsch, in Erfüllung gehen, mit unserem Friedensregiment in den Krieg zu ziehen. Doch dazu kam es jedoch vorerst noch nicht. Uebungen in größerem Verband in den nächsten Tagen ließen das Gerücht aufkommen, wir als Leibregiment des Kaisers stünden zu seinem persönlichen Schutz zur Verfügung und würden vom Feindesland am Ende nichts zu sehen bekommen. Tatsächlich ging es in diesen Tagen in Potsdam so friedlich zu, daß es mir und vielen andern sogar noch gelang, einen Tag Urlaub nach Berlin zu erhalten. Ich konnte zu meiner großen Freude von meinem Bruder, er blieb vor Verdun, noch Abschied nehmen und vielerlei erledigen, das man gern hinter sich hat, wenn es heißt, vielleicht für immer, sein Haus zu bestellen."

Am 06.08.1914 erließen Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. seinen berühmten Aufruf an das Deutsche Volk:

"An das deutsche Volk!

    Seit der Reichsgründung ist es durch 43 Jahre Mein und Meiner Vorfahren heißes Bemühen gewesen, der Welt den Frieden zu erhalten und im Frieden unsere kraftvolle Entwickelung zu fördern. Aber die Gegner neiden uns den Erfolg unserer Arbeit. Alle offenkundige und heimliche Feindschaft von Ost und West, von jenseits der See haben wir bisher ertragen im Bewußtsein unserer Verantwortung und Kraft. Nun aber will man uns demütigen. Man verlangt, daß wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Ueberfall rüsten, man will nicht dulden, daß wir in entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren ist. So muß denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! Zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten. Um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens. Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Und wir werden diesen Kampf bestehen auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war.

Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war!

    Berlin, den 6. August 1914.

Wilhelm."

Am 08.08.1914 hatte der neue Kommandeur, Eitel Friedrich Prinz von Preußen, das mobile Regiment mit allen Gefechtsfahrzeugen nach Bornstedt bestellt. Zum letzten mal exerzierte das Erste Garderegiment zu Fuß auf dem vertrauten Bornstedter Feld. "Dann ging es zurück zur Kaserne durch die gewohnten Straßen unter den gewohnten Klängen der Musik." (aus der Regimentsgeschichte)

Die kaiserliche Familie verabschiedet das Erste Garderegiment zu Fuß am 09.08.1914, Archiv Seitenautor

Karl Willnitz vom Füsilierbataillon berichtet: "Ein selten blauer Himmel liegt heute - wir schreiben den 9. August 1914 - über den Seen und Wäldern der schönen Mark Brandenburg. Als ob noch einmal die alte verträumte Stadt Potsdam all ihre Reize aufbieten wollte, so zeigt sie sich am frühen Morgen schon uns jungen Kriegern. Wir sind nicht die ersten, die dieser Tag zeitig aus den Betten geholt hat. Jung und Alt ist längst auf den Beinen, umlagert den im Glast flimmernder Sonnenstrahlen liegenden Lustgarten und will Anteil haben am vielleicht größten militärischen Schauspiel dieser Zeit, dem Treueschwur und Abschied der alten Armee auf dem historischen Potsdamer Lustgarten.

Gegen 10 Uhr vormittags beginnt der Aufmarsch der Truppen. In Feldgrau kommen sie angerückt, zuerst das Erste Garde-Regiment, dann das Erste Garde-Reserve-Regiment. Es folgen die I. und II. mobile Ersatzkompanie, die Ersatz-Bataillone, das Rekruten-Depot und zuletzt mit ihren Fahnen auch die Verein ehemaliger Kameraden des Garde-Korps. 7000 stramme Kerls, die Potsdamer feldgraue Wachtparade, gruppiert sich im Viereck um einen errichteten Feldaltar. 7000 fliegende Helmadler blitzen in der Sonne, und leicht bauscht der Wind die vier zerschlissenen silberweißen Fahnen des Regiments, die den schwarzen Adler im silberweißen Felde führen. Die vierte, die vom 3. Bataillon, haben wir soeben erst vom Sarge Friedrichs des Großen aus der alten Garnisonkirche abgehoben. Schmale Silberbänder ziehen sich um die schwarzen, eichenen Schäfte. Für alle Ewigkeit tragen sie die Namen jener Helden unseres Regiments, die einmal mit diesen heiligen Symbol in der Hand vor dem Feinde gefallen sind. Heute wird es uns klar, daß vielleicht schon bald weitere Namen folgen werden. ... Das »Tatü tata« der Hupe des kaiserlichen Automobils ertönt. Heute hat es keine Schrecken mehr für uns. Hier unter so vielen Kameraden wissen wir, daß uns keine Gefahr droht wegen irgend eines kleinen Grußvergehens bei »Vater Philipp«, unserm Potsdamer Arrestlokale, 3 oder 5 Tage zu landen. Der Kaiser erscheint, die Kaiserin, die Prinzen und Prinzessinnen, die Kronprinzessin mit ihren Kindern, der ganze Hof ist plötzlich da, um inmitten des alten Leibregiments noch einmal den Segen Gottes für die Waffen zu erflehen.

Der Kaiser schreitet die Front des I. Garde-Regiments zu Fuß zu Potsdam ab, Archiv Helenthal.

Hoch vom Glockenturm der Garnisonkirche kommen plötzlich die Töne des herrlichen Luther-Chorales »Ein feste Burg ist unser Gott«. Ein Singen hebt an, ohne daß auch nur ein Kommando ergangen ist, wie aus einem Munde braust die erste Strophe dieses Schutz- und Trutzliedes über die andächtige Menge; alle Zivilisten haben sich niedergekniet, und keiner ist dabei, der sein Haupt nicht entblößt hätte. Noch ist der Gesang nicht beendet, da betritt der Hofprediger das Podium. Ein paar schlichte, kernige Sätze gibt er uns mit auf den Weg. Am Schluß seiner Rede segnet er uns und jetzt knien alle, Soldaten, Volk und Fürsten, vor dem allerhöchsten Gott. Still schwingt das Vaterunser sich empor, jeder, der da kniet, hat es aus tiefstem Herzen gesprochen.

Ein Idyll steht mir noch von diesem Tage vor den Augen. Während des Vaterunsers der Tausende von knienden Menschen im Lustgarten flogen in das Viereck, welches die Garde durch ihre Aufstellung bildete, viele Tauben vom Glockenturm der Garnisonkirche. Einer der der Söhne irgendeines Prinzen vergaß das Knien und befand sich plötzlich unter den pickenden Tauben. Ohne daß diese davongeflogen wären, wurde das Kind zurückgeholt, doch sah es immer noch, statt auf die Erde, zu seinen Tauben."

Nach der Predigt von Hofprediger Richter und dem Vaterunser standen alle Anwesenden auf. Kaum hatte sich die Menge aufgerichtet, stand der Kaiser am Feldaltar und hielt eine markige Ansprache:

"Die früheren Generationen und auch alle, die heute hier stehen, haben die Soldaten des Ersten Garderegiments und Meiner Garde an diesem Orte schon öfter versammelt gesehen. Sonst war es der Fahneneid, das Gelübde, das wir vor dem Herrn schwuren, das uns hier vereinte. Heute sind alle hier erschienen, den Segen für die Waffen zu erbitten, da es jetzt darauf ankommt, den Fahneneid zu bewegen bis zum letzten Blutstropfen. Das Schwert soll entscheiden, das Ich jahrzehntelang in der Scheide gelassen habe. Ich erwarte von Meinem Ersten Garderegiment zu Fuß und Meiner Garde, daß sie ihrer glorreichen Geschichte ein neues Ruhmesblatt hinzufügen werden. Die heutige Feier findet uns im Vertrauen auf den höchsten Gott und in Erinnerung an die glorreichen Tage von Leuthen, Chlum und St. Privat. Unser alter Ruhm ist ein Appell an das deutsche Volk und sein Schwert. Und das ganze deutsche Volk bis auf den letzten Mann hat Das Schwert ergriffen. Und so ziehe Ich denn das Schwert, das Ich mit Gottes Hilfe Jahrzehnte in der Scheide gelassen habe."

Bei diesen Worten zog der Kaiser seinen Degen aus der Scheide, hielt ihn hoch über seinem Haupt und sagte:

"Das Schwert ist gezogen, das Ich, ohne siegreich zu sein, ohne Ehre nicht wieder einstecken kann. Und ihr alle sollt und werdet Mir dafür sorgen, daß es erst in Ehren wieder eingesteckt werden wird. Dafür bürgt ihr Mir, daß Ich den Frieden Meinen Feinden diktieren kann. Auf in den Kampf mit den Gegnern und nieder mit den Feinden Brandenburgs. Drei Hurras auf unser Heer!"

Der neue Kommandeur des Ersten Garderegiments zu Fuß, Eitel Friedrich Prinz von Preußen erwiderte die Worte seines Kaiserlichen Vaters:

"Eurer Majestät danke ich ganz untertänigst im Namen von fast siebentausend Grenadieren und Füsilieren für den überaus gnädigen Abschiedsgruß, den Eure Majestät uns zugerufen haben. Wir geloben hier auf dieser von der Tradition geheiligten Stätte, wo Jahrhunderte preußischen Ruhms auf uns herabsehen, den Grenadieren des großem Königs es gleich zu tun, die furchtlos einer Welt von Feinden entgegensahen, nur ihrem König und ihrer gerechten Sache vertrauend. So vertraut ein jeder von uns Eurer Majestät. Unser unbezwingbarer Wille zum Siege soll gleich sein dem, der die Stürmer von Chlum und St. Privat beseelt hat. Und jeder von uns, der in den beiden Regimentern in Reih und Glied steht, weiß, daß es nur eins gibt für uns: zu siegen oder zu sterben. Dies geloben wir, indem wir in den altpreußischen Schlachtruf einstimmen, mit dem wir heute unser Leben aufs neue bis zum letzten Blutstropfen Eurer Majestät weihen: Seine Majestät der Kaiser und König, unser geliebter Kriegsherr und Regimentschef, Hurra!"

Beim Beten des Vaterunser hatten auch S.M. sich wie alle anderen hingekniet und dabei den Marschallstab neben sich auf die Erde gelegt. Während seiner Rede blieb dieser Marschallstab dort liegen und erst, als er seinen Degen nach dem Erheben über seinem Haupte wieder eingesteckt hatte, hob der Flügeladjutant den Marschallstab auf und überreichte ihn dem Kaiser. Später wurde aus dieser kleinen Begebenheit die Legende, daß der Kaiser seinen Marschallstab in Potsdam beim Abschied vom Heer verloren hätte. Gefangene Alliierte haben dies sogar zum besten gegeben, wenn sie zur Ablieferungsstelle geführt wurden, daß sie zwar Gefangene seien, jedoch die Deutschen den Krieg niemals gewinnen könnten, da ja der Kaiser beim Abschied in Potsdam seinen Marschallstab verloren hätte. "Wenn abergläubische Menschen später daraus ein Omen gemacht, so war für uns vom Leibregiment dieser Vorgang ohne jede Bedeutung. Wir wußten alle, wie schwer der Kaiser in der Bewegung seines linken Armes behindert war, und ich nehme auch heute noch an, daß die meisten diesen Vorgang überhaupt nicht beachtet haben." berichtet Karl Willnitz vom Füsilierbataillon.

Nach einem erneuten Gebet mit dem vielstimmigen "Und wenn die Welt voll Teufel wär", überreichte die Kaiserin jedem Offizier eine Rose, die Offiziere bedankten sich mit einem Handkuß. Viele Offiziere bewahrten diese Rose den ganzen Krieg, bzw. bis zu ihrem Tode auf. Anschließend marschierten die Truppen noch ein letztes mal vor der kaiserlichen Familie.

Karl Willnitz berichtet: "Den Arm voller weißer Rosen, sehe ich plötzlich die Kaiserin an die Offiziere des Regiments herantreten und jedem eine überreichen. Ein letzter Gruß aus Sanssouci, so denke ich. Da sind alle Offiziere mit diesem Geschenk schon bedacht und auch uns, den Flügelleuten der Bataillone, überreicht sie die letzten weißen Blüten. Während dies bei den Füsilieren noch geschieht, hat sich die Leibkompanie schon mit der Musik zum Parademarsch aufgestellt. Wir folgen und heben noch einmal die Beine, daß es nur so dröhnt. Schnurgerade sind die Linien beim Defilieren;  es ist der Abschied von unserer alten Garnison, das letzte Mal, daß wir friedensmäßig zusammen gekommen sind."

Die Offiziere des Ersten Garderegiments zu Fuß und des 1. Garde-Reserve-Regiments erhalten am 09.08.1914 von der Kaiserin zum Abschied eine Rose, Regimentsgeschichte / Archiv Seitenautor

Auf dem Lustgarten hielt der Kommandeur des I. Bataillons, Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken noch eine kurze Ansprache:

"Das Schönste, was ich erlebt habe, ist die einmütige Begeisterung, die heute das deutsche Volk durchzieht und die ich nie für möglich gehalten hätte. Ich weiß, daß auch ihr, meine Grenadiere, diese Begeisterung im Herzen tragt, und es ist ein herrliches Gefühl für mich, an der Spitze solcher Männer gegen den Feind ziehen zu dürfen. Aber - der Teufel hole eure Begeisterung, wenn sie nicht standhält in Zeiten der Not! Der Krieg wird lange dauern, und wir werden schwere Zeiten erleben. Wenn dann alles um euch die Köpfe hängen läßt, dann zeigt, daß die Begeisterung vom 9. August echt war! Das laßt uns unserem Allerhöchsten Kriegsherrn und Regimentschef geloben mit dem alten Ruf: Seine Majestät der Kaiser und König Hurra, Hurra, Hurra!"

So verabschiedet marschierten die Regimenter zum Bahnhof wo sie unter großer Anteilnahme der Potsdamer Bevölkerung gen Westen verladen wurden. Als erstes rückte das I. Bataillon, das "Semper-talis-Bataillon" zum Abtransport auf den Bahnhof. Dann ging es mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen, geleitet von unzähligen Potsdamern, zum Bahnhof. Dort nahmen die Angehörigen Abschied. Das 1. Garde-Reserve-Regiment wurde Teil der 1. Garde-Reserve-Division und des Garde-Reserve-Corps. Die Wege des Ersten Garderegiments zu Fuß und des 1. Garde-Reserve-Regiments teilten sich nun, viele langjährige Kameraden sollten sich nicht mehr wieder sehen.

Über eine Anekdote während des Marsches zum Bahnhof berichtet Karl Willnitz, der ja immer noch die Rose der Kaiserin in den Händen hielt: "Die Rose dauernd in der Hand zu tragen, wird mir während des Marsches von der alten Kaserne, der Gewehrfabrik Friedrichs des Großen, bis zum Brandenburger Tor doch etwas zu beschwerlich. Es ist immerhin Anfang August, und mehr als 33 Gr. Wärme werden an diesem Tage im Schatten gemessen. Kein Wunder, daß nicht nur mir, sondern allen andern bereits in der ersten Viertelstunde der Schweiß in Strömen herunterfließt. Bei mir kommt hinzu, daß ich in der linken Hand das Gewehr, in der rechten aber noch immer den Stengel der Rose halte und mir die Finger vor Hitze glühen. Beim ersten Halt nehme ich sofort das Gewehr herunter, löse den Mündungsschoner und stecke die Rose des Bataillons, für alle sichtbar, in den Lauf meiner Donnerbüchse. Und offen gestanden, sie ist noch nicht einmal richtig oben, da entlädt sich auch schon das Donnerwetter." Ein nicht näher bekannter Hauptmann der Reserve regte sich über die Rose derartig auf, daß er dem armen Willnitz drei Tage Mittelarrest aufbrummen wollte. "Jawohl, eingesperrt werden Sie! Glauben Sie denn, wir sind in einem Kriegerverein?" Rief er.

Willnitz schreibt weiter: "Drei Tage Arrest im Felde sind nun für die nächsten Minuten das Gespräch der Kompagnie. Keiner weiß so recht, wie dies vor sich gehen soll. Schließlich erinnern wir uns, daß einmal in einer Instruktionsstunde gesagt worden ist, der Bestrafte würde im Kriegsfalle an irgendeinen Zaun oder Baum gebunden, während die Truppe sich lagere und ruhen dürfe. Ich würde ja nun sicher bald erfahren, was daran Wahres ist, und hoffentlich nicht der einzige sein, der mit dem Bannstrahl eines Häuptlings sich abzufinden hätte. Nun, ich bin nicht angebunden worden, im Gegenteil, der zürnende Donnergott und ich sind nach den ersten Schlachten recht gute Kameraden geworden.... Obgleich im Regiment eine strenge Ueberlieferung bestand, daß keine Kompagnie, in deren Reihen irgendein Mann bestraft worden war, auf dem Marsche singen dürfe, haben sie gesungen... gesungen..., lauter, als die drei restlichen Kompanien meines Bataillons zusammengenommen. »Soll uns doch alle einsperren,« sagten sie und sangen... sangen... weiter, bis wir am Bahnhof Wildpark »zur Verladung angekommen«. Bei einbrechender Nacht sitzen wir schon im Eisenbahnwagen, Marke 24 Mann oder 6 Pferde, und rollen mit vielem Gottvertrauen und den Wünschen der Unseren begleitet, auf der alten Kanonenbahn gen Westen. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, der Krieg hat uns mit seinen Klauen bereits gepackt... wen wird er dereinst aus seinen Fängen wieder freilassen??"

Die Stellenbesetzung beim Ausmarsch war folgende.

Stellenbesetzung des Ersten Garderegiments zu Fuß vom 09.08.1914

Quelle: Eitel Friedrich, Prinz von Preußen / Katte, von: Das Erste Garderegiment zu Fuß im Weltkrieg 1914-18, Berlin 1934, Junker und Dünnhaupt

Chef: König Wilhelm II. von Preußen, Deutscher Kaiser

Kommandeur: Oberst Eitel Friedrich Prinz von Preußen

Adjutant: Oberleutnant Kuno von Sick

Regimentsarzt: Oberstabsarzt Dr. Kluge

 

I. Bataillon Kommandeur: Major Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken

Adjutant: Leutnant Hans-Siegismund von Oppen

Verpflegungs-Offizier: Leutnant der Reserve Wuthe

 

Leibkompagnie Hauptmann von Röder

Oberleutnant der Reserve von Engelbrechten, Leutnant Graf Hardenberg, Vizefeldwebel Modriker

 

2. Kompagnie Hauptmann von Weiher

Leutnant Heinz Freiherr von Rheinbaben, Leutnant der Reserve Woltersdorf, Leutnant Graf von der Golz

 

3. Kompagnie Hauptmann Freiherr von Schilling

Oberleutnant der Reserve Görms, Leutnant von Werder, Offiziers-Stellvertreter Frentrup

 

4. Kompagnie Oberleutnant von Bock und Polach

Leutnant Freiherr von Plettenberg, Leutnant der Reserve Hans Ulrich von Trotha, Fähnrich von Richthofen, Offiziers-Stellvertreter Schwarz

 

II. Bataillon Kommandeur: Major Graf von Merveldt

Adjutant: Leutnant Freiherr von Kettler

Verpflegungs-Offizier: Leutnant der Reserve von Tevenar

 

5. Kompagnie Oberleutnant von Moltke

Leutnant der Reserve Heinrici, Leutnant Nicolaus Christoph Freiherr von Lyncker, Leutnant der Reserve Balla

 

6. Kompagnie Hauptmann Wedigo von Wedell

Leutnant der Reserve Grothmann, Leutnant von Krosigk, Fähnrich von Spiegel, Offiziers-Stellvertreter von Unruh

 

7. Kompagnie Hauptmann von Stutterheim

Leutnant der Reserve Zedler, Leutnant der Reserve Band, Leutnant von Diest

 

8. Kompagnie Oberleutnant von Plüskow

Leutnant von Alvensleben, Leutnant der Reserve von Czechanowski, Leutnant von Diringshofen, Vizefeldwebel Lauck

 

13. (MG) Kompagnie Hauptmann von Witzleben
Leutnant von Reudell, Leutnant von Katte, Leutnant von Eickstedt

 

Füsilierbataillon Kommandeur: Major von Bismarck

Adjutant: Leutnant Graf von Matuschka

Verpflegungs-Offizier: Oberleutnant der Reserve Lühr

 

9. Kompagnie Oberleutnant der Reserve Graf Finckenstein

Leutnant von Ammon, Leutnant von Woyrsch, Vizefeldwebel Schumann

 

10. Kompagnie Oberleutnant Erich Freiherr von Hornstein-Bietingen

Leutnant der Reserve Brümmerstedt, Leutnant der Reserve Adolf, Leutnant von Müller, Vizefeldwebel Scholz

 

11. Kompagnie Oberleutnant Hartwig Brunsich Edler von Brun

Leutnant der Reserve von Ditfurth, Leutnant von Blumenthal, Leutnant von Lochow

 

12. Kompagnie Hauptmann von Schütz

Leutnant der Reserve de la Croix, Leutnant der Reserve de Martincourt, Leutnant Jürgen von Bonin

Westfront 1914-15

Das Erste Garderegiment zu Fuß war wieder im Verbunde mit dem Schwesterregiment Teil der 1. Garde-Infanterie-Brigade unter General Freidrich von Kleist, der 1. Garde-Infanterie-Division unter General Oskar Emil von Hutier (1857-1934) und des Gardecorps unter General Karl Freiherr von Plettenberg. Dieses war der 2. Armee unter Generaloberst Karl von Bülow (1846-1929) zugeteilt. Der Transport wurde in Güterwaggons durchgeführt. Über die Fahrt berichtet Karl Willnitz vom Füsilierbataillon, der ja gerade wegen der Rose im Gewehrlauf drei Tage Arrest aufgebrummt bekommen hatte:

"Trotz der vergangenen drei Tage habe ich mich von meiner Rose noch immer nicht getrennt. In einer Behelfsvase, der Feldflasche eines meiner Kameraden, hängt sie unter der Decke unseres Waggons und kann sich nicht beschweren, daß wir uns um sie nicht gekümmert hätten. Sobald auch nur die entfernteste Möglichkeit vorhanden gewesen ist, sind wir bei jedem Halt ins Freie gespritzt. Sie hat von jedem Wasser, das wir auftreiben konnten, das erste bekommen, und jeden Abend haben wir ein Stück ihres Stieles gekürzt, damit sie sich auch immer wieder laben konnte. Kein Wunder, daß sie sich uns gegenüber dankbar zeigt. Ganz fein »steht ihr Duft im Raum«, überzieht, für jeden wahrnehmbar, daß »Parfum Kommiß«, jenen Geruch von Leder, Kampfer, imprägnierten Stoffen  und .... von eingepferchten schlafenden Soldaten. Endgültig hat sie jedoch das feine Köpfchen gesenkt. Alles Bemühen, sie wieder aufzurichten, war vergeblich, immer näher scheint der Augenblick zu sein, da sich die ersten Blütenblätter lösen und welk zur Erde fallen werden. Mehrere meiner Kameraden beunruhigt dieser Vorgang des Vergehens. Sie haben eine Art Frage an das Schicksal mit dieser Blume verbunden, sich selbst mit deren Blütenblättern verglichen und das Ueberschreiten der deutsch-belgischen Grenze als Entscheidung über »Sein und Nichtsein« festgesetzt. Gelingt es also, unsere Begleiterin noch unentblättert in Feindesland zu bringen, so würde »gut« entschieden sein, gelingt es nicht, dann... Ich ahne, wie verhängnisvoll bei jedem Stoß in der Kurve dieser Aberglaube werden kann und schlage deshalb vor, die Rose herunter zu nehmen und mit einem letzten Gruß von deutscher Erde an das Potsdamer Ersatz-Bataillon zurückzusenden. Ein glücklicher Gedanke! Begeistert stimmen alle zu und jeder ist froh darüber, der Entscheidung des Orakels entgangen zu sein.

Auch das Wie und Wo der Absendemöglichkeit findet eine rasche Erledigung, wie auch vom ersten Augenblick an völlige Uebereinstimmung darüber herrscht, die Rose nur in gepreßtem Zustand auf die Reise zu schicken. Mein dickes, im Tornister verstautes »Kriegstagebuch« wird ausgepackt und kommt, nachdem noch jeder einmal seine Nase vom duft der Rose vollgesogen hat, als eine Art Presse zur Anwendung. Etwa in der Mitte des Buches legen wir das Wunder der Gärten von Sanssouci. Dann muß bald der eine, bald der andere Kamerad Belastung spielen und sich mit seinen durchschnittlich zwei Zentnern draufsetzen. Die Kilometersteine am Rande der Bahn geben die Zeichen der Ablösung. Kundige Hände sind in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Sie haben aus altem Karton das erste Feldpostpäckchen gefertigt, in das wir ohne Mühe die Rose betten können. Selbstverständlich fügen wir einen Brief, mit sämtlichen Unterschriften versehen, bei, und übergeben das Ganze einem Schrankenwärter, als wir wieder einmal auf freier Strecke halten müssen. »Herzblut ist drin,« sagt Hübner zu ihm, und wirklich ist es auch so... es fehlt etwas in unserer Mitte, seitdem die Rose nicht mehr unter uns ist. In aller Stille packe ich jetzt mein Buch wieder ein. Es hat bei näherem Betrachten ein kleines Rosenandenken behalten. Durch alle Seiten schimmern gelbe, ölige Flecken. Rosenöl sei es, wollen meine Kameraden mir einreden, ein gutes Mittel gegen »Läuse« und andere Schmarotzer.

Während der ganzen Fahrt haben wir selbstverständlich nicht versäumt, jedem Dorf und Städtchen immer wieder zu bekunden, daß wir: »Die Garde sind, die da stirbt und sich nicht ergibt.« Heiser sind wir schon von diesem stundenlangen Singen und Hurra-Rufen. Dazu spüren wir alle Knochen im Leib. Das »Hüpfen und hurtige Springen der Räder« unseres Viehwaggons über die trotz der Hitze noch immer besonders weiten Lücken der Eisenbahnschienen haben uns völlig durcheinandergerüttelt. Von dieser Qual erlöst zu werden, ist unser aller Wunsch, ja, wir brennen darauf und hoffen sehnlichst, durch einen strammen Marsch unsere steifen Glieder bald wieder in Ordnung zu bringen. Wir sind durchaus nicht davon zu überzeugen, daß »schlecht gefahren« besser als »gut gelaufen« sei. Hurra, Hurra.... die letzte deutsche Stadt auf unserer Fahrt haben wir erreicht. Noch einmal erhalten wir »friedensmäßig« zu essen und zu trinken. Hübsche, schneeweiß gekleidete Mädel bedienen uns, schenken uns Blumen und Feldpostkarten, lachen und winken uns zu, bis wir hinter einer Biegung der feindwärts führenden Gleise ihren blicken entschwinden. Herbesthal ist es, wo wir Abschied von deutscher Erde nehmen, und alle hoffen wir, daß es kein herbes Tal werden wird, durch das wir gen Welschland marschieren, daß der 13. August 1914, an dem wir endlich die belgische Grenze erreichen und den Fuß zum erstenmal auf feindliches Land setzen, kein böses Vorzeichen für unsere Zukunft bedeuten möge."

Auch die Regimentsgeschichte berichtet ausführlich über die Reise an die Front: "Bei strahlendem Augustwetter wurden die Züge durch das Havelland, die Altmark, Hannover, Westfalen, Rheinland bis nach Köln am Rhein geführt, überall begrüßt und geleitet von der jubelnden Begeisterung des Volkes, besonders der Frauen und Mädchen, die uns auf allen Stationen mit Liebesgaben überschütteten. Unvergeßlich bleibt es, wie wir nach durchfahrener Nacht im Morgengrauen, angesichts des ragenden Domes, unter den Klängen der »Wacht am Rhein« über den Rhein fuhren; da senkten sich in unsere Herzen zum ersten Male Schauer, tiefer als die Begeisterung der letzten Tage daheim, Schauer inbrünstiger Gelübde für dieses herrliche Vaterland, für das wir nun mit Leib und Leben einstehen würden! Von Köln an ging es auf einer soeben erst fertiggestellten strategischen Aufmarschbahn über Euskirchen in die Eifelberge. Die Arbeiten zur Armierung der Festung Köln wurden erkennbar, alle Bahnen standen unter starker Landsturmbewachung, Abwehrmaßnahmen gegen Flieger waren getroffen, von Lüttich her klang das Grollen unserer schwersten Geschütze, von deren Wunderwerken wir die erste Kunde vernommen hatten; kurz, es wurde spürbar, daß wir uns dem Kriege näherten."

Das Regiment erreichte am 11.08.1914 nachmittags und am 12.08. vormittags auf den Bahnstationen Weismes und Malmedy ein. Am Abend des 12.08.1914 war das ganze Regiment in Malmedy versammelt, wo es die ersten Quartiere in Feindesland bezog. Von hier aus begann am 13.08.1914 der kriegsmäßige Vormarsch durch Belgien in westlicher Richtung auf Namur. Das gesamte Gardekorps marschierte auf einer breiten Chaussee, die 1. Gardeinfanteriedivision vorn, das Erste Garderegiment zu Fuß an der Tete, was auch die nächsten 8 Tage so bleiben sollte, hier wiederum machte das Füsilierbataillon die Spitze und dabei ganz vorne Karl Willnitz:

"Ein kleiner, selbstverständlicher Zwischenhalt schaltet sich ein. Dem belgischen Grenzpfahl müssen wir den Garaus machen, ihn aber aus der Erde ziehen und hinab in den tiefergelegenen Straßengraben werfen. Fühlen wir uns doch jetzt als deutsche -grenze. Es spielt keine Rolle, daß uns im Augenblick nicht besonders angenehm zu Mute ist. Mit Bleigewichten, so glauben wir, hat man uns unsere Tornister bepackt und die Stiefel - noch nicht eingelaufen - mit glühendem Eisen ausgegossen. Dabei marschieren wir mindestens fünf Kilometer in der Stunde, unablässig vorwärts gegen einen unsichtbaren Feind. Ob er weiß, wie das Aufstöbern in seinem Bau immer beschwerlicher für uns wird? Daß uns nach und nach ein Gefühl beschleicht, als sei er mit dem Teufel im Bunde und ließe alle Feuer des Himmels auf uns herniederfallen?

Unbarmherzig ist auch die Chaussee, die uns zwangsläufig in das Herz des Landes führt. Alle heiße Glut der Sonne gibt sie doppelt zurück, brennt uns auf den Sohlen, daß einige sagen: »Wahrscheinlich sollen wir Tanzbären werden,« und andere: »Hier sind sogar die Straßen mit Dampfbeheizung versehen.« Und dann.... der Staub. Rötlich sieht er aus, macht uns immer mehr zu schaffen. Nicht nur die Gesichter allein, auch den Hals und die Hände überzieht er nach und nach mit einer dicken, braunroten Dreckkruste. Noch fällt keiner aus, keiner läßt es den Nachbar merken, wie jeder Kilometer schier Unmenschliches an Energie erfordert. Erinnerungen werden wach an das Paradies, an unsere Schüttelfahrt im preußischen Eisenbahnwagen. Als gar einer sagt: »Es liegt doch eine tiefe Weisheit in alten Sprichwörtern«, wissen wir genau, was er damit andeuten will. Nur als Frischpott fragt: »Was meint denn der?«, knurrt ein anderer in seinen Milchbart: »Rindvieh, dußliges.... begreifst Du das nicht? Schlecht gefahren ist besser als...«

Bald ist nur noch eine Straße vorhanden, auf der das ganze Gardekorps feindwärts zieht, und ein unvergleichlich schönes Bild kann man es nennen, wie der Heerwurm sich verderbendrohend vorwärts schiebt. Als Führer der ersten Gruppe des ersten Zuges meiner Kompanie habe ich »Die Spitze« und marschiere mit zwanzig Schritt Abstand vor meinem nächsten Kameraden unentwegt schon längst ins Ungewisse. Da ich vorderster Mann bin im rechten Straßengraben bin, genieße ich den Vorteil, unter den Bäumen etwas Schatten zu erwischen. Von Zeit zu Zeit finde ich auch einen saftigen Apfel am Aste hängen. Erste feindliche Beute und sehr willkommen, denke ich, da habe ich sie auch schon »privat annektiert« und »einverleibt«. Hoffentlich hat es keiner meiner Vorgesetzten gesehen. Es gäbe sonst 5 Tage Mittelarrest, da rohes Obst zu essen streng verboten ist. Weit auseinandergezogen, erst etwa fünfhundert Meter zurück, folgt der Rest des ersten Zuges meiner Kameraden. Um gegebenenfalls sofort Deckung im Chausseegraben finden zu können, kommt der Befehl von hinten, rechts und links scharf an den Straßenrändern zu marschieren. Wir haben diesen Bogen längst heraus und schon wegen des größeren Schattens uns diesen Vorteil bisher nicht entgehen lassen. Beim Zeichengeben, daß der Befehl bis zu mir gekommen ist, muß ich, obgleich es Aufgabe und Selbsterhaltungstrieb ist, vor allem die Augen nach vorn zu halten, auch einen Blick rückwärts werfen. Zwei Kilometer sind es schätzungsweise von mir entfernt, ehe sich die Mitte der Straße mit dem ersten größeren Haufen der feindwärts ziehenden deutschen Truppen belebt. Ein Lindwurm scheint das Ganze zu sein, dessen Füllhörner wir gewissermaßen sind.

Vorfühlen sollen wir und Anstoß nehmen, sobald es Hindernisse gibt. Um es deutlicher auszudrücken, wir sind dazu ausersehen, das feindliche Feuer zuerst auf uns zu lenken, alles, was hinter uns ist, vor Ueberraschungen zu sichern und dazu beitragen, eine entbrennende Schlacht in Ruhe zur Entwicklung zu bringen. Vorläufig entwickelt sich nichts. Dörfer, durch die wir ziehen, sind vom Gegner frei, auch zum größten Teil von männlicher Zivilbevölkerung entblößt. Nicht ohne Schwierigkeiten aller Art zu hinterlassen, ist sie in den meisten Fällen westwärts geflohen. Immer öfter geschieht es, daß kleine Brücken zerstört, schwere Steine von den Höhen gelöst und kilometerweit Bäume quer über die Chaussee gefällt worden sind. Im letzteren Falle suchen wir unseren Weg rechts und links über Felder und Wiesen zu finden, umgehen die uns aufhaltenden Liebenswürdigkeiten, sofern uns Sumpf und Morast nicht daran hindern, und melden nach rückwärts, daß Pioniere benötigt werden, um die Straße für Fahrzeuge frei zu bekommen. Ab und zu verharren wir einen Augenblick, um auch nach rechts und links unseren Blick zu wenden. Dort durchstreifen zwar deutsche Ulanen und Husaren zu unserer Sicherheit das Gelände, es ist aber oft recht schwer, sie auch auf weite Entfernungen noch als deutsche Reiter auszumachen.

Als ständige Musik in den Ohren begleitet uns auf unserem Vormarsch der Kanonendonner der Schlacht von Lüttich. Ein merkwürdiges Gefühl, zu wissen, daß irgendwie weit rechts von uns Kameraden bereits in Gefechte verwickelt sind. Sicher sollen wir einen Keil zu deren Entlastung nordwestlich in Feindesland treiben, uns in aller Heimlichkeit entfalten und eine Bedrohung darstellen, die eine Unterstützung für sie, die Angreifenden, bringt. ... Stunde um Stunde verrinnt. Immer größer werden die Steigungen im Gelände. Hin und wieder hören wir Gesang. Fetzen sind es von Soldatenliedern, die uns der Wind vom Gros zuträgt. Sicher wollen unsere Kameraden sich den Weg erleichtern, wollen nicht zu viel denken an alles, was hinter ihnen liegt. Wollen sich vorwärtsreißen lassen durch das Lied, das immer, in guten und in schlechten Tagen, zum deutschen Kriegsmann gehört.

Skizze 1:  Vormarsch 1914, von Stavelot-Fére Champenoise.

Abends zehn Uhr dreißig machen wir endlich in einem kleinen belgischen Flecken »Halt« und beziehen, nicht etwa im Orte selbst, sondern auf einer kleinen Anhöhe, Biwak. erstes Biwak in Feindesland. Noch sind die letzten Kameraden nicht damit zu Ende die Gewehrpyramiden auszurichten, da packen sich die ersten auch schon zwischen die Ackerschollen. Wie die Säcke fallen sie um, so todmüde sind sie von dem geleisteten gewaltigen Marsch des ersten Tages. Uns Apfelessern geht es nicht besser. auch wir haben die Nase voll, sind aber bestrebt, zuerst einmal ein Plätzchen aufzuspüren, an dem wir uns von anderer Belastung frei machen können. Obstessen und Wassertrinken vertragen sich nun einmal nicht. Nach und nach sind wir wohl ein Dutzend Krieger, die nicht durch eine Eva, wohl aber durch ein paar rote Backen verführt, vorerst aus dem Paradiese des Schlafes vertrieben worden sind. Und auch nicht hineingelangen können. Mein Bauch gibt die ganze Nacht keine Ruhe. Immer wieder suche ich den Ort der Befreiung auf, allein bin ich nie an dieser Stätte, die erste unrechtmäßige Beute ist auch an vielen anderen nicht bekommen, wohl aber die Einsicht, daß manchen unsinnig klingenden Befehlen der Armee bei näherem Hinsehen eine reiche Erfahrung zu Grunde liegt.

Drei Uhr nachts schon geht es weiter auf unserem Marsch. In der alten Reihenfolge, daß heißt, die Ersten ganz vorn sind wieder wir, schiebt sich die zweite Armee weiter nach Nordwesten. Uns scheint es fast, als ob die Hitze dies mit allen Mitteln verhindern will. Immer unbarmherziger brennt sie uns auf die »Birne«, und schon um die Mittagszeit fallen die ersten Reservisten. Fußkrank geworden sind die armen Kerle, obgleich sie auf lauter Zeppelinen - so nennen wir die besonders großen Wasserblasen - liefen. Auch viele andere können schon vor Schmerz kaum weiter. Als ein kleines, schmuckes Städtchen uns aufnimmt, stürzen sie in »Gruppenkolonnen« um. Die Truppe ist am Ende ihrer Leistungsfähigkeit angelangt, sie bezieht deshalb nachmittags gegen 4 Uhr schon Quartier. Hat jedoch in der vergangenen Nacht die Kavallerie die nächtliche Sicherung der Spitze übernommen, so ist es diesmal an uns, diese Aufgabe zu lösen. Schlau macht man es beim Kommiß, die richtigen »Brüder« herauszubekommen. Der Alte sträußelt durch das Gelände und kommt auch zu unserem Zug. »Wieviel Fußkranke?« ist seine kurze Frage. »Keine.« »Sonstige Abgänge???« »Keine.« »Also seid ihr völlig auf der Höhe?« »Jawohl, Herr Hauptmann«, darauf er: »Ihr werdet von mir hören.«, er sich zum Gehen wendet.

Damit hat die ganze Angelegenheit scheinbar ihr Ende gefunden. 15 Minuten später befiehlt der Feldwebel »Antreten«. Im Karree versammelt läßt der Alte eine Rede vom Stapel, die sich nur so gewaschen hat. »Wie immer«, beginnt er, »ist der erste Zug meiner Kompanie der frischeste geblieben. Mag sein, daß ihr anderen durch den Staub besonders behindert waret, es ändert aber nichts an der Tatsache, daß ich die erste schwere Aufgabe vor dem Fein nur meinem ersten Halbzuge anvertrauen kann...« usw. Und so geschieht es auch. Während alles sich in frisches Stroh verkriecht, soll sich der erste Halbzug, zu dem auch ich gehöre, mit Ruhm bekleckern! Jawohl.... bekleckern, haben uns die anderen gefrozzelt. Wir, 18 Mann stark, bekommen den Auftrag, sofort nach dem Ausgange des Ortes zu marschieren und bei Einbruch der Dunkelheit einen der vielen Wege, die feindwärts führen, zu sichern. Außerdem ist eine bestimmte, sehr wichtige Wegegabelung zu besetzen. Wir erfahren und werden besonders scharf instruiert, daß in unseren Händen die Sicherheit des ganzen Korps ruht. Man beschwört uns, besonders gegen die Müdigkeit anzukämpfen, kein Auge zu schließen und auf jeden Zivilisten unwiderruflich zu feuern, der sich uns nähert und auf Anruf nicht sofort steht. Auch wird uns vor Augen geführt, daß wenige Dörfer seitlich von uns in der Nacht vorher ein von Gardejägern gestellter Posten von Franktireurs überrumpelt und des Morgens zerhackt und verstümmelt auf dem Misthaufen eines Gutes gefunden worden sei. Grund genug ist also vorhanden, daß uns schon jetzt das Gruseln über den Rücken läuft, wenn es auch einer vor den anderen nicht »zeigen« will.

Endlich trollen wir los. Meine Karte ist ein Stück weißer Karton, und es ist kein schönes Gefühl, wie wir noch sehen, daß die Brücke vor dem Ort, die ein kleines Flüßchen überspannt, von Pionieren besetzt ist. Sie sind damit beschäftigt, Sprengkapseln an den Pfeilern anzubringen, und wir wissen genau, was dies im Falle eines Angriffs für uns bedeuten kann. Rückwärts beobachten wir, wie man Dächer abdeckt und mit Maschinengewehren versieht. Alle Mauern von Häusern und Scheunen, die feindwärts zeigen, müssen sich Löcher gefallen lassen. »Schießmöglichkeiten für den Ernstfall!« Der Ernstfall... das sind wir, oder vielmehr wir sind diejenigen, die im Ernstfall zuerst »daran glauben müssen«. Befehl ist Befehl. Unsere soldatische Erziehung duldet es nicht, daß wir uns viele Gedanken über das Nebenbei unseres Kommandos machen. ...

Schon nach wenigen Minuten Marsch  ist alles schwarz in schwarz versunken. Pechfinstere Nacht umschlingt uns, und ist es doch ein etwas eigenartiges Gefühl Schritt um Schritt zu versuchen, vorwärts zu dringen. ... Eine Weggabelung soll der Platz unserer Feldwache werden, vor der sich nach der Karte Wald befindet. Als ein Weg, von dessen Vorhandensein wir nichts erfahren haben, links seitwärts in unbekanntes Gebiet sich verliert, lassen wir zwölf Mann als Vorsicht zurück. Sechs aber versuchen, ohne Geräusch zu machen, einer hinter dem anderen, weiter im Graben nach vorn zu kriechen. Glücklich sind wir, wie sich nach etwa viertelstündigem Schleichen in ziemlich nassem Tau die Straße tatsächlich teilt und Vorstöße von etwa hundert Meter zur Rechten und zur Linken auf der Straße uns feststellen lassen, daß auch der Wald, wie angegeben, vorhanden ist. Die Sicherung des Gros an dieser Stelle liegt jetzt nur noch in unserer Hand. ... Mitternacht ist längst vorüber, und eigentlich müßte unsere Ablösung schon eingetroffen sein. Sagt doch das Reglement der preußischen Armee, daß Posten vor dem Feind nur eine Stunde zu »stehen« haben. Wie es 1 Uhr wird und nichts in der unheimlichen stille geschieht, beginnt der Kampf unseres Körpers gegen die Müdigkeit mit aller Macht zu entbrennen. Wie tot liegen wir aneinandergepfercht. Jedes Sprechen ist verboten, auch selbstverständlicher Erhaltungstrieb, daß keiner es wagt, eine Zigarette zwischen die Lippen zu stecken. Nicht einmal riskieren dürfen wir, auch nur den kleinsten Schlick aus der Feldflasche zu nehmen.

Denn doppelt und dreifach stark ist jedes, selbst das leiseste Geräusch in einer solchen Nacht vernehmbar, anerzogenes Verantwortungsgefühl aber so groß, daß wir keinen Augenblick daran denken, unsere Pflicht auch nur im Geringsten zu verletzen. Schon hoffen wir, daß die Nacht ohne Störung vorübergeht, da höre ich plötzlich rechts seitlich vor mir ein schleichendes Geräusch. Behutsam, Schritt für Schritt schiebt sich etwas auf mich zu. Der Atem stockt mir, und die klammen Finger umkrampfen das Gewehr, als wollten sie einen Halt daran finden. Millimeterweise, ohne einen Laut zu verursachen, bringe ich es langsam vorwärts und in Anschlag. Eine Täuschung? Wieder ist es ruhig geworden, doch jeder Schlaf aus meinem Körper gewichen. Die Sinne, zum Springen angespannt, versuchen, die Finsternis zu durchdringen. Nichts ist zu hören jetzt, und ich bin fest überzeugt, mich geirrt zu haben... Da ist es wieder, dieses unheimliche, ungekannte feine Geräusch, wie es wahrscheinlich Menschen verursachen, die über eine wiese oder ein Feld behutsam vorwärtsschleichen. Auch mein Kamerad hat es diesmal gehört. Leise tippt er mir an das Bein zum Beweis, daß er der gleichen Meinung ist, den Feind vor sich zu haben. ... Näher und näher, jetzt schon deutlich vernehmbar, kommen Schritte. Wie der erste Schatten über den Grabenrand sich zeigt, ist mit dem ruf »Halt, wer da?« auch schon der Finger an den Abzug gekommen. Mein Schuß und kurz darauf auch der meines Nebenmannes zerreißen die Luft. Ein schwerer Körper stürzt in das Dunkel der Nacht zurück, bricht nieder und wird durch einen grauenhaften Hexensabbath abgelöst. Wie die wilde Jagd, teils über uns hinweg, teils hinter uns auf der Chaussee stürzt das Unheil dem Städtchen entgegen. Es ist kein Unheil, sondern.... Kühe. Eine erschrockene große Herde, die in der Aufregung von den Bewohnern nicht zurückgetrieben wurde, vielleicht auch im Walde sich gelagert hatte und vor der marschierenden Truppe verborgen werden sollte. Ein unheimliches Feuer setzt jetzt in unserem Rücken ein. Das ganze Bataillon steht in den Wehren, alle Feldwachen feuern feindwärts und schweigen erst, als keine weiteren Schüsse von uns zu hören sind, wahrscheinlich aber auch die Art des merkwürdigen Feindes schon erkannt worden ist. Erst im Vormarsch des nächsten Morgens nimmt uns die Truppe wieder auf.

Ich erstatte niedergeschlagen und bis auf die Knochen blamiert meinem Kommandeur einen Bericht. Ein »Blick« und »Danke« ist alles, was er mir darauf zu sagen hat. Nach seiner Ansicht habe ich nicht nur die Kompanie... das ganze Bataillon habe ich blamiert. Unsere ganze Vergünstigung für die durchwachte Nacht besteht denn auch nur darin, daß wir am Ende der Kompagnie, in der geschlossenen Formation, marschieren dürfen, mehr Dreck fressen müssen als jeder andere, der vor uns einhertrampelt. Auch meine »lieben« Kameraden sorgen dafür, daß wir nicht ins Dösen kommen. Reizend, wie sie ihre Mündchen aufreißen, als sie nach und nach erfahren, welche Heldentat wir auf Vorposten geleistet haben. Wo ich auch stehe und gehe, wo ich mich sehen lasse, ertönen die Laute eines gewissen vierbeinigen Wiederkäuers. »Korporal Muh« wird mein Name, nicht nur von der Kompanie, vom ganzen Bataillon habe ich ihn binnen 24 Stunden erhalten, und es gibt Stunden, in denen ich ob meines Mißgeschickes verzweifeln will. Der andere Tag läßt alle Kränkung vergessen, und ich bin stolz darauf, Korporal Muh geheißen zu haben. Ein kleines Gefecht, das uns Gefangene machen läßt, ergibt die Bestätigung, daß in der verflossenen Nacht feindliche Kavallerie und viele bewaffnete Zivilisten einen überraschenden Angriff auf den Ort geplant und unseren Vormarsch hätten verlegen sollen. Die im Walde versprengten Kühe sind unsere Retter gewesen. Von dem ungewohnten Geräusch des feindlichen Vormarsches aus ihrem Schlaf geweckt, liefen sie nur durch einen Zufall in unsere Gewehre. Sie hatten in der Gefahr den Weg zu den Ställen gesucht und eine davon ihr Leben hergegeben, damit eine Ueberrumpelung des Städtchens vereitelt wurde. »Korporal Muh« wird, nachdem das Bataillon die Tatsache bekanntgibt, ein Ehrenname für mich. Im Kriegstagebuch des Regiments aber steht: »15. August: Nachts werden die Füsiliere unnötigerweise alarmiert.« Hier muß aber auch der Dienstauffassung unseres Zahlmeisters ein Denkmal gesetzt werden. Er hatte ernstlich erwogen, eine Eilrückfrage bei der Division zu halten, ob wir für die »sinnlose Munitionsvergeudung« in vollem Umfange im Solde gekürzt werden könnten. Solchen Kummer machten sich Zahlmeister in den ersten Kriegstagen. Man sieht, schon meine erste Kampfhandlung hätte mich und die fernsten Enkel ruinieren können..."

Auch die Regimentsgeschichte berichtet über die Märsche am Beginn des Krieges: "Auf diesen ersten Kriegsmärschen drangen nun auf uns all die Erlebnisse ein, die - dem alten Krieger später allzu vertraut - damals noch allen Zauber des Neuen und Ungewohnten hatten: die jedes Manövermaß übersteigenden Anstrengungen der Eilmärsche, Tag für Tag, in der glühenden Augusthitze, mit dem schweren Gepäck, in den noch neuen grauen Röcken, in den eben erst neu verpaßten Stiefeln; die stete Acht auf den Feind, auch auf die feindlichen Einwohner; die Verpflegung aus dem Lande; das sehnsüchtige Warten auf Post, Bagagen und Feldküchen; die Verhandlungen mit der fremdsprachigen Bevölkerung; der Kampf um die Unterkünfte mit benachbarten Truppenteilen; und über dem, allen die ungeduldige Erwartung des ungewissen und noch unvorstellbaren Kommenden: des blutigen Treffens mit dem Feinde!"

Am 16.08.1914 abends hatte das Regiment Les Avins und Umgegend erreicht. Hier ruhte das Regiment einen Tag. Karl Willnitz berichtet: "Petit-Alvins nennt sich der Ort, in dem wir heute spät des Nachts und todmüde endlich zur Ruhe kommen. ... Herrgott, haben »wir von der Kuhpatrouille« in dieser Nacht Holz gesägt. ... »Antreten,« schallt es plötzlich vom Nachbarhofe herüber. Nanu, es ist doch noch ganz finster und kaum zwei Stunden her, daß der alte Tag sich verabschiedet und der heutige eine Zahl, eine 17, erhalten hat. Zudem scheint der heutige Tag auch noch nicht einmal getauft zu sein, es regnet, was vom Himmel herunter will. Auch das dauernde Trommeln in der Nacht war kein Maschinengewehrfeuer, wie wir geglaubt, sondern dicke schwere Regentropfen, die sich auf einem Blechdach neben unserer Scheune die Schädel eingeschlagen haben. Wir sind durchaus nicht darüber erbost, daß wir einmal ohne brennende Sonnenhitze marschieren werden. Hoffentlich kommt es auch so weit, daß wir heute ein großes Stück in der Richtung auf Paris marschieren müssen. Fehlgeschossen! Der 17. August ist ein Ruhetag. Nur ein paar Kompagnien kämmen das Vorgelände ab. Sie suchen Aufnahmestellungen zu ermitteln, falls aus der Festung Namur - sie soll irgendwo südwestlich vor uns liegen - ein Ausfall erfolgt.

Mit der Bevölkerung kommen wir auch nicht ins Reine. Unaufgefordert erscheint sie des Mittags vollzählig auf dem Kirchplatz, lauscht den Klängen unserer Regimentsmusik und benimmt sich scheinbar ganz friedlich. Wir wissen jedoch, daß sie in der Morgenmesse in der alten Kirche, die zum erstenmal[1] deutsche Regimentsmusik zum hören bekommt, in ihr Gebet den Sieg der belgischen Waffen eingeschlossen und vom Herrgott ausrotten möge. »Vielleicht hat der liebe Gott gerade sein belgisches Wörterbuch verlegt,« spöttelt Hübner, ein Kamerad von mir, als er von der Herausforderung des Pfaffen dieses Ortes hört, »und gar nicht die Worte vernommen, die uns an den Kragen gehen sollen.« Ein anderer meint: »Den besseren Stahl haben wir. Daß unsere Gewehre nicht von Pappe sind, das dürfte sich mittlerweile auch herumgesprochen haben.«"

Am 18.08.1914, dem Tag der Schlacht von St.-Privat im Jahre 1870, wurde die Richtung geändert. Den Weg nach Westen versperrte die Festung Namur, die vom Garde-Reserve-Korps eingeschlossen und angegriffen werden sollte. Das Gardekorps bog nach Norden ab und überschritt bei der kleinen veralteten Festung Huy, jenem Ort, der im Pfälzer Erbfolgekrieg vor über 200 Jahren schon einmal die Garde aus Potsdam gesehen hatte, die Maas. Am Abend dieses 18.08.1914 kam das Regiment zum ersten Male in lose Berührung mit dem Gegner. Als nämlich die wiederum von den Füsilieren gebildete Spitze von Huy her in nordwestlicher Marschrichtung sich dem Dorf Héron näherte, brachten Patrouillen der Leibgardehusaren die Meldung, dieser Ort sei außer von bewaffneten und kämpfenden Einwohnern, auch von belgischen regulären Truppen besetzt.

"Das Füsilierbataillon (Vortrupp) und das folgende II. Bataillon entwickelten Schützen, einige Batterien der 1. Garde-Feld-Artillerie wurden vorgezogen und eröffneten das Feuer; aber da der schwache Gegner nicht lange standhielt, kam es nicht zu einem Gefecht unserer Schützen. Immerhin war an diesem großem Gedenktage unseres Regiments zum ersten Male unsere kriegerische Spannung erregt, die Geschütze hatten gedonnert, einige Gehöfte waren in Flammen aufgegangen, und als bei einbrechender Nacht die Kompanien in den Dörfern Bierwart und Héron sich Unterkunft und Verpflegung suchen mußten, wurde es zum ersten Male nötig, mit Schärfe gegen die äußerst feindselige Bevölkerung vorzugehen, die alle Gehöfte verschlossen und alle Vorräte versteckt hatte."  berichtet die Regimentsgeschichte.

An der Spitze des Regimentes marschierten wie erwähnt die Füsiliere, wie erging es Karl Willnitz bei diesem ersten Gefecht für das Erste Garderegiment zu Fuß im neuen Krieg? Er berichtet: "Das lange Schlafen ist uns gar nicht bekommen. Scheinbar sind unsere Glieder doch schon Marschmaschinen geworden, fühlen sich nur noch wohl, wenn sie täglich immer neue Kilometer zu fressen bekommen. Auch heute brauchen sie keinen »Hunger« zu leiden. Es werden nach und nach wieder eine ganze Menge, die wir »auf Kammer« bringen, und erst gegen 10 Uhr vormittags heben wir westlich Goesnes die ersten Gräben aus. Um keinen Irrtum entstehen zu lassen: Gräben sind es eigentlich nicht. Mit dem Spaten werden ein paar Schaufeln Dreck nach vorn aufgeworfen, schön mit Rasen verkleidet und fertig ist die Laube. Friedensgräben sind es, ohne jeden Zweck und Sinn. Keiner der langen Lulatsche kann sich dahinterpacken, daß er feindwärts nicht noch Sicht behielte und, was viel bedenklicher ist, von dort auch gesehen werden kann. Sowohl das belgische wie auch das französische Geschoß durchschlagen zudem diese Erdbuckel ohne jede Anstrengung. Wer also glaubt, Schutz zu finden, sobald er sich dahinterpackt, hat sich geirrt. Weiter geht es. Die Marschrichtung, die wir einschlagen, ist jetzt nicht mehr westlich, sondern mehr nach Norden gerichtet. Gegen 2 Uhr sind wir an der Maas. Huy, die alte Festung, liegt auf der anderen Seite. Sie ist bereits gefallen, und die Spuren des Kampfes, der Stunden vorher hier tobte, sind noch zu sehen. Er scheint sehr schwer gewesen zu sein. Alle Fensterkreuze hat man aus den Häusern herausgeschlagen, Sandsäcke sind zu Tausenden in diesen öden Fensterhöhlen aufgebaut. Daß dahinter Schützen postiert waren, davon zeugen die vielen Treffer auf dem diesseitigen Ufer. Schneidig haben sich die Pioniere benommen. Mitten in der Schlacht haben sie begonnen, eine Brücke über die Maas zu schlagen. In wenig Stunden soll sie fertig sein, so daß wir sie überschreiten können. Für uns bedeutet dies wieder einmal Ruhe vor dem Sturm. Lagern dürfen wir uns, wo wir es für richtig finden, die Offiziere stehen in Gruppen zusammen und sogar die Sonne meint es wieder gut, zu gut, wie immer in den letzten Tagen. Kein Wunder, daß wir jeden Schatten uns zu sichern wissen. Sogar der dicke Rauch, der noch immer aus den brennenden Ruinen steigt und wie eine schwere Fahne am Himmel hängt, wir von uns benutzt, um in seinem Schatten den brennenden Sonnenstrahlen zu entgehen. Verführerisch locken die kühlen Wellen der Maas. ....

Gegen 3 Uhr ist die Brücke vollendet, und wir sind die ersten, die auf dem schwankenden Stege auf das andere Ufer hinüberwechseln. Selbstverständlich singen wir, und was wir singen, ist nicht schwer zu erraten, das Deutschlandlied natürlich. Denn so weit ist nunmehr auch sein Text in Ordnung: »Von der Maas bis an die Memel...« Schlechter als wir gelangen die Fahrzeuge über den wippenden Hühnersteg. Nicht einmal die leicht gebauten Gulaschkanonen können uns folgen. Als wir in der alten Festungsstadt eine Marschpause einlegen, fehlt es an allem. Leben jedoch müssen wir. Fünf Minuten erhalten wir Zeit vom Kommandeur, um uns privat einzudecken. Wie ein Bienenschwarm fliegt die Kompanie auseinander, um in den Läden, es sind nur wenige in dem Bezirk, in dem wir uns gerade befinden, zu verkrümeln. Wer die längsten Beine hat, hat die größten Aussichten, das Meiste zu erwischen. Ich habe solche. Nie werde ich die Augen jener Bäckersfrau vergessen, die ängstlich mir ihre Brote herausgibt und ganz erstaunt ist, daß ich ihre Ware in klingender Münze bar bezahle. Sie weinte, die alte Frau, zu maßlos erschüttert für die Wahrheit gegenüber den Greuelmärchen über die »kinderhassenden« Boches.

Weiter geht es. Da alle anderen Kompanien erst hinter uns die Maas passiert haben, sind wir wieder einmal Spitze und durchaus mit diesem Zustand einverstanden. Wieder habe ich den Straßengraben zur Rechten mit Beschlag belegt und wieder spenden die Bäume mir ... Schatten. Das Obst, das auch hier noch der Reife entgegensieht, schauen wir nur noch mit einem scheelen und einem wehmütigen Auge an. Ein besonders großer Apfel, der verlockend auf meinem Wege liegt, zerschellt unter der Wucht einer wohlgezielten »Fußballvorlage«, daß der Saft mir bis in die Augen spritzt. Leider ist es schon nach kurzer Zeit mit dem Schatten aus. Hunderte von Bäumen hat man wieder gefällt und kreuz und quer durcheinandergeworfen. Ob die Franzposen wirklich glauben, unseren Vormarsch damit aufzuhalten? Wenn sie wenigstens diese Hindernisse als Barrikaden benutzen würden. So viele wir jedoch passieren und überklettern, sie sind alle unbesetzt und vom Feinde noch immer nichts zu spüren. Nicht einmal die Farbe der Kleidung wissen wir. Die Feststellung, ob rote oder blaue Hosen, ist ein ungelöstes Problem. Gestern hat der Kommandeur erklärt, daß er demjenigen einen Taler schenken würde, der ihm als erster sagen könnte, welche Hosen der Franzose - den Belgier nehmen wir als Feind nicht ganz ernst - im Felde trägt.

Etwas weiter rechts von uns sind plötzlich Schüsse gefallen. Diesmal hört man schon am Schall, daß sie viel näher abgefeuert wurden als jene, die immer noch in der Luft stehen und zu dem Artillerie-Duell bei Namur gehören. Auch ein Nest, welches plötzlich in einer Senke vor uns liegt, macht nicht den Eindruck, als ob es gewillt sei, uns friedlich passieren zu lassen. Ich kann nicht sagen, woher es kommt, daß ich dies spüre. Vielleicht ist mir doch der Schreck von den allzu nahen Schüssen in die Glieder gefahren. Als eine Straße sich rechts seitlich zwischen den Feldern verliert, lese ich an einem Wegkreuz: Héron 0,5km. Das muß ich nach hinten durchgeben, vielleicht trägt das dazu bei, die Orientierung zu vervollständigen. Ich nehme also zuerst einmal im Graben volle Deckung und rufe meinem Kameraden das Gesehene zu. Der ist von der Chaussee verschwunden, wie überhaupt im gleichen Augenblick, als ich Deckung nehme, alles Feldgrau hinter mir verschwunden ist. Donnerwetter, denke ich, das ist ja Vorschrift, daran habe ich nicht gedacht. Verschwindet im Augenblick der Gefahr die Spitze, verschwindet auch Vortrupp und Vorhut und harrt in voller Deckung der Dinge, die da kommen sollen. Also raus mit der Nase und raus mit den Augen wieder, während meine Nachricht ihren Weg nach hinten nimmt. Der Ort ist tatsächlich besetzt. Hätte man rechts nicht so blödsinnig auf unsere Kavallerie geknallt, wären wir wahrscheinlich auch in dieses Nest hineingetrudelt und in eine Falle geraten. Jetzt springen sogar feindliche Soldaten auf der von uns einzusehenden Straße im Ort von der rechten zur linken Seite. Immer wieder einer ... husch, ist er zwischen den Häusern verschwunden. Den nächsten kaufe ich mir, das steht fest. Bum ... der torkelt, erreicht aber doch noch die schützende Deckung einer alten Scheune, die das erste Haus dieses Ortes auf meiner Straßenseite ist. Was wir wissen wollen, ist dennoch aufgeklärt. Den ich da getroffen habe, der hatte rote Hosen angehabt, und der Taler, der gehört mir. Das will ich gleich in Ordnung bringen.

Der Gefahr nicht achtend, benehme ich mich wie ein blutiger Anfänger. Kaum, daß ich mich aufrichte, pfeift es mir auch schon um die Ohren. Donnerwetter, die Sache ist gut ausgegangen. So also sieht eine Feuertaufe aus. Na, schließlich kann ich auch im Graben weiterrufen: »Sie haben rote Hosen an, ... rote, weitersagen.« Dann gehe ich heran, mir ein Schußfeld auszumachen. Hinten hat sich das ganze Regiment schon in Schützenlinie entwickelt. Ueberall in den Feldern sieht man in der Sonne die Seitengewehre blinken. Es geht los und wir haben das seltene Glück, genau am Jahrestage von St. Privat unsere erste Schlacht zu erleben. Irrtum. Es gibt keine Schlacht. Eine Viertelstunde vergeht, in der alles wartet, was nun eigentlich kommen wird. Da ... auf einmal pfeift es über unseren Köpfen. Die Erste Garde-Feldartillerie jagt Granaten und Schrapnells als Erwiderung zum Feind. Dem ist wahrscheinlich die Spucke weggeblieben. Denn schon nach der dritten oder vierten Salve kommt am Kirchturm ein Bettlaken heraus. Kein Gewehrschuß verläßt den Lauf. Auch die über die Straße wechselnde französische Infanterie scheint keine Lust zu verspüren, sich mit uns zu messen. Im Ort selbst stehen mehrere Gehöfte sofort in Flammen. Das scheint auch der Grund zu sein, weshalb die Stadtverwaltung sich entschlossen hat, sich doch lieber mit uns in Verhandlungen einzulassen. Nach einer Stunde ziehen wir ein. Uns von der Spitze kommt es zu, als erste in den Ort zu marschieren.

Ohne Wirkung, das sehen wir sofort, ist unser Infanteriegeplänkel nicht geblieben. Auf der Straße liegt, quer durch die Schulter geschossen, ein toter französischer Korporal. Es ist der einzige, der rote Hosen trägt. Wie wir durch einen Schäfer - die Scheune ist eine Schäferei - erfahren, liegt auch ein Belgier verwundet in seinem Stall. Ich habe also in der Aufregung gar nicht gemerkt, daß auch eine Kameraden Schüsse gewechselt. Der Belgier erklärt, daß der tote Franzose ein Instrukteur für belgische Regimenter sei und seine Kameraden geflohen sind. Um den Franzosen bemühen wir uns. Während meine Kameraden nach etwas Eßbarem suchen, öffne ich seinen Tornister. Meine Beute ist glänzend. Ein Privatopernglas fällt mir in die Hände und eine ganz neue, auf Leinwand gezogene französische Generalstabskarte mit wichtigen Einzeichnungen nehme ich in Besitz. Das ist eine Freude, eine Karte zu besitzen, die sicherlich sehr wichtig ist. Kuchen. Keine 10 Minuten habe ich sie besessen, da hat sich ihrer auch schon mein Hauptmann bemächtigt und freudestrahlend dem Kommandeur davon Mitteilung gemacht. Der muß sie sofort haben und, was soll ich viele Worte machen, schon in einer Stunde ist mein schönes Beutestück bei der Division angelangt. So groß ist die Aufregung über diesen Fund, daß man sogar meinen Taler vergißt."

In dem Dorf Héron wurde also am Abend des 18.08.1914 Quartier genommen. Es wurde versucht zu requirieren, zum Teil auch mit harten Methoden. Hier trat dann auch noch einmal eine Einrichtung auf, die eigentlich schon längst abgeschafft war: Ein Marketender. Karl Willnitz berichtet: "Eigenartig benimmt sich die Bevölkerung dieser Stadt. Mit Ausnahme der Schäferei sind alle Türen der Häuser verrammelt. An den Brunnen haben sie sogar die Schwengel herausgeschraubt und auch im Ort wieder ein paar schöne alte Bäume quer über die Straße gefällt. Wenn sie jedoch glauben, daß wir diese Hindernisse selbst beseitigen würden, sie haben sie sich geirrt. Die Zivilbevölkerung selbst muß diese Barrikaden beiseite schaffen und, da dies sehr rasch geschieht, liegt die Vermutung nicht fern, daß es die gleichen Männer waren, die wohl die Bäume auch fällten. Nachdem die Gewehre zusammengestellt worden sind, versuchen wir in den Läden etwas zu kaufen. Eine neue Ueberraschung für uns. Es ist nichts Eßbares dort zu verhandeln. Man hat alles vor uns beiseite gebracht. Während dies uns maßlos empört, macht es dem Privatmarketender unseres Regiments scheinbar Freude. Wir sehen es seiner Fratze direkt an, daß er glaubt, nunmehr einen großen Zuwachs in seinem Geldbeutel zu erreichen. Der Bursche hat sich jedoch auch diesmal verrechnet. Unsere Abneigung, die wir seit langem gegen ihn tragen, entlädt sich sogar in heftigen Worten, als er für seinen Mist, den er uns andrehen will, drei- und vierfache Preise von uns fordert. Es stimmt also doch, was die Kameraden schon längst von ihm erzählten, daß er ein ganz großer Wucherer sei, schlechte Zigaretten und noch schlechtere Zigarren verkaufe und in seinem Falle sogar für ein Glas Wasser Geld verlangt habe. Bei uns ist der Schweinehund bis zum jüngsten Gericht vorgemerkt und sicherlich wird ihn auf Erden schon der »heilige Geist« erwischen.

Die Bevölkerung bekommt es jetzt doch mit der Angst zu tun. Mit unseren Beilpicken machen wir Ernst, um in die Gehöfte zu gelangen. Das ist keine Musik für belgische Ohren. Hier und da öffnet sich plötzlich eine Tür, jetzt auch ohne Nachhilfe, ja die Einwohner wagen es sogar, gestikulierend auf die Straße zu kommen. Wir machen ihnen klar, daß wir nicht plündern wollen, sondern Wasser brauchen und dieses haben müssen. Nicht plündern? Das geht nicht in die Köpfe dieser Bauern, die auffallend gut Deutsch sprechen und von denen wir erfahren, daß sie ihre Feldfrüchte bis zum Kriegsausbruch auf die rheinischen Märkte geschickt haben. Sogar Tauschgeschäfte wickeln sich jetzt ab und bringen den Marketender um die erhofften Silberlinge. Das Haus, welches mir als Quartier zugewiesen wird, hat einen Volltreffer erhalten. Etwas schräg ist er oben in das Dach hineingerutscht, durch das ganze Gebäude hindurchgeflitzt und etwa einen Meter hoch über der Straße an der hinteren Seite des Gebäudes wieder hinausgegangen.

Merkwürdigerweise ist die Granate nicht krepiert. Pioniere sind dabei, sie von der Straße aufzuheben und festzustellen, woran dies gelegen haben mag. Im Hause selbst ist trotz des Blindgängers allerhand Aufregung entstanden. Der Sohn des Besitzers, ein Junge von 11 Jahren, ist von dem Luftdruck gegen die Wand geschleudert worden, unser Oberarzt, der ihn untersucht, hat ein paar Schrammen gefunden und den Bengel einfach ins Bett gesteckt. ... Mein Quartier hat plötzlich Zuwachs bekommen. Der Stab ist eingezogen und bringt von hier aus seine wichtigsten Geschäfte in Ordnung. Als er sich endlich zum Umzug entschließt und in ein schöneres Haus hinüberwechselt, bleiben nur mein Hauptmann, dessen Adjutant und drei weitere Kameraden zurück. Leider sind wir vier weiter »Gefechtsordonnanz«. Unsere Aufgabe ist es, die Befehle herumzutragen und Meldung zu erstatten, daß die bereits gegebenen durchgeführt sind. An der Tür stehen nach meiner Rückkehr Doppelposten. Nanu, denke ich, was hat denn dies zu bedeuten? Der Hauptmann klärt uns auf: Die Fahne des Bataillons hat ihren Einzug bei uns gehalten. Sie wird auch die Nacht bei uns bleiben, und wir haben sie zu schützen.

Schon wollen wir den Tag beschließen - draußen ist es bereits pechfinstere Nacht - da steht plötzlich vor unserer Tür jammernd der Privatmarketender. Er hat keine Unterkunft finden können und kein Kamerad hat ihm geholfen, seine Ware zu schützen. Durch Betteln und immerwährendes Beschwören, ihm doch zu helfen, erreicht er schließlich bei unserem »Ober«, daß dieser ihm erlaubt, den wichtigsten Inhalt seines Wagens bei uns abzustellen. Den gleichen Raum, durch den die Granate ihren Weg gesucht, erhält er zugeteilt. Wir schmunzeln, wie wir sehen, daß er sich nach und nach mit Kisten und Kasten bevölkert. Auch meine Kameraden, die draußen sind, stellen fest, daß der Augenblick gekommen ist, dem heiligen Geist ein Signal zu geben. Obgleich der fliegende Budiker des Nachts unmittelbar neben seinen Vorräten schläft, hat »Er«, der körperlose, doch das Granatloch benutzt, um die erwucherten Prozente zugunsten der ganzen Mannschaft auszugleichen. Nicht einmal Meldung hat der Marketender des Morgens über seinen Verlust erstattet.

Als wir schon im Abrücken sind, sehen wir noch, wie er zornerfüllt seine gestern - ach so schweren und heute hui, wie leichten - Kisten auf seinen Wagen packt und es für richtiger hält, sein Rößlein heimwärts zu lenken. Es ist keine Trauer bei uns darüber entstanden, daß wir ihn niemals wiedergesehen haben. Sicher ist es auch eine Lektion für ihn gewesen, festzustellen, wie schwer man mit dem »ersten Hieb« Kirchen essen kann. Wir vier haben auf Befragen von dieser nächtlichen Generalbilanz im Nebenzimmer nichts gehört, wir hatten die Fahne zu schützen. Sie war uns anvertraut worden und nicht anders wußten wir sie zu hüten, als daß wir sie alle sechs zu einer Art Kopfkissen benutzten und unsere schlafmüden Köpfe auf die sie umschließende Hülle legten. Diese Vorsicht darf man nicht als ängstliche Maßnahme auffassen. Drastischer Anordnungen hatte es bedurft, um die äußerst feindseligen Einwohner manches Ortes darauf aufmerksam zu machen, daß Krieg sei. Die Verbissenheit, mit der die Franctireurs jedoch in anderen Orten des Nachts gekämpft, gebot uns, hundertprozentig sicherzugehen. Und das wußten nun wieder wir: Einige Posten vor der Tür sind rasch umzulegen, vor allem, wenn sie nach solchen Gewaltmärschen, wie wir sie hinter uns hatten, müde sind. Ein Zimmer aber ist immer gut zu verteidigen und auch auf längere Zeit zu halten. Würde uns etwas zustoßen, so war gewiß, daß jeder vom Regiment alles daran setzen würde, unsere Fahne nicht an den Feind zu verlieren."

Am 19.08.1914 wurde der Marsch wieder aufgenommen. Er wurde zusehends durch den wachsenden Staub beschwerlich. Die 1. Garde-Division machte dabei den Umgehungsmarsch der 2. Armee um Namur herum auf dem inneren, linken Flügel mit. Fast jede Nacht war sie daher gezwungen, Sicherungsstellungen gegen die Festung auszuheben. Die Berührung mit dem Feinde wurde unterdessen immer enger und in der Nacht vom 21. zum 22.08.1914 fiel auf einer Streife als erster Mann des Regiments der Füsilier Menge von der 11. Kompagnie. "Am Abend des 22. wurden wir, als wir im Dorfe Spy in Reichweite der schweren Geschütze von Namur Ortsbiwak bezogen und uns gerade mit allem für Abendessen und Nachtruhe Erforderlichen versorgt hatten, mit schweren Granaten aus dem Dorfe herausgeschossen. In schwarzer regnerischer Nacht ging es weiter, auf gewundenen Straßen, bergauf, bergab, und schließlich kam das Regiment in und um Schloß Miélemont bei Onoz unter, um hier seinem ersten Gefecht entgegenzuschlafen" berichtet die Regimentsgeschichte. Am 22.08.1914 hatte an der ganzen Sambrefront die erste größere Schlacht getobt, die der deutsche rechte Armeeflügel auszufechten hatte. Dem Vormarsch der 1. und 2. Armee nördlich Namur hatte General Joseph Joffre (12.01.1852 - 03.01.1931) die 5. französische Armee unter General Lanrezac entgegengesandt. Auf diese Armee, die sich im Sambre-Maas-Winkel versammelt und den Sambreabschnitt besetzt hatte, traf nach ihrem Einschwenken gegen Südwesten die deutsche 2. Armee, während gleichzeitig die 1. Armee bei Mons auf die Engländer stieß. Während die 2. Armee am 22.08.1914 die Sambreübergänge erkämpfte, war die 1. Gardedivision nördlich des Flusses als linke Flankendeckung stehen geblieben. Für den Kampf am Folgetag jedoch, den die Franzosen in vorbereiteten Stellungen südlich der Sambre erwarteten, wurde auch die 1. Gardedivision herangezogen, um auf dem linken Flügel anzugreifen.

Von diesen Vorgängen wußte natürlich der Füsilier Willnitz nichts, als er über die Tage nach dem 19.08.1914 berichtet: "Der nächste Tag sieht uns wieder unter dauerndem Kanonendonner der Schlacht um Namur nach Westen ziehen. Teilweise werden sogar Stellungen ausgehoben und besetzt. Immer richtet sich unsere Kampffront gegen die Festung. Man sagt von ihr, daß sie sturmreif sei und Ausfälle zu erwarten sind. Der Ring um Namur ist aber fest geschlossen. Auch der nächste Tag bringt keine Ueberraschung  für uns. Wir biegen jetzt schon in südlicher Richtung ab und überlassen die letzte Arbeit unseren anderen Kameraden. Auch kleine Feuergeplänkel im Vorgelände halten unseren Marsch am nächsten Tage nicht auf. Marschieren... in drückender Hitze immer wieder marschieren.... Am 22. August ist der ganze Heerwurm endlich wieder beisammen. Stark bergig wird das Gelände, und es geht nicht mehr so hurtig voran wie an all den anderen -tagen vorher. Dies ist für uns noch schlimmer als das pausenlose Marschieren. Dauerndes Stoppen im Lauf macht uns müder, als wir glaubten und froh sind wir, des Abends einen Ort, Spy heißt er, zu erreichen und dort biwakieren oder vielmehr.... biwakieren zu dürfen. Gerade sind wir dabei, es uns bequem zu machen, da hat irgend ein Hund von Franctireur von unserem Eintreffen und Rasten an diesem Platze der Festung Namur Mitteilung gemacht. Schlag auf Schlag und mit absoluter Sicherheit sitzen die schweren Festungsgranaten in unserer Mitte. Wenn die Munition nicht so schlecht wäre, würde es ein maßloses Blutbad geben. So aber gelingt es, nach der ersten Bestürzung leicht aus der Gefahrenzone zu entweichen und die uns zugedachte Himmelfahrt bis auf weiteres zu verschieben. Pioniere behaupten später, es seien verschiedene dieser Granaten mit Sand gefüllt gewesen. Mit oder ohne Sand ist mir jedoch gleich. Ich bin froh, dem Gebiet der fliegenden »Bettkästen« - so nennen wir die Festungsgeschosse - entronnen zu sein. Das Telefon selbst jedoch scheint man getroffen zu haben. Ueber eine Stunde sind wir schon weit vom Schuß, da hämmern noch immer die Geschosse auf unser altes Gelände.

Es ist ein herrliches Gefühl für uns, zu wissen, daß all die Dinger, die dort ihren letzten Seufzer getan, uns nicht mehr behelligen werden. Außer uns ist die ganze Division zurückverlegt worden. Ohne daß wir es geahnt, waren wir im Kreise marschiert und hatten eine Nordwestfront gegen Namur bezogen. In Chateau Miélmont erfahren wir, daß unsere Führung durch Befehl an diese Stelle beordert worden war. Chateau, dich werd´ ich nie vergessen. Nach elendem Marsch in stockfinsterer Nacht sind wir in dich bei strömendem Regen eingezogen. So müde sind wir, daß jeder Posten vierfach besetzt wird. Selbst die Oberleitung weiß, daß es nach den Strapazen dieser Tage einfach ausgeschlossen ist, daß einer allein sich des Schlafes erwehren kann. Heute ist Sonntag. Das heißt, irgendwer behauptet dies. Ob es wirklich stimmt, müssen wir erst an den Fingern nachprüfen. Tatsächlich, es stimmt. Der zweite Sonntag in Feindesland ist es und der dritte, seitdem wir den Treueschwur in Potsdam geleistet haben. Es regnet noch immer. ... Durch jedes Gewebe sickert der Regen hindurch, selbstverständlich auch hier durch alle Zeltbahnen, die wir als Dächer über unserer Ruhestatt errichtet haben. Leider ist durch das dauernde Zusammenrollen jede Imprägnierung des Stoffes in die Brüche gegangen. Vielleicht könnte man bei diesem »Sauwetter« aber auch die Zelte mit Blech beschlagen, es würde immer noch nicht genügen, um uns vor der Nässe zu schützen. ... »Zelte abbrechen und alarmbereit halten.« kann man von draußen schon den Befehl hören. So. Auch dieses ist wieder einmal geschafft. Der Alte darf allerdings heute nicht auf den Gedanken kommen, Mäntel- und Zeltbahnsitz auf den Tornistern einer Revision zu unterziehen. Wie die Lämmerschwänze hängen die Teile rechts und links herunter. Der Teufel soll den nassen Mist holen, den zu rollen schon im trockenen Zustande eine Wissenschaft für sich bedeutet.

»Ohne Tritt marsch.« »Eigentlich ein Blödsinn... ohne Tritt marsch. Bei jedem Schritt muß man auftreten«, meckert einer. »Najah... aber ohne... verstehste das denn nich« hört man einen Sachsen antworten. »Wat is denn ohne... ohne is jar nischt???« tönt das Organ des Berliners dazwischen. »Das, was de in deiner Dunstkiepe nich drinne hast«, gibt der Dresdener zurück. »Haaaaalt!« Das unerwartete Kommando unterbricht jede Zivilunterhaltung. Wieder geht es »ohne Tritt« weiter. Der Hof eines alten Schlosses nimmt uns auf, und im großen Karree marschiert das Regiment auf.... Etwas neues erleben wir.... unsern ersten Feldgottesdienst in Feindesland. Das Gedenken gilt dem bisher einzigen Toten unseres Regiments, einem Füsilier der elften Kompanie. Sein Leben wurde ausgelöscht, als er in treuer Pflichterfüllung auf Vorposten stand. Sein Name wird nie vergessen sein. Er war also der erste, das fehlende Glied in der Kette, das uns mit all den vielen der anderen Kriege verbindet. Wie eine Salve dröhnt der Präsentiergriff, den wir ihm zu Ehren in den stillen Schloßhof legen, durch die Stille dieses Vormittags, wie ein Choral der Sang vom guten Kameraden, den mehr als 3.000 Kehlen als letzten Gruß ihm bringen. »Das Gewehr über«. Marschrichtung ist das Kampfgelände der zweiten Garde-Division. Während wir unserm lieben Toten die letzte Ehre erwiesen, ist es dort ernst geworden."

Die Regimentsgeschichte berichtet über die Szene im Schloßhof von Miélmont: "Am Mittag des 23. versammelte Seine Königliche Hoheit der Prinz Eitel Friedrich das Regiment im offenen Viereck auf dem Schloßhofe. Er ritt die Front der Kompanien ab, um jedem noch einmal ins Auge zu sehen, und teilte dann den Tod des Füsiliers Menge mit. Die Musik spielte das Lied vom guten Kameraden, das von 3000 Stimmen mitgesungen wurde. Dann ließ er präsentieren und verlas den Dank seines kaiserlichen Vaters für die großen Marschleistungen auf dem rechten Heeresflügel, die Mitteilung vom Siege in Lothringen und den Gruß an sein Regiment, während aus dem Sambretal ununterbrochen der Donner der Kanonen schallte. Noch einen letzten Blick warf der Kommandeur auf die prachtvollen Gestalten seiner Grenadiere und Füsiliere, die die unverhohlen geäußerte Bewunderung der belgischen Schloßbewohner erregt hatten, und dann ging es, unter freudigem Gesang, dem ersten Waffengang entgegen!"

St.-Gérard

Als die Sambre bei Jemeppe überschritten wurde, zeigten sich überall die Spuren des vorangegangenen Kampfes, den dort am Morgen die 2. Gardeinfanteriebrigade ausgefochten hatte. Sie stand nun, die 2. Gardeinfanteriedivision links verlängernd, in langsam vorschreitendem Gefecht auf der Linie etwa bei Ham-Fosse. Die 1. Gardeinfanteriebrigade sollte sie wiederum links verlängern und so den feindlichen rechten Flügel umfassend angreifen. Gleichzeitig sollte gegen die nun im Rücken liegende Festung Namur gesichert werden. Bei gewitterschwüler Hitze wurden zunächst die Höhen bei Ham erklettert. "Der nahe Kanonendonner beschleunigte das Marschtempo; jeder brannte darauf, endlich an den Feind zu kommen. In Ham wurde auf unergründlichen Waldwegen nach Osten abgebogen. Hier fielen die von belgischen Soldaten weggeworfenen Uniformstücke auf; später erfuhren wir, daß jeder Belgier im Tornister Zivilkleidung mit sich führte, um sich im gegebenen Augenblick umziehen und entwischen zu können. Als das Regiment bei dem Chateau de la Taravisée aus dem Wald heraustrat, wurde es entfaltet, die Fahnen wurden enthüllt, die Patronenwagen geleert, und vorwärts ging´s an den Feind. Das Regiment, das Befehl hatte, den Feind bei St. Gérard anzugreifen, nahm das I. und II. Bataillon in die erste Linie zur Entwicklung an der Straße Fosse-St. Laurent, I. rechts mit Anschluß an die 2. Brigade. Das Füsilier-Bataillon sollte hinter dem linken Flügel gestaffelt folgen; Kavalleriesicherung nach Namur lag den Leib-Garde-Husaren ob." (aus der Regimentsgeschichte)

Einer der Soldaten beim Füsilierbataillon war Karl Willnitz. Er berichtet: "Schon der Abschuß und jetzt auch der Einschlag schwerer Granaten zeigen uns, wie sich ganz in unserer Nähe eine große Schlacht entwickelt. Es geht gegen die Sambre. Bei Jemeppe will man eine Brücke schlagen und eine Umgehung des Feindes versuchen. So sickert es durch bis zu uns »Gewehrnummern«. Was wirklich los ist, erfahren wir sicher erst später. Es geht ja auch nicht an, daß man uns allzu wichtig nimmt und, wie einige meinen, sogar die Gefechtslage erklären müßte. Die Behelfsbrücke ist schon fertig. Sie hält mehr, als sie unseren Augen zu versprechen scheint. Auch der Regen hat aufgehört. Sofort brennt uns die Sonne wieder reichlich auf den Brägen. Wir sind froh, wie ein dichter Wald uns verschluckt und dessen Blätterdach uns etwas Kühle als Sonntagsgeschenk spendet. So liebenswürdig der Wald sich oben erweist, so hinterhältig zeigt er sich in seiner Bodenfläche. Als wir uns in Schlachtordnung entwickeln, ist es vor allem das dichte Unterholz, das keine Verbindung auf Sicht mit dem Nebenmanne duldet. Löcher sind da und so gut getarnt, daß sehr oft drei, vier Mann einfach vom Erdboden verschwinden. Dazu läuft alles, was freie Bahn hat, viel zu hastig nach vorn. »Anschlußhalten« brüllen wir wie die Verrückten. Da vorn gibt es aber eiserne Kreuze zu verdienen, und da halte ein anderer den »Ersten Hieb«, wir können es nicht schaffen und wollen doch ehrlich eingestehen, daß auch uns im freien Gelände kein Zuruf von rückwärts jetzt halten könnte. Ein unvergeßlicher Anblick für uns, wie nach dem Durchqueren des Waldes die vier silberweißen Fahnen mit dem schwarzen Adler im Mittelfelde entfaltet werden. Vor den Schützenlinien gehen ihre Träger und stolz recken sie unsere Symbole empor, daß der Wind in ihrem Tuche nur so knistert. Kein Infanterieschuß fällt nah und fern. Und doch ist es schon Kampfgelände, durch das wir eilen. Viele Uniformen liegen herum. Wenn man sie genauer betrachtet, sieht man, daß es belgische sind. Von ihren Trägern ist nichts mehr festzustellen. Ob es wahr ist, daß sie sich in Zivilkleidern, die sie stets bei sich tragen, gerettet haben?"

Hauptmann Kuno von Sick, Regimentsadjutant bei Kriegsausbruch, Regimentsgeschichte

In der Regimentsgeschichte wird der weitere Ablauf wie folgt beschrieben: "4.30 Nachmittags traten die Bataillone in lichten Wellen an, 5.20 eröffneten sie das Feuer auf gegenüberliegende Schützen. Schon hier, nördlich des Dorfes, wurde als ersten Offizier des Regiments der Adjutant Oblt. v. Sick verwundet, als er zur Beobachtung in die Feuerlinie der 5. Kompanie vorging. Der Feind hielt nicht lange aus, sondern ging auf die Waldstücke nördlich St. Gérard und der Mointigny-Ferme zurück. Beim weiteren Vorgehen in dem schwierigen Gelände hatte besonders das I. Bataillon unter feindlichem Artilleriefeuer zu leiden." Der Bataillons-Tambour vom I. Bataillon, Sergeant Wierczoch, berichtet: "Als das Semper-talis-Bataillon an einer Hecke angelangt war, auf die sich feindliche Artillerie besonders gut eingeschossen hatte, Da erhob sich der Major Graf zu Eulenburg, zog den Degen, faltete die Hände über dem Korb, ging hochaufgerichtet ruhigen Schrittes durch die Hecke und überwand so die Unruhe der Schützen."

 Skizze 2:  St.-Gérard-Ermeton, 23./24.08.14. Regimentsgeschichte

Karl Willnitz vom Füsilierbataillon berichtet: "Weiter... Viele Tote bedecken jetzt die Wallstatt, Deutsche, Franzosen und Belgier, friedlich zum letzten Schlummer vereint. Mit der Schlachtordnung sind wir so garnicht einverstanden. Das Hauptgetöse scheint in unserem Rücken zu sein. Wir haben das Gefühl, mit einer verkehrten Front zu kämpfen. Trotzdem müssen wir dem Befehle gehorchen und vorwärts gehen. Unsere klitschnassen Uniformen trocknen jetzt auf dem Leibe. Aus jedem einzelnen von uns zieht sich die Sonne ein Schäfchenwölkchen Wasserdampf heraus. Auch der Wald, der sich einen Hügelhang hinaufzieht, und in den wir wieder eingedrungen sind, baut sich eine Wolke. Bodennebel, vorerst noch, der alles verdeckt, was uns gefährden könnte. Hoffentlich kommt uns kein Feind unter die Stiefelsohlen. Die Marke Elefant würde er sein Lebtag nicht vergessen. Immer toller wird der Kanonendonner. Jetzt steht er auch vor uns. Also sind wir doch richtig. Falsch ist es nach unserer Ansicht jedoch, uns jetzt in der geschlossenen Formation marschieren zu lassen. Aha, auch hinten hat man gemerkt, daß dies nicht geht. Mit fünfzig schritt Abstand, es ist mittlerweile 5 Uhr nachmittags geworden, entwickeln wir uns erneut in Schützenlinie. Sssst..... Sssst..... saust es uns um die Köpfe. Der große Augenblick für meine Kameraden ist da, auch sie erhalten jetzt die Feuertaufe. So wie wir uns den Krieg bisher vorgestellt haben, sieht er jedoch in Wirklichkeit gar nicht aus. Kaum, daß wir ernst machen und sprungweise in Gruppen vorgehen... ran wollen an den Feind... ist er verschwunden.

Kavallerie meldet, er habe sich in die Waldstücke bei St. Gérard zurückgezogen. Wenn er doch auch seine Artillerie, zurückziehen würde. Daran denkt er aber garnicht. Schuß auf Schuß sitzt in unseren Reihen. Bei weiterem Vorgehen gesellen sich jetzt auch Schrapnells zu den bisher verwendeten Granaten. So harmlos sehen die kleinen weißen Wölkchen aus und doch sind die Schrapnellkugeln so groß in ihrer Wirkung, daß sehr oft ganze Gruppen meiner Kameraden von einer einzigen Streuung verwundet werden. Immer noch stehen unsere Fahnen wie Burgen im Angriff. Das heißt, sie stehen nicht still. Meter um Meter wird erkämpft und in vorderster Linie sind sie, die uns auch heute vorangehen wollen."

Das "Semper talis"-Bataillon bei St. Gérard am 23. August 1914, Gemälde von Erich R. Döbrich-Steglitz, Archiv Seitenautor

Über den weiteren Verlauf der Schlacht beim I. Bataillon berichtet die Regimentsgeschichte: "Im weiteren Vorgehen hatte besonders die 2. Kompanie empfindliche Verluste. Dem Feldwebel Böhmer waren 4 Schrapnellkugeln durch den Leib geschlagen. Im Sterben hatte er nur die eine Sorge, dem Kompanieführer, Hptm. v. Weiher, die Kasse noch richtig zu übergeben. Der Zugführer, Offizierstellvertreter Uhlendorf, wurde schwer verwundet, der Fahnenträger, Sergeant Gehrke, fiel. Bei sinkender Sonne waren die Linien des I. Bataillons vor das Dorf St. Gérard gelangt, das noch vom Gegner gehalten wurde, das II. Bataillon lag in gleicher Höhe links davon. Da die Erschütterung des Feindes auf der ganzen Linie deutlich erkennbar war, gab der Regimentskommandeur Befehl zum Sturm. Als die Grenadiere mit aufgepflanztem Seitengewehr sich dem Dorfrand näherten, räumte der Gegner. Mit lautem Hurra durchstießen die Grenadiere das Dorf, in dessen Brande die silbernen Fahnen gespenstisch leuchteten." Die Fahne des I. Bataillons wurde nach dem Tod von Sergeant Gehrke (2. Kompagnie) vom Einjährig Freiwilligen Unteroffizier Bartels weiter getragen. Die Zeitschrift für Heereskunde (Nr. 32, August 1931) berichtet: "Nach dem Gefecht ernannte ihn der Rgts.-Kommandeur zum Sergeanten, wohl ein einzig dastehender Fall in der preußischen Armee. Wenigstens haben wir von Einjährig-Freiwilligen Sergeanten bisher noch nichts gehört."

Karl Willnitz berichtet ebenfalls über den Sturm auf das Dorf: "Jetzt scheint der Feind doch erschüttert zu sein. Sein Schießen wird ungenau und immer weniger Geschosse sind es, die uns noch erreichen. Jetzt stürmen können, denken wir. Da kommt auch schon vom 1. Bataillon herangebraust, der alte preußische Schlachtenruf. Hurra! Wie die Wiesel sind wir auf den Beinen, die Fahnen voran, so stürmen wir das Dorf und singen zwischen den brennenden Ruinen den Choral von Leuthen. Der erste Sieg! Leise rauschen die vom Flammenwiderschein im Winde wehenden alten Fahnen ihr Lied. Ob sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählen, ob sie von den Toten sprechen?" Die Regimentsgeschichte berichtet weiter: "Nach Erstürmung des Dorfes fanden die Kompanien für kurze Zeit Ruhe. Tief ergriffen ließ die siegreiche Truppe den Choral von Leuthen zum Himmel steigen, und der Anblick der vom Qualm der Granaten und aufgeworfener Erde geschwärzten Grenadiere vor dem Dorfe, dessen Flammen die Dämmerung erhellten, war ein unvergeßlicher Eindruck. Der erste Siegesabend! Zum ersten male hatte es Tod und Wunden gegeben (30 Tote, 70 Verwundete hatte das Regiment verloren); die erste Probe war bestanden;  der erste von so vielen Siegen war erfochten!"

Bald wurde zur Verfolgung angetreten, das Regiment gelangte dabei noch bis südlich Denée. Zu dem erwarteten Kampf um dieses Dorf kam es nicht mehr, der Feind hatte es schon geräumt. Das II. und das Füsilier-Bataillon gruben sich südlich des Dorfes ein, das I. Bataillon und die MG-Kompagnie bezogen im Dorf Ortsbiwak. Die Nachtruhe wurde noch durch eine wilde Schießerei beim II. Bataillon gestört, deren Ursachen nicht ganz geklärt werden konnten. Vermutlich hatten sich Erstes und 2. Garderegiment zu Fuß gegenseitig beschossen, "denn Leutnant von Lyncker, der sich in dieser Nacht mit einer schneidigen Patrouille das Eiserne Kreuz II. Klasse verdiente, war erst in größerer Entfernung auf französische Postierungen gestoßen." berichtet die Regimentsgeschichte.

Bei Sonnenaufgang geht es weiter. An diesem 24.08.1914 war ausnahmsweise das 3. Garderegiment zu Fuß als Spitze der Division vorne. In langsamer Verfolgung gelangte das Erste Garderegiment zu Fuß gegen Mittag bis an den Bahnhof Ermeton in der von Ermeton nach Bismerée sich hinziehenden Mulde, wo es in der Marschkolonne mit der Front nach Westen bei zusammengesetzten Gewehren ruhte und Kaffee empfing. Die Regimentsgeschichte berichtet: "Da traf beim Kommandeur des I. Bataillons die Meldung des Oblts. v. Gagern vom 2. Garde-Ulanenregiment ein, daß auf der Straße dicht jenseits Ermeton starke belgische Kolonnen zurückfluteten, Ermeton selbst aber vom Feinde frei sei. Graf Eulenburg sagte sich, daß hier schnellstes Zupacken geboten sei; jedes Abwarten von Befehlen bedeutete Zeitgewinn und Rettung für den Feind. Er ließ daher, unter Meldung an das Regiment das I. Bataillon kehrt machen und, mit der Leibkompanie als Vorhut, auf Ermeton antreten. Als die Spitze unter Lt. Graf Hardenberg sich dem Dorfe näherte, bekam sie starkes Infanteriefeuer aus dem Ort, der wider Erwarten noch von belgischer Infanterie besetzt war.

Da ritt der Adjutant, Lt. H.-S. v. Oppen, ein Gewehr über die Schulter geworfen, im Galopp in das Dorf hinein. Eine tödliche Wunde war die Folge solcher Tollkühnheit. Er verstarb noch in der Nacht im Feldlazarett in den Armen seines Regimentskommandeurs und Freundes, als erster Offizier des Regiments, von allen Kameraden auf das tiefste bedauert. Graf Eulenburg ließ nun die Leibkompanie vor dem Westausgang, die 3. Kompanie auf einer Höhe südlich des Dorfes liegen, und drang mit der 2. und 4. Kompanie von Süden her in das Dorf ein. Der Regimentskommandeur, der die Gefahr für das Bataillon erkannte, konnte die Maßnahmen nicht mehr hindern, sondern nur noch die beiden anderen Bataillone südlich und nördlich zur Entlastung des I. Bataillons einsetzen. Bei diesem nahm das Schicksal innerhalb des Dorfes seinen Lauf. Die 2. und 4. Kompanie trafen sich mit der inzwischen von Westen eingedrungenen Leibkompanie in der Nähe der Kirche. In allen Straßen des Dorfes, besonders um die Kirche herum, wo sich leider auch noch die 3. Kompanie einfand, entspann sich nun ein wütender Straßen- und Häuserkampf. Die Belgier saßen gut versteckt in jedem Hause, auch unter dem Dach und auf dem Turm der Kirche. Es blieb schließlich nichts anders übrig, als sie »auszuräuchern«. Der Semper-talis-Grenadiere, die sich feige überfallen fühlten, hatte sich eine unbändige Wut bemächtigt, so daß sie keine Schonung walten ließen. Schließlich mußte aber das Dorf, nachdem es vom Feinde gründlich gesäubert war, auch von den Unseren geräumt werden, weil sich inmitten der brennenden Häuser eine zu große Hitze entwickelt hatte. Hptm. v. Weiher, der als vierter Führer das Bataillon übernommen hatte, führte die durcheinander gekommenen Kompanien aus dem Dorfe heraus."

Interessanterweise berichtet Karl Willnitz über den Kampf um Ermeton etwas anders: "Mit den ersten Sonnenstrahlen des nächsten Tages sind wir wieder auf den Beinen. Soweit das Auge reicht, sind alle Höhen mit vorgehenden Gardisten bespickt. Ein herrliches Bild. Es ändert sich auch nicht, obgleich wir Stunde um Stunde weitere Buckel und Berge nehmen. Selbst um zwei Uhr nachmittags ist noch immer nichts vom Feind zu spüren. Ich liege mit einigen Kameraden kurz vor dem Ort Ermeton und beobachte in etwa vier Kilometer Entfernung ein Waldstück, das mir belebt erscheint. Da heißt es: »Ein Offizier kommt zu uns gekrochen.« Soll er kommen. Was schert es mich, das Waldstück ist besetzt. Da hole mich dieser und jener, auf meine Augen kann ich mich verlassen. Oppen Hans-Siegismund, einer der beliebtesten Offiziere meines Regiments, kommt in diesem Augenblick in unsere Stellung. »Was gibt´s, Kameraden? Da drüben was los?« »Jawohl, Herr Leutnant, es scheint Artillerie dort zu sein, sie gräbt sich gerade ein.« »Was«, sagt er, »diese Aaasbande«, und weg ist er wieder. »Mein Pferd«, hören wir ihn noch kurz hinter uns rufen und in gestrecktem Galopp auf Ermeton zureiten. Wie alle Offiziere hat er längst seinen Revolver außer Gebrauch gesetzt. Sein Gewehr tanzt ihm um die Schultern bei diesem Ritt... Keiner, auch er nicht, weiß, daß Ermeton noch von Belgiern und Franctireurs besetzt ist. Dies wird erst allen klar, als ein tödlicher Schuß Oppen vom Pferde reißt. Glücklich soll er gewesen sein, daß ihm das Schicksal vergönnte, den ihm nachstürmenden Grenadieren noch die Meldung von der auffahrenden Artillerie in jenem uns gegenüberliegenden Wald zu übergeben. Als erster Offizier des Regiments ist der lustige Oppen - wie wir ihn wegen seiner steten Fröhlichkeit nannten - wenige Stunden später an seiner Wunde verstorben. Seine Meldung aber lebte. Schnell hat unsere Artillerie die feindliche in ihren Stellungen zu fassen gewußt. Keines der Geschütze ist davon gekommen und der »Vergeltung« entgangen. Immer mehr Truppen werfen wir nach Ermeton hinein. Es ist ein Kampf, an dem sich tatsächlich auch die Zivilbevölkerung beteiligt. Wo sich ein schützendes Versteck vorfindet, sitzt ein Schütze, ein Maschinengewehr. Wir können nur Boden gewinnen, wenn wir außer mit Gewehr und Schwert auch mit Feuer vorwärtsdringen. Ein Haus nach dem anderen geht in Flammen auf. So erbittert ist das Ringen, daß oft erst im letzten Augenblick die feindlichen Soldaten, noch mit der Waffe in der Hand, aus den Fenstern springen. Als wir uns zur Kirche herangearbeitet haben, sehen wir, daß man selbst unter deren Dach und im Turm Maschinengewehrschützen postiert hat.

Ein tolles Stück leistet sich Füsilier Pelzer, ein Bayer, der 9. Kompanie. Als wir im Sprunge um eine Straßenecke biegen wollen, schlägt uns ein unerhörtes Feuer entgegen. Jeder weiß, Vorgehen ist sicherer Tod, und springt deshalb zurück, um zuerst einmal den Standort der feindlichen Schützen auszumachen. Ganz anders der Bayer. Aufrecht und von uns noch gesehen, steht er allein auf der Straße. Wie auf einem Schießstand bewegt er sich und schießt seine sämtlichen Patronen in aller Seelenruhe aus dem Rahmen. Um ihn herum hagelt es nur so von Querschlägern, so daß uns sein Leben keinen Pfifferling mehr wert erscheint. Pelzer aber steht wie unter einer Tarnkappe. Als er keine Patronen mehr besitzt, kommt er in aller Ruhe zurück und sagt: »Malefiz Sakrament, dös Schießeisen hat nix mehr zu fressen.« Eine ganze Hand voll Patronen entnimmt er der Tasche eines Verwundeten und will dann wieder »da hinaus gehen«. Das lassen wir jedoch nicht zu, er muß warten, bis wir alle gemeinsam »gehen«. Durch die Gärten sind längst rechts und links Kameraden vorgedrungen. Mit ihrem Hurra springen wir jetzt vor und in wenigen Augenblicken sind die Schützen überrumpelt. Wie hier, so gelingt auch an vielen anderen Stellen durch überraschenden Bajonetteinsatz die Entscheidung des Kampfes. »Vor den deutschen Bajonetten haben wir einen Mordsrespekt«, sagen uns später die Gefangenen.

Gegen Abend ist der ganze Ort in unserem Besitz... oder auch nicht. Das von uns in die Häuser gelegte Feuer hat sich derartig gewaltig ausgebreitet, daß infolge der großen Hitze ein Aufenthalt in der Nähe des Dorfes nicht mehr möglich ist. Kurz hinter dem Nest, in Richtung Biesmerée, biwakieren wir deshalb in einem spitzen Dreieck in einer Bodensenke. Sie wird von aufgeschütteten Eisenbahndämmen gebildet, die bei Ermeton sich teilen und in drei verschiedene Richtungen auseinanderlaufen. Uns interessiert dies nicht. Bald schon sinken wir in tiefen Schlaf. Er läßt uns vergessen, daß wir mit schweren Verlusten einen kleinen Erfolg heute teuer erkaufen mußten."

Das Erste Garderegiment zu Fuß, hier im Speziellen das I. Bataillon, hatte in den Kämpfen um Ermeton des 24.08.1914 schwer gelitten und besonders viele Offiziere verloren, die im Straßenkampf sehr leicht zu erkennen waren (auch dank der hohen Helmspitzen, die nach und nach immer kürzer getragen wurden). Gefallen war Leutnant Hans Hans-Siegismund von Oppen, der Adjutant des I. Bataillons. Verwundet waren Major Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken, die Hauptleute von Roeder und von Schilling, die Oberleutnants von Bock und der Reserve von Engelbrecht, die Leutnants Graf Hardenberg, Hans Ulrich von Trotha und von Rheinbaben. Letztere beiden konnten, wie der am Vortag verwundete Oberleutnant von Sick, jedoch beim Regiment verbleiben, da sie nur leicht verwundet worden waren. Gefallen waren 3 Unteroffiziere und 14 Grenadiere. "Es kann nicht verwundern, daß am Abend dieses Tages keine Siegesstimmung beim I. Bataillon aufkam, es überwog die Erbitterung über die schweren Verluste und die Wut auf den Feind; allzu teuer war der Sieg erkauft worden." (aus der Regimentsgeschichte)

In der Nacht mußten die frei gewordenen Führerstellen neu besetzt werden.

Stellenbesetzung des Ersten Garderegiments zu Fuß vom 24.08.1914

Quelle: Eitel Friedrich, Prinz von Preußen / Katte, von: Das Erste Garderegiment zu Fuß im Weltkrieg 1914-18, Berlin 1934, Junker und Dünnhaupt

Chef: König Wilhelm II. von Preußen, Deutscher Kaiser

Kommandeur: Oberst Eitel Friedrich Prinz von Preußen

Adjutant: Oberleutnant Graf von Matuschka

 

I. Bataillon Kommandeur: Hauptmann von Stutterheim

Adjutant: Leutnant von Werder

 

Leibkompagnie Leutnant Heinz von Freiherr Rheinbaben

2. Kompagnie Hauptmann von Weiher

3. Kompagnie Leutnant von Keudell

4. Kompagnie Leutnant Freiherr von Plettenberg

 

II. Bataillon Kommandeur: Major Graf von Merveldt

Adjutant: Leutnant Freiherr von Kettler

 

5. Kompagnie Hauptmann von Moltke

6. Kompagnie Hauptmann Wedigo von Wedell

7. Kompagnie Leutnant der Reserve Grothmann

8. Kompagnie Oberleutnant von Plüskow

13. (MG) Kompagnie Hauptmann von Witzleben

 

Füsilierbataillon Kommandeur: Major von Bismarck

Adjutant: Leutnant von Ammon

 

9. Kompagnie Oberleutnant der Reserve Graf Fink von Finckenstein

10. Kompagnie Oberleutnant Erich Freiherr von Hornstein-Bietingen

11. Kompagnie Oberleutnant Hartwig Brunsich Edler von Brun

12. Kompagnie Hauptmann von Schütz

 

Der bisherige Adjutant des Regiments, der verwundete Oberleutnant Kuno von Sick, verblieb bei der Gefechtsbagage.

Am 25.08.1914 wurde weiter marschiert, am 26.08.1914 wurde dann bei Eppe Sauvage in Richtung auf St. Quentin die französische Grenze erreicht. Die langen Tagesmärsche führten durch eine schöne, aber sehr unübersichtliche Waldlandschaft, in der der Feind die Garde in unangenehmster Weise hätte aufhalten können, doch war er offenbar zu erschüttert von den Kämpfen um St. Gérard und Ermeton. Überall fanden sich Zeugnisse eines fluchtartigen Rückzuges: Ausrüstungsgegenstände in großen Mengen und Ausplünderungen bei den eigenen Verbündeten und sogar der eigenen Landbevölkerung. Am 27.08.1914 wurde La Capelle erreicht, wo Ortsbiwak bezogen werden konnte. Der Einmarsch in das kleine Städtchen gab Gelegenheit zu einem Einzug mit Musik und zu einem Vorbeimarsch des Regiments am Prinzen Eitel Friedrich. Die "Potsdamer Wachtparade" hinterließ offenbar einen tiefen Eindruck bei den Bewohnern der Stadt. Ein Kriegsinvalide von 1870 meinte: "Das sind doch noch Soldaten! Seit Mac Mahon tot ist, habe ich in Frankreich keine Soldaten mehr gesehen!" (aus dem Tagebuch des Leutnant von Katte) Die Regimentsgeschichte berichtet: "Die Unterbringung in dem sauberen kleinen Städtchen war für Mann und Roß eine Wohltat. Nur das I. Bataillon mußte noch zur Sicherung bis Lerzy marschieren, wo es von den Einwohnern für Engländer gehalten und mit Blumenspenden und Wein begrüßt wurde." Die Gesamtlage entwickelte sich derweil so, daß die 2. Armee, die sich seit dem 24.08.1914 in ununterbrochener Verfolgung der an der Sambre geschlagenen 5. französischen Armee befand, nun am 27.08. mit ihren Spitzen und Vorposten an der Oise wieder auf den Gegner traf. Ein klares Bild von den Stellungen und Absichten des Feindes ließ sich jedoch aus den bisherigen Aufklärungsergebnissen nicht gewinnen, sodaß Generaloberst von Bülow erst am Abend zu einem Entschluß für den folgenden Tag gelangte. Das VII. Korps und das X. Reservekorps sollten im Anschluß an die 1. Armee in südwestlicher Richtung weitermarschieren und St. Quentin gewinnen; der linke Flügel der Armee, das X. Korps und das Gardekorps erhielten Befehl, sich am Ironbach zum Angriff über die Oise, der noch eingehend erkundet und vorbereitet werden sollte, bereitzustellen. Der Armeebefehl wurde um 23:00 Uhr ausgefertigt und gelangte erst nach Mitternacht zu den Regimentern.

Karl Willnitz berichtet: "Unser Sieg von St. Gérard-Ermeton ist größer, als wir es selbst bisher wissen. Weder am 25. noch 26. belästigt uns der Feind. Wie schwer er wirklich geschlagen ist, erkennen wir jedoch erst auf unserem Verfolgungsmarsch. Wieder finden wir überall zurückgelassene Ausrüstungsstücke; Batterien, bei denen die Bespannungen abgeschnitten worden sind und sich die Bedienung auf den Pferden gerettet hat, sind keine Seltenheit. Wir nehmen sie in Besitz und lassen, da wir weiter müssen, einen Zettel an den Rohren zurück: »Erbeutet vom 1. Garde-Regiment« Die Nachfolgenden haben es nicht schwer, aus der 1 eine 2 oder andere Zahlen zu malen. Irgendein Regiment wird dann schon diese Dinger einmal abliefern und Orden für deren Erbeutung in Empfang nehmen. Gegen Mittag beginnt ein neuer Abschnitt in unserem Vormarsch. Wir überschreiten die französische Grenze und singen natürlich wieder einmal unsere alten Kampflieder.

Mit seinem schönsten Gesicht empfängt uns der Erbfeind. Seine Niederlage ist Flucht! Hier, in diesen Höhenzügen und diesen wunderbaren dichten Wäldern wäre ein Widerstand möglich gewesen. Uns hätte er viele tausend Tote gekostet. Bedauernswert ist die Bevölkerung der kleinen schmucken Städte. Von ihren eigenen Landsleuten sind sie geplündert und gebrandschatzt worden. Immer wieder hören wir, daß die Fliehenden sie hart bedrängt, ja, mit Waffengewalt sich genommen, was einem schnellen Ausreißen gedient hat. Von der Gefechtslage und dem Schlachtenglück der Deutschen haben die Bürger keine Ahnung. Das tollste Stück leistet sich der Ort Lerzy in Nordfrankreich. Er hält uns bei unserem Einzug für Engländer und beschenkt uns mit Blumengirlanden, junge Mädel aber kredenzen köstlichen Wein. Wir haben sie in dem Glauben gelassen, daß sie Verbündete ihres Vaterlandes beschenken. Früh genug werden sie erfahren, daß englische Soldaten sich in Feindesland nicht in deutschen Lauten unterhalten. Irgendwo hört man am Abend wieder das Lied der Kanonenschlünde. Gar nicht so weit kann es sein, stellen wir fest. Also ist wieder einmal etwas im Gange. Tatsächlich sind unsere Vorposten, bei dem Versuch, über die Oise zu gehen, beschossen worden. Der Feind »steht«, ergo müssen wir »wandern«."

St. Quentin

Kurz nach Eintreffen der Befehle wurden die Soldaten alarmiert, die Schlacht um St. Quentin begann. Die Regimentsgeschichte berichtet: "1 Uhr nachts wurden die in tiefem, erquickendem Schlaf liegenden Bataillone zu »stillem Alarm« geweckt, um 2 Uhr wurde La Capelle in Richtung St. Quentin verlassen, und im Morgengrauen die Stellung am Ironbach, zwischen L´Echelle und Buironfosse erreicht, die - wie für Gardekorps und X. Armeekorps befohlen - zur Bereitstellung gegen den an der Oise gemeldeten Feind eingenommen werden sollte. In den Vormittagsstunden mußten sich die Regimenter eingraben, in dem steinigen Lehmboden eine harte Arbeit. Kaum waren die Gräben ausgehoben und die Feldküchen herangezogen zur Ausgabe der warmen Mittagskost, da hieß es auch schon wieder: »Fertigmachen zum Weitermarsch«. Der Oberbefehlshaber der 2. Armee, General von Bülow, hatte sich entschlossen, X. und Gardekorps zum Angriff auf die Oiselinie anzusetzen, um die dort gemeldeten schwachen Kräfte zu werfen und die Verfolgung südlich des Flusses fortzusetzen. Die 1. Garde-Infanterie-Division setzte den Marsch auf der Straße nach Guise fort; die Vorhut, bei der sich das 1. Garderegiment befand, hatte Befehl, über Maison des trois pigeons auf Monceau abzubiegen, und dort den Übergang zu erzwingen. Das 1. Garderegiment bestimmte das Füsilier-Bataillon zum Vortrupp, Major v. Bismarck schob die 9. Kompanie als Spitzenkompanie vor. 2.30 Uhr rückte sie bei Malcarée an General v. Hutier vorbei; als sie 2.45 Uhr von der Chaussee abbog, hörte man die Sprengung der Oisebrücke bei Monceau.

Der Marsch führte zunächst noch über das Höhengelände nördlich der Oise, das von flachen Mulden durchschnitten war; Monceau, im tiefen Oisegrunde gelegen, nach Husarenmeldung von feindlicher Infanterie besetzt, war noch nicht zu sehen. In der dem Dorfe zunächst gelegenen Mulde entwickelte Major v. Bismarck sein Bataillon, rechts von der 9. die 12., links die 11. Kompanie, die 10. in der 2. Linie. Das II. Bataillon bekam Befehl, den Füsilieren von den Höhen aus, besonders mit Maschinengewehren, die nötige Feuerunterstützung zu gewähren."

Auch Karl Willnitz von der 9. Kompagnie des Füsilierbataillons berichtet über diese Episode: "Mitten im tiefsten Schlaf werden wir geweckt. Schon zwei Uhr nachts marschieren wir durch La Capelle in der Richtung auf St., Quentin und beziehen am Ironbach bei L´Echelle Stellung. Den Boden dieser Landschaft haben vor Urzeiten Riesen festgestampft. Und die Sonne mit ihrer Glut hat ihnen geholfen, aus schwerem Lehm gebrannte Ziegel zu machen. »Nicht zum Hineinkommen«, fluchen wir. Unsere Spaten aber biegen sich krumm und unsere Picken sprühen Funken. Gott sei Dank! Der Befehl »Fertigmachen« trifft gerade in dem kritischen Augenblick ein, als einige vor Wut platzen wollen. »Ohne Tritt Marsch« bringt Abkühlung in unsere Gemüter. Guise durchziehen wir singend. Dort sitzt das 3. Garde-Regiment in Quartier und begrüßt das Schwesterregiment der 1. Garde-Infanterie-Brigade. Wir bringen für sie den Befehl zum Aufbruch.

Nebeneinander marschieren wir aus dem Ort und empfangen anläßlich einer kurzen Rast das Köstlichste für den Soldaten, ein gutes Mittagessen und... Briefe. Bei dem letzteren muß ich jedoch eine kleine Einschränkung machen. Immer wenn sie unverhofft zur Verteilung gelangen, hängt ein Pferd in der Luft, »in dicker Luft selbstverständlich«. Auch diesmal stimmt es bis auf das Tipfelchen vom i: Wir werden Vortruppe der Vorhut und gehen als Spitzenkompanie gegen den Feind. Wieder sind es Höhenzüge, dicht bewaldete, die wir durcheilen. Unterbrochen werden sie nur durch flache Mulden, in denen kleine Bergwasser plätschern. Thüringen, geht mir durch den Sinn... Heimat... Eine Riesendetonation zerreißt in diesem Augenblick die Luft, daß die Heimatgedanken zerstieben und... Die große Oisebrücke hat man gesprengt, um uns aufzuhalten. »Kommt nicht in Frage«, scheint das Echo tausendfach unsere Antwort in die Täler zu tragen, und »kommt nicht in Frage« sagen auch wir, als wir in dichter Schützenlinie ein kleines Nest, Leschelle durchlaufen. Hinter Lechelle weitet sich der Anblick für das Auge. Vor uns liegt ein dutzend kleiner Dörfer. Als seien sie einer Spielzeugschachtel entnommen, so wirken die sie auf uns. Eisenbahnlinien und Chausseen durchziehen das Gelände, und tief im Tale vor uns breitet sich eine größere Ansiedlung, eine kleine Stadt, Wiége aus."

Die Regimentsgeschichte berichtet nun: "Nachdem die 1. Garde-Feld-Artillerie das Feuer auf die Brückenstelle sowie auf die Dörfer Roméry und Faty eröffnet hatte, bekam das Füsilier-Bataillon 3.45 Befehl zum Antreten. Die 9. arbeitete sich durch das brennende Monceau vor, während zu ihren beiden Seiten 12. und 11. von den Hängen dem Flußufer zueilten. Zunächst mußten sie, ohne selbst aus geeigneten Stellungen das Feuer eröffnen zu können, im anschwellenden feindlichen Feuer vorgehen;  aber einmal im Grunde angelangt, vermochten sie nach kurzem Feuerkampfe des Gegners Herr zu werden. Unsere zahlenmäßige Überlegenheit, die ungeschickt ausgewählte Stellung der Verteidiger sowie die vorbildliche Schießausbildung unserer Füsiliere taten das ihre, um einen Übergang unter nur geringen Verlusten zu verhelfen. Zu den Opfern des Kampfes zählte der Führer der 11., Oblt. Frhr. Brunsich von Brun, den die tödliche Kugel traf, als er mit seinen Schätzern einen zwischen Monceau und Roméry gefundenen Laufsteg über den Fluß betrat. Einer der Besten, den ein Kamerad den »vornehmen, eisernen Mann« nannte.

Die Romantik des Krieges, wie sie den jungen Soldaten von 1914 noch von der Überlieferung von 1870 her vorschwebte, wurde hier lebendig. Ein brennendes Dorf, eine gesprengte Brücke, über die der Fluß in Strudeln weiterfloß, das Grollen der Geschütze und das Knattern des Gewehrfeuers, tausendfach widerhallend von den Hängen, tote und verwundete Franzosen in blauen Röcken und roten Hosen auf grüner Wiese verstreut, Gefangene, die abgeführt wurden, zurückgehender Feind, der im Feuer unserer Schützen niederbrach: das alles vereinte sich zu einem Eindruck, wie unsere Phantasie ihn oft erträumt hatte und wie unsere Sinne ihn in diesem »grauen« Kriege nicht mehr oft wahrnehmen sollten."

Skizze 3:  Monceau-Colonfay 28. - 30.08.14. Regimentsgeschichte

Bei der 9. Kompagnie berichtet Karl Willnitz: "Mit aufgepflanztem Seitengewehr und Sprung auf... marsch. marsch, geht es in Schützenlinie die Höhen hinunter. Bei uns stimmt das Kommando in keiner Weise. Wir müssen einen Steinbruch hinunterhangeln, kriechen, rutschen, was weiß ich, was noch alles mehr, und freuen uns, daß hier und da eine junge Birke unseren sicheren Absturz immer wieder zum Halten bringt. Eine Art Flankenstoß ist es, den wir ausführen und der uns tatsächlich unbehelligt in die Gärten von Monceau bringt. Gut gedeckt liege ich gerade hinter einer Steinschwelle, die zu einer kleinen Laube führt, da beobachte ich mit meinem Glas eine Gruppe höherer französischer Offiziere jenseits der Oise. Keine achthundert Meter sind sie von uns entfernt. Sie beobachten nur nach vorn - in jener Richtung, in der sie unseren Angriff erwarten. Graf Fink von Finckenstein, mein Hauptmann, kommt zu uns auf den Knien gerutscht. Ich erzähle ihm von meiner Wahrnehmung. »Ihr seid doch das Kaiserpreisbataillon«, gibt er mir zur Antwort. »Nun haltet einmal hin und versucht, vor allen Dingen, den höchsten Offizier zu treffen«. Tatsächlich hatten wir, das Füsilier-Bataillon, den Kaiserpreis wiederholt erschossen.

Unter Aufsicht ausgerechnet sollten wir nun beweisen, daß wir vom guten Schießen noch etwas behalten hätten. Also her mit der Knarre. Korn und Kimme decken sich in einer Linie mit den noch immer im Gelände frei stehenden Franzosen. Ich bin doch recht aufgeregt. Auch der Graf merkt es. »Ruhe, ganz ruhig zielen«, sagt er... da ist der Schuß auch schon draußen und sitzt.... hundertfünfzig Meter vor mir im Dreck. Ein Sandspritzer zeigt es. Verfluchte Schweinerei! Ich schimpfe mich selbst einen Schlumpfschützen und hätte eigentlich nach dieser Leistung in Friedensjahren die Sandhaufen der Schießstände solange durchwühlen müssen, bis ich ein Kochgeschirr voller Kugeln »gefunden« hätte. ... Der Feind hat von unserem Vorstoß noch immer nichts gemerkt. Selbst mein Schuß bringt die Gruppe des feindlichen Stabes nicht auseinander. Da überall schon viel geschossen wird, hat er sicher auch die Richtung meines Schusses nicht beobachten können. Erneut bringe ich jetzt meine Knarre an die Backe. »Ruhig Druckpunkt nehmen«, höre ich im Geiste meinen alten Schießunteroffizier sagen. Da... der zweite Schuß sitzt. Es sind also doch weniger als achthundert Meter gewesen. Wie ich den dritten Schuß auf die gleiche Stelle loslasse, ist schon eine große Unruhe in die längs des Oise-Ufers gut postierten feindlichen Schützen gekommen. »Falsche Front«, mögen sie glauben, da bricht, weit rechts von uns, der Hauptstoß der Unseren auf den Gegner los. Auch wir bekommen Befehl, sprungweise vorzugehen. Mitten im Sprung freuen wir uns, daß jetzt sogar unsere Feldartillerie in die vom Feinde besetzten Nester »hineinlangt«. Leider auch in unsere. Um auf die nächsten Höhen zu gelangen, müssen die Gespanne in dem schweren Gelände meist große Umwege suchen. Da wir Sandhasen dagegen fix hinauf und wieder hinunter sind, bezahlen wir jetzt mit einigen Verwundeten unsere Eile. Denn unsere eigene Artillerie hält uns für den Feind. Sie glaubt nicht, daß ihre eigenen Schützen schon so weit gekommen sind. Glänzende Idee vom Grafen Finckenstein, mitten in dieser gefährlichen Situation eine Patrouille loszuschicken mit der Meldung: »Die vorgehenden deutschen Linien sind daran erkenntlich, daß sie auf dem Rücken ihrer Tornister ein weißes Tuch tragen«, geht sie nach »hinten«, für uns aber folgt eine Aufgabe, deren Lösung wahrscheinlich selbst einen Edison reizen könnte. Schlangenmenschen sind nichts gegen uns, die wir vier- bis fünfhundert Meter vor dem Feind in ungeschützten Stellungen den Tornister herunterklauben und dann an irgendeiner Schnalle ein Taschentuch anbinden. Es gibt tatsächlich Kerls unter uns, die kein Taschentuch bei sich führen. Sie wissen sich trotzdem zu helfen. Eines der in der vorderen rechten und linken Rocktasche befindlichen Verbandspäckchen reißen sie auf und hängen ein Stück Verbandgaze an ihre Tornister. Hübner hat eine Schleppe. Sie ist sicher sechs Meter lang. Wie ihm einer aus Versehen darauf tritt und er stolpert, bringt er es fertig, mitten in der Schützenlinie aufzustehen und zu sagen: »Du dämliche Jäck, dat nächste Mal hau ech dir eene vor den Köppis, dat he herunterkollert.«

Wir gewinnen an Boden. Noch hundert Meter, achtzig, fünfzig sind es bis zur Brücke und zum Wasserlauf. Da gebe ich Befehl zum Sturm. Gedankenübertragung! Im gleichen Augenblick setzt auch von weit rechts kommend dieser auf der ganzen Linie ein. Herrgott, ist das ein herrlicher Krieg. So... ja so... haben wir ihn uns gedacht! Überall die Fahnen im Sonnenschein vor den Regimentern, geht es gegen die Oise und die dahinterliegenden Dörfer Faty, Romery und Proisy. Wir gelangen als erste an das Wasser. Hinein und hinüber, ist unser erster Gedanke. Jetzt haben wir uns schon am anderen Ufer festgesetzt. Wie Hasen knallen wir die Franzosen und Belgier auf dem vor uns liegenden offenen Gelände ab. Der Regimentskommandeur ist plötzlich neben uns. In vorderster Linie. Mit Grenadieren ist er über die Trümmer der gesprengten Brücke herüber gekommen und befiehlt weiteren Sturm. Daß nun ausgerechnet die Grenadiere vor den Füsilieren stürmen sollen, liegt gar nicht in unserem sinn. Schicksal, wir können es nicht ändern. Wir müssen zusehen, wie sie immer mehr Gelände gewinnen, während wir abhängen. Wichtigkeit... Wer trockenen Fußes über eine Brücke ging, hat leichter zu schleppen als wir, die wir bis zur Brust durch das Wasser mußten. Vor uns wird ganze Arbeit gemacht.

Das ganze Gelände liegt voller Toter und Verwundeter. Kismet. Auch manch Kamerad von uns hat hier eine Kugel erhalten. Hoffentlich kommen sie davon, denkt man, hoffentlich werden sie bald verbunden. Denn das Schlimmste, im Vorspringen sehen zu müssen, wie bei manch einem dieser Kameraden das Blut stoßartig aus den Wunden springt. Sie wollen es halten und nehmen die Finger. Da quillt es hindurch, mit jedem Herzschlag ein neuer Stoß, helles, rotes Blut. Sie nehmen ihre Verbandswatte heraus und sofort ist es ein blutiger triefender Fetzen. Es gibt kein Stillen. Bis sie müde werden versuchen sie es, bis das Herz langsamer schlägt, sie den Kopf zur Seite legen und hinüberschlummern. Immer wieder das gleiche Bild und doch kein Gedanke dabei, daß man im nächsten Augenblick zu jenen, zu den Stillgewordenen zählen könnte. An sich denkt man nicht, das eigene Ich ist ausgeschaltet, nur... wo die anderen sind... wo man jetzt hingehört, zu den Stürmenden, das hat Augen und Ohr gefangen.

Bei meinem Sprunge bemerkt mein Nebenmann, wie ein verwundeter französischer Korporal mit seinem Revolver in der Richtung des vorwärtsstürmenden Regimentskommandeurs zielt. »Da«... schreit er!!! Ein Schlag mit dem Kolben meines Gewehrs läßt den Schuß, der sich löst, einen anderen Weg nehmen. Wie zur Bekräftigung meiner Reflexhandlung durchbohrt im gleichen Augenblick das Bajonett meines Kameraden auch den Kerl, der sich verwundet stellt, es wahrscheinlich nicht ist und doch noch heimtückisch in den Kampf eingreift. Das Bajonett bricht ab. Ich bin froh, daß ich weiter vorwärtsstürmen kann. Nichts mehr sehen will ich von diesem grauenhaften Bild. Es genügt auch so, alles zu verarbeiten, was man den Tag über gesehen hat.

Immer mehr tote Franzosen und Belgier liegen auf dem Gelände, immer weiter in die Wälder hinein treiben wir unseren Angriff vor und erhalten dennoch immer wieder von rückwärts Feuer. Es müssen doch irgendwie noch Nester sein, die wir überlaufen haben. Oder sollten die Franzosen den Wahnsinn begangen haben ihren Soldaten zu befehlen, sich als Verwundete unter den Schutz des Genfer Roten Kreuzes zu stellen, trotzdem aber noch unsere Führer niederknallen? Die Sache fordert Aufklärung. Ein ganzer Zug schwenkt aus der Kampffront heraus, und auch ich muß nun noch einmal in das rückwärtige Gelände. Eigenartig ist, daß alle Schüsse, die von hinten gekommen sind, immer eine Charge zu treffen wußten. Wer also eine Auszeichnung trug, fiel diesem Buschgesindel als erster zum Opfer. Das Herausziehen unserer Säuberungstruppe ist doch bemerkt worden. Wir erwischen keinen »Schützen aus dem Hinterhalt« mehr. Verdächtig ist jedoch, daß alle Verwundeten jetzt ihre Waffen weit von sich geworfen haben. Da stimmt doch etwas nicht... Ein ehrlicher Soldat, der verwundet worden ist, beachtet seine Waffe nicht mehr. Es ist ihm völlig gleichgültig, wo sie liegt. Doch... lassen wir dies. Uns fehlen die Beweise des feigen, hinterhältigen Mordes, und wir wollen nicht in die Gefahr kommen, vielleicht an Unschuldigen Vergeltung zu üben, so lassen wir die Verwundeten ungeschoren.

Bei dem Versuch, wieder in die Hauptfront einzuschieben, führt mich der Weg an den französischen Korporal vorbei. Seine ehedem so haßerfüllten Augen sind friedlich geworden. Ich sehe mit einem Blick, daß er im Sterben liegt. Mitleid springt in mir auf, und ich beuge mich nieder zu ihm, um ihm vielleicht doch noch einen letzten Wunsch zu erfüllen. Trotz allem... Vielleicht war es Vaterlandsliebe, die ihn zu dieser Tat trieb. Angesichts des sicheren Todes sich zu einem solchen Schuß aufzuraffen, dazu gehört viel. Denn er war verwundet. Einen schweren Querschläger hatte er durch beide Oberschenkel erhalten. Sicher wäre er als Gefangener bei dem guten deutschen Sanitätswesen mit dem Leben davon gekommen. Ein armer, irregeleiteter Mensch??? Ich weiß nicht, bei solch einer Tat hört jedes Verstehen auf. Etwas Unerklärliches bleibt als Neige im Becher. Ob er mich noch erkennt? Hastig suchen seine Hände im Brotbeutel, der vor ihm liegt. Einen aus Elfenbein gedrehten Serviettenring bringt er heraus. Mit den Buchstaben J. H. ist er verziert. Ich sehe dies im gleichen Augenblick, als er mir den Ring unter hastigen Worten überreicht. Was er genau sagt, kann ich nicht mehr verstehen. »Présent« nur vernehme ich deutlich. Und es ist wohl auch ein Geschenk von ihm an mich, der ich in seiner Todesstunde bei ihm weilen konnte. Der Todeskampf ist aus. Ein kurzes Strecken noch, dann sinkt er hintenüber. Trotz des über und über mit Blut durchtränkten Rockes öffne ich ihm den Kragen und nehme seine Erkennungsmarke an mich. Das deutsche Bajonett ist kurz unter dem Sitz wieder herausgedrungen. Auf der Marke steht: Jules Hébron, und eine Zahl, die ich nicht meinen Augenblick behalte.

Meine Kameraden an der Front sind inzwischen weitere hundert Meter vorwärtsgestürmt. Wir müssen schweres Granatfeuer durchlaufen, ehe wir wieder zu ihnen gelangen. Dann reihen wir uns ein, als ob die ganze Begebenheit nicht gewesen wäre. Vielleicht war es auch nur ein böser Spuk, den man wegwischen kann. Irrtum. Das Erlebte sitzt tief im Gehirn, so tief, daß auch um ihn, den toten Feind, die Gedanken noch immer kreisen.

Der Kampf flaut ab. Es gelingt sogar, das Regiment mitten auf dem Schlachtfeld zu sammeln und zu einem Stoß auf ein anderes Dorf neu entwickeln zu lassen. Beaurain. Ehe der Kampf sich richtig anläßt, gebietet die Nacht dem Stürmen Halt. Neue Befehle lassen uns nach Süden abbiegen in Richtung auf Wiége-Colonfay nehmen."

Auch die Regimentsgeschichte berichtet über ähnliche Erlebnisse mit den auf dem Schlachtfeld verstreuten Verwundeten und Sterbenden: "Nachdem der Fluß, sei es durchwatet, sei es auf Laufstegen oder über die Trümmer der Brücke überschritten war, stießen die Füsiliere in rascher Verfolgung auf die Höhen südlich des Ufers vor, um dem Feind an der Klinge zu bleiben und freien Einblick in das südliche Höhengelände zu gewinnen. Dort oben lag im Sterben ein französischer Hauptmann, der Führer der Landwehrkompanie, die sich in verzweifelter Lage so tapfer gewehrt hatte. Über seine Lippen kamen nur noch die Worte: »Paris« und »épee«. Der Prinz Eitel Friedrich ehrte den Gegner, indem er im den Degen in die zitternden Hände zurücklegte."

Gegen 17:00 Uhr erfuhr General von Hutier vom Uferwechsel des Ersten Garderegiments zu Fuß. Bei seinem Stabe war gerade ein dringender Hilferuf der bei Flavigny schwer bedrängten 20. Infanteriedivision eingetroffen. Hierauf gab er General von Kleist den Befehl, mit der 1. Gardeinfanteriebrigade in den Kampf der 20. Infanteriedivision einzugreifen. Da aber zu diesem Zeitpunkt noch zwei Bataillone des 3. und das I. Bataillon des Ersten Garderegiments zu Fuß auf dem Nordufer der Oise standen, verging über eine Stunde, ehe beide Regimenter auf dem Südufer versammelt waren und zum Stoß auf Beaurain antreten konnten. Der Regimentskommandeur führte nun das II. Bataillon rechts, an der Oise entlang, das Füsilierbataillon links davon, das I. hinter der Mitte in Richtung Beaurain. Das 3. Garderegiment zu Fuß ging links davon vor. Zum Kampf kam es jedoch nicht mehr. Als die vordersten Linien das Dorf erreichten, traf ein neuer Befehl ein. Das Generalkommando glaubte die Hannoveraner schon weit südlich des Flusses und drehte aus diesem Grund die 1. Gardeinfanteriebrigade nach Süden ab. Sie erhielt nun Colonfay als nächsten Marschrichtungspunkt und sollte Vorposten bis in die Linie Richeaumont-La Vallée vorschieben.

Eitel Friedrich Prinz von Preußen ließ seine Bataillone jedoch zunächst nicht über den Weg Wiége-Beaurain hinaus vorgehen. Er ritt stattdessen selber mit Oberleutnant Kuno von Sick und seinem persönlichen Adjutanten, Major von Amsberg, zur Erkundung gegen Colonfay vor. Beim Eindringen in den Ort schlug ihnen von Barrikaden, die quer über die Straßen gebaut worden waren, heftiges Feuer entgegen. Zum Regiment zurückgekehrt, verzichtete der Prinz dann auch folgerichtig auf ein weiteres Vorgehen und ließ die Bataillone in dem Raum westlich Wiége, nördlich der Straße nach Beaurain zur Ruhe übergehen. Sicherungen nach Süden und Westen. Das 3. Garderegiment zu Fuß schob sich noch in der Nacht, nach "mannigfachem Hin und Her, an unserem Regiment vorbei nach Westen. An Abwechslung und Anstrengungen hatte es an dem abgelaufenen Tage nicht gefehlt, und todmüde sanken Grenadier und Füsilier in den Schlaf auf hartem Lager, ahnungslos, daß ihnen am nächsten Tage eine blutige Schlacht, eine der blutigsten des ganzen Krieges, ja unserer Regimentsgeschichte überhaupt, bevorstand." (aus der Regimentsgeschichte)

Über die Rast am 28.08.1914, nach anstrengendem Tage, berichtet Karl Willnitz von der 9. Kompagnie: "Auf den Höhen einer quer zu unserer Marschrichtung liegenden Chaussee gibt es eine Rast, die sogar zum nächsten Biwak sich entwickelt. Der Kommandeur schreitet durch die Reihen und kommt auch zu uns, seinen Füsilieren. Kurz vor ihm ist die Feldküche eingetroffen. Wir haben sie bereits gestürmt, unsere Kochgeschirre gefüllt und sind dabei, uns gerade häuslich nierderzulassen. »Schmeckt´s, Kameraden?« »Jawohl, Herr Oberst!« »Was gibt´s denn heute? Stacheldraht oder Kälberzähne?« »Labskaus, Herr Oberst!« »Na, dann laßt mal kosten. Ich habe eine Menge Hunger mitgebracht,« meint der Oberst, greift nach meinem gefüllten Kochgeschirr und entnimmt seiner Tasche einen kleinen mit einer Gabel am Stiel versehenen Löffel. Er kostet ja nur, denke ich. Genau das Gegenteil tritt ein. Prächtig läßt er sich das alte Seemannsgericht munden und freut sich genau wie wir, daß heute ein besonders fetter Tag im Kalender zu verzeichnen ist. Um mir Ersatz zu verschaffen, verdufte ich mit meinem Kochgeschirrdeckel zur Gulaschkanone. Wehmütig stelle ich sofort fest, daß der letzte Rest als zweites und drittes Sätzchen von einigen Kameraden schon geholt worden ist, und wo nichts ist, auch ich ein Recht »zum Fordern« verloren habe. Pech also, und ich trolle zu meiner Gruppe zurück, schwenke den leeren Behälter und kann nur »Aus, dein treuer Vater« wiederholen. Dieselben Worte, die mir der Küchenbulle Frischpott auch entgegengerufen.

Daß ich leer ausgehen soll, steht aber nicht im Sinne meiner Kameraden. Jeder kommt auf mich zu... ich muß, ob ich will oder nicht, einen oder zwei Löffel Essen von ihnen entgegennehmen. Bald ist es so weit, daß ich mehr im Kochgeschirrdeckel drinnen habe, als sie selber in ihren hohen Pötten. Gerade wie wir uns zum festlichen Mahle setzen wollen, schlägt unvermutet eine schwere Granate ein. Sie hat sich in allernächster Nähe ihr Ziel gesucht und nicht nur mich, sondern auch meine Kameraden mit allerlei Schrecken hochfahren lassen. Alle verschütten selbstverständlich durch diesen Stich ins Gemüt den größten Teil ihrer Mahlzeit und es ist ein drolliges Bild, wie sie ihre Eßbehälter betrachten. Die Erd- und Dreckfontänen der Granate haben in der Zwischenzeit sich ausgespien. Mit Hunger im Magen, wird der Gesamtbestand in den Eßbehältern mit den Augen gegenseitig festgestellt. Ein neues Verteilen der schäbigen Reste beginnt. Für jeden sind es doch immerhin noch 3 - 4 Löffel Labskaus, die übrig blieben. Da kein weiterer feindlicher Bettkasten mehr angebraust kommt und uns belästigt, sind wir alle froh, daß alles bis auf ein sicher zu erwartendes Magenknurren diesmal gut abgegangen ist.

Jetzt wäre es eigentlich an der Zeit, auf der Grundlinie einzuschieben. Es ist dies, für Uneingeweihte sei es festgestellt, der Ausdruck der Feldsoldaten für Schlafengehen. Daß es noch nicht geschehen kann, liegt an »etwas ganz Besonderem«. »Die Herren Korporalschaftsführer zum Nadel- und Zwirnempfang,« geht es durch die Reihen. »Waaat ist los?« ist die voreilige Klappe des Berliners wieder die erste. »Nadel- und Zwirnempfang«, sagen die Ordonnanzen, »ist befohlen.« Tatsächlich erhalten wir für jeden Zug etwa 3 - 4 Nähnadeln und einige Rollen Zwirn ausgehändigt. Aus welchem Grunde dies erfolgt, wird uns auch sofort  klar gemacht. Die weißen Tücher an unseren Tornistern sind nicht weit genug sichtbar gewesen. Jetzt verlangt der Befehl, daß das ganze Rückenteil des »Affen« damit bedeckt werden muß, und die Taschentücher in voller Größe... aufzunähen sind. Auch die Flickarbeit wird geleistet. Nur werden, trotz guten Willens, die Stiche nicht ganz vorschriftsmäßig. Daß sich diese Szene unter einem tiefschwarzen nächtlichen Himmel abspielt, vergaß ich anzuführen. Und auch im Dunkeln nähen, will verstanden sein. Wir haben bisher nie in einer Instruktionsstunde erfahren, daß diese Arbeit zum Kriegführen gehört, infolgedessen hat sie auch keiner genügend »üben« können. Den Rest der Nacht verbringen wir unmittelbar vor dem Feinde. Unter schnell aufgeschlagenen Zeltbahnen fallen wir, so wie wir sind und jeder mit seiner »Braut« im Arm, sofort in einen tiefen und festen Schlaf. Regelmäßig das Gelände abtastende feindliche Granaten, können an diesem Zustand nichts ändern. Früh sind wir ziemlich erstaunt, als bekannt wird, daß ein Zufallstreffer, gar nicht weit von uns, Verluste gebracht hat."

Die Gefechte beim Übergang über die Oise am 28.08.1914 hatten nicht erkennen lassen, was sich beim Feind vorbereitete, so daß sich an der Absicht des Generaloberst von Bülow, mit seinem rechten Flügel über St. Quentin, mit dem linken auf La Fére vorzustoßen, auch für den 29.08. nicht änderte. Während man aber auf deutscher Seite nach wie vor der Meinung war, einen fliehenden und ausweichenden Feind vor sich zu haben, hatte bereits am 27.08.1914 General Joffre der 5. französischen Armee unter General Lanrezac den Befehl erteilt, aus westlicher Richtung auf St. Quentin anzugreifen und durch einen Stoß in die linke Flanke des vorgeprellten äußersten rechten Flügels der Deutschen deren Vormarsch aufzuhalten. Das Zögern der deutschen 2. Armee am 28.08. hatte dem Gegner überdies die Möglichkeit zur Umgruppierung und Bereitstellung gegeben, so daß er am 29.08.1914 unter starker Deckung seiner rechten Flanke nach Norden über Mont d´Origny überraschend auf St. Quentin vorstoßen konnte.

Die Regimentsgeschichte berichtet: "Aber nicht nur wurden rechts der Oise das X. Reservekorps und das VII. Korps durch den französischen Angriff überrascht; keine mindere Überraschung war es für das X. und Gardekorps, als sie am Morgen des 29. links der Oise auf überlegene Streitkräfte trafen, die den deutschen Angriff annahmen.

Dichter Nebel lag über der weiten Oiselandschaft, als die Regimenter der 1. Garde-Infanterie-Division sich fertig machten, um den gestern begonnenen Kampf fortzusetzen. General v. Hutier war auf Grund der bis zum frühen Morgen eingegangenen Meldungen zu der Auffassung gelangt, daß es sich bei den feindlichen Besetzungen vor unserer Front nur um Nachhuten handele, die den Abmarsch der 5. Armee decken und tatkräftigem Angriff ausweichen sollten. Deshalb wollte er mit beiden Brigaden nebeneinander, ohne Aussparung von Reserven, mit einer Frontbreite von 6 km angreifen und den geworfenen Feind weiterhin verfolgen. Dementsprechend befahl er: »Rücksichtsloser Angriff auf den anscheinend schwachen Feind. Es ist mit längerer Verfolgung zu rechnen.« 8.30 Uhr sollten alle 4 Regimenter zum Angriff antreten, nachdem von 8 Uhr an die Artillerie den Angriff durch durch Feuer auf die Dörfer Colonfay und Le Sourd vorbereitet haben würde.

Die Gefechtsstreifen beider Brigaden trennte der Weg Roméry-Wiége und Verlängerung nach Süden. Auf Grund ihrer persönlichen Eindrücke erhoben die Kommandeure des 1. und 3. Garderegiments Einwendungen gegen den daraufhin vom General v. Kleist ausgegebenen Angriffsbefehl. Sie wiesen darauf hin, daß der Nebel das vorgesehene Vorbereitungsfeuer der Artillerie unmöglich mache und daß der Angriff der Brigade in eine schwierige Lage kommen könne, da die 2. Brigade noch abhing. Hatte doch auch am 9. August Seine Majestät der Kaiser auf dem Lustgarten die ihn umstehenden Offiziere des Regiments ausdrücklich gewarnt, »es nicht wieder so zu machen, wie bei St. Privat, sondern die Artillerie zunächst tüchtig schießen zu lassen.« Aber der Brigadekommandeur glaubte, den Befehl der Division wortgetreu ausführen zu müssen. »Das Erste Garderegiment wird einen abziehenden Feind auch einmal ohne Artillerievorbereitung angreifen können«, hielt er dem Oblt. v. Sick entgegen. Und so traten denn die Regimenter, nachdem sie noch eine Frist von 30, Minuten auf das Sinken des Nebels und das Einsetzen des Geschützfeuers gewartet hatten, zum Angriff auf den »abziehenden« Feind an. Links, in Anlehnung an das Dorf Wiége, das 1. Garderegiment, rechts davon das gelbe Schwesterregiment. Der Prinz nahm in die vordere Linie rechts das II. Bataillon, links das Füsilier-Bataillon; Regimentsstab, I. Bataillon und MG.-Kompanie folgten hinter den Füsilieren. Major von Bismarck nahm nach vorn rechts die 12., links die 10. Kompanie; die 11. sollte hinter der Mitte, die 9. links gestaffelt in dritter Linie folgen, da von der 2. Brigade noch nichts zu sehen war. Beim II. Bataillon waren in vorderer Linie, von rechts nach links, die 5., 7. und 6. Kompanie, die 8. folgte hinter der Mitte.

Noch bei völliger Stille treten die ersten Wellen an, um nach kurzer Zeit lautlos im dichten Nebel zu verschwinden. Zuerst wird es rechts beim 3. Garderegiment lebendig. Dann fallen auch vor unserer Linie die ersten Schüsse. Und als die ersten Schützen etwa auf 100 m an das Dorf heran sind und der Nebel sich lichtet, bekommen sie aus den Vorgärten lebhaftes Feuer. Noch schweigt die feindliche Artillerie (die unsre sollte leider bis zum Nachmittag schweigen), aber das lebhafte Strichfeuer zwingt auch das I. Bataillon zur Entwicklung und die MG.-Kompanie macht die Gewehre frei; der Kampf, der unter dem Namen Colonfay in die Annalen des Regiments eingegangen ist, beginnt."

So trat die 1. Gardeinfanteriebrigade also gegen einen im Nebel verborgenen Gegner und ohne Artillerieunterstützung an.

Das Reichsarchiv berichtet: "Erst nach 7 Uhr morgens brach das 1. Garde-Regiment zu Fuß sein Biwak ab. Der taugenäßte Mantel war zu rollen, mit der Zeltbahn auf den Tornister zu schnallen, die Feldflasche zu füllen und man war marschfertig. Bei den Gewehrpyramiden standen abwartend die Grenadiere, fröstelnd, von naßkalten Nebelschwaden umzogen. Die 12. und 10. Komp. waren zur Sicherung an die Südwestecke von Wiége vorgeschoben. Auch hier unterbrachen zuweilen Schüsse gegen feindliche Aufklärer die erwartungsvolle Stille. Untfz. Vorwerk der 10. setzte eine Patrouille außer Gefecht. Der Stab des 1. Garde-Regiments rechnete gleichfalls mit der Anwesenheit stärkerer Kräfte des Feindes, nachdem dieser am gestrigen Abend Artillerie gezeigt hatte und in Colonfay erkannt war."

Bei der 9. Kompagnie berichtet Karl Willnitz über die weiteren Ereignisse: "3 Uhr nachts wecken uns die Posten. Heimlich werden die Zelte abgebrochen und die Zeltbahnen auf die Tornister geschnallt, die Mäntel »auf Befehl« anbehalten. Eine Feldflasche voll heißen Tees ist unsere Wegzehrung. Wenngleich es streng verboten ist, davon zu trinken, netzt doch jeder einmal schnell seinen Gaumen. Denn zu schlecht will der empfangene Zwieback Marke »Beton« hinunterrutschen. Eine Kontrolle oder Bestandsaufnahme unserer Flüssigkeit ist ja auch für die nächsten Stunden nicht zu erwarten. Auf leisen Sohlen geht es in die, in weiten Abständen besetzten, am Vortage erkämpften und nur vom Gros für die Nacht verlassenen »Gräben« zurück. Mit vielen Schritten Abstand vom Nebenmann gelingt dies unbemerkt vom Feind. Begünstigt werden wir allerdings von dichten Bodennebeln. Unseren Bewegungen sind sie nicht gram, sie haben sie gütig verschleiern helfen.

Ganz auf Angriff gestellt, denken wir nicht daran, die Gräben - eine Art Ackerfurchen von höchstens 30 Zentimeter Tiefe - weiter auszubauen. Wir hoffen sehnlichst, daß dieser zweite Kampftag den Sieg an unsere Fahnen heften wird und eine baldige Entscheidung bringt. Leise kommt ein neuer Befehl zum weiteren vorgehen in diesem Nebel. Alles ist noch still. Wiége bleibt links von uns liegen und ist vom Feinde frei. Wieder Abzug ohne Kampf? Eine Straße überqueren wir jetzt. Sie ist gut imstande wie alle französischen Straßen in dieser Gegend. Das 3. Garde-Regiment, rechts von uns im Angriff, bekommt als erstes »Feuer«. Ob sich nun auch bei uns etwas tut? Nichts. Selbst die Artillerie schweigt. Noch immer! Also wieder näher an das zu stürmende Dorf heran. Es soll irgendwo im Tale vor uns liegen.... »Halt... hinlegen«... Bis auf achtzig Schritt haben wir uns an die ersten Gärten vorgearbeitet. Wie auf dem Paradebrett liegen wir und sind ohne jede Deckung.

Voll Schrecken wird uns dies klar, als aufkommender Wind die Nebel zerteilt und sie gleich einer Zauberwand schnell und völlig beiseite schiebt. Schlimm sind jene zwei, drei Züge dran, denen es gelingt, die ersten Häuser im Sturm zu nehmen. Im tollsten Straßenkampf befinden sie sich, Mann gegen Mann. Und wir können nicht helfen. Uns nagelt die feindliche Artillerie an die Schollen. Der Berg, mehr ein Hügel vor uns, ist eine feuerspeiende Festung, jedes sich Bewegen bedeutet den sicheren Tod. Verflucht... auch unsere Artillerie ist nicht da. Kein Schuß ist hinter uns, der uns entlastet. Ein verdammt ernstes Morgenlied ist es, welches uns die vielen hundert feindlichen Rohre schon jetzt singen. Im Dorf geht es vorwärts. Trotz der Granaten, die Schlag auf Schlag hineinfahren, gelingt es den Kameraden, den Feind daraus zu verdrängen. Schwere Rauchschwaden sind für Augenblicke unser Vorteil. Schon glauben wir, in ihrem Schutze vorwärts zu kommen, da brechen die hellen Flammen überall durch den Qualm und Rauch, und frei zur gefälligen Bedienung liegen wir als Schießscheibe wieder im Gelände. »So will ich nicht verrecken,« schreit einer. »Zum Donnerwetter« ein anderer, »laßt uns beten«, ein dritter. Es ist höchste Zeit, daß wir versuchen, hier wegzukommen. Endlich.... Die 12. und 10. Kompanie schaffen uns Luft. Sie sind durch Colonfay, so heißt das Nest, hindurchgestoßen und lenken das ganze Feuer auf ihre dezimierte Schar. »Sprung auf... marsch, marsch...«

Am Dorf vorbei geht der Angriff auch bei uns nach vorn weiter. Nur links, in Le Sourd, hängt die 2. Garde-Infanterie-Brigade noch ab. Dort ist schwerster Feuerkampf um jedes Haus zu sehen. Endlich, so hoffen wir, haben wir Luft. Eine kleine Hügelwelle hinter dem Dorf bietet sich etwas mehr Schutz als unsere letzte Himmelfahrtsstellung. Und irren schon wieder. Von allen Seiten ist dieser Platz einzusehen. Was haben wir davon, daß rechts von uns in etwa achthundert Meter Entfernung französische Schützen zurückgehen? Vor uns liegen Engländer. Sie sind in der Nacht herbeigerufen worden und ein Gegner, den wir bisher nicht kannten. Jede Auszeichnung an unserer Uniform, jeder Gefreitenknopf und mehr noch, jedes leichte Rühren in einer Stellung werden zum Verräter. Zum sicheren Ziel für die uns gegenüberliegenden kolonialen Scharfschützen. Alle unsere Spielleute, die ihren »Schwalbenschwanz« am Aermel auch vor dem Feinde tragen, fallen einem wohlgezielten Feuer in Kürze zum Opfer. Es kommt soweit, daß um die Mittagszeit das Regiment keinen Tambour und Hornisten mehr besitzt. Der Verlust an Offizieren ist grauenerregend. Dabei kommen wir keinen Zentimeter vorwärts. Wie von einem Fluch behaftet sind wir an unsere Stellung gefesselt. Da... dort... überall verbluten unsere verwundeten Kameraden. Wenn wir doch wenigstens denen unsere Hilfe bringen könnten. 

Ich habe Glück. Drei, etwa vierzig Zentimeter hohe Hafergarben decken mich jetzt gegen Sicht. Sogar ein gutes Feuer kann ich von hier aus auf den mir gegenüberliegenden Graben richten. Manch einen Engländer können wir tatsächlich unschädlich machen, denn auch meine Kameraden deckt der Hafer. War es Dummheit oder beispiellose Kühnheit, die einige Engländer veranlaßte, aufrecht - das heißt mit dem Oberkörper völlig frei über den Gräben sichtbar - hin und her zu laufen? »Herrgott, stehe mir bei,« betet das Herz. Eine kleine, ungeschickte Bewegung beim Patronenwechsel hat meine Stellung verraten. Wie ein Hagelschauer decken mich feindliche Geschosse zu. Mein Helmadler wird mir buchstäblich vom Kopfe gerissen, und mehr als einen Stoß verspüre ich von Treffern, die meine Zeltbahn und meinen Tornister durchlöchern. Instinktiv stelle ich mich tot, doch fürchterliche Stunden brechen damit für mich an. Ich muß in glühender Hitze, ohne Wasser und aus einer Kopfwunde blutend, auf freiem Felde unbeweglich liegen bleiben."

Während der Kämpfe am Eingang von Colonfay wurde der Fahnenträger des I. Bataillons, Vize-Feldwebel Kummer durch 8 Kugeln schwer verwundet. Er deckte die Fahne des I. Bataillons mit seinem Körper so lange ab, bis Hilfe erschien.

Während Willnitz und seine 9. Kompagnie also vor einem mit Engländern besetzten Hügel festlagen, machte auch das übrige Regiment nur sehr langsam Fortschritte. Die Regimentsgeschichte berichtet: "Der Gegner im Dorfe nahm den Angriff nicht an, sondern wich auf seine Hauptstellung aus; nur wenige Gehöfte ließ er besetzt, um unser Vordringen noch weiter aufzuhalten und zu verwirren. Und wirklich wurde unser Eindringen in das Dorf und der darin sich entspinnende Straßen- und Häuserkampf entscheidend für die weitere Angriffsrichtung der Kompanien.  Im Augenblick, als die Schützen des II. Bataillons sowie auch Teile der 12. Kompanie (Züge Bonin und Ehrbar) in das Dorf eingedrungen waren, setzte das vortrefflich geleitete Feuer der französischen Artillerie aller Kaliber auf das Dorf und die Höhen südlich davon ein. Nach kurzer Zeit war das Dorf in die Qualmwolken einschlagender Granaten und brennender Gehöfte eingehüllt. Es entspannen sich erbitterte Einzelkämpfe; von acht Kugeln getroffen sank der Fahnenträger des II. Bataillons, Sergeant Kummer (7. Kompanie), zu Boden, die Fahne mit seinem Leibe deckend. Es dauerte nicht lange, so gerieten die Schützen der verschiedenen Kompanien des II. Bataillons durcheinander, und in dem Bestreben, dem schweren Artilleriefeuer möglichst bald nach vorn auszuweichen, gewannen sie die Richtung nach Südwesten, zum linken Flügel des 3. Garderegiments hin.

Nur ein Zug der 5. (Vizefeldwebel Spode) brach nach Osten durch und stieß zur 12. Kompanie. Alle anderen nahmen von nun an am Angriff des 3. Garderegiments teil, und zwar verteilt auf dessen ganze Front, so Oblt. d. R. Grothmann mit Teilen seiner 7. Kompanie auf dessen äußerstem rechten Flügel, während die unter Hptm. v. Wedel zusammengefaßten Teile sich auf dem linken Flügel gehalten haben. Auch die 8. wurde vom Bataillonskommandeur, Major Graf Merveldt, schon bald in den Hexenkessel von Colonfay geworfen, um eine von ihm vermutete Lücke zum 3. Garderegiment zu schließen. Zu dem gleichen Zwecke entsandte Prinz Eitel Friedrich, als er zu beobachten glaubte, der linke Flügel des 3. Garderegiments wende sich immer weiter nach Südwesten, und in der Erkenntnis, daß das Schwesterregiment im schwersten Kampfe stand, zwei Kompanien seiner Reserve zur Ausfüllung der Lücke nach vorn. Die Leib- und 4. Kompanie traten hierzu an, und auch sie nahmen nun am Angriff des 3. Garderegiments teil. In engster Vermischung der Verbände und edelstem Wettbewerb wurde hier in blutiger Schlacht die lange Friedenskameradschaft zu treuer Waffenbrüderschaft vertieft. »Das 3. Garderegiment hat Schneid«, rief beim Einschwärmen in die Linie der Führer unserer 4., Lt. Frhr. v. Plettenberg,, den bald darauf das tödliche eisen traf. Mit ihm bluteten vom 1. Garderegiment ungezählte Offiziere, Unteroffiziere und Grenadiere in den Reihen des 3. Garderegiments. Lt. Frhr. v. Rheinbaben empfing den tödlichen Schuß, als er in seiner ganzen Riesengröße sich erhob, um beruhigend und anfeuernd hinter der Linie seiner Schützen auf und ab zu gehen. Auch Lt. Frhr. v. Lyncker wurde hier so schwer getroffen, daß er in der Heimat an den folgen seiner Verwundung verstarb. Während so das II. Bataillon und zwei Kompanien des I. Bataillons für die Führung des Kampfes mit dem 3. Garderegiment verschmolzen, waren südöstlich von Colonfay die Füsiliere in einen schweren Kampf eingetreten.

Angriffsfeld des Ersten Garderegiments zu Fuß bei Colonfay, Ehrenbuch der Garde

Den beiden vorderen Zügen der 12. Kompanie war es gelungen, ihre Marschrichtung auch im Dorfe einzuhalten und in südöstlicher Richtung aus dem Dorfe herauszutreten. Auf der ersten Welle vorwärts des Dorfes gingen sie in Stellung und eröffneten das Feuer auf zurückgehende Schützen, die auf etwa 1000 m wieder Front machten. Auch der 3. Zug, Lt. d. R. Martincourt, fand sich hier ein, so daß Htm. v. Schütz seine Schar geschlossen bei sich hatte. Es erwies sich aber, daß ihres Bleibens auf dieser Höhe nicht lange sein konnte. Das feindlichen Artilleriefeuer wurde immer stärker und näherte sich den Linien der Kompanie, schon schlägt die erste Lage zwischen die ungedeckt liegenden Schützen. Der Führer muß zu einem Entschluß kommen: liegen bleiben ist sicheres Verderben, zurück kommt nicht in Frage; also näher heran an den Feind, von dem die Kompanie noch durch einen Grund getrennt ist, zu dem das Gelände sanft abfällt. »Zug Bonin, Zug Ehrbar, bis in den Grund hinein Sprung auf, Marsch Marsch!« kommandiert Hptm. v. Schütz, und allen Kameraden rechts und links weit voraus, erheben sich die Füsiliere zum Vorgehen. Während sie im Grunde Atem holen, wird auch der Zug de Martincourt vom feindlichen Artilleriefeuer gefaßt und gleichfalls zum Vorgehen gezwungen. Im Grunde werden die tapferen in der Flanke gefaßt, und noch einmal reißt Htm. v. Schütz seine Füsiliere hoch,. noch näher an den Feind heran, dem sie nun im schärfsten Feuergefecht gegenüberliegen, durch das feindliche Artilleriefeuer schon arg zusammengeschmolzen. Die Kompanie ist in großer Gefahr, und schon erwägt Hptm. v. Schütz die notwendigen Maßnahmen für die Abwehr eines feindlichen Gegenstoßes, da sieht er links den Führer der 10., Oblt. Frhr. v. Hornstein, der seine Kompanie zur Unterstützung der 12. vorführt; und zugleich erklingt von rückwärts das Hämmern unserer Maschinengewehre, die, die eigenen Schützen überschießend, den Feind niederhalten. Die furchtbarste Gefahr des Augenblicks ist abgewendet.

Die 10. Kompanie war kurz nach ihrem Antreten vom Major v. Bismarck angehalten worden, weil das links angesetzte 2. Garderegiment noch immer nicht sichtbar geworden war. Als aber die 12. zur Unterstützung des II. Bataillons in Colonfay eindrang, wurde auch die 10. wieder in Bewegung gesetzt. So kam es, daß sie etwas abhing und erst in letzter Minute heran war, als die 12., dringend der Hilfe bedurfte. Der 10. erging es ähnlich wie der 12. Sie hatte zunächst auf der Höhe südlich der Weges Colonfay-Le Sourd aus größerer Entfernung Feuer bekommen. Dann hatte sie sich in zunehmendem Artilleriefeuer weiter vorgearbeitet in Richtung auf die vom Feinde besetzte Höhe, gegen die rechts die 12. Kompanie angriff, und um die sich der heftigste Kampf entspann. (Es war die Höhe, die später nach dem auf ihr errichteten Ehrenfriedhof des Gardekorps den Namen »Friedhofshöhe« bekam.) Der Bataillonsführer, Major v. Bismarck, veranlaßte, als er die gefährliche Lage seiner beiden Kompanien erkannte, den Führer der MG.-Kompanie, Hptm. v. Witzleben, zum Einsatz der Züge v. Katte und v. Eickstedt. Auf der Höhe nördlich des Weges Colonfay-Le Sourd eröffneten die beiden Züge überhöhendes Dauerfeuer auf die feindlichen Linien, dadurch den Schützen der beiden Füsilierkompanien die dringend notwendige Erleichterung. Lange aber konnten die Maschinengewehre auf der Höhe das Feuer nicht unterhalten, da unverzüglich die feindliche Artillerie ihr Feuer auf die beiden Züge lenkte, so daß Hptm. v. Witzleben Befehl zum weiteren vorgehen gab. Es war das erstemal, daß die MG.-Kompanie tatkräftig in den Kampf des Regiments eingreifen konnte, und als Hptm. v. Witzleben in dem Grunde, der die Kompanie noch von der vorderen Linie trennte, für den nächsten Sprung Atem schöpfte, entrang sich im Donnern und Toben der heißen Schlacht seinen Lippen der Ausruf, den sein treuer Schätzer Thieß überliefert hat: »Welch ein schöner Tag!«

Aber der drängende Ruf: »Maschinengewehre!« ließ die Kompanie nicht lange verschnaufen;  die beiden Züge wurden nach vorn eingesetzt und kamen gerade zurecht, um eine neue Gefahr von den beiden Füsilierkompanien abzuwenden. In diesem Augenblick des Einschwärmens in die Schützenlinie traf den tapferen, fröhlichen Führer der MG.-Kompanie das tödliche Eisen: ein Granatsplitter riß ihm die Halsschlagader auf! Seine Gewehre fanden aber sofort reiche Arbeit und lohnende Ziele, an denen sich der Wert dieser Waffe und die Ausbildung ihrer Bedienung erweisen konnte. Denn inzwischen hatte Hptm. v. Schütz, als die 10. herangekommen war und die feindliche Artillerie von den Schützen abließ, um sich den Maschinengewehren zuzuwenden, den Augenblick für gekommen erachtet, dem Feind mit dem aufgepflanzten Seitengewehr zu Leibe zu gehen. Als sich aber die Kompanie zum Sturm erhebt, da erscheinen plötzlich hinter den feindlichen Schützenlinien zwei geschlossene Kompanien, die in dichten Haufen auf die Stürmer der 12. und auch der 10., die sich dem Angriff anschließt, vorgehen. Ein wütendes Feuergefecht entspinnt sich, in dem die Gegner stehend aufeinander feuern.

In diesem Augenblick trifft das erste Maschinengewehr des Zuges v. Katte in der Linie ein! In ununterbrochenem Dauerfeuer sendet es seine Garben in die Reihen des Feindes, zunehmend unterstützt von den nacheinander das Feuer aufnehmenden anderen Maschinengewehren. Ohne eine Ladehemmung (wie nachher die Richtschützen stolz erzählten) hämmern die Gewehre in die roten und blauen Haufen, bis der Ansturm dieses Gegners gebrochen ist. Zum zweiten Male sind die bedrängten Füsiliere aus höchster Gefahr gerettet! Der Kampf der 12., zusammen mit der 10. und MG.-Kompanie, war ein Heldenstück, das auch dem Feind höchste Anerkennung abnötigte. Allein waren diese Kompanien gegen das ganze 48. französische Regiment vorgestoßen, wohl schwer getroffen, aber nicht aufgehalten durch das übermächtige feindliche Feuer, dem kein deutsches Geschütz Einhalt gebot. Verwundet gefangene Offiziere haben ausgesagt, das Vorgehen der 12. aus Colonfay, scheinbar lächerlich in seiner ahnungslosen Kühnheit, habe schließlich, als die Füsiliere sich durch alle Verluste nicht beirren ließen, einen solchen Eindruck gemacht, daß sie den Angriff nicht hätten aushalten können. Und zum Sergeanten Ehrbar hatte ein neben ihm liegender verwundeter Offizier auf deutsch gesagt: »Die Garde kämpft wie die Löwen!«"

Während die MG-Züge vorgingen, hatte Major von Bismarck auch die 11. Kompagnie nach vorn genommen und war mit ihr zur Unterstützung der lückenhaften Linien der 10. und 12. Kompagnie vorgegangen. Kurz darauf entsendete auch Hauptmann von Stutterheim, ohne erst die Befehle des Regimentskommandeurs abzuwarten, zuerst die 3. Kompagnie. Dann, als, die Heftigkeit des Kampfes noch immer nicht nachließ, auch die 2. zur Verlängerung links dem Füsilierbataillon zu Hilfe. Der 2. Kompagnie schloß sich auch die 9. an, die endlich frei geworden war, da sich bei Le Sourd die ersten Teile der 2. Brigade zeigten. "Von wirkungsvoller Unterstützung von dieser Seite konnte aber noch immer nicht die Rede sein, und so mußten noch weiterhin die Kompanien des Regiments die volle Wucht des feindlichen Feuers aushalten, auch jetzt noch ohne jede Feuerunterstützung durch unsere Artillerie." berichtet die Regimentsgeschichte. Die schweren Batterien hatte am Tage zuvor das Gardekorps an das X. Korps abgegeben, weil man an dieser Stelle den schwersten Kampf erwartete. Und während nun das 3. Gardefeldartillerieregiment unmittelbar hinter den Regimentern der 2. Gardeinfanteriebrigade die Oise überschritte hatte und somit in deren Kampf wirkungsvoll eingreifen konnte, stand das 1. Gardefeldartillerieregiment während der Vormittagsstunden noch nördlich des Flusses, ohne in die schweren Kämpfe unterstützend eingreifen zu können. Dann gingen endlich die ersten über den Fluß gelangten Batterien hinter dem 3. Garderegiment zu Fuß in Stellung und unterstützen deren Vormarsch bei Le Sourd. Das Erste Garderegiment zu Fuß bei Colonfay und der Friedhofshöhe blieb jedoch immer noch ohne Artillerieunterstützung.

Doch was war inzwischen aus den immer noch vor den Engländern festliegenden Männern der 9. Kompagnie geworden? Karl Willnitz berichtet: "Taten unerhörten Heldenmutes spielen sich vor meinen Augen ab. Ich sehe: Etwa tausend Meter links von mir tobt noch immer der Kampf um Le Sourd. Das 2. Garde-Regiment verblutet sich. Es will dort keine Lücke zwischen sich und uns entstehen lassen und kann doch nicht vorwärts kommen, weil die Artillerie.... unsere Artillerie fehlt. Daß die braven Grenadiere und Füsiliere vom 2. Hieb mit ihren todesmutigen Angriffen meinen kämpfenden Kameraden im Dorfe immer wieder Befreiung von feindlichem Druck verschaffen, wissen sie nicht. Denn die Front ist wie eine homogene Masse. Jeder entlastete Deutsche springt sofort nach vorn, sobald auch nur für Augenblicke eine geringe Schwächung des feindlichen Feuers zu spüren ist. Unsere Fahnen sind in der mörderischen Schlacht nirgends mehr zu sehen. Allzu viele derer, die sie tragen wollten, wankten, fielen... liegen seit Stunden steif und starr auf der Wallstatt dieses Tages. Oft deckt noch ihr Leib das seidne Tuch, die Adler, die den Weg zum Horst des Feindes heut nicht finden können?? Immer bedrohlicher wird unsere Stellung. Granaten und Schrapnells schießen sich immer besser ein. Wir müssen weiter. Und nur tausend zu eins steht die Möglichkeit, nach vorn zu gelangen! »Ran an die Feuerschlünde,« brüllt einer. Schrapnellkugeln haben ihn mehrfach durchschossen. Er hofft noch, nach dem nächsten Sturm verbunden zu werden. Jetzt springen wir. Das Gelände fällt leicht ab. Es ist eine Senke vor uns, durch die ein schmaler Weg führt. Auf der anderen Seite sitzen sie gut verschanzt. Sie haben sich verschworen, die Garde geschlossen nach Walhall zu schicken. Das Blut meiner Kopfwunde ist geronnen. Wenn es weiter vorwärts geht, bin ich schon sicherer und taumle nicht mehr.

 »Sprung auf... marsch, marsch.« Mit Hurra nehmen wir den Rest des Grundes. Da steht plötzlich zur Rechten uns eine neue Ueberraschung bevor. In der Flanke liegen hunderte von gut versteckten Feinden. Nach drei Fronten kämpfend, sind wir jetzt nahe dran aufgerieben zu werden. Ein Glück nur, daß endlich, endlich Maschinengewehrfeuer einsetzt. Die tapferen Schützen von der MG.-Kompanie schießen über unsere Köpfe hinweg und halten, zusammen mit einer anderen preußischen Garde-Kompanie, die links von uns mit Hurra erscheint, den Feind nieder. Dem Tode oder der Gefangenschaft sind wir in diesem Augenblick sichtbar entronnen. Die MG.s kommen jetzt näher an unsere Stellung heran. Unerhörter Mut gehört dazu, mit den Wasserkästen und den schweren Geschützen vor dem Leib sich Meter für Meter heranzuarbeiten. Auch der Gegner weiß, was diese speienden Feuerrohre für ihn bedeuten. Keine halbe Minute dauert es, da sitzt das gesamte Artilleriefeuer in den Reihen unserer Retter. Wir bekommen damit wieder »Luft«.

Wie ein Mann erheben wir uns aus dem Straßengraben und wollen mit den Bajonetten uns den Gegner endlich kaufen. Der aber ist jetzt noch immer stärker als wir. Seine Verteidigung ist so heimtückisch angelegt, daß wir die uns gestellte Falle nicht vermuten können. Kaum daß unsere Seitengewehre in der Sonne blitzen, stehen plötzlich hinter der ersten feindlichen Linie zwei, oder drei, nein, vier geschlossene Kompanien angriffsbereit... Mit einem Urra... Urra gehen sie, unter gefälltem Bajonett, ihrerseits plötzlich auf unsere dünnen Linien vor. Zum »Knien« kommen wir nicht mehr, noch weniger zum »Liegen«. »Stehend freihändig« schießen wir aus den Knarren, bis die Läufe zu glühen beginnen. Und wären doch wohl verloren gewesen, wenn nicht plötzlich in unserer Nähe ein Maschinengewehr wieder zu hämmern begönne. Es hat sich tatsächlich erneut zu uns durchgefressen und räumt nun fürchterlich unter dem roten und blauen Gegner auf. Schon werfen viele die Gewehrte weg und stürmen die Höhen hinauf. Hinter dieser wollen sie Deckung finden. Mit einem letzten Sprung erreichen wir die ersten feindlichen Gräben und wissen, daß diesmal auf unserer Seite der Herrgott seine gütigen Hände gehalten hat. Da kommt unser Major zu uns gesprungen. Er führt die Reste zweier anderer Kompanien als erste Welle heran und will die schwache erste Linie verstärken helfen. Mit Hurra empfangen wir ihn. Obgleich die Granaten immer noch vor, hinter und zwischen unsere Stellungen einschlagen, hat der weißhaarige alte Herr doch seine Füsiliere nicht im Stich gelassen.

Die dritte Welle kommt herangebraust. An der Spitze der Oberstkommandeur. In der linken Hand hält er eine Trommel. Mit der rechten einen Trommelstock, mit dem er »Sturm« schlägt. Ich denke noch, wahrscheinlich will er den Schlegel nicht verlieren, weil er ihn verkehrt herum trägt, da ruft er auch schon: »Vorwärts, Kameraden!! Weiter!« Tatsächlich gelingt es, noch zwei weitere Linien zu überrennen und schließlich in einem guten englischen Graben endgültige, wirkliche Feuerdeckung zu finden."

Das Regiment unter Prinz Eitel Friedrich bei Colonfay 29.8.14. Nach dem Gemälde von H. Ungewitter, Regimentsgeschichte

Diese Szene, Eitel Friedrich, wie er die Reserven heranführt und dabei die Trommel schlägt, ist sehr bekannt geworden. Sie wurde in einem Gemälde festgehalten und sogar ein Gedicht darüber verfaßt. Auch die anderen Kompagnien mußten schwer bluten an diesem 29.08.1914. Unteroffizier Vorwerk von der 10. Kompagnie berichtet über die Kämpfe an der Friedhofshöhe: "Wir blieben fast in einem fortwährenden Vorstürmen, bis wir kurz vor der feindlichen Stellung waren. Von Verlusten hatten wir zunächst noch nicht viel gemerkt. Wir setzen zum Sturm an, aber die Franzosen rückten gleichzeitig aus. Plötzlich ertönt ein Geschrei: »Von rechts Franzosen!« Alle Augen richten sich auf den neuen Feind. Halbrechts aus einer Mulde, etwa 100m Entfernung, kommt eine französische geschlossene Kolonne (ich schätze sie auf zwei kriegsstarke Kompanien) mit gefälltem Bajonett auf uns zugestürmt. Jedem ist sofort klar, daß es hier um Sein oder Nichtsein geht; denn unser zu schnelles Vorgehen hatte bewirkt, daß die zweite Welle mindestens noch 3-400m hinter uns war. Die 12. Kompanie, die erst rechts Anschluß an uns hatte, konnte auch nicht so schnell folgen und war auch anscheinend zu weit nach rechts gekommen. Übrigens wurde die 12. Kompanie auch stark vom Feinde bedrängt, und sie warf die Franzosen zum Teil im Bajonettkampf zurück. Also stand unser Zug mutterseelenallein auf der Höhe; denn links hatten wir keinen Anschluß. Aber keinen Augenblick wankte die kleine Schar. Wie auf Kommando blieb die linke Hälfte in der Front stehen und wehrte die Franzosen ab, die erst am ausreißen waren, jetzt aber durch ihre vorstürmenden Kameraden zum erneuten Vorgehen bewogen wurden.

Die rechte Hälfte, bei der ich mich befand, rannte unter Führung des Oblt. v. Hornstein und Lt. d. R. Brümmerstedt etwas nach rechts, um die Front nach der neuanstürmenden Kolonne zu haben. Während des Laufens wurde schon geschossen. Und sobald wir aufmarschiert waren, eröffneten wir stehend freihändig ein wahnsinniges Feuer auf die Franzosen. Die Kolonne kam zum Halten. Uns trennten nur noch 50 Schritt. Der Feind suchte in großen Haufen Deckung hinter Hafergarben. Aber zu gleicher Zeit überschüttete er uns förmlich mit einem Feuerregen. Oblt. v. Hornstein fiel hart links von mir durch zwei Brustschüsse. Im nächsten Moment auch Lt. d. Reserve Brümmerstedt, Vizefeldwebel Bode, und bald darauf war alles niedergestreckt. Etwas rechts von mir stand noch ein gewöhnlicher Füsilier Dostatni.

Ich hatte einen Schuß durch das rechte Knie, konnte mich aber noch auf dem linken Bein aufrecht erhalten. Ich schoß wie verzweifelt in die dichten Franzosenhaufen hinein. Laden brauchte ich nicht, denn die tödlich verwundeten Lt. d. R. Brümmerstedt und Tambour Bureinski reichten mir immer geladene Gewehre her. Unteroffizier Bochert und noch einige Schwerverwundete erhoben sich wieder und schossen mit. Wir wären nun doch wohl der Übermacht zum Opfer gefallen, wenn nicht ein Maschinengewehr der MG.-Kompanie von etwas halbrechts rückwärts eingegriffen hätte und im schnellen Schießen ganze Reihen vom Feinde niedermähte. Ich bekomme noch einen Schuß in den linken Oberarm, gleich darauf einen durch die linke Schulter, ich sehe noch, wie die Franzosen vor uns ausreissen und falle um. Der tapfere Dostatni war auch gefallen. Mittlerweile war die erste Welle unter Führung des Herrn Major v. Bismarck herangekommen. Er kam dicht an mir vorüber, wir paar Überlebenden schrien »Hurra«. Herr Major sagte: »Ihr habt großartig geschossen!«

Kurze Zeit darauf kam Seine Königliche Hoheit, der Prinz Eitel Friedrich mit der zweiten Welle. In der linken Hand hielt er eine Trommel, mit der rechten schlug er vermittels eines Schlegels zum Sturm. Er rief: »Vorwärts, Kameraden!« Wir winkten und stimmten »Die Wacht am Rhein« an. Nachher wurde es ruhiger. Der Tod hatte schrecklich gehaust. Wo ich hinsah, nur Tote. Hier am, rechten Flügel lebten noch Unteroffizier Bochert, Füsilier Hommey und ich. Gegen Abend kamen die Reste meiner Kompanie unter Führung des Herrn Lt. v. Müller zurück, etwa 30 Mann. Entblößten Hauptes und tränenden Auges drückten sie uns Überlebenden die Hand. Herr Lt. v. Müller notierte uns zum Eisernen Kreuz II. Schwer hatte die Kompanie gelitten. 42 Tote und 106 Verwundete hatte uns der Sieg gekostet. Aber wir hatten auch eine zehnfache Übermacht zum Rückzug gezwungen."

Über diesen letzen und entscheidenden Sturm, angeführt vom Prinzen, berichtet die Regimentsgeschichte: "Als alle Kompanien in vorderer Linie eingesetzt waren und noch immer der Kampf nicht entschieden war, vielmehr die Erschütterung der zurückkommenden Leichtverwundeten den Ernst der Lage erkennen ließ, entschloß sich der Prinz Eitel Friedrich, die letzten noch verfügbaren Gruppen und einzelne Leute zusammenzufassen und nach vorn zu führen. Zusammen mit Oblt. v. Sick und Major v. Amsberg sammelte er alles, was noch 100 Schritte rechts und links von ihm lag, und trat mit dieser Schar, alles in allem etwa einen Zug stark, an. Alle Spielleute sollten schlagen, aber keiner war mehr zu finden. Da ergriff der Prinz die Trommel des gefallenen Tambours Rasch der 10. Kompanie und schlug selbst das Signal zum Avancieren! ... Die Krisis war überwunden. Denn jetzt endlich - die Mittagsstunde war überschritten, es mochte 1 Uhr sein - machte sich der Druck der 2. Garde-Brigade, und zwar vornehmlich des 2. Garderegiments, das links an uns anschloß, deutlich spürbar. Jetzt endlich konnten unsere füsiliere und Grenadiere, die seit vielen Stunden bei glühender Sonnenhitze im mörderischen Feuer lagen, etwas aufatmen. Noch schoß die französische Artillerie lebhaft weiter, aber die Infanterie war, völlig geschlagen, nach Verlusten, die die unseren noch übertrafen, nach Süden zurückgegangen. Und so konnten denn auch unsere Kompanien über die »Friedhofshöhe« vorstoßen und mit schlagenden Trommlern dem weichenden Feinde in Richtung auf Richaumont folgen. Indessen zwang das feindliche Artilleriefeuer die gelichteten Reihen auf der nächsten Höhe noch einmal zu Boden; von hier aus führten sie noch für einige Zeit ein allmählich einschlafendes Feuergefecht. Nur einzelne Teile, unter Vizefeldwebel Rust und Lt. v. Woyrsch, drangen noch weiter vor, kehrten aber vor Einbruch der Nacht in die Stellung des Regiments zurück.

Gegen 2 Uhr nachmittags lagen die Schützen der 1. Garde-Infanterie-Brigade auf etwa 500 m dem Montalaux-Wald und dem Dorf Richaumont gegenüber, beim 3. Garderegiment, das geschlossen und noch verstärkt durch sechs Kompanien des 1. Garderegiments vorgestoßen war, in Stellungen, die schon 10.15 erreicht waren. Die 2. Brigade stand mit der Masse bei Lemmé, mit vorgeprellten Teilen südöstlich davon.

Als im Laufe des Nachmittags auch das feindliche Artilleriefeuer nachließ, konnte der Regimentskommandeur daran gehen, die durcheinander gekommenen Verbände neu zu ordnen, keine leichte arbeit, da vor Richaumont Teile des 3. Garderegiments, der 2. Garde-Infanterie-Brigade und sogar des X. Armeekorps vermischt mit dem 1. Garderegiment lagen."

Tischskulptur mit originalem Trommelhaken, der von  Prinz Eitel Friedrich bei Colonfay am 29.08.1914 verwendet wurde.  Wachbataillon beim BMVg / Semper Talis Bund 2010

Über den Ausgang der Kämpfe berichtet auch Karl Willnitz. "Etwa sechzig Meter sind wir von der Höhe, die immer noch stark besetzt ist, jetzt entfernt. Schon wollen wir einen neuen Sprung wagen, da schlagen plötzlich vor uns Granaten wieder ein. Es sind deutsche Granaten, wir hören es an ihrem Singen, und jetzt, jetzt endlich wird uns auch wohler ums Herz! Ein Blick nach rückwärts zeigt, wie das 2. Garde-Regiment schon weit vor Le Sourd in Richtung auf uns vorgedrungen ist. Drei fliegende Fahnen kann man deutlich mit den Augen erkennen. Es kümmert sie nicht, daß immer wieder Artillerie sie zum Ziele nimmt. Sie kommen vor und entlasten uns, die wir zum letzten Stoß ansetzen.

Einer meiner Kameraden sagt: »Du, weißt du, wie spät es ist?« »Nein, interessiert mich auch nicht.« »Sollst es aber wissen, halb zwei.« ... »Sprung auf... marsch, marsch... hurra.« Zwei Fahnen sind auch wieder bei uns, sie haben neue Träger gefunden, und nun geht es die letzten dreißig Meter hinauf. »Hurra«... auch dieser Kegel, der für uns ein Eckstein werden sollte, ist ein granitener Block des Sieges geworden. ... Die feindliche Artillerie gibt noch keine Ruhe. Sie zwingt uns noch einmal zurück in den toten Winkel hinter der Höhe. Ein letzter Versuch, das Schlachtenglück des Tages zu wenden. Beim neuen Sturm gibt sie es auf, unseren Adlern das Recht auf einen neuen Horst streitig zu machen. Vier Uhr. Der Feind flieht... Wir liegen vor dem brennenden Richemont. Kein Schuß ist weit und breit mehr zu hören. Leer ist das Schlachtfeld, leer, wo eben noch so heiß gestritten wurde. Nur Tote, Tote, viele Tote blicken in den blauen Himmel. Um die Verwundeten kümmern sich Sanitäter. Wir gehen wieder zurück in Kompaniefront nach Le Sourd. Kompaniefront... wenige sind es nur, die noch den Namen Kompanie verkörpern. Die Gardedivision hat das Unerhörte fertiggebracht, das ganze, tapfer kämpfende 10. französische Armeekorps, von Engländern unterstützt, zum Wanken zu bringen. Eine Division von... Toten. Nicht denken. Du bist noch da... die Sonne scheint noch für dich... nicht denken..."

Allerdings dachte die Generalität noch nicht an die Einstellung der Kämpfe. Sie hielt die Gelegenheit für günstig, den geschlagenen Feind noch weiter zu verfolgen. Gegen 17:00 Uhr befahl daher der kommandierende General von Plettenberg, die 1. Gardeinfanteriedivision solle den Angriff gegen den erschütterten Feind fortsetzen. "Fast undenkbar schien es, der Truppe nach dem furchtbaren, vor kurzem erst beendeten Kampf weiteres zuzumuten, und die Kommandeure unterließen nicht, ihre Bedenken geltend zu machen. Aber der Entschluß des Generals v. Plettenberg war richtig, und hätten nicht mehrfache irrige Meldungen über den Vormarsch starker französischer Kräfte gegen den linken Flügel des Korps den Verzicht auf den erneuten Angriff veranlaßt, so wäre ein vernichtender Schlag gegen die 5. französische Armee möglich gewesen. Das Kriegsglück wollte es anders, und daß die Truppe die Zurücknahme des Befehl und den Übergang zur Ruhe freudig begrüßte, war verständlich. Nördlich der Friedhofshöhe, westlich Le Sourd, wo der Prinz das Regiment sammelte, fanden sich allmählich alle Kompanien wieder ein. In den erreichten Stellungen wurden nur Sicherungen zurückgelassen, die Regimenter richteten sich bei Le Sourd und Colonfay  für die Nacht ein." (aus der Regimentsgeschichte)

Karl Willnitz von der 9. Kompagnie des Füsilierbataillons berichtet: "Eine Feldküche kommt über Stock und Stein herangezuckelt. Brave Kerls, die noch im hellen Tageslicht es wagen, ihren Kameraden etwas zu essen zu bringen. Sie sind ganz verzweifelt, schon bei der vierten Kompanie sind sie und »keiner will etwas zu essen haben«. Nicht nur ich, auch meine Kameraden liegen umher auf ihren Tornistern, stehen zum Teil an Bäumen und schlafen, oder sind völlig auseinander mit ihren Nerven. Nur 99 Mann von meinem Bataillon von 1500 Mann haben in dieser Nacht noch eine Mahlzeit aus der Feldküche geholt, die anderen... Morgen oder übermorgen wird die Welt von ihrem Siegen und Sterben erfahren. Wie kommt es nur, daß keinerlei Siegesfreude in uns aufsteigen will, daß wir in die Nacht hinausstieren in der Richtung des Schlachtfeldes, das von brennenden Gehöften ganzer Dörfer glutrot gefärbt ist? Aus den Spielzeugschachteln von gestern Vormittag, die wir ringsumher verfreut liegen sagen, sind Fackeln geworden, Todesfackeln, die nicht nur unseren Toten, sondern auch jenen des tapferen Feindes leuchten!

Als wir zum Biwakieren einrücken, empfängt uns General der Infanterie von Plettenberg. Er salutiert vor den Resten des Regiments mit seinem Degen und hofft, seinen ältesten Sohn, der in den Reihen unseres Regiments mitgefochten hat, die Hand drücken zu können. Leutnant von Plettenberg ist nicht unter den Zurückkehrenden... Wir wissen, daß er gefallen ist, und wagen doch nicht, dem Vater auf sein Fragen die Wahrheit zu sagen. Von Verbandsplatz zu Verbandsplatz reitet der General in dieser Nacht, nur noch Vater jetzt, der seinen Sohn sucht. Beim Morgengrauen erkennt er in einem Toten mit dem Gewehr in der Hand am Eingang von Colonfay sein Kind. Er liegt neben dem Fahnenträger Kummer, der von vielen Kugeln durchbohrt im Fallen und Sterben mit seinem Leibe die Fahne des 1. Bataillons noch immer verdeckt hält....

Nie wird der Ruhm einer Schlacht den verdunkeln können, den die Potsdamer Wachtparade bei Colonfay erfochten hat. Mit diesen Kämpfen, deren Ausgang die französisch-belgisch-englische Armee bei St. Quentin erschütterte, ist ein neues Ruhmesblatt an die alten silberweißen Fahnen mit dem schwarzen Adler im Mittelfeld geheftet worden. Zu einem St. Privat auf französischer Erde kam ein St. Quentin 1914 im gleichen Land. Das Recht aber, das stolze Wort Semper talis unbefleckt auf unserem Helmadler weitertragen zu können, das haben wir mit unserem Blute und durch unsere Toten uns erkämpft. - Semper talis. Immer die gleichen. -"

Trotz allem Pathos, beschönigen weder Willnitz (vom Füsilierbataillon, das den Semper Talis-Schriftzug gar nicht auf dem Helm führte)  noch die Regimentsgeschichte die gedrückte Stimmung der wenigen Überlebenden des einst so stolzen Ersten Garderegiments zu Fuß im Lager bei Le Sourd am Abend des 29.08.1914. Die Grenadiere und Füsiliere waren am Ende ihrer Belastbarkeit angekommen, da half auch der so teuer erkaufte Sieg nicht. Die Regimentsgeschichte berichtet:

»Schlimmer noch als bei St. Privat!«, so ging es am Abend von Mund zu Mund. In unvorhergesehener Begegnungsschlacht waren die 1. Garde-Infanterie-Division und das französische X. Armeekorps aufeinandergestoßen, mit unerhörter Tapferkeit hatten Deutsche und Franzosen gefochten, Tausende und aber Tausende von Toten und Verwundeten bedeckten das Schlachtfeld, und nach erbittertem Ringen hatte der »Geist von Potsdam« den Sieg über den französischen Elan davongetragen. Höhepunkt der Schlacht war der Heldenkampf um die Friedhofshöhe gewesen, wo die 12., 10. und MG.-Kompanie des 1. Garderegiments eine vielfache Überzahl angegriffen und geworfen hatten!

Die durchlebten Schrecken des rasenden feindlichen Feuers und die ertragenen Mühen, der Schmerz um die vielen Toten und die Leiden der Verwundeten ringsum, deren die Ärzte nur unvollkommen Herr wurden, ließen keine Siegesfreude aufkommen, erschüttert und todmüde sanken die Kämpfer auf ihr Lager, während noch die Flammen brennender Gehöfte die Nacht erleuchteten. Über das nächtliche Schlachtfeld aber, von Verbandplatz zu Verbandplatz, ging rastlos der Führer all dieser stolzen Garderegimenter, der »besten Regimenter der Welt«, General der Infanterie v. Plettenberg, und suchte seinen Sohn, bis er im Morgengrauen, zwischen Colonfay und Puisieux, den Gefallenen fand....

War es von jeher der Ruhm der »Potsdamer Wachtparade« gewesen, daß sie selbst unter den schwersten Verlusten standhielt und vorging - Kolin und St. Privat gaben davon Kunde - so hatte sie bei Colonfay diesen Todesmut und diese unerschütterliche Treue von neuem bewiesen. Und mochte das Regiment in den wochenlangen Materialschlachten späterer Kriegsjahre noch so Furchtbares erleiden und noch so Gewaltiges leiten: den Ruhm von Colonfay hat kein anderer Name verdunkeln können."

Am 30.08.1914 entbrannte die Schlacht wieder, da Generaloberst von Bülow befohlen hatte, daß das Garde- und X. Korps ihre am 29.08. gewonnenen Stellungen zu halten hätten, die Korps seines rechten Flügels jedoch über die Oise weiter angreifen lassen wollte. General Lanrezac, der seinen linken Flügel über die Oise hatte zurücknehmen müssen, setzte seinen rechten Flügel zum Angriff nach Norden an. Dort vermutete er ganz richtig aufgrund der schweren Verluste den schwächsten Punkt der Deutschen. Sein nicht mehr kampffähiges X. Korps ersetzte er durch das frischere I. Korps. "Als in frühester Morgenstunde der Prinz sein Regiment in die befohlene Linie vorführte, rechts das II. Bataillon, in der Mitte das Füsilier-Bataillon, links die 2. und 3. Kompanie (Leib- und 4. waren noch beim 3. Garderegiment), traf es bereits auf den feindlichen Angriff, der wieder, wie am Tage zuvor, von heftigem Artilleriefeuer begleitet wurde. Noch einmal hatte die 1. Garde-Infanterie-Brigade schwere Stunden durchzumachen, es mußten mehrere heftige Vorstöße der feindlichen Infanterie abgewehrt werden, deren einer beim II. Bataillon bis in unsere Linien vordrang; noch mancher lieber, tapferer Kamerad mußte sein Leben lassen, so Hptm. v. Wedel, der zusammen mit seinem vortrefflichen Feldwebel Babuke von einer Granate zerrissen wurde. Noch einmal galt es, stundenlang Hitze und brennenden Durst zu ertragen.

Es wurde Mittag, ehe die vom X. Korps zurückgeholten schweren Gardebatterien die feindliche Artillerie zum Schweigen brachten, ehe der Druck auf die Flanken des Gegners vor der 1. Garde-Infanterie-Division sich bemerkbar machte und der Feind schließlich auf der ganzen Linie zum Weichen gezwungen wurde. Zunächst kam die Kunde, vor der 2. Garde-Infanterie-Division sei der Feind in voller Flucht; dann wurde auch bei Colonfay und Le Sourd das feindliche Feuer schwächer, die letzten Franzosen verschwanden jenseits Richaumont, unsere Schützen konnten aufstehen und die steifen Glieder recken; und als Oblt. v. Sick die Front entlang jagte und die Kunde vom Siege der Armee ausrief, da erscholl überall lauter Jubel. Lichte Wellen folgten dem Feinde noch bis auf die Höhen westlich Sains, und unter ihrem Schutze ging das Regiment in Sains und Richaumont zur Ruhe über. als die zusammengeschmolzenen Kompanien in Richaumont einrückten, empfing sie General v. Plettenberg, tief bewegt von dem Anblick dieser Truppe, die nach so schweren Kämpfen erhobenen Hauptes und mit leuchtenden Augen an ihm vorbeizog. Entsetzlich waren die Verlustziffern!" (aus der Regimentsgeschichte)

Die 1. Gardeinfanteriedivision hatte bei der Schlacht von St. Quentin-Colonfay-Le Sourd am 29./30.08.1914 insgesamt 75 Offiziere und 2.656 Mannschaften an Toten, Verwundeten und Vermißten verloren. Beim Ersten Garderegiment zu Fuß betrugen die Verluste: 26 Offiziere und 1.170 Mann, weit mehr, als jedes der anderen Regimenter der Division. 10 Offiziere waren gefallen:  Hauptmann von Witzleben 13. (MG) Kompagnie, Hauptmann Wedigo von Wedell 6. Kompagnie, Oberleutnant Hartwig Brunsich Edler von Brun 11. Kompagnie, Oberleutnant Erich Freiherr von Hornstein-Bietingen 10. Kompagnie, Leutnant Freiherr von Plettenberg 4. Kompagnie, Leutnant Heinz Freiherr von Rheinbaben Leibkompagnie, Leutnant Freiherr von Lyncker 5. Kompagnie, Leutnant von Bonin 12. Kompagnie, Leutnant der Reserve Brümmerstedt 10. Kompagnie, Leutnant der Reserve Czechanowski 8. Kompagnie. 16 Offiziere waren verwundet worden: Major von Bismarck, die Hauptleute von Weiher und von Schütz, Oberleutnant Graf Finckenstein, die Leutnants von Alvensleben, von Ammon, von Katte, von Eickstedt, von Diest, von Krosigk, von Lochow, Graf Goltz und der Leutnant der Reserve von Blumenthal. Dazu die Fähnrichs von Richthofen, von Kalkreuth und der Oberarzt der Reserve Dr. Schütze. 350 Unteroffiziere, Spielleute, Grenadiere und Füsiliere waren gefallen und 820 verwundet. Der 29.08.1914 wäre zweifelsohne der fünfte Gedenktag des Regimentes geworden - wenn der Krieg einen anderen Verlauf genommen hätte.

Ehrenfriedhof der Garde bei Colonfay, Regimentsgeschichte

Den ganzen 31.08.1914 über blieb das Gardekorps in Ruhestellung. "Gewiß wäre es nützlich gewesen, die Verfolgung mit aller Macht fortzusetzen; aber daß General v. Bülow seiner siegreichen, durch die schweren Kämpfe aufs höchste angestrengten Armee einen Ruhetag gewährte, war verständlich. Der Ruhetag diente dazu, die Verbände neu zu ordnen und die frei gewordenen Führerstellen neu zu besetzen. Die nachstehende Stellenbesetzung zeigt ein völlig verändertes Bild, wie man es zu Friedenszeiten nie für möglich gehalten hätte." (aus der Regimentsgeschichte)

Stellenbesetzung des Ersten Garderegiments zu Fuß vom 31.08.1914

Quelle: Eitel Friedrich, Prinz von Preußen / Katte, von: Das Erste Garderegiment zu Fuß im Weltkrieg 1914-18, Berlin 1934, Junker und Dünnhaupt

Chef: König Wilhelm II. von Preußen, Deutscher Kaiser

Kommandeur: Oberst Eitel Friedrich Prinz von Preußen

Adjutant: Oberleutnant Kuno von Sick

Persönlicher Adjutant: Major von Amsberg

 

I. Bataillon Kommandeur: Hauptmann von Stutterheim

Adjutant: Leutnant von Werder

 

Leibkompagnie Leutnant der Reserve Balla

2. Kompagnie Leutnant der Reserve Woltersdorff

3. Kompagnie Leutnant der Reserve Bandt

4. Kompagnie Leutnant der Reserve Adolf

 

II. Bataillon Kommandeur: Major Graf von Merveldt

Adjutant: Leutnant Freiherr von Kettler

 

5. Kompagnie Hauptmann von Moltke

6. Kompagnie Leutnant der Reserve Heinrici

7. Kompagnie Leutnant der Reserve Grothmann

8. Kompagnie Oberleutnant von Plüskow

13. (MG) Kompagnie Leutnant von Keudell

 

Füsilierbataillon Kommandeur: Major von Bismarck

Adjutant: Oberleutnant Graf von Matuschka, in Vertretung Leutnant von Müller

 

9. Kompagnie Hauptmann der Reserve Graf Finckenstein

10. Kompagnie Leutnant von Müller

11. Kompagnie Leutnant der Reserve von Ditfurth

12. Kompagnie Leutnant de la Croix

In der großen Kirche zu Sains fand am 31.08.1914 ein Gottesdienst statt, an dem das ganze Regiment, oder besser, das, was von ihm übrig war, teilnahm. "Der Prinz fuhr mit seinem Stabe, der Regimentsmusik und einer Gruppe der 4. Kompanie nach Wiége, wo Major Frhr. v. Zedelitz vom 3. Garderegiment und Lt. Frhr. v. Plettenberg beerdigt wurden. Für alle Teilnehmer ein erschütternder, unvergeßlicher Eindruck: im Hofe des uralten Schlosses, in dem das Heldenmädchen von Donchéry übernachtet hatte, Scharen zerschossener Kameraden, die sich kaum hertragen lassen oder herbeigehumpelt kamen, um an der Feier teilzunehmen; die Toten auf ihren Bahren; und dahinter tief ergriffen unser Kommandierender General, der seinen Ältesten ins Grab legte." berichtet die Regimentsgeschichte.

Am 01.09.1914 setzte sich das Gardecorps wieder in Bewegung, es marschierte in einer Kolonne über Erlon-Voyenne-Cuirieux auf Machercourt. Nach einem Marsch von ca. 30km bezog das Erste Garderegiment zu Fuß am Nachmittag Ortsbiwak in Pierrepont. Abends um 19:00 Uhr gab es plötzlich einen Alarm. In wenigen Minuten stand das ganze Regiment marschbereit, da es hieß, daß das Gardekorps den bedrängten Sachsen helfen sollte. Gerade, als abgerückt werden sollte, kam jedoch der Gegenbefehl: "Großer Sieg der Sachsen, alles wieder einrücken." (aus dem Kriegstagebuch) Doch lange dauerte die Nachtruhe nicht, denn schon um 00:30 Uhr wurde die Truppe erneut alarmiert und der Vormarsch fortgesetzt. Der 02.09.1914 brachte dem Regiment einen der längsten Märsche des ganzen Feldzuges, über 50km! Über Sissonne ging es nach Corbény, wo gerastet wurde. Es war wieder heiß geworden nach einer kühlen Nacht, die Zunge klebte den vormarschierenden am Gaumen, und so mancher schlief beim Gehen ein, erst im Fallen wieder unsanft aufwachend. Daß dies wirklich geschehen ist, berichtet auch Karl Willnitz: "Wenig Wochen nach Beginn des Krieges sprachen wir von Belgien nur noch als »von der Etappe«. Nordfrankreich war in unserem Besitz und jeder Tag verringerte zu unserer Freude all´ die Kilometerzahlen auf den gußeisernen Wegweisern der wundervollen Straßen, die für uns.... alle nach Paris führten. Das große Kommando hatte jedoch der Schlaf! Gab es einmal einige Augenblicke Halt, dann fielen die Augen ganz von selber zu. Nicht einmal hinlegen brauchte man sich, um in Morpheus Armen zu schlummern. Ich behaupte und stelle jederzeit unter Beweis, daß es Kameraden gegeben hat, die selbst im Marschschritt, in der Gruppenkolonne, schlafen konnten. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß bei schweren Märschen sehr oft rechts und links und auf ebener Erde Männer wie Bleisoldaten aus dem Gliede kippten, ganz verstört um sich sahen, wenn wir, die anderen, die Wachgebliebenen, sie hänselten? Schlaf... Schlaf... und immer wieder Schlaf. Es war das Köstlichste, was man uns reichen konnte."

Ebenfalls köstlich geschmeckt haben dürfte das frische Bergwasser des Springbrunnens zu Corbény, wo eine Rast eingelegt wurde. Aus einer in Marle ausgehobenen Bäckerei wurde Brot herangeschafft. Die eigenen Bäckereikolonnen kamen mit dem Vormarsch schon lange nicht mehr mit. Nach dieser kurzen Rast wurde erneut angetreten. Um den später so benannten Winterberg, herum führte die Straße, über Craonne-Craonelle nach Maizy an der Aisne, die gegen 18:00 Uhr singend überschritten wurde. "Alles Ortschaften und Fluren, die im Laufe des langen Stellungskrieges unendlich viel Blut trinken sollten und die auch unser Regiment in den Kämpfen der Jahre 17 und 18 nur zu genau kennenlernen sollte." (aus der Regimentsgeschichte) An der Aisne wurde wieder eine kurze Rast eingelegt, danach ging es noch ein Stück weiter, bis bei einbrechender Nacht das Vesletal erreicht wurde. Das Regiment hatte damit an einem Tag die Strecke von der Serre zur Vesle zurückgelegt! Das I. Bataillon zog in Breuil unter, die beiden anderen Bataillone mußten sich die Unterkunft in Courlandon in einem kurzen Feuergefecht erst noch "erkämpfen". Der Feind, der offenbar nicht mit so großen Marschleistungen der angeschlagenen Deutschen gerechnet hatte, war damit wieder eingeholt, zumindest seine Nachhuten.

Am nächsten Morgen, dem 03.09.1914 wurde weitermarschiert. Bei Staub und Hitze ging es durch das bergige Gelände in südlicher Richtung vorwärts über Crugny-Brouillet-Romigny nach Joncquery, wo das Regiment nächtigte. "Am 4. September, abends 7 Uhr, rückte das Regiment, das den ganzen Tag über herumgelegen und gewartet hatte, mit  klingendem Spiel in Epernay, diese von Weinbergen und waldigen Höhen umgebene Perle des Marnetals ein. Kurz vorher waren die Franzosen erst verschwunden; den Posten vor der Kaserne hatten sie vergessen;  er stand pflichttreu weiter, bis er vom Erbprinzen von Hohenzollern gefangen genommen wurde. Der Aufenthalt in dem freundlichen Städtchen tat den ermüdeten Kriegern wohl, die nur ungern am folgenden Morgen in aller Frühe wieder weiterzogen." berichtet die Regimentsgeschichte.

Am gleichen Tage, dem 04.09.1914 war man bei der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) zu einer völlig veränderten Auffassung der Gesamtlage gekommen. Es war dem Gegner gelungen, sich der Umfassung durch den rechten deutschen Heeresflügel, bestehend aus der 1. und 2. Armee, zu entziehen und mit Teilen Anschluß an Paris zu gewinnen. Andererseits hatte es der linke deutsche Heeresflügel, bestehend aus der 6. und 7. Armee, nach den vorliegenden Meldungen nicht verhindern können, daß der Gegner aus dieser Front Truppen herauszog. Damit war die Möglichkeit gegeben, daß der Feind zu einer starken Gegenoffensive aus Richtung Paris gegen die rechte deutsche Flanke antreten könnte. Jetzt zeichnete sich bereits ab, daß der "Aufmarschplan West", wie der Plan des deutschen Generalstabes schlicht hieß, gescheitert war. Denn eine schnelle Vernichtung des Feindes war nicht erfolgt, im Gegenteil, er trat nun zur Gegenoffensive an. Das "Marnedrama" begann. Am 04.09.1914 abends und besonders am 05.09. vormittags, trug die OHL durch neue Anweisungen an die Armeen der veränderten Kriegslage Rechnung. Der Gedanke, das gesamte französische Heer zu umfassen und gegen die Schweizer Grenze zu drängen, wurde aufgegeben. "Man wollte jetzt vielmehr aus dem Dreieck Belfort-Verdun-Paris die Spitze bei Verdun herausschlagen" wie es die Regimentsgeschichte nennt. Die 4. und 5. Armee sollten den Gegner nach Südosten drängen und damit zugleich der 6. Armee von rückwärts her den Weg über die Mosel zwischen Toul und Epinal öffnen. Der 1. und 2. Armee war bei dieser Operation der Flankenschutz des deutschen Heeres übertragen. Sie sollten gemeinsam feindlichen Unternehmungen aus der Gegend von Paris offensiv entgegentreten.

Etwas ausführlicher als die Regimentsgeschichte  berichtet Karl Willnitz über den denkwürdigen Aufenthalt des Regiments in Epernay am 04.09.1914: "»Kompanie halt... setzt die... Gewehre... zusammen... rechts und links weggetreten!!! An die Gewehre... Gewehr in die Haand... das Gewehr über... ohne Tritt maarsch. Kompanie halt... setzt die ... Gewehre... zusammen...« und so unendliche Male des Nachts die Befehle vernehmend, ausführend, auf Ruhe hoffend und wieder in Schritt sich setzend, traben wir, müde wie die Hunde und hungrig wie die Löwen auf einer miserablen Feldstraße siebenter Ordnung in südlicher Richtung vorwärts. Es geht nach Chalons, wie man uns sagt, von dort nach Paris. Uns ist dies gleich. Selbst wenn es hieße, es gehe nach Honolulu oder sonst irgendwohin, so würde auch diese Nachricht uns in keiner Weise aus unserer augenblicklichen Verfassung reißen. Aus Gefechten und Laufen, ohne Essen und Schlaf, setzt sich unser Leben seit Wochen schon zusammen. Manch einer ist unter uns, der sich einen Heimatschuß wünscht, um endlich einmal schlafen, richtig ausschlafen zu können. Wie der Morgen graut, rasten wir auf einer Höhe, die, von schönem Wald umgeben, einen weiten Blick nach Süden und Westen freigibt. Vor uns eine wunderschöne Stadt, scheinbar friedlich und ohne Arg, Epernay in der Champagne. Außerhalb des Bereiches weittragender Geschütze und mit allen Sicherungen einer marschierenden Truppe versehen, harren wir der Dinge, die da kommen sollen.

Kaffee wird verteilt, und jeder darf zwölf kleine Feldzwiebäcke, 1 x 2 Zentimeter groß, aus seinem Feldbeutel genießen, das heißt, theoretisch nur. Praktisch haben wir längst nicht nur die Zwiebäcke, sondern auch restlos die eisernen Rationen, bestehend aus Gemüse und sonstigem Gemengsel, roh gegessen. Was kann uns schon geschehen, wenn man uns erwischt und zur Anzeige bringt? An den Baum bindet uns keiner mehr, und ebenso wenig kann uns irgendjemand etwas zu essen geben. Wo nichts ist, da hat selbst der Feldwebel sein Recht verloren, und wo die Mutter der Kompanie nichts zu sagen hat, da hauen die Kinder über die Stränge. ... Uns ist es ziemlich Wurst, wo und wie wir den Tag verbringen. Längst haben wir festgestellt, daß im Grase liegen und nichts zu tun noch besser ist, als schlecht gefahren zu werden oder gut laufen zu müssen. Wir aalen uns also nach allen Regeln der Kunst, strecken alle Viere ins Gelände und haben das Unangenehme der letzten Stunden schon wieder vergessen. ... Groß scheint das Städtchen in der Ferne nicht zu sein. Wir sehen alte, bucklige Häuser dicht aneinander gedrängt sich um eine große Kirche wie Küken um eine Glucke scharen, sehen aus vielen Kaminen feinen Rauch in die Lüfte steigen... Tauben kreisen in großen Zügen über der Stadt... Es ist Krieg, und wenn nicht alles täuscht, werden wir am Abend diese Stadt genommen haben. Wir werden endlich richtig zu essen bekommen und vielleicht, wenn alles gut geht, auch einmal in einem Bett wieder schlafen dürfen.

Beim Stabe, der sich etwas abseits vom Regiment gelagert hat, erscheint soeben eine Ordonnanz zu Pferde, die eine Meldung überbringt. Es muß eine freudige Nachricht sein!!! Ueber das Gesicht unseres Führers huscht ein Lächeln, als er die Rolle öffnet, ein Papier rasch überfliegt und dann den Reitersmann mit einem kräftigen Handschlag wieder verabschiedet. Schon kommen auch von allen Seiten die Gefechtsordonnanzen und die Offiziere zusammen. Diese letzteren sind es vor allem, die lebhaft in die Freude des Kommandeurs einstimmen, nachdem er einige Worte an sie gerichtet hat. Hochspannung für uns. Was da wohl wieder los ist? Ob die Italiener erneut mit ihren tapferen Soldaten im Süden Frankreichs eingefallen sind, ob die Russen wieder Prügel bekamen, ob neben dem Negerstaat Liberia vielleicht auch die Eskimos den Krieg erklärten? Nun, unsere Wißbegierde wird auf eine ziemlich harte Folter gespannt. Es dauert geraume Zeit, bis man uns verkündet, daß der Feind weicht, alle Stellungen vor uns geräumt sind und wir noch im Laufe des Tags friedensmäßig in die vor uns liegende Stadt Epernay einziehen werden.

Jetzt ist es auch an uns, ein breites Grinsen über die stoppeligen Gesichter zu schicken. Endlich einmal ein oder mehrere Tage Ruhe in Aussicht, weg von der Spitze der 2. Armee, die wir von Anfang des Krieges an unter größten Verlusten führen mußten. So schneidig, wie an diesem Morgen haben wir selten unser Gewehr über die Schulter genommen, nie, selbst in Potsdam nicht, einen besseren Parademarsch geklopft als jenen, den wir beim Einmarsch in die Stadt mit voller Regimentsmusik und unserem Neger als Schellenbaumträger an der Tete auf das Epernayer Pflaster legten. Eine kleine, schmale Seitenstraße, in die wir endlich hineinbiegen, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie sie erleben muß, daß nie gesehene lange Kerle unerhörten Lärm aus ihren runden Katzenköpfen zaubern. Auch ihre Häuser scheinen ganz verdutzt zu sein. Als ob sie miteinander tuscheln wollten, schauen sie mit ihren Giebeln und Balkonen auf uns nieder, geben das Echo des Kommandeurs klar und deutlich zurück, daß man vermeint, es seien zwanzig und nicht einer nur befugt gewesen, uns aus dem starren Stechschritt zu erlösen. Ganz unbefangen sind nur alle Kinder dieser Stadt. Aus schmucken, reich verzierten Türen stürmen sie hervor, umkreisen uns und suchen unsere Worte, die wir an sie richten, zu verstehen. Die Bürger freilich sieht man nicht. Sie hocken hinter Butzenscheiben voller blühender Geranien, blicken voll Sorgen auf das Kommende, das Recht des Kriegers, der von ihnen fordern wird, Quartier zu geben und die gleiche Luft wie sie zu atmen!! Die Boches... Hunnen... die nicht wert sind, daß sie Gottes Sonne bescheint.

Das Haus, das meinem Zuge als Quartier gegeben wird, liegt in der Mitte dieser Straße. Es trägt ein Firmenschild, auf dessen Namen ich nicht achte. Mit Kreide schreibe ich an das Tor, daß hier ein Fahnenjunker, dreißig Grenadiere und ich selbst Quartier bezogen haben. Befehl, daß dies geschieht, noch ehe einer in das Haus verschwindet. Der Bevölkerung wird bekannt gemacht, daß es bei Todesstrafe jedermann verwehrt ist, diese Kreideschrift zu beseitigen oder auch nur ein Tüpfelchen daran zu ändern. Die Strenge dieser Anordnung wird verständlich, wenn man bedenkt, daß wir in Belgien so manchen Kamerad nicht wiedersahen, der ein Quartier bezog und in eine Falle ging, die ihm Franktireurs im Hinterhalt legten. Wie schon die Anschrift an der Tür besagt, ist meinem Zuge ein Fahnenjunker zugeteilt. Wir beiden Höchstchargierten haben das Glück, in der ersten Etage des völlig verlassenen Hauses ein Bett zu entdecken. Ein herrliches Bett, ein süßes Bett, ein französisches Bett, ungefähr 1,80 Meter lang und 1,80 Meter breit, dazu schwellende, spitzendurchwirkte Plumeaus, eine grünseidene Daunendecke.... Im Zimmer selbst finden wir eingebaute Wandschränke, fließendes Wasser, Parfums in einer Fülle, die wir nie für möglich gehalten hätten. Ein Traum aus einer anderen Welt ist für uns Wirklichkeit geworden. V. B., der Junker, und ich sinken wie die gefällten Stiere in die seidenen Kissen. Da der Befehl besteht, daß sich vorerst keiner entkleiden darf, geschieht dies selbstverständlich in voller Kriegsbemalung. Wir wissen genau, daß dies eine Entweihung dieses Raumes ist, aber, mag uns die Jungfer, die vielleicht längst mit ihrer Familie nach Paris geflüchtet ist, darob nicht schelten. Befehl ist Befehl, und es hat sein gutes, wenn wir die Stiefel an den Füßen behalten. Sie haben sich eingelaufen, und keiner kann mit Gewißheit sagen, ob er sein Fußzeug je wieder in eine so gute Lage bringen kann, wie sie zur Zeit nach den gewaltigen Märschen, die wir hinter uns haben, besteht. Mittlerweilen ist der Tag doch rüstig vorwärts geschritten. So nahe wir auch die Stadt vom Berge aus sahen, sind immerhin vierzehn Stunden vergangen, bis wir uns in Morpheus Armen sicher geborgen fühlen.

Wie lange ich geschlafen habe, kann ich nicht genau bestimmen. Als ich plötzlich aufwache, ist es schon dunkel. Mein Kamerad hat sämtliche Parfums durchprobiert... die Bude stinkt wie ein Affenkasten. Wenn er nicht selber hätte niesen müssen, wäre ich wahrscheinlich überhaupt noch nicht aufgewacht. Jetzt noch Eß- und Trinkbares entdecken, würde das Glück völlig runden. Mit allen sinnen versuchen wir, hinter die Verstecke der geflüchteten Besitzer zu kommen. Es ist mehr als beschämend für uns, daß wir in allen Räumen nicht das Geringste entdecken, was unseren Magen füllen könnte. Wie wir schon auf dem Rückwege nach unserem Schlafzimmer sind, entdecken wir dennoch mitten im Hofe in das Pflaster eingelassen zwei große hölzerne Falltüren. Von dort führen Stufen in die Tiefe. Eine Taschenlampe, die wir besitzen, leuchtet uns voran. Schritt für Schritt geht es mit dieser und dem Revolver in der Hand immer weiter in den Schoß der Mutter Erde. Das erste, was wir entdecken, ist ein Schalter. Ein richtiger, normaler elektrischer Schalter. Da wir nicht wissen, welche tückischen Eigenschaften dieser kleine schwarze Knopf besitzt, muß der Knauf des Revolvers ihn bitten, eine kleine Drehung nach rechts zu vollführen. Er tut dies ohne Widerstand und läßt gleichzeitig, soweit das Auge reicht, ein herrliches, weißes, gleißendes Licht erstrahlen. Wein, wohl hunderttausend volle Flaschen stehen Kopf an Kopf gereiht in mit Schildern versehenen Regalen und Verschlägen. Ebenso viele liegen auf ihrem dicken Bauche und lächeln uns als ihre neuen Herren mit farbenfrohen Stanniolkappen an. Uns wird es klar, daß wir Besitzer einer der modernsten Kellereien der Welt und einer der ältesten Firmen der Champagne in unserem Dusel geworden sind. Aus einem besonders verschlossenen Schranke entnehmen wir drei Flaschen alten Weines vom Jahre 1891, dazu aus einem Stapelregal zwei Flaschen Champagner.

Eine Vitrine, die mit altertümlichen geschliffenen, prunkenen Römern vom Licht umspielt wird, liefert uns zwei dieser herrlichen Gläser aus, und schwer beladen kehren wir mit unserer Beute zurück in unser Schlafgemach. ... Welch ein Jammer! Der nüchterne Magen schafft nur je eine Flasche. Um nichts umkommen zu lassen, beschließen wir, die anderen Flaschen unseren Kameraden zu bringen. In einem Etikettierraum auf der anderen Seite des Hofes haben sie Unterkunft gefunden. »Herhören«, so beginne ich die feierliche Uebergabe, »hier sind drei Flaschen Wein. Eine davon ist aus dem Jahre 1891. Ich glaube nicht, daß einer unter euch ist, der schon einmal einen so alten Tropfen genossen hat. Trinkt ihn mit Verstand und freut euch, daß uns ein so gutes Quartier beschieden ist.« Stolz über meine herrliche rede will ich mich gerade zurückziehen, da grunzt es aus der Ecke: »Schiete is richtig... 1891... wat denn, wat denn... wir haben hier welchen von 1880 stehn lassen. Jetzt holen zwei solchen von 1860, und bis wir auf die Pulle von Karln Jroßen kommen, wird es keine zwei Stunden mehr dauern.« Ich halte es doch für besser, hier zu schweigen und Autorität bei diesem Zustand meiner Kameraden nicht hervorzukehren. Trotz meines leichten Driesels muß ich mir aber sagen, daß sich hier der Spürsinn meiner Bande wieder einmal glänzender Bewährte als der seiner Führer.

A propos... Führer... was heißt schon Führer jetzt. Wir könnten selbst einen gebrauchen, der uns in unsere Kammer geleitet. Der alkoholisierte Sonnenschein von 1891 lastet uns schwer in den Gliedern und läßt sie von selbst Richtung auf das Bett nehmen. Der Junker hat es schlechter als ich in seiner Ruhestellung. Da er weit über zwei Meter lang ist, gelingt es ihm beim besten Willen nicht, das eine Mal mit dem Kopf, das andere Mal mit den Beinen in Ordnung zu kommen. Auch ich finde nicht sobald wieder den so nötigen Schlaf. Es müssen luftige Daunen doch wohl nicht die richtige Unterlage für den Schlummer eines im »Pulverdampf ergrauten Kriegers« sein. Ich bin deshalb auch gar nicht erzürnt, wie nach einigem Hindämmern mich ein fürchterliches Getöse endgültig hochfahren läßt. Schon glaube ich, es sei ein Volltreffer in allernächster Nähe herniedergefahren, da muß ich mich eines Besseren belehren lassen. Ich trete an das Fenster und sehe auf dem Hofe Leute meines Zuges im Scheine mehrerer Taschenlampen damit beschäftigt, viereckige Blechbehälter beiseite zu bringen. Wie ein geölter Blitz stürze ich die Treppe hinunter.

Die ich schnappe, werden mehr als verlegen, als sie mir von Angesicht zu Angesicht Rede und Antwort stehen müssen. Schließlich kommt es stockend heraus, daß in den Behältern sich Schokolade, Keks und lieblich duftende Biskuits befinden und sie die letzteren als eiserne Ration unter sich verteilen wollen. »Woher habt ihr das Zeug«, donnere ich los?! »Hübner...« Mehr brauch´ ich nicht zu wissen. Hübner ist bei allem dabei. Der rheinische Junge hat bei einer Rekognoszierung auf eigene Faust festgestellt, daß zu der Sektkellerei auch noch, wie er sagt, eine »süße« Fabrik gehört. Sie ist durch eine große Mauer von unserem Grundstück getrennt und hat den Haupteingang in der Nachbarstraße. Dort liegen Kameraden eines anderen Regiments... Es hat also nur weniger Intelligenz und eines primitiven Geschützes bedurft, die trennende Wand zu beseitigen. Ein Bretagne-Wagen von der gleichen Konstruktion, wie ihn auch unsere Weinbauern benutzen, um ihre Fässer auf zwei langen Holmen nebeneinander zu reihen und möglichst viel auf einmal transportieren zu können, hat als Sturmbock gedient. Nach mehrmaligem Anrennen mit der vorderen, mit einem Eisenbügel versehenen Holmenspitze haben sie eine Bresche in das Hindernis gelegt...

Der von mir gehörte »Volltreffer« war der Einsturz der Mauer. Nach ungeschriebenem Kriegsrecht liegt der Weg frei, die Beute aus der Schokoladenfabrik in Besitz zu nehmen. Das heißt, dies ist die Ansicht meiner Kameraden. Mir selbst bangt bei dem Gedanken, was wohl bei der ganzen Geschichte für eine dicke Nase für mich herauskommen wird. Ich baue deshalb vor, lasse einen Tragkorb aus der Küche holen, mit Wein, Sekt, Schokolade, Biskuits und frischen Waffeln bepacken und durch die zwei nüchternsten Soldaten dem Kommandeur ins Quartier bringen. Es war das Dümmste, was ich tun konnte. Wie die Bienenschwärme kommen jetzt von allen Kompanien des Regiments Ordonnanzen über Ordonnanzen. Ein Arzt stellt nach dem Probieren der zweiten Pulle fest, daß diese Sorte Alkohol gegen die im Regiment grassierende Dysentrie das beste Abwehrmittel ist. Ein Zahlmeister wird aus dem Bett geholt und dazu kommandiert, fein säuberlich jede einzelne Flasche, den Jahrgang und den vermeintlichen Preis zur späteren Vergütung an den Kellereibesitzer zu verbuchen. Der Junker und ich haben eine Wut, weil man uns zumutet, diesem Zahlmeister Hilfsdienste zu leisten. Beide sinnen wir auf eine List, wie wir uns von diesem Aufsichtsposten verdrücken können. Schon nach kurzer Zeit wirft der Junker feurige Blicke des Mißbehagens in die Runde. Zuerst glaube ich, daß er etwas in den Zähnen beseitigen will, weil er bei jeder vollen Deckung den Finger im Munde hat. Dann begreife ich seine Absicht. Beim ersten unbeobachteten Augenblick stecke auch ich blitzschnelle meinen Finger in den Mund. Aber nicht nur bis an die Zähne dringe ich vor, bis tief in den Schlund führe ich den Zeigefinger. Ein Glück nur, daß ich meinen Kopf schnell beiseite wenden kann, wie die erwünschte Wirkung eintritt, die gesamten Listen wären sonst sicher unbrauchbar geworden. »Sind Sie krank?« »Jawohl, Herr Oberzahlmeister« - die kleine Rangerhöhung verleihe ich ihm. »Dann scheren Sie sich ins Bett. Ich werde mir Ersatz anderweitig verschaffen.« Kaum sind diese Worte heraus, fällt der Junker kerzengerade um. Einfach um!! Nicht ohne gleichzeitig den Tisch mitzunehmen. Den wütenden Ausruf: »Besoffen seid ihr Schweine!« lassen wir ohne Widerspruch über uns ergehen. Von B. knurrt noch: »... von Kühen und frischer Milch kann uns allerdings nicht bedrieselt werden« - der Zahlmeister lag in einer Molkerei - dann sind wir still gegangen. Und wenn es nur eine Stunde Schlaf ist, die wir uns durch diese List verschaffen, wir schlafen selig ein und träumen von lauter schimpfenden Zahlmeisteraspiranten."

In aller Frühe um 04:00 Uhr des 05.09.1914 wurde das Regiment wieder alarmiert. Die Richtung des Regimentes ist nun schon die Seine. Über Pierry-Moussy-Brugny, dann nach Südosten abbiegend nach Villers aux Bois. Dort verbrachte das Erste Garderegiment zu Fuß die Nacht, während bei der 2. Gardeinfanteriedivision schon wieder die Kanonen donnerten und französische Flugzeuge im hellen Mondschein über den deutschen Truppen kreisten.

Über den 05.09.1914 berichtet Karl Willnitz, 9. Kompagnie des Füsilierbataillons des Ersten Garderegiments zu Fuß: "Schon gegen vier Uhr morgens setzt feindliches schweres Feuer ein. Die Schlacht an der Marne beginnt. Schade um mein schönes warmes Bett, denke ich, als wir in der Morgendämmerung wieder Mann hinter Mann schon außerhalb der Stadt unseren Weg in das Schlachtgelände suchen. Zwei, drei, vier Stunden tapern wir, da lesen wir eine Warnungstafel, die erklärt, daß das Betreten des Truppenübungsplatzes von Chalons bei Lebensgefahr verboten ist. Der Tag scheint also in doppelter Hinsicht heiß zu werden. Nicht nur, daß überall schon schwerste Kanonaden zu hören sind, hat auch die Sonne heute wieder sämtliche Oefen angezündet. Es ist überhaupt ein kritischer Tag. An dem Schwanken der Truppe oder am Geruch, der über dem Ganzen lagert, muß der Kommandeur es gemerkt haben, daß etwas nicht in Ordnung ist. Das erste Halt ertönt. Wir sind gespannt, was nun kommen wird. Sein Befehl lautet: »Sämtliche Weinflaschen«, die natürlich in allen Tornistern zu finden sind und schwitzend und triefend, aber freudig geschleppt wurden, »sind rechts und links in den Straßengraben abzuwerfen und zu zerschlagen.« Es findet sogar eine Kontrolle statt, und niemandem gelingt es, auch nur die kleinste Flasche Sorgenbrecher mit in das Gefecht zu nehmen. Die Worte, die wir bei Ausführung des Befehls brummen, findet selbst ein steinalter Gelehrter nicht in seinem Lexikon. Mürrisch gehen wir wieder an die Gewehre. Alles ist verärgert, weil keiner die Maßregel verstehen will. Der Alte hat auch dies gemerkt. Er läßt uns plötzlich links auf einem Felde in einem Karree aufmarschieren und hält eine Rede, die nicht von Pappe ist. »Jungens«, so hebt er an, »ich gönne euch gern sämtliche Weinflaschen Frankreichs zusammengebündelt. Jeder aber, der in Gefangenschaft gerät, und auch nur den Korken einer Weinflasche bei sich führt, kommt vor ein französisches Kriegsgericht und wird in neunundneunzig von hundert Fällen erschossen...« Wir söhnen uns nach diesen Worten sofort wieder mit unserm Führer aus und sind ihm dankbar, daß er sogar noch unser Wohl bedenkt, wenn wir das Unglück haben sollten, in feindliche Hände zu fallen. ...

Vor einer sandigen Düne machen wir Halt. Jenseits dieser kaum zwanzig Meter hohen Erhebung tobt schwerer Kampf. Alles, was Frankreich aufzubieten hat, ist eingesetzt worden, um uns den Weg nach Paris zu verlegen. Die 3. Brigade liegt vor uns im schwersten Feuer und hat fürchterliche Verluste. Ueber diesen Hügel pfeifen zu tausenden die Infanterie- und MG.-Geschosse. Es wird uns doch etwas bange ums Herz, wie der Befehl kommt, gruppenweise über den Hügel hinwegzustürmen und auf der anderen Seite die Linie der Kämpfenden zu verstärken. Manch einer zittert beim aufpflanzen des Seitengewehrs und bei manchem will die Schuppenkette nicht unter das Kinn. Nur unter größeren Verlusten gelingt es uns, an den befohlenen Ort zu gelangen und von dort aus sprungweise vorzugehen. Es ist ein wahres Totenfeld, durch das wir stürmen müssen. Der Hügel besteht aus hellgelbem Sand und die im Walde eingegrabene französische Infanterie hat ein herrliches Zielen auf unsere sich scharf abhebenden feldgrauen Uniformen. Schließlich schaffen wir es aber doch. Mit dem Bajonett nehmen wir die feindlichen Gräben, es gelingt sogar nach stundenlangem Kampf, auch die letzten Gegner aus dem Waldstück zu vertreiben. Am jenseitigen Rande des Waldes angekommen, reißen wir die Augen auf. Eine weite Sicht auf die Gefilde des Truppenübungsplatzes von Chalons öffnet sich vorm uns und seltsam, mehr als seltsam, Herden von Rindern weiden friedlich da, wo wir den Feind vermutet haben.

Wir gehen auf diese Kochgeschirraspiranten in enger Schützenkette vor und wundern uns nur, daß wir immer dann schweres Artilleriefeuer mit guter Wirkung erhalten, wenn wir einen solchen Trupp Kühe überholen. Es wird uns plötzlich klar, daß diese Kuhherden abgesteckte französische Artillerieziele sind, daß die schwarzen Tiere vielleicht bei dem Visier 8000, die gelben bei 6000, die braunen bei 5000 und so weiter aufgestellt und der jeweilige Leitstier angepflockt wurde. Verdecken wir mit unseren Körpern im Vorgehen diese Farben, so ist es ein Leichtes für den Franzmann , volle Breitseiten seiner Geschütze über uns auszuschütten. Auch hinten hat man den Grund unserer großen Verluste begriffen. Es kommt der Befehl, in den Wald zurückzugehen und von dort aus die Tiere sämtlich abzuschießen. Wenn es auch schmerzlich für uns ist, diese unschuldigen Kühe umzulegen, so wissen wir doch, daß ein Mensch mehr aufwiegt als tausende dieser Zweihufer. Daß nichts umkommen wird von diesen Fleischtöpfen Chalons´, ist uns klar, auch daß wir für die nächsten Tage wieder Gulasch haben und die Häute und Hörner der Tiere in der Heimat ihre Verwendung finden werden. Leichter gelingt es nun, einen zweiten Angriff vorzutragen. Ein französischer Buchweizenacker verdeckt meine Sicht, als wir um die Mittagszeit schon mehrere Kilometer Raum gewonnen haben. Von B., der Junker, ist mein Gefechtskamerad. Wir haben das zweifelhafte Vergnügen, mit unserem Zuge dieses Getreidefeld im Sturme zu nehmen. Sie wollen bei der Gefechtsleitung wissen, was drin und was dahinter ist. Es ist wirklich etwas drin. Unter Verlusten gelingt es uns, schrittweise Fuß zu fassen und den gutgedeckten Feind zu werfen. Vom Rande des Feldes aus schießen wir die über flaches Gelände fliehenden Franzosen wie Hasen ab. Als es immer weniger werden, die es wagen, in einem rückwärtigen Walde durch einen kurzen Sprung Sicherheit zu finden, streiten wir uns um jeden Mann, der für uns gewissermaßen eine lebende Zielscheibe wird. Als keiner mehr springt, kriegen wir Zunder. Schrapnell auf Schrapnell steht in leichten weißen Wölkchen über unserem Abschnitt, bestreicht den ganzen Rand unseres Buchweizenfeldes, so daß wir es doch vorziehen, uns fünfzig Meter rückwärts in Sicherheit zu bringen. Auch rechts und links von uns ist im freien Gelände wieder schweres feindliches Artilleriefeuer zu spüren. Alle Verbindungen mit den Nachbargruppen sind gerissen. Wir sind nur noch auf uns selbst angewiesen und jagen in Abständen von etwa einer Minute wahllos immer wieder Schüsse zum Feind.

Ohne jede Sicht nach vorn oder seitwärts, haben wir keine Ahnung, daß um diese Zeit wiederum ein Rückzug unserer Front aus strategischen Gründen befohlen worden ist. Eine Patrouille, die wir zurückschicken, kommt nicht wieder. Sie liegt, ohne daß wir es wissen, von einem Volltreffer eingedeckt, schwer verwundet im Rückgelände. Die ganze Schlacht entwickelt sich vorerst überhaupt zu einem Artillerieduell. Die Franzosen sind stärker bestückt und halten unsere Bumsköppe vorläufig noch nieder, wagen aber nicht, einen Vorteil daraus zu ziehen und wenigstens in unserem Abschnitt ihre Infanterie nach vorn zu werfen. Wohl kommen ab und zu feindliche Kugeln in unseren Bereich, doch stören sie uns kaum. Wir beobachten, wie diese Geschosse oft zwanzig bis dreißig Halme knicken, also viel zu hoch fliegen, als daß sie uns treffen können. Nur wenn so ein Biest sich als Querschläger betätigt und unweit unserer Stellung in das Erdreich schlägt, dann gibt es ziemlich dumme Gesichter. Auch das Artilleriefeuer liegt 60 bis 80 Meter hinter uns, so daß wir ziemlich sicher vor Treffern sind.

Da erreicht mich aber doch ein Schuß und ich spüre, wie ich unterhalb des Rückens getroffen werde, ja, wie mir sogar schon das Blut zwischen den Beinen herunterläuft. Ich rufe den Junker heran und bitte ihn, mich zu verbinden. Er kommt sofort hinzugekrochen und versucht, wie ich auf dem Bauche liegend, aus dem vorderen unteren Teil des Rockes sein Verbandspäckchen freizumachen und mir die erste Hilfe zu bringen. Lacht aber wie ein Berserker, als er plötzlich sieht welcher Art meine Verwundung ist. Im Gegensatz zu allen anderen Kameraden hatte ich keine Weinflasche in meinen schmalen Tornister gepackt, wohl aber meine Feldflasche unter dem am Koppel hängenden Brotbeutel voll Champagner gefüllt. Ich war also nicht der Konfiszierung des Alkohols anheimgefallen. Die Sonne muß es gewesen sein, die mit aller Gewalt auf diese Aluminiumflasche einwirkte und Gase entwickelte, die nach Befreiung dürsteten. Tatsächlich hatten sie dazu geführt, daß mir der Korken der Feldflasche mit großer Wucht und nicht, ohne mir weh zu tun, gegen einen bewußten Teil meines verlängerten Rückens im gegebenen Augenblick geflogen war. Das vermeintliche Blut war der warme Sekt, der mir zwischen den Beinen heruntersickerte. Dies ist meine einzige »Verwundung«, die ich bei Chalons davontrug...

Trotzdem ich immer wieder versuche, die Reste meines Zuges davon zu überzeugen, daß wir abgehangen werden, falls der Kampf rechts und links vorgetragen wird, verschließe ich mich doch nicht der logischen Einrede eines Hamburger Kameraden, der im schönsten Platt drastisch erklärt, den »Pour le mérite« bekämen wir ja doch nicht, auch wenn wir als erste in Paris einziehen würden, und allein könnten wir den Krieg auch auf keine Fall gewinnen. Mit dem Verknallen der letzten Patronen aus den Taschen haben wir das Feuer eingestellt. Nur was im Magazin des Gewehrs sich befindet, bleibt für den Notfall aufgespart. In der ersten Dämmerung gelingt es uns, nach rückwärts Verbindung zu bekommen. Wir stellen fest, daß wir an diesem Tage trotz allem nur leichte Verluste und einen großen Terraingewinn zu verzeichnen haben. Bald schon ruft uns unsere Kompanie zurück. Eine besondere Belobigung wird uns zuteil, weil wir, abgeschnitten von allen, das gewonnenen Gelände festgehalten und immerhin dazu beigetragen haben, daß eine gewisse Unruhe zwischen den Fronten bestehen blieb. In der Nacht noch geht es weiter. Unsere Artillerie, die endlich eingetroffen ist, hat das Duell schnell zu unseren Gunsten entschieden. Die große Jagd, dem Franzmann nach, setzt wieder ein. Paris ist die Losung!"

Über den Einmarsch am Nachmittage des 05.09.1914 in Villers aux Bois berichtet Karl Willnitz ebenfalls: "Einer der wenigen, die schon vor dem Kriegsausbruch in Paris gewesen sind, und dieses Seinebabylon genau kennen, bin ich selbst. Durch irgendeine Aeußerung ist dies bekannt geworden, und die Folge davon ist, daß ich mich gar nicht mehr vor Fragen retten kann, die viele meiner Kameraden immer wieder an mich richten. Vor allem begehren die meisten zu wissen, welches der schönste Teil dieser Stadt ist und wo wir uns am wohlsten fühlen werden. Die Bande verteilt bereits das Fell des Bären, ohne diesen selbst erst einmal überhaupt zur Strecke gebracht zu haben. Schließlich wird es mir zu dumm. Für jede Auskunft verlange ich eine Zigarette und stelle fest, daß, augenblicklich jede Wißbegierde aufhört. Lieber gäbe mir manch einer der starken Kettenraucher den kleinen Finger als einen solchen Glimmstengel...

Es regnet. Uns stört dies nicht. Unverdrossen trotten wir Jungen wie steinalte Krieger in Reih und Glied gen Paris. Jeder hat einen Bart, doch frage mich keiner nach der Sorte. Die meisten sehen aus wie geplatzte Schlummerrollen, aus denen die Roßhaare gruppenweise hervorquellen. Es hat sich keiner in Epernay rasieren lassen, wahrscheinlich glauben sie, daß ihr Anblick fürchterlicher sei und der Gegner schon vor diesen Fratzen ausreißen würde, wenn er sieht, welch ein Kerl ihm gegenüber steht.... Wieder ein Nest. Die Bevölkerung ist vollzählig vorhanden und hält uns glatt für verbündete Engländer. Durch einen Ausrufer wird die darauf aufmerksam gemacht, daß wir »leider« Deutsche sind und nicht, wie eine im Gasthof ausliegende Zeitung es so schön schildert, auf eiligen Rückmärschen über den Rhein nach Berlin begriffen sind, um diese Stadt vor der siegreichen russischen Dampfwalze zu retten. Den Bauern wird in französischer Sprache befohlen: sämtliche Waffen binnen zwanzig Minuten abzuliefern. Alle Verwundeten, soweit transportfähig, aber auch alle etwa im Dorf versteckt gehaltenen Soldaten der zurückfliehenden feindlichen Armee haben sich sofort auf dem Marktplatz einzufinden. Nichtbefolgung dieser Kriegsregel wird mit sofortiger Füsilierung geahndet. Und sie kommen heraus. Zehn, zwanzig, fünfzig, hundert, zweihundert Mann, mit hochgehobenen Händen und verstörten Gesichtern. Nicht einer hat eine Waffe. Jeder hat sie weggeworfen, als es galt, schnell davon zu laufen und unter der Zivilbevölkerung volle Deckung zu suchen.

Was mögen sie nur für Räubergeschichten erzählt haben, damit die Wahrheit unter ihren Landsleuten nicht durchsickerte, daß sie im Grunde genommen Deserteure und Ausreißer sind? Einmal mit dieser Tatsache bekannt, ist die Zivilbevölkerung ziemlich erbost über diese Lügenbolde. Ein alter Bauer geht - es geschieht dies nicht unweit von mir - zu einem französischen Mädel und schlägt dieser mit einem schnellen Faustschlag ein größeres Gefäß mit Milch aus der Hand, aus dem die französischen Soldaten mit ihren Trinkbechern geschöpft haben. Der Topf zerbricht und aller Inhalt fließt auf den Steinen auseinander. Während die Soldaten wütend fluchen und dem Bauern drohen, sagt dieser in aller Ruhe und voller Verachtung: »Lait est trop bon pour cochons« (Milch ist zu gut für Schweine)... Die Gefechtslage, von der wir als Teilnehmer an einem ganz kleinen Abschnitt der Riesenfront wenig Ahnung haben können, wird uns durch den Kommandeur in Villers aux Bois halbwegs auseinanderklabüsert. In ein kleines Bauernhaus ruft er uns etwa drei Uhr nachmittags zusammen, nachdem wir kaum eine Stunde vorher den Ort besetzten. eine Generaloffensive des Feindes soll im Gange sein, erklärt er. Man wisse, daß General Joffre große Truppenmengen mit allen möglichen Verkehrsmitteln an die bedrängtesten Punkte der Front werfe und wahrscheinlich auch eine völlig neue Armee in Paris aufstelle. Drastisch die Worte des Majors von Bismarck, der trocken meint: »Fein... da können ja diese Truppen bei unserem Einzug in Paris Spalier bilden!« Immer wieder Paris. In allen Köpfen spukt es, nicht nur bei uns. Als wir im August auszogen, war es eine stehende Redensart: In zwei Monaten sind wir in Paris, und Weihnachten ist der Krieg vorbei. Die Franzosen schrien allerdings das Gleiche. Wir schnappten zum Beispiel gestern auf einem Bahnhof einen größeren leeren Truppentransportzug und waren gar nicht erstaunt, daß alle sichtbaren Teile mit Kreide und den Worten: »á Berlin« beschmiert sind.... Bei uns geht es vorläufig ziemlich friedfertig zu. Kleine Plänkeleien im Vorgelände sind nur noch ein gewisses Aufräumen mit versprengten Gruppen und Grüppchen des Feindes."

Marneschlacht

Am 06.09.1914 begann mit einem französischen Überfall auf einige Eskadronen der Leibgardehusaren, die mit der 1. Batterie des 3. Gardefeldartillerieregiments gegen den Marais de St. Gond vorgeschickt und für die Nacht im Chateau Vert la Gravelle untergekommen waren, für die 1. Gardeinfanteriedivision die Marneschlacht. Der Vorpostenkommandeur, Hauptmann von Kuhlwein vom 4. Garderegiment zu Fuß, alarmierte sein Bataillon bei Givry und traf gegen Morgen beim Schloß ein. Dort vertrieb er den Angreifer und lag bald südlich des Schlosses im Kampf gegen einen vor dem Dorf eingegrabenen Gegner. Um 05:00 Uhr marschierten die beiden anderen Bataillone des 4. Garderegiments zu Fuß dem Vorpostenbataillon nach, bekamen bei Loisy Feuer und gingen in den Büschen nördlich des Schlosses in Stellung. Unter ihrem Schutz durchschritt die 1. Gardeinfanteriedivision den Wald von Vertus, um sich am Südrand zum Angriff zu entfalten. Rechts vom 4. wurde das Erste Garderegiment zu Fuß eingesetzt, das morgens um 05:00 Uhr von Villers aux Bois aufgebrochen war und im Gros über Chaltrai vormarschiert war. Als Angriffsziel der Division wurde das Bois de Toulons ausgegeben. Vorn rechts stand das II., links das I., das Füsilierbataillon hinter dem rechten Flügel. Während das Dorf Toulons unter dem Druck des X. Korps von den Franzosen bald geräumt wurde, hielt der Gegner auf der steilen Höhe 239 noch stand und von hier aus schlug den vorgehenden Soldaten des Ersten Garderegiments zu Fuß lebhaftes Schützenfeuer entgegen, als sie die Straße Etoges-Bergéres überschreiten mußten.

"Nun ging es in kurzen Sprüngen vorwärts. Trotz lebhaften feindlichen Artilleriefeuers gelang es, den Feind von den Höhen herab bis in das Sumpfgelände von St. Gond zu werfen; auf der letzten Bodenwelle vor dem Sumpf, nordöstlich des Dorfes Coizard gingen die Schützen in Stellung. In dieser Stellung, die einen prachtvollen Blick über das Sumpfgelände gewährte und vortreffliche Beobachtung des Feindes ermöglichte, blieb das Regiment den ganzen Tag über liegen. Die Feldküchen wurden vorgezogen, wurden aber vom Mt. Août, dem vom Feind besetzten das Land weithin beherrschenden Berge, so heftig unter Feuer genommen, daß der Versuch, sie in die vorderste Linie zu bringen, aufgegeben werden mußte. Zur Erkundung des Sumpfgeländes für das weitere Vorgehen ging Vizefeldwebel Mazur, 4. Kompanie, eine kühne Streife in das Vorgelände und kehrte mit der wichtigen Meldung zurück, daß der Sumpf wohl hier und da für einzelne Leute überschreitbar sei, daß geschlossene Abteilungen jedoch nur auf den Dämmen hinüber gelangen könnten." (aus der Regimentsgeschichte)

Skizze 4: Marneschlacht 5.-9.9.14. Regimentsgeschichte.

Über den 06.09.1914 berichtet Karl Willnitz vom Füsilierbataillon. "Auch am nächsten Tag, dem 6. September, beginnt es zunächst ganz gemütlich. Wir marschieren sogar im Gros durch den Bois de Verdus nach Giffry und erleben einen wunderbaren blutroten Sonnenaufgang. Des Nachts haben wir an einem wolkenlosen Himmel den Kriegskometen lange beobachten können. Gegen sieben Uhr morgens setzt allerdings der Höllenspektakel wieder ein. Eine Artillerieschlacht ist im Gange, die Sache wird ernst. Nicht für uns, so hoffen wir, höchstens für die anderen. Schon um acht Uhr sind wir wieder im dicksten Gefecht. Beim Ueberschreiten der Chaussee Bergére Etoges erwischt uns ein ganz gemeines, gut punktiertes Artilleriefeuer. Sie haben sich in dieses Hinterhalt gelegt und warten darauf, uns mit ihren Breitseiten zudecken zu können. Sie sind wenigstens fünf Kilometer von uns entfernt. Ein Glück für meinen Zug, daß wir eine Mulde der Chaussee gerade erreicht haben, wie sie ihre Projektile abziehen.

Hohe Pappeln stehen an dieser Senke, und wir sind infolge der Flachbahn dieser Geschosse sicher. Das heißt, nicht ganz. Plötzlich sitzt ein Volltreffer in einem dieser alten hundertjährigen Baumriesen. Ich sehe gerade noch, wie dieser Baum sich in einem kurzen Schütteln ein halbmal dreht und dann, man kann in diesem Falle nicht anders sagen, wie ein gefällter Baum in unsere Senke stürzt. Kaum einer ahnt das Unheil, denn man ist mit den Augen bei unserer Musik oder besser gesagt bei ihren Instrumenten, die auf einen Wagen verladen, hinter uns her zotteln. Ein Volltreffer läßt das blitzende Gerümpel zum letzten Mal tönen. Selbst große Tuben hat es erreicht, alle Instrumente sausen durch das Gelände, und manch einer meiner Kameraden hat nur ein Lächeln auf dem Gesicht über den Schmerz der Blasonkels. Den Schrei, den ich ausstoße, verstehen sie erst, als der Baumriese über unserer Stellung niederbricht und mehr als vierzehn Kameraden trifft. Vier Tote müssen wir zurücklassen, die anderen haben außer dem Schreck kaum eine nennenswerte Verletzung davongetragen. Bis zur nächsten Salve türmen wir. Gruppenweise erreichen wir einen schützenden Wald und entwickeln uns dort. Schon glauben wir, ungefährdet durch ihn hindurchzukommen, da bemerken wir, daß dieser besetzt ist. Zum Hinterhalt der Artillerie nun noch ein Hinterhalt der Infanterie. Die Sache ist nicht nach unserem Geschmack. Jeder denkt, eine verfluchte Geschichte, jetzt verwundet zu werden und nicht in Paris mit einziehen zu können. Die Bande schießt immer besser. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als mit dem Seitengewehr ran an die Höhen zu gehen und lieber ein Ende mit Schrecken zu suchen als ein Schrecken ohne Ende zu durchleben. Der Feind weicht.

Es ist eine starke Nachhut gewesen, die tausende von Kameraden gedeckt hat, die, wie wir von den Höhen sehen, in dicken Kolonnen über die wenigen Uebergänge eines Flusses im Westen zurückfluten. Schade, für das Gewehr ist das Ziel zu weit, wir hätten so gern Vergeltung geübt. Artillerie müßten wir hier haben! Kaum an sie gedacht, prescht eine Batterie heran. Unglaublich, was diese Bumsköpfe leisten. Noch sind die Pferde im Drehen, da fliegt auch schon die erste Salve in die zurückweichenden Brigaden. Unsere Granaten räumen fürchterlich auf. Man sieht wiederum, wie die französischen Truppen ihre Gewehre fortwerfen und jeder versucht, sich vor den Wirkungen der immer zielsicherer einschlagenden Geschosse durch die Flucht zu retten.

Unser Kampf ist damit zu Ende. Etwa 270 Gefangene machen wir in dem Waldstück des Bois de Toulon, davon allein Füsilier Bienenstich zwei Offiziere und sechzehn Mann. Bienenstich ist selbstverständlich nur der Scherzname. Mein Kamerad hat ihn erhalten, weil er jede Krankheit mit Bienenstichen heilen will. Seine Gefangenenpatrouille war auch gar nicht so einfach für uns. Sie zeigt nur zu deutlich, bis zu welchem Grade die feindliche Armee demoralisiert ist. Also wir halten. Da alles ruhig ist und wir durch den Wald vor jeder Ueberraschung geschützt sind, trabt auch die Feldküche heran und beginnt unsere Atzung vorzubereiten. Bienenstich denkt: ein leerer Dickdarm ist vor einer bis zum Rande gefüllten Gulaschkanone besser als ein voller. Denkt´s, spritzt zum Kommandeur und bittet: Austreten zu dürfen. »Groß oder Klein« kommt kurz und knapp die Gegenfrage und der Befehl auf dem Weinberg abzuprotzen... »Aber mit Gewehr und hoch oben zur Linken.« Unsere Gewehre stehen verlassen auf der Chaussee, und es ist selbstverständlich, daß Bienenstich, in der Eile, zum Essen nicht zu spät zu kommen, beim Herausnehmen seiner Donnerbüchse die Pyramide umwirft. »Zur Strafe« wird er sofort dazu verdammt, sobald er zurückkommt, Posten zu stehen.

Allein die Vorsehung hatte ihn zu höheren Dingen auserkoren. Nie hätte sich Bienenstich träumen lassen, wie wertvoll es werden kann, selbst zu solchen Geschäften mit »Gewehr im Arm« auszuziehen. - Er trabt befriedigt los. Kaum ist er im Weinberg verschwunden, da horcht die Kompanie auf. Von der Höhe brüllt Bienenstich wie toll. Wie einen reitenden Cowboy sieht man ihn sein Gewehr in der Luft schwingen und mit der anderen Hand die bereits abgeknöpfte Hose halten. Ein tolles Gemisch von kriegerischem Heldenmut und verletzter Mannesscham. Wir haben keine Ahnung, was da wohl los sein könnte. Einer sagt, »die Bienen«, ein anderer, »eine Schlange?«, ein dritter... nichts mehr, denn wir alle sehen es jetzt, wie rings um Bienenstich Hände hervorkommen, dann Kerle, immer mehr und mehr, Franzosen, 16 Mann und 2 Offiziere insgesamt!!! Bienenstichs Stimme steigert sich noch immer: »Vorwärts, ihr Aasbande, vorwärts!« Er schrie es aus Angst, wie er uns später in schwacher Stunde verrät. Obgleich kein Franzose seine Sprache versteht, setzen sich doch alle in Richtung Feldküche in Marsch. Bienenstich ist der Held des Tages, als er melden kann: »2 Offiziere und 16 Mann durch Handstreich gefangen genommen.« »Mit oder ohne Parfüm?« blitzt ihn der Kommandeur an. »Mit Parfüm, Herr Oberst!« Alles lacht. Posten braucht er nun nicht mehr zu stehen, dagegen müssen zwei Gruppen sofort an die Gewehre und den Weinberg in Schützenlinie durchstöbern. Nach kurzer Zeit ist auch dies - allerdings ohne Gefangene zu machen - durchgeführt. Nie werden wir es ergründen: War es das Feldgeschrei des Bienenstich, daß keiner der Feinde an Widerstand dachte oder aber der Hunger, der die Franzosen in seine Arme trieb, als sie unser Gulaschkanone auf der Chaussee rochen... Selbstverständlich hat der Franzmann zu essen bekommen, aber selbstverständlich haben sie auch Zigaretten bei sich, die wir ihnen abnehmen, um den Kettenrauchern einen Gefallen zu erweisen.

Wieder setzen wir uns in Bewegung. Es bleibt ein Geplänkel den ganzen Tag über zwischen uns, der Spitze, und versprengten feindlichen Gruppen. "

Den Berichten Vizefeldwebels Mazur von der 4. Kompagnie trug die Führung des Gardekorps Rechnung. Am 06.09.1914, abends 21:30 Uhr bekam das Regiment den Befehl, nach Osten, über Coligny nach Pierre Morains zu marschieren, um dort die Truppen der 2. Gardeinfanteriedivision abzulösen, die sich ihrerseits weiter nach Osten schieben sollten. Auf diese Weise wurde das Sumpfgelände für den Angriff ausgespart. Todmüde schleppte sich das Regiment auf schlechten Wegen durch die Nacht nach Pierre Morain, wo um Mitternacht gerastet und gegessen wurde. Von Morains le Petit erschallte lauter Kampflärm, wo das Bataillon von Rotenhahn vom 3. Garderegiment zu Fuß sich gegen einen heftigen französischen Angriff wehren mußte. Nach kurzer Rast mußte daher auch das Erste Garderegiment zu Fuß wieder antreten, um zwischen Morains le Petit und Ecury Teile der 2. Gardeinfanteriedivision in der Kampflinie abzulösen. Wieder waren I., II. Bataillon vorn, das Füsilierbataillon in der Reserve. Dort verblieb das Regiment nach der Regimentsgeschichte den ganzen 07.09.1914 über in Stellung, da die 2. Armee auf den für diesen Tag geplanten Angriff verzichtete, weil die links anschließenden Sachsen, am Ende ihrer Belastbarkeit angelangt, einen Ruhetag einlegen mußten. In mangelhaften Deckungen war der Erste Hieb schwerem Artilleriefeuer ausgesetzt, das erst am Abend nachließ.

Karl Willnitz von der 9. Kompagnie berichtet etwas Anderes: "Zehn Uhr abends werden wir herausgezogen und müssen noch zwei Stunden laufen, ehe wir in dem kleinen Städtchen Pierre Moraines, das an allen Ecken und Kanten brennt, eintreffen. Schon glauben wir, dort einen Platz für die Nacht gefunden zu haben, da flammt der Kampf wieder im benachbarten Moraines le Petit auf. Im »Laufschritt Marsch-Marsch« müssen wir mit aufgepflanztem Seitengewehr einem Bataillon des 3. Garde-Regiments zu Hilfe eilen. Viele schreien schon vorher Hurra. Wir haben wirklich die Nase voll, der Franzose auch. Wie wir mit keuchenden Lungen anlangen, hat das Bataillon Rotenhahn vom 3. Hieb bereits Ordnung geschaffen. Die Lorbeerkränze waren also verteilt, und wir bekommen aus der Feldküche des tapferen Bataillons ein phantastisches Abendbrot ausgehändigt: Huhn mit Reis. Ich glaube, ich habe ein halbes Huhn allein in dieser Nacht gegessen. Mit großem Hallo und Dankesworten verabschieden wir uns, obgleich noch immer der Kampf an vielen Stellen aufflackert. Die Rothosen stehen, und das ist für uns etwas absolut Neues. Wir werden sie schon wieder zum Laufen bringen und freuen uns, wie wir ½3 Uhr nachts zu unserem Regiment zurückkehren und einige Stunden Schlaf in Aussicht haben. Kuchen. Gerade haben wir die Gewehre zusammengesetzt, da heißt es: »Aufstehen, fertigmachen, ohne Tritt marsch«

7. September 1914. Es geht genau dahin, wo wir soeben hergekommen sind, nach Moraines le Petit. Das Gefecht, von dem wir annahmen, daß es zu Ende sei, ist doch wieder recht bedenklich geworden. Die ganze 2. Garde-Infanterie-Division steht in schwersten Nahgefechten, und wir müssen den Flügel auf dem Wege nach Ecury verlängern. Dabei sind wir plötzlich auf der alten berühmten Römerstraße angelangt, die sicher schon mehrere solcher Kämpfe gesehen hat. Gemein ist es, daß diese Straße im Tal läuft, während ein sehr dichter und erhöht liegender Wald vom Feind besetzt ist. Ein Himmelfahrtskommando, das wir da angenommen haben, sobald es Tag werden wird. Immer und immer wieder sausen die Granaten vor, in und hinter unsere Löcher. Denn Gräben haben wir keine. Ein Spatenstich und eine Scholle davor, das ist alles, was wir uns erlauben dürfen. Wer sich rührt, den erwischen zumindest 3 Kugeln.

Und so geht es den ganzen Tag. Nichts geschieht, kein Angriff, kein Zentimeter Boden wird gewonnen. Bloß gut, daß die Granaten der Franzosen so schlecht sind. Mit »Viel Lärm um nichts« hat Hein Widder den richtigen Ausdruck dafür gefunden, als er in unmittelbarer Nähe eines Volltreffers aus Angst oder Uebermut diese Worte ruft. Wir warten auf die 3. Armee, wird uns durchgesagt, und das ist auch die Erklärung dafür, weshalb wir nicht eingreifen. Die 3. Armee kommt nicht, wohl aber endlich die Nacht. Daß wir sie ganz besonders herbeiwünschen, die wir 50 Stunden auf den Beinen sind, kann nur der ermessen, der in einer gleichen Lage einmal auszuharren hatte."

Nachdem am Abend des 07.09.1914 der kommandierende General des Gardekorps, General Karl Freiherr von Plettenberg, persönlich zum Oberbefehlshaber der 3. (sächsischen) Armee, Excellenz Max Clemens Lothar von Hausen (17.12.1846 - 19.04.1922), gefahren und sich der Unterstützung der sächsischen Divisionen versichert hatte, wurde für den 08.09.1914 der weitere Angriff der 2. Armee befohlen. "Der rechte Flügel sollte sich versagen, der linke sollte energisch in südwestlicher Richtung angreifen. Beim Gardekorps, das auf dem linken Flügel im Anschluß an die Sachsen focht, sollten getrennt durch die Linie Ecury-Fére Champenoise rechts die 1., links die 2. Garde-Infanterie-Division angreifen. Der Angriff sollte, 4.30 Uhr früh, also noch bei dunkler Nacht, ohne Artillerievorbereitung überraschend einsetzen." berichtet die Regimentsgeschichte. Das Erste Garderegiment zu Fuß, bei dem der Befehl so spät einging, daß es nur gerade noch rechtzeitig alarmiert werden konnte, ging zwischen dem 3. und 2. Garderegiment zu Fuß mit dem I. und II., Bataillon vor, das Füsilierbataillon war Brigadereserve und grub sich bei Moraines le Petit ein.

Die Regimentsgeschichte berichtet weiter über den Angriff am 08.09.1914: "Der Regimentskommandeur behielt sich Leib- und 2. Kompanie als Regimentsreserve zurück und ging mit den anderen Kompanien in einer Linie gegen den vom Feind besetzten, hochgelegenen Wald südlich des Weges vor. Lautlos gehen die großen Grenadiergestalten vorwärts, bis plötzlich ein rasendes Feuer des aus dem Schlafe aufgeschreckten Feindes ihnen entgegenschlägt. Da bricht ein herrliches, weithin hallendes »Hurra« aus der ganzen Linie, die Trommler schlagen zum Sturm,  die Hornisten blasen »Rasch vorwärts«, und schon sind die im Mondlicht funkelnden Seitengewehre der Grenadiere über den Franzosen! Stellung nach Stellung wird genommen, Geschütze und Maschinengewehre werden erbeutet, Gefangene werden gemacht, und immer geht es unaufhaltsam vorwärts. Als am Bahndamm heftiges Flankenfeuer von links kommt, wird die Leibkompanie eingesetzt. Es ist schwer, in dem Waldgelände Richtung und Anschluß zu halten, die Kompanien kommen durcheinander, aber trotzdem gibt es kein Halten, bis an die Straße Bannes-Fére Champenoise stößt das Regiment vor und erst hier macht es Halt, um sich als rechte Flankendeckung der Division einzugraben. Der unvergeßliche, berühmt gewordene Nachtangriff hat dem Regiment wiederum einen großen Erfolg gebracht.

An diesem Morgen brachte der Ordonnanzoffizier der 1. Garde-Infanterie-Division, Hptm. v. d. Knesebeck, dem Regimentskommandeur Prinz Eitel Friedrich das ihm von seinem Kaiserlichen Vater verliehene Eiserne Kreuz I., die erste Allerhöchste Anerkennung für das, was das Regiment unter seinem tapferen Kommandeur in diesen ersten Kriegswochen geleistet hatte.

Schwerer als unser Regiment hatte die 2. Garde-Infanterie-Brigade links zu kämpfen, und so verblieb das Regiment bis zum Nachmittag in der erreichten Linie, die Wartezeit zum Ordnen der Kompanien und zur Verpflegung nutzend."

Karl Willnitz vom Füsilierbataillon, 9. Kompagnie, berichtet: "8. September 1914. Die Nacht ist kalt. Ich habe mich in meinen Mantel gerollt und liege auf den Steinfliesen eines halbwegs erhaltenen Bauernhauses. Schätzungsweise 3 Uhr muß es sein. Da geht es von neuem an die Gewehr. Schlaftrunken wie wir sind, wird uns eine Instruktion gegeben, die kein Schwein versteht. Dabei muß alles leise gehen. »Haben Sie verstanden?« Jeder nickt ganz militärisch mit dem Kopf und sagt »Ja«, obgleich es doch bei den Preußen nur ein »Jawohl« gibt. Es hat keiner etwas verstanden. Uns ist alles egal, bloß wieder laufen und warm in den Gliedern werden, stürmen oder verrecken. Der Tag gestern war ekelhaft, und die Verluste größer, als wir vermuteten. Man sieht es an den dünnen Zügen, die aneinander lautlos vorüberziehen. Sie wollen nicht alle werden. Wir wissen, daß das ganze Korps auf den Beinen und ein ganz großer Schlag geplant ist. Mit der blanken Waffe in Regimentsfront und ohne jede Feuervorbereitung sollen wir die feindlichen Stellungen berennen.

4.20 Uhr liegen wir am Ausgangspunkt des zu unternehmenden Sturmes. Nicht einmal 120 Meter trennen uns vom Wald und vom Feind. 4.30 Uhr ist der Angriff befohlen. Zuerst sind es die Hornisten, die wie auf ein Kommando mit dem Signal »Rasch vorwärts« die Ruhe der Nacht durchbrechen. Dann setzt ein Hurra ein, wie es der Weltkrieg nicht wieder gehört hat. Zu Tausenden, Mann neben Mann, mit einem Schritt Zwischenraum stürzen wir auf den Feind. Schlafend wird er zum Teil überrascht. Seine festungsartige Stellung ist in wenigen Minuten genommen. Was sich noch wehrt, wird erbarmungslos niedergemacht. So groß ist unser Sieg, daß wir beim Vorstoßen auch noch die Batterien überrennen, mit den Bajonetten die Kanoniere an den Geschützen niederstechen, ehe auch nur ein Schuß von ihnen abgerissen werden kann. Weiter geht es durch Knieholz und jungen Wald. Erbittert ringt Mann mit Mann. Jede Orientierung fehlt, einer hat vier Gegner, der andere keinen vor sich, und es gibt schwere Verluste. Niemand weiß, ob er nicht auf verlorenem Posten steht, und keiner hat eine Ahnung, was seitlich und rückwärts von ihm geschieht. Die besseren Nerven siegen. Und die haben wir. Schon klingt hier und da, weit voraus, ein Hurra der Deutschen, schon wissen die letzten, die Widerstand leisten wollen, daß alles zwecklos ist und schon geht auch dieser Wald zu Ende. In einem Straßengraben finden wir endlich eine Atempause... etwas Ruhe.

Stürmende Garde, Gemälde von Erich R. Döbrich-Steglitz, Archiv Seitenautor.

Dieser Tag ist ein Ruhmestag des ganzen Garde-Korps gewesen. Franzer, Elisabethaner, Augustaner, 1., 2., 3., 4. Hieb oder, wie der Berliner seine Lieblingsregimenter nennt, Maikäfer, Heufresser, Briefträger, Veilchen, Kanarienvögel usw., alle sind sie dabei gewesen und haben die Rothosen samt Anhang zum Laufen gebracht. Aber... Hein lebet noch... die feindliche schwere Artillerie. Sie hat plötzlich ihre Sprache wiedergefunden. Es müssen sehr viele Geschütze sein, die man an diesen bedrängten Punkt in aller Eile herangeführt hat. Wir halten es doch für besser, nach sprungweisem Vorgehen den Rand von Fer Champenoise zu nehmen und uns dort einzugraben. Wie die Sache kritisch wird, und der Feind gegen unsere dezimierten Reihen durch immer neues Anrennen und unter jedesmaliger Artillerievorbereitung Gelände gewinnt, erhalten wir Verstärkung. Es gelingt endgültig, den Ort zu nehmen. Trotz alledem müssen wir in dem Graben liegen bleiben und haben mehr als ein Dutzend Angriffe in dieser Nacht zu bestehen. Meist erst im Handgemenge, dicht vor unsern Linien, finden sie ihr Ende."

Um 15:30 Uhr erhielt das Füsilierbataillon Befehl, zusammen mit der 13. (MG) Kompagnie des 4. Garderegiments zu Fuß, der II. Abteilung des 3. Gardefeldartillerieregiments und dem Leibgardehusarenregiment unter Führung des Kommandeurs der Leibgardehusaren als "fliegende Kolonne" zur Unterstützung des X. Armeekorps auf Sézanne vorzugehen. Das Detaschement sollte sich in Fére Champenoise sammeln. Aber nachdem schon auf dem Marsch dorthin die Füsiliere heftiges Feuer bekamen, ging im Dorf selber, wo sich auch das Generalkommando, beide Divisionsstäbe, sowie der Stab der 1. Gardeinfanteriebrigade eingefunden hatten, auf die zusammengewürfelte Abteilung ein wahrer Hagel von Granaten nieder. Der Gegner hatte offenbar die Ansammlung der Deutschen erkannt und bereitete nun mit dem heftigen Artilleriefeuer den Infanterieangriff vor. Major von Bismarck sicherte daraufhin das Dorf durch Besetzung aller Ausgänge. Der erwartete Angriff erfolgte erst am Abend, begleitet von einigen leichten Batterien der Franzosen. "Mit rücksichtsloser Tapferkeit fuhren die mit Schimmeln bespannten Geschütze offen in Feuerstellung, mit glänzendem Schneid gingen die französischen Schützen vor, aber an der unerschütterlichen Ruhe unserer Füsiliere, die von Teilen des 2. Garderegiments unterstützt wurden, scheiterte der Vorstoß." berichtet die Regimentsgeschichte. Nach Einbruch der Dunkelheit zog der Prinz auch die beiden anderen Bataillone nach Fére Champenoise. In der Nacht lag das II. Bataillon an der Bahnstation, das Füsilierbataillon im Westteil, I. Bataillon und 13. (MG) Kompagnie  am Nordausgang des Städtchens.

Der Prinz, der in der Nacht zum 09.09.1914 nach Normée zum Divisionsstab ritt, bekam dort den Befehl, mit dem Regiment und den anderen in der Stadt befindlichen Abteilungen, die ihm hierfür unterstellt wurden, Fére Champenoise gegen alle Angriffe unbedingt zu halten. Erst nach Mitternacht kamen nähere Befehle für den Fortgang der Kämpfe am Tage darauf. Das Gardekorps sollte danach gemeinsam mit den rechts und links anschließenden Divisionen weiter in westlicher Richtung angreifen. Die 1. Gardeinfanteriedivision nördlich, die 2. Gardeinfanteriedivision südlich der Straße Fére Champenoise-Sézanne, beide Divisionen auf dem rechten Flügel stark gestaffelt. Das Erste Garderegiment zu Fuß bildete dabei den rechten Flügel der 1. Gardeinfanteriedivision und nahm die befohlene Staffelung in der Weise vor, daß es das I. Bataillon in die vordere Linie nahm, das II. rechts gestaffelt in die zweite Linie, das Füsilierbataillon noch weiter rechts gestaffelt in die dritte Linie. Die Bereitstellung erfolgte an der Straße nach Bannes, etwa an der Stelle, die die Bataillone am Abend vorher eingenommen hatten.

"Die Division hatte Befehl, den Mont Août zu nehmen, und diese Aufgabe fiel naturgemäß unserem Regiment zu. Noch in der Nacht legte das Regiment den Weg, parallel zur feindlichen Front, zu den Bereitstellungsplätzen zurück. Um 5 Uhr ist die Bereitstellung beendet. Es kann zum Angriff angetreten werden. Das I. Bataillon bricht jeden feindlichen Widerstand, schlägt auch einen Gegenangriff ab und gelangt allmählich aus den meist mit niedrigen Kusseln bedeckten Waldstücken an deren westlichen Rand bei der Ferme Hozet; dort bleiben die Kompanien zunächst im feindlichen Artilleriefeuer liegen, während das II. Bataillon auf gleiche Höhe herankommt und neben dem I. in Stellung geht. Von diesem Waldrand bietet sich ein prachtvoller Überblick über das feindwärts gelegene Gelände, zumal auf den Mont Août, der vom Füsilierbataillon genommen werden soll, und den die schweren Feldhaubitzen der Garde-Fußartillerie mit Granaten belegen. Die Beschießung ist so wirkungsvoll, daß, als nach ihrer Beendigung Patrouillen der Garde-Pionier-Kompanie Hartung gegen und auf dem Weg vorgehen, kein Franzose mehr angetroffen wird. Das Wirkungsfeuer hat unseren Füsilieren den verlustreichen Angriff erspart. Überall im Vorgelände sieht man jetzt den Feind mit Abteilungen aller Waffengattungen zurückgehen, das Feuer läßt ganz nach. Gespannt und des Erfolges froh stehen die Grenadiere in ihren Linien auf, um das Zurückgehen des Gegners zu beobachten; und nachdem noch einige Batterien des 3. Garde-Feldartillerie-Regiments den abziehenden Feind wirkungsvoll unter Feuer genommen haben, solange er lohnende Ziele bietet, treten die Bataillone zur Verfolgung an, an der Feme de Hozet vorbei, in Richtung auf Ste. Sophie-Ferme."

Karl Willnitz von der 9. Kompagnie berichtet: "9. September 1914. Der anbrechende Tag ... sieht uns, ohne auch nur eine Stunde Schlaf genossen zu haben, nordwestlich des Ortes in Bereitschaft liegen. In weiten Schützenlinien entwickelt, stoßen wir durch kleine Wälder in der Richtung irgendeiner Ferme vor und graben uns auf einer Höhe ein. Wieder sieht man starke Regimenter über die Bahndämme in der Richtung Paris abziehen. Ganz tapfer benimmt sich die französische Artillerie, die teilweise auf freiem Gelände mit einem großen Munitionsaufwand das weichende Fußvolk deckt. Uns erwischt das Feuer nicht besonders stark, wohl aber die beiden anderen Bataillone des Regiments und vor allem die Elisabether, die Franzer und die Maikäfer. Man kann sie nicht aufhalten. Alle wissen, der Sieg ist unser, und wir bedauern die Kameraden, die jetzt verwundet werden, so kurz vor dem Ziel, auf den Einzug in die französische Hauptstadt verzichten zu müssen. Wir sind 68 Kilometer vor Paris. An einer Wegtafel haben wir es lesen können. Irgendwo sitzen noch feindliche Truppen. Immer und immer wieder überschütten sie uns mit ganzen Salven. Wir können uns nur retten, wenn wir gegen diese Ueberfälle Deckung suchen, und werfen deshalb wieder Gräben aus. Das heißt, Gräben sind es nicht, wir können nicht tief ins Erdreich hinein, weil sofort das Wasser in diesem sumpfigen Gelände zum Durchbruch kommt. Der 9. Graben ist soeben fertig geworden. Scheinbar hat es der Franzmann sich in den Kopf gesetzt, uns, den rechten Flügel der 2. Armee, doch noch aufzurollen. Es wird ihm nicht gelingen. Hängen wir auch völlig rechts in der Luft, so haben wir doch ein ideales Schußgelände. Keine Maus wird dort durchkommen. Wohin unsere Gewehre nicht mehr reichen oder wir keinen Menschen als Besatzung mehr hinschicken können, da sperren unsere braven Kanoniere den Raum.

Hinter uns stehen Spandauer Haubitzen. Da sie von ganz schönem Durchmesser sind, spucken sie gehörig Eisen ins Feld. Eine große Beruhigung für uns, eine ganze Batterie solcher dicken alten Herren hinter uns zu wissen, die nur zu brüllen beginnen, sobald sich ein Ziel auch wirklich lohnt. Eben jetzt haben sie wieder ein Regiment rückwärts flutender Franzosen oder Engländer - man kann es auf die Entfernung nicht mehr genau ausmachen - aufs Korn genommen. Wo ihre Ladung einschlägt, stürzt alles wirr durcheinander. Was nicht von den Sprengungen direkt getroffen worden ist, wird zum großen Teil von den Trümmern eines Ortes erschlagen, von dem sie glaubten, vor unserem Feuer geschützt zu sein. Als ob ein Bienenschwarm auseinanderstiebt, so laufen die Gruppen umher. Die 2. und 3. Salve räumen völlig auf. Es sind wohl wenige nur, die da unverletzt davonkommen. Es scheint fast, als ob die Besatzung des Mont Août, eines mit schwerer Artillerie besetzten Hilfsforts, vor dem wir liegen und das wir stürmen sollen, Vergeltung üben will. Schuß auf Schuß läßt sie folgen und hat nur das Pech, daß wir schon zu weit herangekommen sind und die Schwenkbarkeit ihrer Geschützrohre nicht tief genug nach unten möglich ist. Verzweifelt gehen sie heran, diesen Uebelstand abzustellen. Tapfere Kanoniere tauchen plötzlich neben den Rohren auf und versuchen, vor diesen die Erde wegzugraben. Sicherer Tod ist dieses Beginnen, denn wir schießen sie wie Sperlinge ab. Und käme einer lebend davon, einen Orden erhielte er sicher nicht. Die größten Heldentaten sieht immer nur der Gegner. Und Orden... Orden... das wissen wir, werden meist hinten verliehen. Dort, wo die Listen geführt werden über gutes Benehmen in der Etappe. Wir sind aber schon jetzt für dieses Paradies nicht mehr zu gebrauchen. Uns hat die Front »restlos versaut«, wie der dicke Spieß, der noch nie eine Kugel pfeifen hörte, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit uns wissen läßt.

Wenn das so weiter geht, kann es ja heiter werden! Schon wieder haben wir ein ekelhaftes Flankenfeuer feindlicher Infanterie auf dem Halse. Rettung ist nur möglich, wenn wir schnell versuchen, in einen anderen Graben hinüberzuwechseln, der zu der Schußrichtung etwas günstiger liegt. Während des Sprunges beschäftigt mich immer nur der Gedanke, wie es der Feind fertiggebracht hat, dieses Waldstück, von dem aus er uns befeuert, zu besetzen. Es kann nur sein, daß sich da eine Abteilung Versprengter zusammengefunden hat und ein mutiger Offizier zu retten versucht, was zu retten ist. Das Feuer wird immer stärker. Dieses Waldstück muß einen Zugang haben. Der Kommandeur hält es für geraten, ein paar dicke Spandauer Grüße nach dorthin zu beordern. Dazu gehört aber, daß man zuerst einmal diesen Befehl an den Kommandeur der Geschütze weitergeben kann. Denn diese haben selbstverständlich auch einen Stellungswechsel vornehmen müssen. Sie lagen genau wie wir in der Richtung des feindlichen Feuerüberfalles und waren dadurch besonders schwer gefährdet. Mir, ausgerechnet mir, blüht die Aussicht, diese Aufgabe dem Major der Artillerie zu übermitteln. Sprungweise arbeite ich mich vor und bin glücklich, daß ich unser altes Grabensystem vom Vortage erreiche und in diesem gebückt schnell in den Wald gelangen kann. Einschlagende Granaten lassen wohl das Blut etwas rascher schlagen, der Gedanke aber, von diesen Dingern getroffen zu werden, kommt nicht auf. Schon aus dem Grunde nicht, weil die französische Artillerie ein ganz genaues Punktsystem ihres Feuers anwendet, das wir selbstverständlich mittlerweile auch kennen. Immer mit hundert Meter vorrückender Tiefe und einem Zwischenraum von sechzig Metern werfen sie die Dinger ins Gelände. Verflucht... da sitzt einer verkehrt in der Skala... abwarten... ist es ein Querschläger oder ein... Engländer, dessen Schießreglement wir noch nicht heraushaben???

Bumm... Abschuß... Die nächste Salve kommt... Einschlag... Hurra... genau sitzt er wieder in der vorgeschriebenen alten Skala!! Das Biest, das mich erschreckte, ist eine Ausnahme gewesen. Wie doch eine solche Gewißheit das bubbernde Herz beruhigt. Schon bereit, aus dem Graben zu steigen und über eine durch den Wald gehende Chaussee einen Sprung zu machen, werfe ich doch noch einen Blick rückwärts. Ich traue meinen Augen kaum, wie ich einen Spahi mit der Pfeife im Mund und umgehangenen Gewehr ruhig auf der Mitte des Weges ziehen sehe. Zum Glück hat er mich nicht erblickt. Ich mache also mein Gewehr fertig und warte auf den Zeitpunkt, wo er an der Stelle, da mein Graben endigt, vorbeikommen muß. So sicher ist dieser Sohn Afrikas, daß er nicht einmal einen Blick in meinen Graben wirft. Nachdem er fünf Schritt die schmale Stelle passiert hat, rufe ich ihn auf Französisch an und gebe ihm den Befehl, die Hände hochzuheben. Er erschrickt und kommt diesem Befehl nur mit der rechten Hand nach. In der linken trägt er ein rotbedrucktes Leinentuch, in dem sich irgendetwas befindet. Vielleicht eine Dummheit von mir, daß ich sofort aus dem Graben springe und ihn auf der Straße aushorche. Denn es können ja jeden Augenblick weitere Kameraden von ihm auftauchen. Sein Erstaunen, einem deutschen Soldaten gegenüber zu stehen, ist derartig groß, daß er zuerst überhaupt nicht antworten kann. Nachdem ich ihm aber meinen Revolver vor die Nase halte, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Er ist Fouragekorporal. In dem Tuch befindet sich frischgeschlachtetes Fleisch, das er für seine Kompanie empfangen hat. Ich sage ihm, daß er mein Gefangener ist und er sich in Marsch, Richtung die feuernde deutsche Artillerie, setzen solle. Er tut es augenblicklich und bittet mich immer wieder nur, ihn nicht tot zu schießen. Er schätze die Deutschen sehr hoch und kenne auch Deutschland sehr genau, da er Artist sei und im Wintergarten in Berlin, Hansa-Theater in Hamburg, Battenberg in Leipzig, Orpheum in Frankfurt vieles schöne Geld verdient habe. Ich beruhige ihn und lasse ihn nochmals im Walde Halt machen, schneide ihm den Gewehrriemen mit seinem in den Gamaschen stehenden Hirschfänger entzwei, so daß das Gewehr auf die Erde fällt, räume ihm die Patronentasche aus und will ihn gerade wieder traben lassen, da fällt mir die alte Lehre ein, die ich auch befolge. Ich schneide ihm die Hosenträger ab und bin doch recht erstaunt, wie er plötzlich in gebrochenem Deutsch sagt: »Nicht Hosen ausziehen, schöne Hosen, neue Hosen.« Er begreift noch nicht, daß, ich dies nur tue, damit er mir nicht ausreißen kann. Unmittelbar muß er ja stürzen, sobald er die Hosen mit den Händen losläßt und zu laufen anfängt. Auch muß er das Fleischpaket tragen und nach diesem Intermezzo durch den Wald bis zu der von mir vermuteten Batteriestellung wieder vor mir hertippeln. Von rückwärts erreichen wir nach kaum fünf Minuten die Protzenstellung, und ich lache mich halb kaputt, wie der erste Kanonier, den ich plötzlich von hinten anspreche und der zuerst den Spahi sieht, von seinem Geschoßkorb herunterrutscht und »Mensch, der Deiwel« ausruft.

Ich kann selbstverständlich diesem Helden meinen Gefangenen nicht übergeben, wohl aber den Major aufsuchen und diesem von meinem Befehl Mitteilung machen und ihm gleichzeitig den Spahi abliefern. Als »reitender Infanterist« steht dieser inmitten der feuernden Geschütze wie ein begossener Pudel, hält sein Fleischpaket und seine Hosen fest und schaut ziemlich bekümmert in die Runde. Als der Major erfährt, daß er mindestens dreißig Pfund Fleisch bei sich hat, die selbstverständlich als Beute mir gehören, macht er mir klar, daß ich das Fleisch auf keine Fall wieder in meine vordere Stellung mitschleppen könne. Dort sei erstens keine Kochgelegenheit und zweitens auch keine Hand zum Zubereiten. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und schlage vor, daß er das Fleisch behalte, mir aber etwas Schokolade oder Zigarren oder Konserven dafür geben solle. Und bekomme auch tatsächlich mindestens sechs Pfund Schokolade als Tauschobjekt ausgehändigt, vom Major aber aus dem Etui die letzte Zigarre angeboten. Dankend lehne ich dieses Opfer ab und trolle wieder in Richtung meiner Kameraden los, die wissen, daß ich meinen Befehl ausgeführt habe und sich durch die beim Feinde einschlagenden schweren Granaten bereits wesentlich entlastet fühlen.

Graf Fink von Finkenstein, dem ich bei meiner Rückkehr von meinem Erlebnis erzähle, schüttelt doch bedenklich den Kopf, als er hört, daß, in unserem Rücken schon die ob ihrer Grausamkeit bekannten Spahiregimenter stehen. Merkwürdig, wir können nach links noch immer keinen Anschluß an andere Truppenteile finden und bei der Uebersichtlichkeit des Kampfgeländes keine Patrouille abschicken. »Verteilen Sie erst einmal die Schokolade, dann wollen wir sehen, was weiter zu machen ist«, sind seine Worte, dann beugt er sich wieder über eine Karte, die irgendeinem toten Offizier abgenommen worden ist. Die Schokolade ist natürlich ein leckerer Fraß für alle. Sie hilft den Hunger vertreiben, und wenn sie auch nicht restlos befriedigt - sie ist ohne Süße und auch, wie es scheint, mit irgendeiner Menge gestreckt, die allerhand Knirschen zwischen den Zähnen verursacht - so ist es doch immer besser, etwas Milch und Kakao als gar nichts im Magen zu haben. Denn gehungert haben wir schon seit drei Tagen, seit dem unvergessenen Huhn mit Reis. Jetzt wird uns die Schokolade sogar versalzen.

Unvorsichtige Kameraden haben sich auf den Gräben sehen lassen und nicht nur sie, auch wir erhalten von drei Seiten Feuer. Selbstverständlich erwidern wir es nach besten Kräften, doch schießen wir nur noch, wenn es sich lohnt. Denn... unsere Munition wird knapp. Das ist der gemeinste Zustand, der einem Infanteristen passieren kann. Jetzt belebt sich auch das ganze Gelände links vorwärts wieder mit Truppen. Unsere Verteidigung hat sich also nach sämtlichen Richtungen der Windrose vervollständigt. Selbst aus den Trümmern der zerschossenen Dörfer kommen plötzlich dichte feindliche Schützenketten. Der Feind tastet, fühlt vor... Keine Gruppe springt jedoch unsere Gräben an, alle versuchen, rechts an unserer Stellung vorbeizukommen, um uns wohl in der Nacht zu überrennen. Oder... haben sie selbst keine Reserven hinter sich und sind so schwach, daß sie froh sind, wenn wir sie nicht angreifen? Der Graf macht ein sehr ernstes Gesicht. Irgendetwas gefällt ihm nicht. Es kommen keine Befehle, es ist überhaupt außer der Spandauer Artillerie nichts von deutschen Truppen in diesem Abschnitt zu sehen. Nach einbrechender Dunkelheit ziehen wir uns denn auch auf die alten Gräben zurück, besetzen die Wald-Lisiere und schützen vor allen Dingen einmal unsere braven Kameraden von der Artillerie und ihr wertvolles Geschützmaterial. Hier vor dem Wald hören wir auch, daß weit links seitlich von uns ein schweres Gefecht im Gange ist.

So merkwürdig es klingt, es beruhigt uns, und wir sind zufrieden, daß es irgendwo endlich wieder »wummert«. Nach der Karte liegt dort Bitry le François und in dieser Stadt das französische Hauptquartier. Wahrscheinlich nehmen die unseren gerade diesen Ort. Das Feuer aus dieser Richtung wird immer toller. Verbindung mit dem Gros hat auch die Artillerie nicht mehr. Entweder sind sie hinten alle gestorben, oder sie haben uns vergessen. Klarheit erhalten wir erst kurz nach Mitternacht, als plötzlich wie aus einer anderen Welt und aus der Richtung des Feindes der Regimentsadjutant erscheint. Eine glänzende, schneidige Leistung hat er vollbracht, von der wir zurzeit natürlich noch nichts ahnen, weil wir ja nicht wissen, was sich alles an diesem neunten September zugetragen hat. Unsere Unruhe steigert sich, als wir sein Gestikulieren beobachten, wie wir sehen, daß der Major der Artillerie immer mit den Händen am Kopf sich herumdreht, ja sich immer mit der Faust vor die Stirn schlägt, immer wieder auf den Adjutanten einredet, während unser Hauptmann mit seinem Degen Figuren in den Sand zeichnet. Wohl verstanden, es ist mitten in der Nacht, als dies geschieht, und ziemlich gespenstisch, der ganze Vorgang, da die Szene sich in einem Graben abspielt, der nur von Taschenlampen ab und zu einmal einen kurzen Augenblick beleuchtet ist. Der Graf ist schneeweiß im Gesicht, so weiß wie seine Hand, die den Griff seines Degens zu zerdrücken scheint. Durch Zurufe einiger Kameraden werden wir etwas abgelenkt, steht doch am Himmel wieder zwischen sich aufteilenden Wolken der Kriegskomet, ein Stern mit einem dicken Schweif, den jeder mit bloßen Augen ausmachen kann."

Über das Eintreffen eines Adjutanten beim Regiment am Abend des 09.09.1914 berichtet auch die Regimentsgeschichte: "Hier an der Hozet-Ferme geraten sie noch einmal in heftiges Artilleriefeuer von neu herangeführten Batterien; auch der Regimentsstab, der gerade von Kompanie zu Kompanie reitet, um die weiteren Angriffsziele auszugeben, wird von einem heftigen Schrapnellhagel gefaßt, in dem der Adjutant, Oblt. v. Sick, zum zweiten Male verwundet wird, so daß nun endgültig Lt. Graf v. Matuschka seine Vertretung übernehmen muß. Als der Stab gerade in einer kleinen Vertiefung Deckung genommen hat und dabei ist, das weitere Vorgehen anzuordnen, trifft auf abgejagtem Pferde der Brigade-Adjutant, Hptm. v. Helldorf, ein, wirft sich herunter, und ruft ganz außer sich: »Ich mache nicht mehr mit.« Vom Prinzen beruhigt, weist er einen Zettel vor, auf dem der Befehl steht: »Rückzug über Colligny-Bergéres. Umgruppierung hinter der Marne!« Es dauert geraume Zeit, ehe der Regimentsstab sich mit diesem unverständlichen, ja geradezu ungeheuerlich erscheinenden Befehl so weit vertraut gemacht hatte, daß er den Bataillonen die entsprechenden Weisungen zukommen lassen konnte. Seit drei Tagen stand man in siegreichen Kämpfen, und zwar nicht nur das Regiment, nicht nur das Gardekorps, sondern auch die Hannoveraner rechts und die Sachsen links; überall ging der Franzose offensichtlich schwer geschlagen zurück;  und nun hieß es plötzlich für die Sieger: »Kehrt marsch?« Was war geschehen?"

Am 08.09.1914 war Generaloberst von Moltke infolge eines zufällig aufgefangenen Funkspruches zu der falschen Auffassung gekommen, daß dem Feinde bereits ein Durchbruch durch die 1. und 2. Armee geglückt sei. Dadurch wäre die gesamte deutsche Heeresbewegung in der rechten Flanke bedroht gewesen. Moltke entsandte aus seinem Stabe Oberstleutnant Hentsch zur Front mit der Vollmacht, nötigenfalls die 1. Armee zurückzunehmen, damit sie wieder Anschluß an die 2. Armee gewänne. "Scheinbar hat er ihm jedoch für die Operationen im ganzen noch so weitgehende andere Befugnisse eingeräumt, daß der kriegsentscheidende Augenblick nicht mehr von dem verantwortlichen Chef des Generalstabes des Feldheeres selbst beherrscht wurde, sondern dem Ermessen dieses Stabsoffiziers anheim gegeben war. Für eine solche Last war trotz besten Willens der Mann Hentsch zu schwach. Aus seinem Munde ist bei zu schwanker und auch falscher Beurteilung der Frontlage das Wort »Rückzug« zuerst gefallen. Die Oberbefehlshaber v. Bülow und v. Kluck, die sich aus den wechselseitigen Irrtümern über die wirkliche Situation der beiden Armeen nicht zu befreien vermochten, gaben den Entschlüssen des Oberstleutnants Hentsch, der sich ausdrücklich auf die von v. Moltke erteilte Vollmacht berief, nach. So ging die 1. Armee aus Rücksicht auf die 2. Armee zurück. Tatsächlich war die Schlachtentscheidung, wie es heute auch aus dem amtlichen französischen Werke hervorgeht, bei beiden Armeen bereits zugunsten der Deutschen gefallen, jene Entscheidung, die sich nach der Lehre von Clausewitz zuerst nur in einem ganz leisen und langsamen Neigen der Waage anzeigt. Dieser Augenblick wurde von der deutschen Führung nicht wahrgenommen, und so entzog uns das Schicksal den schon angebotenen Sieg. Auch für das 1. Garderegiment blieb nichts anderes übrig, als mit allen anderen den Rückzug anzutreten."

Mit diesem Abbruch der Schlacht an der Marne war der Aufmarschplan West endgültig gescheitert. Der genaue Befehl des Gardekorps lautete:

"9.9. 1.00 nachmittags.

    1. Unser rechter Armeeflügel hat sich gehalten. Im Interesse der Gesamtoperation wendet sich die Armee nach dem erzielten Erfolge ihren neuen Aufgaben auf dem nördlichen Marneufer zu und gewinnt die Linie Daméry-Tours, nördlich der Marne.

    2. Unter dem Schutze von Nachhuten mit starker Artillerie, die bis zur Dunkelheit am Feinde bleiben, treten die Divisionen den Rückmarsch an. 1. Garde-Infanterie-Division über Aulnay-Colligny westlich Bergéres in die Gegend westlich Vertus, 2. Garde-Infanterie-Division über Moraiunes le Petit-Bergéres-Vertus."

Die 1. Gardeinfanteriedivision fügte diesem Befehl noch hinzu, daß die Nachhut, bestehend aus dem 3. Garderegiment zu Fuß und dem 1. Gardefeldartillerieregiment unter General von Kleist, bis um 20:00 Uhr die Waldränder nördlich Connantre zu halten habe. Eitel Friedrich, Prinz von Preußen sammelte nun das I. und II. Bataillon am linken Flügel an der Straße bei Connantre, um von dort den befohlenen Rückmarsch anzutreten. Das Füsilierbataillon bekam Befehl, aus seiner Stellung am Mont Août auf schnellstem Wege auf Aulnay zu marschieren und am dortigen Sumpfübergang sich mit dem Regiment zu vereinen.

Das war tatsächlich für die ganze siegreiche deutsche Armee vollkommen unverständlich. Auch Karl Willnitz von der 9. Kompagnie des Füsilierbataillons berichtet: "Die Unterredung im Graben ist zu Ende, und ein Befehl geht durch die Reihen, von Mann zu Mann, den wir für einen Witz halten. Für einen Karnevalsscherz, der uns Tränen in die Augen treibt, als wir merken, daß alles bitterer Ernst ist, was uns da der Adjutant übermittelt hat. Nicht mehr oder weniger sagt der Befehl, daß die Reste unserer Kompanie sofort den Rückmarsch nach irgendeinem Nest weit hinter uns im Gelände antreten sollen und daß die Gefechtslinie kampflos dem Gegner überlassen wird und insbesondere alle überflüssigen Wagen der Bagage zusammenzufahren sind, die Pferde der Infanterie an die Artillerie abgegeben werden müssen und alles Material, was eventuell dem Feinde in die Hände fallen könnte, vernichtet werden muß. Der Befehl geht aber noch viel weiter. Was von der Mannschaft stürzt, stürzt. Auch Hilfe den Verwundeten zu bringen, ist versagt. Wir sind rings vom Feinde bereits umstellt und das letzte Bataillon der deutschen Front an der Marne, Nachhut eines der gewaltigsten Rückzugsmanöver einer ganzen siegreichen Armee, die sich ungeschlagen und als Sieger fühlend einem unverständlichen Rückzugsbefehl fügen muß.

Lautlos werden die Geschütze ausgegraben, lautlos die Wagen entleert und mit Sprengkapseln versehen. Kleine Schießereien gegen feindliche vorfühlende Patrouillen bringen etwas Unruhe in diese Arbeit. Es ist aber doch möglich, daß innerhalb einer Stunde der Rückmarsch durch die stillen Wälder angetreten werden kann. Eine kleine Lücke ist nur noch vorhanden gewesen, durch die der Regimentsbote Durchschlupf fand, um uns zum Regiment zurückzuführen. Ob sie jetzt noch besteht, ist die große Frage, und alles kommt darauf an, daß wir gegebenen Falles uns mit Gewalt eine Bresche nach rückwärts schlagen.

Im Kampfgelände des Nachmittages liegen Hunderte von Schwerverwundeten unserer Schwesterregimenter. Es ist bitter und einer der schlimmsten Augenblicke des ganzen Krieges für uns, zu wissen, daß dort verwundete Kameraden liegen, denen wir keine Hilfe bringen können, deren Hoffnung, doch noch gerettet zu werden, wir gründlich enttäuschen müssen. Alles kommt jetzt darauf an, Material und gefechtsfähige Menschen zu retten und nichts dem Feinde zu überlassen. Schaurig das Rufen »Kameraden, helft uns... Wasser...« das Betteln, mitgenommen zu werden, dann das Drohen und zuletzt das Verfluchen. Und doch müssen wir sie ihrem Schicksal überlassen. Eine Anstrengung für Herz und Nerven, Schreie, die keiner vergessen wird, der in dieser Nacht das Schlachtgelände der Marne durchwandern mußte. In einem kleinen Nest finden wir auch Sanitäter, sie sind vollständig seelisch fertig und haben nur die eine Aufgabe, die Verwundeten in Kirchen unterzubringen und je einen Mann zurückzulassen, der dann diese Verwundeten den nachstoßenden Franzosen und Engländern zu übergeben hat. Um all die vielen, die auf dem Schlachtgelände liegen, kann sich keiner kümmern, nur unsere Gedanken sind immer bei ihnen, die das schwere Los des Schicksals ziehen mußten. An einer Gruppe vor einer Kirche gehen wir vorbei, in der fünf Kameraden, Franzer und Gardefüsiliere, nebeneinander gebettet zum letzten Schlaf liegen. Zu ihren Füßen hat man einen toten Franzosen gelegt und keine Zeit gefunden, das Grab mit Erde wieder vollzuschütten. Wir nehmen die Spaten heraus und vollenden dieses Liebeswerk in wenigen Minuten, indem wir die Erde von den Hügeln der Bürger nehmen, die auf dem Kirchhofe der Auferstehung entgegenschlummern."

Die ersten beiden Bataillone des Regiments waren am 09.09.1914 etwa gegen 18:30 Uhr zum Rückmarsch angetreten. Der Truppe wurde der Rückmarsch damit erklärt, daß der 1. Armee geholfen werden müsse, die weniger glücklich gefochten habe, als die 2. und 3. Armee. Die Regimentsgeschichte berichtet: "Es kam die Leute hart an, im vollen Siegeslauf nicht nur aufgehalten, sondern sogar zurückgezogen zu werden, mit Schmerz und Erbitterung überließen sie die Verwundeten, deren Blut im Siege geflossen war, dem Feinde; aber über allem Mißmut siegte die unerschütterliche Manneszucht, und aufrecht, mit unseren alten Kriegsliedern auf den Lippen, verließ die Truppe das Schlachtfeld, völlig ungestört vom Feinde, der den Umschwung, an dem er kein Verdienst hatte, so schnell nicht fassen konnte. Der Marsch querfeldein, da die Straße von Fére Champenoise nach Vertus der 2. Garde-Infanterie-Division zugewiesen war, ging in der vom Mondschein nur schwach erhellten Nacht beschwerlich vor sich und blieb für alle Teilnehmer unvergeßlich: die das Feld bedeckenden zahllosen Leichen von Freund und Feind, die ins Herz schneidenden Rufe der Verwundeten, die zurückblieben, das Dröhnen und Blitzen der Nachhutbatterien, die Feuerscheine brennender Dörfer, stolpernder Tritt über Acker und Wiesen; und im Herzen Bitterkeit und die Sorge um den Fortgang des Krieges!"

Karl Willnitz von der 9. Kompagnie berichtet über den weiteren Rückmarsch des Füsilierbataillons: "Unbehelligt vom Feinde erreichen wir die gebliebene Lücke in der Front, stoßen bald auf Straßen, die sämtlichst von rückwärts rollendem Material überfüllt sind. Zurückgebliebene Provianttrupps, die sich mühen, noch zurückzubringen, was zurückzubringen ist, und doch wahrscheinlich froh sein werden, wenn erst das Tageslicht eine Uebersicht wieder gewährt. Uns bleibt selbstverständlich nur übrig, über Sturzäcker unseren Weg zu suchen. Für die letzten Marschierenden nicht allzu schlimm, da die Vorderleute mit ihren Stiefeln schon allerhand Walze gespielt haben. Als besonders heikle Sache wird einem Offiziersstellvertreter und mir noch der Befehl erteilt, rechts und links in dem Walde nach Versprengten zu suchen. Kameraden, die, leicht verwundet, noch marschfähig sind, auch andere, die aus den Verbänden herausgerissen in irgendwelchen Löchern auf neue Befehle warten. Ob wir sie alle gefunden haben, ist mehr als fraglich, und daß ein deutscher Soldat, ohne Befehl es gewagt hätte, nach rückwärts zu gehen, lag nicht in der Erziehung unserer Waffe. Es sind mehr als sechzig Mann, die ich nach und nach auflese, etwas mehr noch bringt auch der Offiziersstellvertreter zum Trupp zurück. Angehörige von allen Berliner Garderegimentern sind dabei, oft nur noch wenige Mann. Reste einer Kompanie, die kriegsstark einmal die Garnison verlassen hat. Ein Riesenhallo, wie auch die Schützen der Maschinengewehrkompanie, von vielen Freiwilligen anderer Regimenter unterstützt, mit ihren schweren Maschinengewehren auf den Schultern zu uns stoßen. Sie haben die Pferde nicht mehr erreichen können und sich selbst dafür eingesetzt, daß alles Material gerettet wurde. Bald treffen die MG.-Fahrzeuge ein, und als Erleichterung dürfen die Leichtverwundeten auf den wenigen Sitzgelegenheiten Platz nehmen. Während vom Feinde  nichts zu sehen ist, zwischen uns und ihm ein riesengroßer kampfloser Raum liegt, der nur von unseren unglücklichen Verwundeten und von unseren Toten besät ist, benutzen wir die kurze Pause, um einige Becher heißen Rotweins hinunterzustürzen. Dann gibt es wieder einen strammen Griff »Das Gewehr über«, und weiter torkeln wir, immer nur den Vordermann einen halben Schritt vor uns spürend, dem Marnekanal zu, wir, jetzt Haupttrupp der Nachhut der siegreichen »Vier-Tageschlacht« an der Marne. In Bergére biwakieren wir. Die Ruhe ist allerdings kurz, nur etwa drei Stunden, dann geht es wieder an die Gewehre."

Dieser 09.09.1914 hatte dem Ersten Garderegiment zu Fuß erneut schwere Verluste gebracht. Gefallen waren unter anderen Leutnant der Reserve Zedler, über die genauen Verlustzahlen schweigt die Regimentsgeschichte. Das Offizierskorps des Regiments, beim Ausmarsch aus Potsdam über 60 Köpfe stark, wies so große Lücken auf, daß vom 10.09.1914 an nicht mehr alle Kompagnien von Offizieren geführt werden konnten. Die 3., 8., 10. und 11. wurden vielmehr von älteren Unteroffizieren geführt. Leider sind die Namen dieser Unteroffiziere nicht bekannt.

In der Nacht wurde Bergéres erreicht. Nach kurzer Ruhepause wurde am 10.09.1914 in aller Frühe der Rückmarsch fortgesetzt und um 15:30 Uhr die Marne überschritten. Am Bahnübergang nördlich Bergéres ließ der kommandierende General das Regiment an sich vorbeimarschieren. Ein Unteroffizier trat aus dem Glied an den General heran und nahm stramm das Gewehr ab und sagte: "Bitte Euer Excellenz fragen zu dürfen, warum wir zurückgehen." General von Plettenberg antwortete: "Wir müssen der 1. Armee helfen." Darauf der Unteroffizier: "Dann ist es gut Excellenz." Mit diesen Worten nahm er wieder stramm das Gewehr über und trat ins Glied zurück. Von Mund zu Mund ging in die Auskunft des Generals und es kehrte zumindest etwas Zuversicht und Vertrauen in die müden Soldaten zurück, die über die große Enttäuschung des Vortages jedoch nicht wegzuhelfen vermochte. Danach wurde bei Mareuil-sur-Ay ein Ortsbiwak bezogen.

Karl Willnitz berichtet: "10. September 1914. Ohne Tritt marsch, geht es nach Osten der Sonne entgegen. Blutrot begrüßt sie den Tag. Ein Omen? Einer singt. Zuerst wollen wir ihm das Maul verbieten, er singt aber immer weiter. Da fällt auch bei der Neunten eine Mundharmonika ein. Was singen sie? Lieb Vaterland magst ruhig sein. Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein... Der Kommandeur lacht verbissen. Er kennt seine Jungens und auch die Wut, die in diesem »Flachs« liegt, daß wir bis zum Rhein rückwärts gehen wollen. Er läßt halten und sagt uns, daß wir morgen die Marne erreichen werden und nur bis dahin zurückgehen. Das beruhigt uns. Jetzt singen alle das Deutschlandlied, selbst die Offiziere fallen ein in die Melodie, obgleich sie höllisch auf ihre Reitpferde aufpassen müssen, weil wir querfeldein über Sturzäcker tapern. »Plettenaugust,« Verzeihung, er heißt in Wirklichkeit Excellenz Freiherr von Plettenberg, unser beliebter kommandierender General, ist plötzlich bei uns. »Mensch, soweit sin wir schon jelofen, dat wir bei Plettenaujusten sin,« hör ich gerade irgendeinen in der Gruppe sagen, da gibt es an einem Bahnübergang Halt. Was ist los? Geht´s wieder zurück? Nichts dergleichen. Excellenz läßt das Regiment vorbeimarschieren, selbstverständlich in »Achtung, die Augen rechts.« Und der alte Parademarsch klappt wie immer. Er hat sogar Tränen in den Augen, wie es scheint, als er die kümmerlichen Reste dieser stolzen Regimenter defilieren sieht. Vor Mareuil treffen wir gegen vier Uhr nachmittags ein und beziehen Ortsunterkunft. Vom Feinde haben wir den ganzen Tag nichts gespürt."

Den folgenden Tag, den 11.09.1914 verbrachte das Erste Garderegiment zu Fuß in einer Aufnahme- und Nachhutstellung auf den Höhen nördlich von Mareuil. Eigentlich sollte schon morgens um 03:00 Uhr die Brücke gesprengt werden, aber da bis in die Mittagstunden noch immer Nachhuten über die Brücke hinter die Marne zogen, verschob der Prinz die Sprengung bis 15:00 Uhr, als Staubwolken den Anmarsch der ersten feindlichen Abteilungen ankündigten. Karl Willnitz berichtet: "Am 11. September, ein halb sechs Uhr morgens, ist es soweit, daß die Marne vor uns liegt. Hinter Mareuil biegen wir ab und besetzen die Brücke und die Höhen des östlichen Ufers. Wir entwickeln uns auf den Höhen hinter dem Ort. Wie der letzte Mann und das letzte Gefährt, völlig vom Feinde unbehelligt, die Marne überschritten haben, sprengen die Garde-Pioniere, es ist etwa elf Uhr mittags, die Brücken in die Luft. Schon eine Stunde später sind auch in dicken Haufen feindliche Truppen angelangt. Sie eröffnen das Feuer, und auch wir müssen, um den zurückflutenden Truppen die nötige Zeit zu gewährleisten, uns auf das aufgezwungene Gefecht einlassen. Da noch die 1. Garde-Feldartillerie und 1./I. Garde-Fuß-Artillerie uns zur Verfügung stehen, bringen wir sehr bald Verwirrung in die feindlichen Verbände. Unser Modell 98 vollführt in seiner präzisen Schußwirkung die sogenannte Kleinarbeit, die so verheerend ist, daß, als wir abends die Weinberge verlassen, der Feind es nicht wagt, Patrouillen auszusenden und festzustellen, daß wir bereits wieder auf dem Rückmarsch begriffen sind."

Die Regimentsgeschichte fügt hinzu: "Langsam entfaltete sich der Gegner und es begann ein Artilleriekampf, der sich von Stunde zu Stunde verstärkte, und in den auf beiden Seiten auch die schweren Geschütze eingriffen. Die französische Artillerie hatte entschieden die Überlegenheit, trotzdem wagte der Feind nicht, mit seiner Infanterie gegen den Strom vorzufühlen. So konnte nach Einbruch der Dunkelheit das Regiment nach erfüllter Aufgabe abrücken und gelangte nach langem Nachtmarsch in strömendem Regen über Louvois nach Mailly. Hier konnte das Regiment gegen Morgen essen und eine Stunde ruhen, dann ging es weiter in das Tal der Vesle, die bei Prunay überschritten wurde." Über diesen Marsch berichtet Karl Willnitz: "Teil angenehm, teils mehr als ekelhaft ist es, da strömender Regen vom Himmel fällt. Nach sechsstündigem Marsch ist die Truppe soweit, daß viele vor Müdigkeit umfallen, sobald ein kurzes Halt Stocken in den vorwärtsmarschierenden Heereskörper bringt. Drei Uhr morgens endlich erreichen wir Mailly. Vierzig Minuten Zeit zum Essen bleiben nur, dann geht es wieder weiter. Und erst gegen ein Uhr mittags, als wir die Vesle in der Gegend von Beine überschreiten, wird bei immer noch strömendem Regen biwakiert."

Die Vesle wurde also bei Prunay am Morgen des 12.09.1914 überschritten. Da ein Armeebefehl vom 11.09.1914 abends angeordnet hatte, daß die 1. Gardeinfanteriedivision sich hinter den rechten Flügel der 2. Gardeinfanteriedivision südlich Beine zur Verfügung des Armeeoberkommandos bereitzustellen habe, ließ General von Hutier in den Wäldern bei der Magenta-Ferme seine Regimenter auf engem Raume die Zelte aufschlagen. Es wurde mitgeteilt, daß man sich auf einen längeren Aufenthalt an dieser Stelle einrichten solle und Anweisung gegeben, zum Schutz gegen den unablässig weiter strömenden Regen Erdhütten zu bauen. Aber kaum hatte sich die völlig durchnäßte Truppe etwas eingerichtet, da kam auch schon der Gegenbefehl. Da der Feind den rechten Armeeflügel zu umgehen suchte, sollte die 1. Gardeinfanteriedivision sofort zur Verfügung des Oberbefehlshabers nach Berru rücken. Nach einem stundenlangen Marsch über durchweichte Rübenfelder und morastige Wiesen konnten endlich die ermüdeten und durchnäßten Kompagnien in Berru unterziehen und sich notdürftig trocknen und wärmen. Über den Weitermarsch von der Magenta-Ferme bei der Vesle berichtet Karl Willnitz: "Um fünf Uhr mittags wieder an die Gewehre, über lehmige, aufgeweichte Felder und stundenlangen Marsch nach unserem Bestimmungsort in der neuen vorbereiteten den kaum dreißig Zentimeter hohen Graben wieder Ausschau feindwärts halten, ist es doch ein wehes Gefühl, daß aus der Festung unablässig Granaten auf unsere Stellung fallen. Reims, das uns bereits gehörte! Einen so wunderbaren Stützpunkt aufzugeben, nicht bis zum letzten Atemzuge zu halten, das ging nicht in unseren Kopf. Auch nicht, daß wir, die Kämpfer in der Schlacht an der Marne, um die Früchte eines der größten Siege der Weltgeschichte gekommen sind, konnten wir nicht fassen und vieles mehr, das ein jeder mit sich abzumachen hat.

Vierzehn Eiserne Kreuze werden verteilt. Vierzehn Stück! Verdient aber haben sie alle dieses Ehrenzeichen, jene Kämpfer der Marneschlacht, die diese Tage überstanden haben. Und auch ihr, ihr verwundeten und toten Kameraden, die ihr nicht mehr bei uns seid, und um die doch immer wieder unsere Gedanken kreisen."

Am nächsten Tage, dem 12.09.1914 wurde die 1. Gardeinfanteriedivision von Berru nach Fresnes gezogen. Dort stand sie nun wieder den ganzen Tag im Regen, bis am Abend der Befehl eintraf, zur Unterstützung des bei Brimont in harten Kämpfen stehenden VII. Armeekorps anzugreifen. Die Division setzte alle vier Garderegimenter in vorderer Linie ein, das Erste auf dem rechten Flügel. "Die Gewehre wurden entladen, die Seitengewehre aufgepflanzt, und dann wurde in stockdunkler Nacht angetreten. Der Angriff in ganz unbekanntes Gelände hinein, ohne jede Erkennung, war eine kaum durchführbare Aufgabe, und so war es denn ein Glück, daß er wieder angehalten werden konnte, nachdem die Division Nachricht erhalten hatte, daß das VII. Armeekorps den über den Kanal vorgedrungenen Feind wieder zurückgeworfen hatte. In Fresnes, einem selbst für die Verhältnisse der »Lausechampagne« unglaublich elenden und schmutzigen Dorfe, kam unser Regiment unter, so gut es eben ging; es mußte noch froh sein, bei dem schlechten Wetter überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben." berichtet die Regimentsgeschichte.

Füsilier Willnitz fügt eine Anekdote über den Aufenthalt bei Fresnes am 12.09.1914 hinzu: "Neid steigt auf, wenn man sieht, wie die Kleinen sich augenblicklich verkrümeln, sobald dicke Luft und dünne Hoffnung durchzukommen, vorhanden sind. Während man selbst die allergrößte Arbeit hat, auch nur notdürftig seinen Balg und dessen Anhängsel in Deckung zu bringen, sind die »Platzkorken« - dies ist der Ausdruck für die Kleinsten im Regiment - einfach weg... spurlos verschwunden.

Feindlich gewappnet aber steht die ganze Gegend gegen alles Große auf. Man ist Zielscheibe im Gelände und weiß, daß man jetzt Häschen auf der grünen Heide spielen und irgendwo in einem Loch verschwinden muß, damit das klopfende Herz etwas verschnaufen kann. Denn »drüben« sitzen gute Schützen. Es ist nicht ihre Schuld, daß wir Gräben besetzen müssen, die viel zu lütt für uns bemessen sind. Scheinbar hat man die kleinste Kompanie eines Linienregiments hier herausgezogen und nun uns lange Leibgardisten hineingesteckt. Wir haben dieses herrliche Vergnügen, statt nach einem beschwerlichen Marsch etwas schlafen zu können, in Lebensgröße Maulwurf zu spielen. In der einbrechenden Dämmerung ist dies keine schöne Arbeit. Trotz Befehl, eiligst zu schanzen, denkt keiner daran, seinen Spaten besonders lebhaft zu bewegen. Es geht auch kaum vorwärts, selbst wenn man will. Der Boden widersteht jedem Gewaltangriff. Nur mit List und Tücke kann man ihm beikommen. Es ist wieder einmal Kreide, jedoch von einer Struktur, die ein Eindringen in die Tiefe nur zuläßt, wenn man versucht, Stück für Stückchen mit einer Spatenkante loszuwuchten. Ist dies gelungen, dann nimmt man am besten die Finger und klaubt wie aus einem riesengroßen Ankersteinbaukasten die Brocken heraus. So hart sich der weiße Dreck oben erweist, so pampig gibt er sich unten. Ekelhafter Modder hat sich gebildet. Bei jedem Schritt zieht er uns die Stiefel aus und zerlaugt des Rest der Politur unserer Langschäfter. Wasser steht selbstverständlich auch wieder im Graben, 10 Zentimeter vorerst hoch. Keine Aussicht ist vorhanden, daß das kostenlose Fußbad für die nächsten Tage versickern wird. Im Gegenteil. Seit drei Tagen regnet es ununterbrochen und die fallenden Tropfen lassen noch ein weiteres Steigen befürchten. Wollen wir uns nicht eines Tages notgedrungen als Freischwimmer betätigen, so müssen wir bald daran denken, hier Abwehr zu schaffen. Der Blick sucht für diese Angelegenheit alles sich in der Runde Bietende auszumachen und auf seine Verwendbarkeit hin zu prüfen.

Da steht nun zum Beispiel vor uns, etwa 200 Meter vor dem ersten feindlichen Graben, eine Windmühle ziemlich protzig im Gelände. Sie wird wegen der Gefährlichkeit der Besetzung weder von uns noch von den Franzosen als Beobachtungsstand benutzt. ... Wenn es uns gelänge, so erwägen wir, dieses Ding zu zerlegen, ein paar Bretter von dort zu holen und als Laufplanken einzubauen, dann wäre uns bestimmt für lange Zeit geholfen. Während uns alle Möglichkeiten der »Beschaffung« durch den Kopf gehen, müssen wir doch herzlich lachen, als einem Kameraden ein zu tausenden in Frankreich vorkommender Waldparasit, ein sogenannter Holzbock, in der Wade zu schaffen macht. Trotz der heftigen Beschießung durch Granaten zieht er plötzlich seine Stiefel aus und behauptet allen ernstes, seine Zehen hätten infolge des vielen Watens im Regenwasser Keime bekommen, sie wären »ausgeschlagen«. Da wir von der Ernte etwas abhaben wollen, muß er uns schon jetzt vormerken und sich gefallen lassen, daß er den Namen »Kartoffelkeim« von diesem Augenblick an »weghat«. Kamerad Kartoffelkeim ist überhaupt eine besondere Type meiner Kompanie....

Schwerstes Feuer aus der Festung Reims, dazu Ueberfälle aus Maschinengewehrnestern bringen uns schon bald große Verluste bei. Das Schlimmste ist, daß wir vorübergehend Mangel an Munition haben und nur noch auf das Bajonett angewiesen sind, sobald ein Angriff erfolgt. Da uns andere Regimenter nichts abgeben wollen, befiehlt der Divisionskommandeur nach Kenntnis der Gefechtslage kurzerhand Ablösung unseres Regiments. Alle die Truppen, die noch Schießmaterial besitzen, müssen in die vorderste Linie einschieben. Wir sind nicht böse über diesen Befehl, gehen des Nachts zurück und verschwinden in dem Ort Fresnes und dessen näherer und weitere Umgebung. Die Häuser des Ortes sind mehr oder minder schwer zerschossen. Es ist ja vorderstes Kampfgelände, in dem wir eine kurze Ruhepause nach den Tagen im Schützengraben verbringen dürfen, und ungefährdet sind wir nur, sobald uns die weittragenden Geschütze nicht belästigen. Wir sitzen, jeder mit einer anderen Arbeit beschäftigt, in einem kleinen Hof, dessen Mauer etwa zwei Meter hoch, uns nach der Straße zu abschließt. Jeder hängt seinen Gedanken nach und ist still und friedlich, wie es ja meist Menschen sind, die Schweres im Leben durchgemacht haben und nun versuchen müssen, darüber hinwegzukommen.

Da schaut irgendwer über die Mauer und fragt in unser Idyll hinein: »Kameraden, wo ist hier der Regimentsstab untergebracht?« Jupp, eilfertig wie immer, und am wenigsten seelisch beschwert, ruft: »Reite man bis an die Kirche und dann links die Straße runter, da wirst du es schon finden.« »Danke.« Der Kopf verschwindet, die Sache scheint erledigt zu sein. Kaum eine halbe Minute später drängt sich durch die kleine Tür eine furchtbar lange Gestalt, Generalleutnant v. P.: »Welches Rindvieh hat da gesagt, ich soll reiten? Sieht er nicht... daß ich zu Fuß bin??« sind seine Grußworte. Als Excellenz den unglücklichen Wurm, Kamerad Kartoffelkeim, aufspringen und sich melden sieht - barfuß selbstverständlich, da Jupp wieder einmal in seinem »Kartoffelacker« jäten war - ist v. P. nicht mehr aus dem Lachen herausgekommen. Jupp hat keine Ehrenbezeugung gemacht, sicher aber im schlimmsten Trommelfeuer nicht so an allen Heiligen gezweifelt wie in diesem Augenblick, da sein Divisionskommandeur vor ihm in diesem gottverlassenen Dorf erschien und von rund 150 000 Soldaten ausgerechnet er der Pechvogel war, der wiederum ganz dicht den Vater Philip streifen mußte."

Im Jahre 1907 hatte eben jener Kartoffelkeim oder "Jupp" einmal eine bemerkenswerte Begegnung mit General Hermann Otto Hugo Ferdinand von Plüskow in Potsdam gehabt, bei welcher er ihn nicht korrekt grüßte und dafür Mittelarrest bekam. Die Arrestaufseher wurden bei den Soldaten auch "Vater Philipp" genannt, nach dem Armeeaufseher der Potsdamer Garnison ab 1818, Unteroffizier Johann Philipp.

Willnitz fährt fort: "Trotz alledem war es Jupp, der als einziger in der ersten Nacht, die uns wiederum im Graben sieht, mit wenigen Griffen und vom Feinde unbemerkt, in unsere Gräben die nötigen Bretter schafft. Von der Windmühle selbstverständlich. Ich glaube, wenn wir die Mahlsteine zu irgendeinem Zwecke gebraucht hätten, Jupp würde auch diese in die Gräben geschleppt haben. Man sieht, der schlechteste Rekrut der Kompanie kann doch der beste Frontkämpfer sein. Vom Feinde unbemerkt erst einmal auf der Rückseite angeknabbert, ist die Mühle in der nächsten Nacht vom Erdboden verschwunden. Einfach weg ist sie, als wäre sie nie dagewesen. Unsere Gräben aber sind seit dieser Nacht herrlich mit Brettern ausgelegt und ein Hindernis aus dem Schußfeld weggezaubert worden, das uns niemals so recht Freude bereitet hatte. Die Gesichter der Franzosen, Engländer und Belgier hätten wir aber doch zu gerne gesehen, als sie am Morgen sicher die Windmühle suchten, aber trotz der schärfsten Gläser nur eine ganze Menge »Nichts« fanden."

Am 14.09.1914 wurde das Füsilierbataillon nach Bourgogne abgezweigt, um den Schutz der dort stehenden Artillerie zu übernehmen. Nach dem Abrücken des Füsilierbataillons traf bei der 1. Gardeinfanteriebrigade der Befehl zum Angriff ein, in westlicher Richtung gegen den Aisne-Marne-Kanal. Kaum hatten sich die beiden Grenadierbataillone entwickelt und das Vorgehen begonnen, kam auch schon der Gegenbefehl: "1. Garderegiment als Armeereserve nach Fresnes!" Und kurz darauf kam ein erneuter Befehl: "1. Garderegiment wird der schwer bedrängten 13. Infanterie-Division zu Hilfe geschickt, und erreicht schnellstens über Bourgogne die Landau-Ferme am Fuße des Brimont." Gegen 10:00 Uhr trafen sich alle drei Bataillone am Nordrand des Brimont und gruben sich hier zunächst ein um auf ihren Einsatz zu warten. Erst gegen 18:00 Uhr wurde es notwendig, das II. Bataillon einzusetzen. Die Regimentsgeschichte berichtet: "Mit Jubel von dem Kommandeur der 25. Infanterie-Brigade, General v. Unruh, langjährigem Chef der 6. Kompanie, begrüßt, führte Major Graf Merfeldt seine Kompanien seinen Landsleuten und ehemaligen Regimentskameraden vom Infanterieregiment 13 zu, in dessen Linien 5., 6. und 7. Kompanie einschwärmten, während die 8. Kompanie Brigade-Reserve blieb. Als das Feuer anschwoll und gegen 7 Uhr beim Divisionsstab die Meldung einlief, der Feind sei durchgebrochen, bekam der Prinz Eitel Friedrich Befehl, ihn mit dem I. Bataillon wieder aus unseren Linien hinauszuwerfen. Die Kompanien in Linie, Leib- und 3. vorn, 2. und 4. dicht aufgeschlossen dahinter, mit aufgepflanztem Seitengewehr, Bataillonsstab, Regimentsstab und der Divisionskommandeur, Excellenz v. d. Borne, vor der Front, so tritt das Bataillon zum Sturm an. Da kommt der Fernspruch: »Feind geworfen, Brimont wieder fest in unserer Hand«, und der Nachtangriff kann unterbleiben. Den Füsilieren war es ähnlich ergangen; auch sie waren gegen Abend zum Angriff beim 3. Garderegiment angesetzt und dann auf die Nachricht vom Zurückweichen des Gegners wieder angehalten worden."

Über dieses hin und her des Füsilierbataillons an jenem 14.09.1914 berichtet auch Karl Willnitz von der 9. Kompagnie: "Ein tolles Durcheinander muß bei dem Stabe unserer Division herrschen. Wir kommen uns vor wie Pferde, denen ein Kutscher »hü«, ein anderer »hott« zuschreit. ... Immer wieder kommt es vor, daß wir bei irgendeinem Einsatz gewissermaßen schon das Hurra auf den Lippen führen und im gleichen Augenblick, da der Angriff wirklich erfolgt, es anderen überlassen müssen, für uns in die Schanze zu springen. »Zur Verfügung der Obersten Heeresleitung stehend,« nennt man dies. Wir bezeichnen das nervenaufregende »neckische« Spiel nicht anders als »mit verbundenen Augen Krieg führen.« Um den Brimont haben wir in achtundvierzig Stunden bereits viermal Blindekuh gespielt. Es ist das einzige moderne Fort, das wir bei unserem Rückmarsch von der Marne halten konnten. Auf allbeherrschender Höhe nördlich der alten Krönungsstadt Reims liegt es gut im Gelände eingebettet. Mit seinen schweren Geschützen und der vorhandenen französischen Munition ist es ein spitzer Dorn, der im Angriffsgürtel ihrer Front steckt und den Feind bedrohlich kitzelt, wenn nicht gar: schon wieder im Fleische sitzt."

Reims

Den 15.09.1914 verbrachte das Erste Garderegiment zu Fuß an und auf dem Brimont. Durch einen Granatvolltreffer wurde der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant von Diringshofen zerrissen, als er gerade seine Kompagnie dem General von Unruh einsatzbereit gemeldet hatte. Dann trafen genügend Verstärkungen vom X. Reservekorps und vom XVIII. Armeekorps ein, so daß die Westfalen der Unterstützung durch das I. und II. Bataillon des Ersten Hiebes nicht mehr bedurften und diese wieder nach Fresnes zurückgezogen werden konnten. Am Abend dieses Tages konnte Eitel Friedrich, Prinz von Preußen, laut Regimentsgeschichte die ersten EK verteilen, welcher Klasse diese waren, bleibt leider unklar. Major von Bismarck, Graf Merveldt, Hauptmann von Stutterheim, Leutnant Graf Matuschka, Leutnant von Werder, Feldwebel Mazur und eine ganze Anzahl von Unteroffizieren und Mannschaften wurden damit ausgezeichnet. Das Füsilierbataillon hatte den Angriff des 3. Garderegiments zu Fuß begleitet, die 11. Kompagnie unter Leutnant der Reserve von Ditfurth hatte - am rechten Flügel eingesetzt - den Angriff vorgegriffen. Am 16.09.1914 traten auch die Füsiliere zum Regiment in Fresnes zurück, wo das Regiment die nächsten Tage als Teil der 1. Gardeinfanteriedivision, die nun Armeereserve war, stehen blieb. Karl Willnitz berichtet:

"Ein unglaublicher Dreckstall dagegen ist das kleine Fort Fresnes. Wir haben das Pech, dorthin verlegt zu werden, und müssen auch hier wieder auf weitere Befehle warten. Ob die Franzosen geglaubt haben, uns einen »Schur« anzutun, als sie bei ihrem Abzug die gesamten Kasematten in eine einzige Latrine verwandelten? Ob sie wirklich denken, nachdem alle ihre anderen Waffen versagt haben, uns jetzt durch Gestank aus Frankreich ausräuchern zu können? Wir lachen über sie, die sich wie kleine ungezogene Kinder benehmen, liegen auf den Wällen herum und schlafen des Nachts unter dem schönsten Sternenzelt im Freien. ...

Ein militärisches Begräbnis ist für heute Nachmittag angesetzt. »Innerhalb der Kasematten,« steht im Befehl. Der erste Fall ist es, daß ein Toter unseres Regiments in einem Zinksarg eingesegnet wird und dann in heimatlicher Erde seine letzte Ruhestatt findet. Da wir nicht zum Bestattungskommando gehören, sehen wir von der Höhe der Wälle aus diesem feierlichen Akte zu. So gut wir verstehen können, daß Angehörige ihre lieben Toten in der Nähe haben wollen, so wenig haben wir Frontsoldaten den Wunsch, aus den Reihen derjenigen entfernt zu werden, die mit uns auf der grünen Walstatt kämpften und ihre Vaterlandsliebe mit dem Tode besiegelten. Gefreiter P., mein Nachbar, faßt alle uns bestürmenden Gedanken in Worte: »Was ich noch sagen wollte... das da unten kommt für mich nicht in Frage. Ich will dort begraben werden, wo ich falle, oder, falls das nicht möglich ist, irgendwo in der Nähe auf freiem Felde. Na, ihr werdet schon ein Plätzchen finden, wo ihr mich heute Nacht, "stillgestanden bis in alle Ewigkeit", einbuddelt.« »Du bist ja verrückt, Hannes. Ausgerechnet hier willst du begraben sein? Besitz erst einmal soviel Anstand und stirb den Heldentod, und dann überlaß es den anderen, was sie mit deinen Resten machen wollen. Mit dir muß man heute Fraktur reden, alter Miesepeter, sonst kommt es soweit, daß deine Ahnungen auch noch die anderen überfallen.« »Es ist jetzt elf Uhr vormittags. In spätestens sechs Stunden wirst du wissen, daß ich recht hatte,« knurrt dieser unmögliche Mensch mir entgegen und fährt dann nach einer Weile fort: »Ueberdies steckt in meinem Tornister noch ein Neues Testament. Das schenk ich dir. Du kannst es mit in die Heimat nehmen, denn du kommst wieder zurück.« Ich will das Gespräch ins Lächerliche ziehen und flachse ihn damit, daß er Kindern und Enkeln noch aus diesem Buche Geschichten vorlesen wird. ... »Nun hör schon auf mit deinem Mist.« »Schön... wollen wir von etwas anderem jetzt reden. Du hast doch noch Zigarren von den Liebesgaben, die wir neulich hier erhielten, über?« »Ich hab noch drei, willst du sie haben?« frage ich.  »Nur eine sollst du mir noch schenken, ich zahl sie auch, wenn du am Gelde hängst.« »Unsinn, hier hast du sie.« Das alles spielt sich auf den Wällen dieser Festung ab, auf einer grünen Rasenfläche, die bis hinunter zu der Mauer einer Kasematte führt. Obgleich wir von Reims aus beschossen werden, befinden wir uns doch im sogenannten toten Winkel. Jede Lebensversicherung kann uns hier ohne Risiko aufnehmen, den Wall, auf dem wir sitzen, schießt nicht einmal unsere dicke Berta auseinander. Weshalb mein Nachbar ausgerechnet heute solchen trüben Ahnungen nachhängt, ist mir völlig schleierhaft. Blau, herrlich blau steht der Himmel über uns, und kein Gefecht ist zu erwarten, heute begraben wir Tote.. haben einen Ruhetag... So war er aber immer, der Johannes Patareit. Ein tapferer Soldat, der beste Kamerad, den man sich denken kann. Und doch. Er hatte den sogenannten »zweiten Blick«. Wenn er des Morgens früh erklärt, heut gibt es Kampf, dann stimmt dies unbedingt, und niemals kam es bisher vor, daß er sich irrte. Nun quatscht er heute von dem eigenen Heldentod. Das fällt auch anderen als mir auf Herz und Nerven. Ich lege mich schließlich verärgert lang ins Gras, beachte den anderen nicht mehr und fange an zu dösen. Im Hofe unten singt man jetzt das Lied vom guten Kameraden. Der Sarg ist sicher schon verschlossen worden. Man hört Kommandos für die Träger jetzt, die ihn dorthin geleiten wollen, wo man auf ihn wartet.

Huiii... Huiii... jetzt ist es wieder soweit, daß uns die Festung Reims mit ein paar schweren Dingern überschüttet. Haushohe Erdfontänen stehen etwa sechzig Meter vor uns im Blickfelde. Eine Bagage ist getroffen worden. Ein schlimmes Durcheinander entsteht, als die erschreckten Pferde führerlos mit ihren Wagen durch die Felder rasen. Während die meisten Gespanne doch noch zu halten sind, andere auch durch Umstürzen der Wagen ein unüberwindliches Hemmnis bilden, gelangen zwei der erschreckten Rösser weit in den Hintergrund. Vor der Umfassungsmauer eines Dorfes müssen sie Haltmachen. Zwischen ihnen ist nur noch die abgebrochene Deichsel zu sehen. Den schweren Wagen selbst haben sie bei ihrer tollen Fahrt über Wiesen und Felder längst verloren. Huiii... Huiii... eine neue Salve überfliegt uns wieder in der Richtung dieses wirren Haufens, der sich einmal unsere große »Feldbagage« nannte. Nur fünf Erdfontänen, dick und schwarz, sind es diesmal, die uns den Einschlag künden. Das sechste Projektil können wir, so unglaublich es klingt, mit unseren Augen sogar verfolgen. Es rutscht durch viele Zelte, Beine und alles, was dort aufgestapelt ist, hindurch. Immer weiter geht der Weg, bis zu jener Mauer, an der die Pferde mit der Deichsel zitternd halten. Fünf Mann bemühen sich um die Tiere. Sie ahnen nicht, daß sie dem Tod verfallen sind. Ein Bersten.. Menschen, Pferde und Steine wirbeln durch die Luft. An jener Mauer erst hat der Granatenzünder den Widerstand gefunden, den er brauchte, um seine Wirkung zu zeigen. »Ein schneller Tod,« höre ich Johannes neben mir sagen. Er hat den linken Arm auf seinem Knie aufgestützt und immer noch die gleiche sitzende Stellung beibehalten, die er schon bei seinem »Jenseits-Gespräch« innehatte. Der Genuß der Zigarre bereitet ihm sichtliches Behagen. Immer wieder spitzt er seinen Mund, um doch noch Ringe aus Zigarrenrauch im Freien zu formen. Es gelingt natürlich nur in den besten Fällen. Fast halb ist die Zigarre aufgeraucht. Da sagt er: »Paß auf, jetzt...« Er meint, jetzt wird es ihm gelingen, ein Meisterstück von Ringen in die Luft zu zaubern. Da kommt es wieder angeheult, die dritte Salve ist es aus Reims. Fünf schlagen kaum zehn Meter hinterm Kasemattengraben in die Erde, die sechste aber fällt in ihrer Bahn zwischen die Wälle des Forts und reißt, nicht ganz fünf Schritt von mir entfernt, dem Kameraden Patareit gleich einem Messerschnitt den Kopf vom Rumpf. Bis an die gegenüberliegende Mauer nimmt dieses Projektil seine Beute mit und krepiert erst dort, wo es endlich Widerstand findet. Ich bin vor Schreck völlig gelähmt, sehe noch, wie der Körper meines Kameraden sich plötzlich nach vorn hinüberneigt und, sich überschlagend, zwölf bis fünfzehn Meter tief in den Hof der Kasematte stürzt. Ich bin restlos fertig... Wie ein Irregewordener fluche ich und brauche Stunden, ehe ich mich wieder finde, Tage um Tage aber, die mich das unvermittelt Grauenhafte vergessen lassen sollen.

Skizze 5: Reims, September 1914. Regimentsgeschichte.

Wir haben Patareit nicht weit vom Eingang dieser Festung Fresnes ein wunderbares Grab geschaufelt. Das Neue Testament hab ich, dem letzten Wunsch gemäß, an mich genommen. Es ist mein Talisman geworden und in schweren Stunden eine kleine Hoffnung, mit dem Trostwort meines Freundes verbunden, der da gesagt: »Das schenk ich dir. Du kannst es mit in die Heimat nehmen, denn du kommst wieder zurück.« .... Für mich steht fest, daß, ich eher sonst etwas dahingebe, als daß ich mich je von diesem Vermächtnis trenne. ... Irgend etwas ist über mich gekommen, daß nicht mehr ruhe geben will, Rätsel, die ich lösen möchte, martern das Hirn. Ich möchte so gern einen Schlußstrich unter das Erlebte ziehen und bring es doch nicht fertig. ... Blasser schon und nicht mehr so klar wie vor einigen Tagen steht am Himmel noch der Kriegskomet. ... Da bläst es einen Alarm. Ich bin froh, daß er uns gilt, wir wieder nach vorn in Stellung gehen, schanzen dürfen, bis der Morgen langsam zu tagen beginnt. Ueberall ist Ruhe an der Front. Ich kann sogar noch zwei Stunden in vorderster Stellung im Graben mich schlafen legen, so ruhig ist es. Hinter uns steht Artillerie. Wunderbar getarnt. Selbst von uns aus - sechzig Schritt Abstand trennen uns - sind sie nicht mehr »auszumachen«. Auch sie schweigt. Nur um den Brimont, weit nördlich von uns, schlägt man sich jetzt schon wieder. Die Franzosen wollen unter allen Umständen auch dieses Bollwerk wieder in Besitz nehmen. »Ruhe vor dem Sturm,« sagt Hauptmann X. Hoffentlich werden sie bald einsehen, daß sie sich an den deutschen Truppen dort nur den Schädel einrennen. Vielleicht hätte es aber noch Tage gedauert, wenn nicht Unverstand und Größenwahn einiger Wichtigtuer uns einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht."

Das Erste Garderegiment stand somit nun seit dem 16.09.1914 als Teil der 1. Gardedivision als Armeereserve bei Fresnes. Das Regiment konnte jedoch keine wirkliche Ruhe finden, denn fast täglich wurde es alarmiert und rückte in die vordersten Stellungen aus, nur um nach stundenlangem Warten wieder nach Fresnes zurückzumarschieren. Hier gab es stets weitere Verluste für das geschwächte Regiment. Karl Willnitz berichtet: "Eine grenzenlose Wut hat uns befallen, hat sich nach und nach in uns aufgespeichert, die immer wieder zum Durchbruch kommt, sobald wir sehen müssen, wie grüne Jungens oder »Hammel« alle Ermahnungen und gute Ratschläge in den Wind schlagen. Sie turnen, trotz des ausdrücklichen Verbotes, auf den heimlich nachts vorgeschobenen und gegen den Feind unsichtbar gemachten Gräben herum, als ob sie sich auf dem Kasernenhof befänden und nicht in vorderster Feuerstellung, kaum zwei Kilometer vor der Festung Reims. Das Resultat ist selbstverständlich verheerend. Schwere Granaten heulen aus den Festungsgeschützen heran und nehmen nicht nur die gezeigten Stellen, sondern auch alles andere Gelände ringsum unter Feuer. Wir haben schwere Augenblicke durch ein paar Unbesonnene zu durchleben und würden den »Lausern« wahrscheinlich rechts und links hinter die Ohren schlagen, wenn wir in den Nachbargraben gelangen könnten. Glück im Unglück, daß die Wirkung des feindlichen Feuers etwas gemildert wird. Erst rund jede hundertste Festungsgranate krepiert. Ob es an dem völlig durchweichten Gelände oder an der Profitgier französischer Kriegslieferanten liegt, wissen wir nicht. Tatsache ist, daß wir sehr bald Oberwasser bekommen, nachdem immer mehr Eisenkolosse im Vorgelände gleich dicken Enten auf dem Wasser einfallen und dort ohne jedes »Geschnatter« liegen bleiben.

Daß die Ausnahme jedoch stets die Regel bestätigt, erleben auch wir. Plötzlich versteht es ein kaum dreißig Meter vor dem Graben aufgeschlagener Eisenzuckerhut, sich ganz gemächlich an uns heranzuschieben. Als er den Schützengrabenrand erblickt, wird er neugierig und es gelüstet ihn, sogar seine Nase nach unten zu senken. Koppheister macht er einen Sprung in unsere Mitte. Wie der Fuchs sind wir aus dem Loche. Schleierhaft, wie wir an den fast zwei Meter hohen, senkrechten Kreidewänden in der Todesangst emporgeklommen sind. Gedeckt gegen feindliches Feuer, warten wir einige Meter hinter dem Graben auf das Krepieren dieses Eindringlings und des damit verbundenen örtlichen Bebens samt Stein- und Eisenschlaggewummers. Nichts geschieht jedoch von Seiten des Bösewichtes.

Dagegen zeigt sich plötzlich über dem Graben der Kopf der Kompanieschreibstubenoberordonnanz, Josef Raschke. Wie ein Verrückter brüllt er aus Leibeskräften uns zu: »Blindgänger, Blindgänger, weshalb reißt ihr denn aus, ihr Arschlöcher?« Auf Grund dieses freundlichen Ausrufes bleibt uns nichts weiter übrig, als wieder in den Graben hineinzuklettern. Der Schreibstubenbulle tut sehr mutig, bekennt aber doch bald Farbe, als die Schießerei wieder sehr heftig und die Stimmung im Graben mulmig wird. Von der Gefahr, in der er geschwebt, hat er keine blasse Ahnung gehabt. Ueber seinen Eintragungen in das Kompaniebuch sitzend, hat er das Anpirschen des uns zugedachten französischen Totengräbers überhaupt nicht beachtet. Unter völligem Mißverstehen wertete er unser »Türmen« als eine artistische Glanzleistung, dem irgendwie ein Kommando zugrunde lag. Seine Angst ist von einer ganz anderen Art. Peinlich genau verlangt man hinten von ihm die »Stärke der Kompanie«. Ein Donnerwetter, das wissen wir, gibt es jedesmal, wenn zuviel Menage angefordert und dann im Graben nicht gebraucht werden kann. Auch die Essenträger seien Soldaten, sagt man uns jeden Tag, und ein Verbrechen wäre es von uns, sie unnütz bei dem Springen über das Trichtergelände dem feindlichen Feuer auszusetzen. Krieg, aus der Etappenperspektive betrachtet. Sie begreifen dahinten nicht, daß man einfach zu manchen Stunden nicht essen kann... so Schweres durchlebt hat, daß der Körper völlig bedürfnislos wird. Die sollten nur einen Tag einmal hier vorn einen Einblick gewinnen. Es würde vieles, vieles besser werden in ihren Anordnungen, die sie zum sogenannten Wohl des Ganzen auf uns arme Sandhasen loslassen. Raschke betrachtet doch ziemlich scheu den ulkigen Gruß aus Reims. Es wird ihm langsam klar, daß der Zufall ihn davor bewahrt hat, in mehr als einer Million Fetzen jetzt als Gemälde an den diversen Ecken unseres Kreidegrabens zu kleben. Er ist sicher froh, daß die Beschießung etwas geringer wird und er in einer Feuerpause nach rückwärts türmen kann.

Wir anderen sind derweilen nicht untätig gewesen. Behutsam werfen wir einen Erdwall um unseren unzuverlässigen stählernen Grabengenossen. Nach und nach verschwindet dessen blauer Leib in den kreidigen Massen. Nur die oberen kupfernen Führungsringe leuchten noch wie Gold und reizen nicht nur mich, sie abzutrennen und zu Fingerringen umzubasteln. In Wirklichkeit verwirft sofort jeder diesen Gedanken. Selbstverständlich sind es auch nicht die oberen, sondern die unteren Führungsringe, die man »Vetter Heins gekrümmte Finger« nennt. Fabrikat: Schneider & Creuzot steht noch immer senkrecht in unserem Graben, jedoch wächst Meter um Meter der Wall, den wir um ihn legen. Bald ist auch diese Arbeit geschafft und in einem Halbkreise ein Verbindungsgraben hergestellt, der zwischen den beiden Stellungen unter Quetschen und Drängeln eine Passage bildet.

Von feindlicher Infanterie ist nichts zu sehen. Wenn nicht ab und zu ein blau-weiß-rot beheimateter Specht (MG.) sinnlos im Gelände herumhämmern würde, könnte man glauben, es sei von unserer Stellung aus zu den Mauern der Festung ein einziger Spaziergang möglich, das Glacis de Reims vom Feinde unbesetzt und ein Blödsinn unsererseits, sich in dreckigen Erdfurchen zu verstecken. Bald werden wir eines Besseren belehrt. Englische Brisanzgranaten mischen sich unangenehm in das Stahlgewitter. Wir kennen sie noch nicht lange, diese Sorte, die sich gemein benimmt, weil sie gegen die althergebrachte Form des Feuerns: Abschuß oder ferner Blitz ... Pause ... Einschlag verstoßen. Bei ihnen ist Abschuß und Einschlag eines. Außerdem sind Zeitzünder vorhanden, die das Geschoß sogar noch während des Fluges zum Krepieren bringen. Unsere Verluste häufen sich. Der Verbandstoff wird knapp, und immer neue Verbände, die wir den Kameraden anlegen, kommen zum Durchbluten. Es muß sofort und schnellstens Verbandstoff aus dem Rückgelände geholt werden. Die Aufgabe fällt mir zu. Mit einem »Gott schütze sie« entläßt mich und noch zwei andere der Alte. Ein Lauf mit dem Tode beginnt, sechshundert Meter weit stehen die Chancen eins zu eins. Habe ich den Bahndamm erreicht, dann bin ich Sieger, sehe ich ihn als letztes auf dieser Welt, dann war die Granate schneller. Sprungweise muß ich die Salven der Granaten abpassen und versuchen, über den toten Punkt zu kommen, das weiß ich ... also ... los ... Es gelingt mir, ohne Verwundung nach Witry le Reims zu gelangen. Glücklich bin ich, als ich ein paar alte Scheunen zwischen mich und den Feind legen kann. Eine Rast muß ich aber doch einlegen, wenn auch manches Fußballspiel im Frieden mir als »Centerhalf« eine Menge »Puste« verlieh. So ... jetzt geht es wieder.

Meinen Befehlszettel überfliege ich noch einmal und werde daran erinnert, daß ich außer Verbandstoff auch Wasserträger finden und den Menagezettel berichtigen soll. Das Letztere wird bestimmt Raschke interessieren. Einige Kameraden sind ja schon wieder »ausgefallen«. Es wird immer noch genug des Abends übrig bleiben, selbst wenn wir mehr Verluste angeben, als sie in Wirklichkeit zur Zeit bestehen. Ein Haus, ein altes Bauernhaus kommt in Sicht. Auf der Suche nach Wasser bietet sich mir im Keller dieses völlig unbewohnten Gehöftes ein eigenartiges Bild. Mehr als dreiviertel hoch ist dieses Gewölbe mit blutigrotem Landwein gefüllt. Auf den Stufen aber liegt ein Kopf ... ein Mensch, dessen Zunge halb heraushängt und der allem Anscheine nach zu einem noch existierenden Körper gehört. Ran und festgestellt, wer es wohl sei... aha, Frischpott, der Küchenhengst unserer Kompanie, ist es, und mir erscheint es im ersten Augenblick schleierhaft, wie dieser sonst so zuverlässige Mensch in eine solche Lage kommen konnte. Mit großer Mühe ziehe ich ihn aus der roten Soße heraus und merke, daß er Sternhagel voll, sinnlos besoffen ist. Nicht fähig, auch nur einen Schritt zu gehen. An einer Scheune muß ich ihn liegen lassen. Damit er kein neues Unheil anrichtet, binde ich ihm beide Beine mit einem Brotbeutelriemen zusammen. Diese Maßnahme bedeutet keine Gefahr für ihn. Wird er nüchtern, dann kann er diese Fesselung selbst lösen, bleibt er weiter betrunken, soll er hier seinen Rausch ausschlafen oder sich von dritten entfesseln lassen. Weiter geht es. Nirgendwo Wasser. Hinter dem zweiten Eisenbahndamm finde ich die große Bagage in Bereitschaftsstellung und das Sanitätsdepot.

Zwei tapfere Sanitäter wollen es wagen, mit mir gemeinsam unseren bedrängten Kameraden im vorderen Graben neue Verbandstoffe zu bringen. Als ob Gottes Hand über uns läge, so gelingt es uns dreien, durch das feindliche Feuer hindurch zu kommen. Etwas anders ergeht es jedoch zwei »tapferen Kameraden«, die es bisher immer verstanden haben, sich in der Etappe herumzudrücken. Sie bekommen plötzlich den Befehl, Schokolade, Zwieback und etwas Rauchbares in die Stellung zu schaffen. Ich habe das Gefühl, daß man sie hinten los werden will. Jedenfalls bepackt man sie mit Zeltbahn voll Waren und schickt sie mit uns auf die Schützengrabenreise. Denn, so denkt sich der Bagageführer, wenn es mir und noch zwei andern möglich war, nach hinten zu kommen, so ist auch weiter nichts dabei, wenn man einmal versucht, mehrere nach vorn zu schicken. Was jetzt folgt, ist eine Theaterszene, ich werde sie nie vergessen. Dreihundert Meter sind wir schon fast vorwärts unterwegs, da kommt die erste Volladung aus Reims, die uns zugedacht wird. Etwa sechzig Schritt vor uns schlägt sie ein. »Aufpassen!« rufe ich, da wirft, man darf wohl sagen - »die Bagage« - die Zeltbahn beiseite und haut ab. Nach hinten selbstverständlich. Vorn droht ja der Heldentod, und der ist nicht beliebt bei diesen Brüdern. Wir anderen handeln. Keinen Augenblick verlieren wir, greifen nach der Zeltbahn, die noch immer die Hälfte ihres köstlichen Inhaltes birgt, und laufen, doppelt beladen, etwa fünfzig Meter nach vorn. Die nächste Salve aus Reims ist schon hinter uns. Sie erwischt nur noch die Reste des Bagageproviants und liegt genau an der Stelle, die wir soeben verlassen haben. Unsere Rettung war es, daß wir genau wissen, wie der Franzose das Glacis de Reims mit Granaten abtastet. Ehe er jetzt neu visiert, sind wir weiter und sehen schon die Köpfe in der Stellung, die uns genau beobachten. Mit Hallo werden wir begrüßt. Groß ist die Freude, daß wir Schokolade, Zwieback, Zigarren und Zigaretten verteilen können, und daß sie diesmal... nichts kosten. Denn übergeben wurden sie den beiden »Helden«. ...

Nachdem Frischpott seinen Rausch ausgeschlafen hat, ist er auch endlich wieder an seine »russische Kanone« gelangt. Jawohl: russische Kanone ... und: im Westen!!! Das heißt, die Bezeichnung stammt von uns, von den Landsern, in Wirklichkeit heißt sie: »Fahrbare Küche« oder besser: »Gulaschkanone« Eine Eigenart unseres Regiments!... Wir führen russische Schriftzeichen an diesen fahrbaren Freßbehältern. Sie sind Geschenke des russischen Kaisers. Als er 1909 Potsdam besuchte, hat er sie mitgebracht. Für alle ferneren Erzeugnisse, die wir in dieser Form im deutschen Heer auf die Räder stellten, sind sie das »Modell« gewesen!! Ein Witz der Weltgeschichte, daß ausgerechnet der Russe, unser zahlenmäßig größter Gegner, uns eine Waffe - die Gulaschkanone war eine sehr gewichtige Waffe - verehrte, die unsere Schlagkraft in der Front ganz erheblich verstärken half. ...

Einführung der Feldküche 1908, Regimentsgeschichte.

Zu der nächtlichen Verhandlung, die zur Bestrafung des Frischpott führen soll, werde ich hinzugezogen. Es stellt sich jedoch heraus, daß sein Mißgeschick jedem anderen von uns gleichermaßen hätte passieren können. Auf der Suche nach Eßbarem für seine Gulaschkanone hatte er den Weinkeller entdeckt und sofort als findiger Kopf beschlossen, einige Eimer Landwein als Schlummerpunsch für die sicher zu erwartende Ablösung in der Nacht bereitzustellen. Vielleicht hatte er dabei ein wenig zu viel gekostet. Wie er den Keller verlassen wollte, war eine kleine Granate durch das Fenster eingeschlagen, hatte zwei riesengroße, bis an die Decke reichende Fuder Wein zerschmettert, ihm selbst aber eine Verletzung am Oberschenkel beigebracht. so sagte er. Als man jedoch von dem Prellschuß am Oberschenkel nichts finden konnte, machte sich der Hauptmann eine andere Lesart zu eigen. Für uns andere war längst klar, daß er ein wenig zu tief die Nase ins Fäßchen gesteckt und von Glück sagen konnte, daß er in seinem Suff wenigstens noch die rettenden Stufen erreicht hatte. Wäre ich eine Stunde später in jenen Keller gelangt, so hätte er bestimmt durch »Ertrinken in Rotwein« den Tod gefunden. Zur Strafe wird er als Küchenbulle abgelöst und zur Kompanie in die Front vorgezogen. Am nächsten Tage auf einem sehr weiten Marsch zu einem Fort erhält er noch eine Nebenstrafe, die, unbeabsichtigt, sich jedoch als die schlimmste Heimsuchung erweist. Trotz größter Bemühungen ist es nicht möglich gewesen, Ersatz für den völlig vom Rotwein durchtränkten Anzug zu beschaffen. Das alte Feldgrau hatte das Rot des Weines in ein Braun verwandelt, von dem keiner mehr annehmen kann, die Uniform des Frischpott hätte einmal die gleiche Farbe gezeigt, wie jene, die wir tragen.

Für die Insektenwelt allerdings war unser Kamerad eine neue duftende, schöne, farbige Blume geworden. Und, einmal entdeckt, haben sie es den Bienen und Hummeln des ganzen Kampfabschnittes weiter gesagt. Zu Hunderten umschwirren sie den wandernden Honigspender. Ein tolles Bild für uns, die wir nicht helfen können, zum Bersten schön, wie er zuletzt den Kopf mit lauter Strumpfsocken sich umwickelt und inmitten seiner Gruppe wie ein Blinder feindwärts zieht. »Feinde ringsum« sind auch seine Neben- und Hintermänner. Sie verlangen von ihm, daß er als Letzter hinter der Kompanie sich trollen soll. Schon von dem süßen ausströmenden Geruch würden sie betrunken und auf Dauer könnten sie nicht dafür garantieren, »Delirium tremens« zu bekommen. In der Nacht wird dem Hiob der Kompanie Rettung. Passende Kleidungsstücke eines Schwerverwundeten übermitteln wir ihm. Seine Leidenszeit findet ein Ende. Eine große Fähigkeit, aus beinahe »Nichts« Essen zu kochen und in jeder Situation zur Stelle zu sein, verschaffen ihm bald wieder den Posten an der Gulaschkanone. Am Fraß, den uns sein Nachfolger servierte, haben nicht nur wir gemerkt, daß für ein solches Amt nur der sich eignet, der dafür »geboren worden ist«. Jetzt würde er auch sein Amt weiter behalten, selbst wenn er andere Vergehen als »Schwimmversuche im Rotwein« beginge. Nur sein neuer Name bleibt für immer aus diesen Stunden an ihm haften. Wir nennen ihn den »kühnen Schwimmer«. Mit einer Einschränkung allerdings: Er darf die Worte nicht hören. Denn mit dem Küchenhengst nicht auf guten Fuße zu stehen, ist für das Frontschwein schlimmer, als bei dem Spieß »Sternchen« im Buch zu haben."

Am 19.09.1914 berichtete die New York Times, daß die preußische Garde ausgelöscht worden wäre bei den schweren Kämpfen an der Marne, Meuse und Aisne.

Das Regiment blieb mit der Gardedivision weiter Armeereserve und wurde am 20.09.1914 nach Witry verlegt. Die Männer waren froh, endlich dem Kreideschlamm, den Granaten und der Kälte zu entfliehen. Karl Willnitz berichtet: "Das kann man wohl sagen, eine bessere Botschaft als die des Divisionsbefehles vom 20.9.14 haben wir schon lange nicht mehr erhalten. Von Regen und Kälte seit Tagen verfolgt, erreicht uns die Nachricht, in Witry le Reims Ortsquartier zu beziehen und uns weiter zur Verfügung des AOK. zu halten. Wenn nun dieser Ort mehr als nur einen Schönheitsfehler besitzt, insbesondere unmittelbar hinter der ersten Kampflinie und nur zum Teil in einen Talkessel eingebettet, ständig unter der Gefahr der Beschießung liegt, so wiegt doch schon der einzige Grund alles Unschöne auf, daß wir wieder einmal ein Dach über dem Kopfe haben. Einzusehende Wege vermeidend, gelingt es uns, ohne feindliche Belästigung schon früh am Vormittag in Witry einzumarschieren. Da die Zivilbevölkerung noch in fast allen Häusern haust, gibt es große Schwierigkeiten, unsere Mannschaften unterzubringen. Eine kleine Fleischerei wird meinem Zuge als Quartier zugewiesen, und uns blüht das Glück, hinter dem Wohnhaus einen Pferdestall zu entdecken, der mit frischem Heu und Stroh reichlich versehen ist. Wir finden außerdem noch ein nach dem Garten mit einem Fenster versehenes kleines Stübchen vor, in dem ein hübscher kleiner Ofen steht. Bett und Tisch sowie eine Petroleumlampe sind ferner vorhanden. Wie uns sehr bald der Nachbar erzählt, sind Fleischer und Geselle nach Paris geflüchtet. Dem letzteren hat der zuletzt geschilderte Raum als Wohnung gedient. Nichts ist seit seiner Abreise darin verändert worden. Jetzt allerdings sind wir da... Schnell knistert reichlich vorhandenes Holz im Ofen und verbreitet wohlige Wärme. Meine vom Regen durchweichten Sachen hänge ich zum Trocknen auf. Vom Feldgrau ist auch jetzt bei ihnen fast nichts mehr zu sehen. Eher liegt die Vermutung nahe, daß wir ein Kommando als Müller beendet haben. Die Schützengräben vor Reims haben es an sich, jedem Insassen ein Andenken mit auf den Weg zu geben. Fast zwei Meter hoch in Kreide gebuddelt, ist es auch den Vorsichtigsten nicht möglich, feldgrau zu bleiben. Außerdem gehört eine große Erfahrung dazu, mit diesem Material fertig zu werden. Es ist und bleibt ein Geduldspiel und nichts läßt sich mit dem Spaten oder mit der Beilpicke unter Anwendung von Gewalt vollbringen.

Bei aller Sauberkeit - es will dies viel in französischen Fleischereien heißen - hat unser Quartier doch einen großen Nachteil. Ein Alarm, der jeden Augenblick geblasen werden kann, ist von uns nicht zu hören, und wir können bei einem Ueberfall in Gefangenschaft zu geraten. Außerdem ist es uns nicht angenehm, daß auch jetzt wieder in regelmäßigen Abständen aus der Festung Granaten über uns hinweg ihre Bahnen ziehen. Daß sie nicht einschlagen, ist wohl eine Rücksicht auf die französische Zivilbevölkerung des Ortes. Auf dem Glacis de Reims, einer fast ebenen Fläche rund um die Festung und zwischen den Außenforts gelegen, kennt man sicher jede Entfernung. Mit Zeitzündern hat man es in der Hand, jederzeit fürchterliches Unheil anzurichten.

Gut, daß keiner der Vorgesetzten Neugier nach unserem Wohlbefinden an diesem Abend verspürt. Er hätte, eine Stunde nach der Ankunft, elf Splitternackte und mit langen Stiefeln versehene Kerle in dem kleinen Zimmer vor einem glühenden Ofen herumhüpfen sehen, daß ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Vier davon dreschen jetzt im Stehen einen Skat. Dem stets beim Spiele aussetzenden Kameraden fällt die Aufgabe zu, die am Ofen hängenden Sachen zu wenden. Andere schreiben im Adamskostüm Briefe in die Heimat, und nur einer kratzt noch aus der eisernen Portion die letzten Reste heraus, damit er die Büchse dem Feuer übergeben kann. Ich selbst liege im Bett und mache mir meine stillen Gedanken, ob ich nicht doch wohl etwas zu weit meine Befugnisse betreffend: »Paradiesische Gefilde« überschreite. ... Was wohl die Heimat dazu sagen würde, wenn sie sähe, in welchem Zustand wir zur Zeit unseren Krieg führen?? Ach was... wir können ein Tipfelchen Glück gebrauchen ... laß kommen, was da will ... ich bin entschlossen, meine Rasselbande unter allen Umständen zu decken. Zwei aus meiner Kolonne fehlen noch. Plötzlich entsteht ein großes Hallo in der Bude.

Etwa zehn Uhr abends schleichen die beiden Vermißten mit drei toten Kaninchen nach scheuem Anklopfen zur Tür herein. Ohne gefragt zu sein, nehmen sie »Haltung an« und melden: »3 tote Kaninchen gefunden«. Ich bin klug genug, den Begriff »gefunden« nicht weiter zu untersuchen. Diese Redewendung wird beim Militär stets gebraucht, wenn etwas zu verstecken ist. Wie durch Zauberhand steht auch bald eine Art Pfanne auf dem Ofen, und es dauert nicht lange, so bräkeln die drei Kaninchen, fachmännisch gehäutet und ausgenommen, auf dem Feuer. Was fehlt jetzt noch unserem Glück? Vergessen die Wochen ohne Schlaf, die ewige Nässe, der Hunger und die Kälte! Liebliche Bratendüfte schmeicheln der Nase, wohlige Wärme umfächelt uns. Und als Höhepunkt des »Luxus« befehle ich zum ersten Male seit Potsdam: »Korporalschaft antreten zum Zähneputzen!« Man hält mich für komplett verrückt. Auch der Appell fördert keine Zahnbürste zu Tage, wohl aber reicht Hübner hinter dem Rücken den Handfeger von Hand zu Hand... Welch ein Göttermahl ist inzwischen am Ofen gar geworden! Zur herrlichen Brühe ein schönes Stück Fleisch, dazu am Nachmittag gefaßtes, frisches Kommißbrot. Was tut´s dann, daß noch ein paar Granaten über den Ort hinwegheulen. Mit vollem Bauch verkriecht sich alles ins Heu und ins Stroh...

Ein anderes Bild bekommt jedoch die Sache beim Gewehrappell am nächsten Tage, den das Regiment geschlossen inmitten des Ortes abhält. Ein französischer Bauer meldet sich bei unserem Kommandeur und behauptet, daß ihm in der Nacht vier Kaninchen gestohlen worden seien. Er verdächtigt die Soldaten des Diebstahls! Zu dieser Annahme gehört bestimmt keine Hellseherei, wohl aber versteht man vielleicht das Gruseln, das mir über den Rücken läuft, als der Kommandeur eine fürchterliche Rede vom Stapel läßt. Ein preußischer Soldat stiehlt nicht, sondern »findet« höchstens herrenloses Gut. Und wenn er etwas »findet«, so macht er davon seinem Vorgesetzten Mitteilung, fügt er hinzu. Als Beweis dafür fragt er das ganze, im Viereck aufgestellte Regiment, ob jemand diese vier Kaninchen... Weil nun dieser Franzose von vier Kaninchen spricht, meine Kolonne aber nur drei »gefunden« hatte, so schweige ich selbstverständlich, und es genügt ein Blick zu meinen Leuten, um auch sie mucksmäuschenstill und mit den dämlichsten Gesichtern in die Weite blicken zu lassen. Schon glauben wir, daß damit diese Angelegenheit erledigt ist, da wird eine sofortige Revision der Quartiere angesetzt. Der französische Bauer soll in einer halben Stunde Mitteilung erhalten, ob die Tiere noch irgendwo gefunden worden sind. Das ist nun allerdings die Kehrseite der Medaille. Denn alle drei Kaninchenfelle hängen in meinem Zimmer, ausgestopft mit Stroh. Sie sollen als Paket an die in Deutschland bestehende »Kaninchenfellverwertungsstelle«, so etwas gibt es jetzt, zur Absendung kommen. Bereit, mich zu melden und von den drei Kaninchen Mitteilung zu machen, erklärt der Kommandeur, daß zur Revision der Quartiere der erste Halbzug der neunten Kompanie bestimmt würde. Beinah hätte ich laut herausgebrüllt vor Freude. Denn dies waren wir ja selbst. Der Oberst hatte, ohne es zu wissen, den Bock zum Gärtner gemacht. Nun, wir haben reichlich revidiert und nichts gefunden, wohl aber für alle Fälle zehn gute Minuten dafür verwandt, die Felle in den tiefsten Teil einer Mistgrube hinter dem Hause unseres Quartiers zu versenken. Auch alle Knochen haben wir fein säuberlich zusammengepackt und als Beigabe daneben verbuddelt.

Zur Meldung »Nichts gefunden« kommt es nicht mehr. Plötzlich schlagen Granaten auch in das Dörfchen ein, und wir müssen den Ort sofort verlassen. Durch Verrat ist dem Franzmann die Ansammlung des ganzen Regiments auf dem gedeckten Marktplatz telefonisch nach Reims übermittelt worden, und eine so günstige Gelegenheit, ein ganzes Regiment mit schweren Festungsgranaten zu belegen, läßt sich auch der Feind nicht entgehen. Frauen, Kinder und Greise gelten ihm nichts mehr. Schlag auf Schlag stürzen verderbenbringende Projektile in den unglücklichen Ort. Am schlimmsten steht es für unsere im Schulhause untergebrachten Verwundeten. Mit dem Kommandeur verlassen wir als letzte Kompanie Witry. Wie wir beim Vorbeimarschieren ihre Not sehen, gibt es nur ein Handeln ohne Befehl. Der Oberst voran, stürmen wir in das brennende Haus, schlagen die Fenster und Türen entzwei und geben in einer langen Kette die Schwerverwundeten hinaus ins Freie. In einem Hofe erwischen wir sogar noch zwei leere Wagen, und es gelingt, langsam von Kameraden gezogen, diese Verwundetenfahrzeuge samt Inhalt in Sicherheit zu bringen. Mit einer tiefen Befriedigung im Herzen trotz immer toller einschlagender Granaten erreichen wir glücklich den Bahndamm hinter dem Ort und eine Senke vor dem Fort Fresnes, in der wir vor feindlichem Feuer vorerst sicher sind.

Ein kleiner Vorfall sei noch erwähnt, der sehr viel Lachen und Humor auslöst und für die nächsten Tage unsere Feldküche reichlich mit frischem Fleisch versieht. Der Schäfer des Dorfes ist gleichfalls mit der Zivilbevölkerung während der Beschießung ausgerückt. Instinktiv suchen die Schafe, etwa sechzig an der Zahl, Sicherheit neben der marschierenden Truppe. Obgleich der Hund des Schäfers bald vorn und hinten eifrig sich bemüht, Ordnung zu halten, kommt doch ein feister Hammel der Leibkompanie zu nahe. Als sei er in ein Nichts verwandelt, verschwindet er innerhalb einer Gruppe Grenadiere, in der keiner weniger als zwei Meter lang ist. Für uns ein tolles Bild, wie wir sehen, daß je eine Faust von vier Riesen sich in die dicke Wolle des Hammels gräbt und diesen Vierbeiner trägt. Der fünfte Mann ist damit beschäftigt, im Marschieren dem Hammel die Schnauze leicht zuzuhalten, damit der »Gefangene« nicht plötzlich blökt. Der Schäfer bemerkt den Verlust seines Leithammels. Obgleich er sich die Augen aus dem Kopfe schaut, wird es ihm nicht klar, wo sich sein Hammel befindet. Er glaubt sicher, daß die deutschen Soldaten hexen können, und um nicht noch mehrere seiner Tiere einzubüßen, treibt er die Herde von der Truppe hinweg, um sich im freien Gelände einen anderen Weg zu suchen. Mag nun sein, daß die Franzosen die staubaufwirbelnden Schafe für marschierende Prussiens halten, plötzlich legen sie Treffer auf Treffer in die wild auseinaderstürmende Herde. Der Schäfer hat seine Pflicht seinem Herrn gegenüber erfüllt. Als er keuchend wieder in der Senke neben der marschierenden Truppe erscheint, ist er froh, sein nacktes Leben gerettet zu haben. Eine seltene Treue aber bekundet sein Hund. Er verbleibt im tollsten Granatenhagel bei den Resten der Herde. Wir sehen, wie er sich immer wieder bemüht, die Tiere zusammenzuhalten und dies auch erreicht, bis ihn eine berstende Granate in tausend Stücke zerreißt. Für mich aber ist das Gefecht bei Witry ohne einen Beigeschmack von Kaninchen- und Hammelfleisch nicht mehr zu denken."

Es war dies der 24.09.1914, als das Regiment nach Caurel les Lavannes verlegt wurde. Dort traf an jenem 24.09.1914 der erste Ersatz aus der Heimat ein, laut Regimentsgeschichte ca. 800 Wiedergenesene und Landwehrmänner (Willnitz nennt 4 Unteroffiziere und 683 Mann) des 1. und sogar 2. Aufgebotes, da die jungen Kriegsfreiwilligen und die eigentlich als Ersatz vorgesehenen Männer dem neu gebildeten Regiment 204 zugeteilt worden waren. Das Offizierscorps des Regimentes, beim Ausmarsch noch 66 Mann stark, konnte nun gerade noch auf 29 Mann aufgefüllt werden. So war das Regiment immerhin zahlenmäßig mit 2.100 Mann wieder aufgefüllt. Weiterhin hatte der Ersatz ca. 30.000 Zigarren als Geschenk der Kaiserin und des Kaisers und weitere Liebesgaben dabei. Diese wurden am 25.09.1914 verteilt.

Karl Willnitz berichtet über den Weitermarsch: "Auf einer geschützten Blöße, einer Wiese, rings von Kiefern eingefaßt, machen wir um die Mittagszeit endlich Halt. Durch die hohen Stämme dieser alten Bäume bleibt uns ein freier Blick auf den Ort, den wir verlassen haben. Es ist ein schaurig schönes Bild, wie Witry les Reims immer mehr und mehr durch die Beschießung und durch die Flammen zusammensinkt. Wer scharfe Augen hat, sieht auch, wie unsere braven Kanoniere und Trains durchaus noch nicht das Feld geräumt haben. In einer unglaublichen Todesverachtung laden sie noch immer die gefährlichen und für uns so wichtigen Granaten zur Beschießung der Festung Reims auf ihre Geschirre. Nur, als Volltreffer der Franzosen schon den dritten Munitionsstapel getroffen, und Geschirre, Menschen, Pferde und Gebäudeteile in einer riesigen Stichflamme durcheinanderwirbeln, jagen auch die letzten Protzen, oft mit sechs Pferden bespannt, aus der Gefahrenzone. Die Vermutung, daß in Witry ein Einwohner eine geheime Telefonverbindung noch immer mit der Festung besessen hat, scheint sich damit zu bestätigen. Das Feuer war so genau geleitet worden, daß hierzu ein Beobachter gehörte, der unter Einsatz seines eigenen Lebens, in größter Gefahr, seiner Heimat einen Heldendienst erwies.

Links von uns, etwas südlich in einem Waldstück, ist jetzt auch das Schwesterregiment unserer Brigade eingetroffen. Auch dieses hat man aus der Gefechtslinie herausgezogen, um es bei der schweren Beschießung nicht unnütz zu gefährden. War das erste Bild für uns fürchterlich, so ist das zweite ein friedlich-heimatliches. Bei herrlichstem Sonnenschein rekeln sich Hunderte von feldgrauen Gesellen auf den braunen Ackerschollen und der Wiese. Sie harren der Dinge, die da kommen werden, und wissen sehr genau, daß dieser erste Urlaub von der ersten Linie der Front nicht ewig währen wird. Vorerst jedoch erleben wir eine Ueberraschung, diem uns in jeder Weise Freude macht. Ein funkelnagelneu gekleideter Soldatentrupp marschiert aus einer Senke beim Dorfe Caurel les Lavannes auf uns zu. Nicht lange dauert es, bis wir uns gegenseitig erkennen, und es gibt ein wüstes Feldgeschrei, daß sogar ein Hase, der es bisher nicht für nötig befunden, aus seinem Bau trotz unserer Nähe zu türmen, jetzt mit gewaltigen Sprüngen das Weite sucht. Wie der Blitz ist Kamerad Bienenstich bei seinem Gewehr, ein Krach, ein Blitz, und in einem herrlichen Salto mortale liegt Mümmelmann auf der Nase. »Das war Tell´s Geschoß«, schreit einer, während Bienenstich zur Salzsäule erstarrt, stramm vor unserem Hauptmann steht und die fürchterlichste Abreibung erhält, weil er ohne Befehl geschossen hat. »Das war dienstlich!« sagt der Alte zu ihm. »Nun verraten Sie einmal, was Sie von Hasen am liebsten essen.« »Ick hätte jern, dat der Has ins Lazarett kommt, die han doch noch mehr Kohldampf als wir, Herr Jraf,« meint der Schütze. Der Graf schaut ihn durchdringend an und ruft dann: »Der Hase kommt ins Behelfslazarett nach dem Dorfe. Wehe, wenn auch nur ein Haar daran fehlt.« Und damit ist die kleine Episode beendet.

Mittlerweile ist unser erster Ersatz, denn um diesen handelt es sich, immer näher an uns herangekommen. Ein alter Feldwebel meldet: »Acht Unteroffiziere und 683 Mann Ersatz aus Potsdam zur Stelle.« Das gibt ein neues Hallo unter uns, da wir das kleine Häufchen noch nicht einmal halb so groß geschätzt hatten. Schnell ist die Einteilung auf die einzelnen Kompanien erfolgt, die Gewehrpyramiden vergrößern sich und bei dem »Weggetreten« gibt es ein Erzählen und ein Auffrischen alter Erinnerungen, daß man annehmen könnte, es seien Jahre vergangen. Von den Verwundeten des Regiments wollen wir zuerst alles Nähere wissen. Viele von ihnen schicken uns Grüße mit, von einigen hören wir auch, daß sie der Schnitter Tod abgerufen, von anderen, daß sie wahrscheinlich schon mit dem nächsten Trupp wieder zu uns stoßen werden. Denn im Gegensatz zu allen anderen deutschen Regimentern herrscht bei uns der alte Brauch, daß nicht nur jeder aktiv gediente Mann, sondern auch der Ersatz nur aus ehemaligen Angehörigen der alten Potsdamer Wachtparade entnommen wird. Dies hat Vor- aber auch Nachteile im Gefolge. Manch einer von uns Jungen ist heute Vorgesetzter von Kameraden, die ihn einst in Potsdam erst das Soldatenhandwerk gelehrt. Dies ist manchmal sehr rau zugegangen, und es könnte vielleicht die Vermutung auftauchen, daß doch manch einer jetzt seinen Rang dazu benutzt, um eine alte Rechnung auszugleichen. Wer dies glaubt, irrt. Alles, was einmal trennte, ist vergessen. Es herrscht ein Kameradschaftsgeist unter uns und ein unbedingter Verlaß eines jeden auf jeden, wie er idealer nicht gedacht werden kann. Voller Begeisterung sind die Alten genau so wie wir Jungen nach Welschland geeilt. Sie brennen darauf, die Lücken des Regiments wieder auffüllen zu können. Sie wollen Anteil haben am Ruhm unseres alten, schönen Regiments, von dem man sich in der Heimat schon Wunderdinge erzählt. ...

Soldaten des Ersatzbataillons des Ersten Garderegiments zu Fuß in Potsdam, Archiv Seitenautor.

Hoch oben, im blitzenden Blau zieht, von uns völlig unbeachtet, ein Flieger wie ein silberner Vogel seine Bahn. Ein noch nie vernommenes Heulen steht plötzlich über uns in der Luft, rast in Gedankenschnelle auf uns herab... Kaum zwanzig Schritt von den letzten Gewehrpyramiden entfernt, erbebt die Erde unter dem Aufprall eines mächtigen Projektils. Kein Staub, wie sonst bei Festungsgeschossen. Die erste Fliegerbombe des Weltkrieges! Tausend Augen starren gebannt, gelähmt auf einen 60 x 60 Zentimeter großen Kasten. Da... an einem silbernen Stiel dreht sich ein Propeller an haarfeinem Gewinde. Dreht sich... dreht sich... das Blut gerinnt in den Adern... das Herz will versagen, aber die Augen, die sehen: langsamer, immer langsamer rotiert der silberblitzende Propeller, der Schicksal ist. ... Im letzten, im allerletzten hunderttausendstel Millimeter bleibt er stehen... wir leben... »Nieder in die Knie Kameraden, der Herrgott ist greifbar unter uns gewesen.« Graf v. Finckenstein reißt uns aus der Erstarrung. Ein Wunder, jeder weiß es, ein Wunder. Auch die Neuen, die ganz still geworden sind und die gleich uns aus tiefster Seele Worte finden, Worte, wie sie Menschen, Soldaten, in tiefster Not aus heißem Herzen formen. Keinesfalls hat jedoch der feindliche Flieger seine Mission beendet. Ein neues fürchterliches Heulen zerreißt die Luft, und diesmal ist es der Wald, in den die zweite Bombe herniedersaust. Sie sucht sich eine Feldküche zum Ziel und hat als Volltreffer eine entsetzliche Wirkung. Man erzählt später, der gesamte Berliner Ersatz einer Nachbarkompanie sei verloren gewesen.

Da der Flieger immer noch in großen Spiralen über unserem Behelfslager kurvt, hält es der Kommandeur für ratsam, in den Trümmern der Häuser von Caurel les Lavannes Notquartier zu belegen und in den Kellern Deckung zu suchen. Das ist nun ganz nach unserem Sinn, und wie so oft im Leben Regen und Sonnenschein miteinander rasch wechseln, so gibt es auch sehr bald wieder friedliche und idyllische Bilder inmitten dieser alten Häuserruinen. Alle dienstfreien Kameraden durchspähen mit Argusaugen jeden Winkel nach etwas Eß- und Trinkbarem. Ein satter Magen vergißt den Schreck am schnellsten. Heute muß es ein Leckerbissen sein.

Ein Landsmann von mir will absolut nichts finden. »Wenn Auge und Nase versagen, muß der Kopf helfen,« erklärt er, und sichert sich durch irgendwelche Versprechungen von dem getragenen und nun auf der Schlachtbank geendeten Hammel die von Fett strotzenden Därme. Hilfreiche Hände sind sofort bereit, dieses Fett abzulösen und in einem Kochgeschirr zu wässern. Was sie eigentlich damit beginnen wollen, ist uns allen noch ein Rätsel. Erst als ein Kamerad drei Pakete Oetkersches Backpulver versehentlich als Pfeffer bei der Bagage geklaut hat und nicht weiß, was er damit anfangen soll, steht es für uns fest, daß das Lieblingsgericht der Heimat, Thüringer Plinsen, gebacken werden müssen. Große Schwierigkeiten macht es nicht, sieben goldgelbe Eier, gegen Zigaretten an der Gulaschkanone einzuhandeln. Auch reichlich Mehl ist uns in einer verlassenen Wirtschaftsküche bald in die Hände gefallen. Hingegen vollständig ausgeschlossen, auch nur ein Stückchen Zucker irgendwie zu erwischen. Schon scheint es, daß die Eierplinsen, wegen »Nebel« ausfallen werden, da kommen wir auf die gute Idee, uns vom Sanitätsunteroffizier bayerische Hustenbonbons zu beschaffen. So schrecklich, wie meine Meute vor der »rechten Schmiede« den Husten bekommt, hat normalerweise selbst in den kältesten Tagen die ganze Kompanie nicht gebelfert. Die Wirkung ist verblüffend! Jeder erhält die laut Regimentsbefehl bei Halsbeschwerden zustehenden fünf Stück bayerische Hustenbonbons. Keiner lutscht sie, sondern wirft sie in den Gemeinschaftstopf. Wir haben eine friedliche Schlacht gewonnen und den fehlenden Zucker durch eine List ergattert.

Noch immer kommt es jedoch nicht zum Backen. Es fehlt ja noch ein Tiegel oder eine Pfanne, um das Fett des Hammels auszulassen. Auch mangelt es an einem größeren Gefäß, um das Mischender Mehl-Zucker-Eier-Pampe vorzunehmen. In einem Kochgeschirr müssen von dem zerschlagenen Hustenmalz Zuckercouleur hergestellt und Holz zum Feuermachen zur Stelle geschafft werden. ...

Von einem Befehlsempfang zurückgekehrt, sehe ich meine Leute in fröhlicher Stimmung. Alles läuft wie am Schnürchen. Einen Tiegel haben sie in irgendeiner Ecke aufgetrieben, zwei große Sevres-Vasen von der Gartenterrasse des Herrenhauses als unangebrachte Zierde mit Beschlag belegt und selbstverständlich schimmernd weiß gesäubert. Diese wertvollen Kunstgegenstände erfüllen als Tröge alle an sie gestellten Anforderungen. ...

Auch einige Nassauer haben sich mittlerweile unserer hungrigen Runde angegliedert. Ehrenpflicht, daß sie etwas abbekommen, sofern sie weiteren Zuwachs an Mäulern uns vom Leibe halten.

Nach und nach hat sich die Vase mit goldgelben Eierkuchen fast gefüllt. Nur noch wenig flüssiger Grundstoff ist vorhanden, als der verdammte Flieger schon wieder am Himmel erscheint und eine neue Bombe durch die Lüfte herniederfällt.

Die Panik ist ungeheuerlich. Nicht nur, daß eine getroffene Scheune des Gutes sofort in Flammen steht und die im Stroh sich zum Schlaf niedergelegten Kameraden wie Ameisen aus ihrem zerstörten Bau ins Freie stürzen, erlebt auch die Behelfsbäckerei ein tolles, wüstes Durcheinander. Im Augenblick der Gefahr hat jeder jedoch etwas gepackt und läuft, was die Sohlen halten, dem Hause zu. Einer ist darunter, der kann zwei Tage lang kein Gewehr mehr schleppen. Statt am Stiel hat er den Tiegel am entgegengesetzten, glühendheißen Ende getragen. Zwei andere Kameraden haben, mehr materiell eingestellt, einer mit der Rechten und einer mit der Linken die gefüllte Vase erwischt und streben unter Prusten und Keuchen dem als Fliegerschutz dienenden Keller zu. Daß sie nur noch mit je einer Hälfte Vase in der Hand den schützenden Keller erreichen, liegt nicht an ihnen, sondern an dem vermaledeiten Sprung der Vase. Furchtbar dämlich schauen sie sich an, als wir sie nach den Plinsen fragen. Einer stammelt sogar noch die Worte: »Tatsächlich, die Plinsen sind weg!« Er kann uns beim besten Willen nicht sagen, wo sie geblieben sind. Uns ist der Aerger näher, als wir zeigen. Wir können uns den Vorgang denken und kommen doch ins Lachen, als zwischen der zweiten und dritten Bombe wiederum einer im Keller erscheint, der, wie Teller übereinander geschichtet, etwa 20 Eierplinsen vor dem Leib trägt und wie ein Wilder brüllt: »Fix, fix, zufassen, ich verbrenn´ mir die Pfoten.« Den fehlenden Rest hatte er nicht mehr aufsammeln können oder auch zum Teil nach dem Aufheben wieder verloren, weil sie noch zu heiß gewesen waren.

Als kein Bombenabwurf mehr zu erwarten ist, krabbeln wir, herrlich gesättigt, schließlich wieder aus unserem Kellerloch heraus. Was wir jetzt auf dem Hofe zu sehen bekommen, treibt nicht nur uns, sondern auch all den anderen Tränen des Lachens in die Augen.

Etwa 8 Mann, jeder mit ein oder zwei Eierplinsen versehen, stehen an der Wasserpumpe. Ein neunter betätigt den Schwengel, und alle sind eifrig bemüht, den Dreck von den aufgelesenen Plinsen abzuspülen. Dabei benehmen sie sich wie die Wilden, schlingen mit einer Gier die sauber gewaschenen Teile des Gebäckes hinunter, um nicht durch uns, die rechtmäßigen Besitzer, um ihre Beute zu kommen. Manch einer hat sich dabei verschluckt und wird es sein Lebtag nicht vergessen, wie er, kaum der Todesgefahr entronnen, im Feindesland Thüringer Eierkuchen aß, jedoch statt durch eine Bombe beinahe durch Ersticken den »Heldentod« fand."

Stellenbesetzung des Ersten Garderegiments zu Fuß vom 25.09.1914

Quelle: Eitel Friedrich, Prinz von Preußen / Katte, von: Das Erste Garderegiment zu Fuß im Weltkrieg 1914-18, Berlin 1934, Junker und Dünnhaupt

Chef: König Wilhelm II. von Preußen, Deutscher Kaiser

Kommandeur: Oberst Eitel Friedrich Prinz von Preußen

Adjutant: Leutnant Graf Matuschka

Arzt: Stabsarzt Dr. Kluge

 

I. Bataillon Führer: Major von Goerne

Adjutant: Leutnant von Werder

Verpflegungsoffizier: Leutnant der Reserve Wuthe

 

Leibkompagnie Leutnant der Reserve Balla

2. Kompagnie Hauptmann der Reserve von Marschall

3. Kompagnie Hauptmann Graf Schlieffen

4. Kompagnie Leutnant der Reserve Hans Ulrich von Trotha

 

II. Bataillon Führer: Major Graf von Merveldt

Adjutant: Leutnant Freiherr von Kettler

Verpflegungsoffizier: Leutnant der Reserve von Tevenar

 

5. Kompagnie Hauptmann von Moltke

6. Kompagnie Hauptmann der Reserve von Hertzberg

7. Kompagnie Hauptmann von Stutterheim

8. Kompagnie Leutnant der Reserve von Woltersdorff

13. (MG) Kompagnie Leutnant von Keudell

 

Füsilierbataillon Führer: Major Graf Blumenthal

Adjutant: Leutnant von Müller

Verpflegungsoffizier: Leutnant der Reserve Lühr

 

9. Kompagnie Hauptmann der Reserve Graf Finckenstein

10. Kompagnie Leutnant der Reserve von Ditfurth

11. Kompagnie Hauptmann von Lindeiner

12. Kompagnie Leutnant der Reserve de Martincourt

Bemerkenswert an dieser Rangliste ist, daß nahezu sämtliche Posten, im Gegensatz zur vorangegangenen Stellenbesetzung, wieder mit Adeligen besetzt wurden.

Der böse Tag von St. Léonhard

Noch am Abend des 25.09.1914 wurde das Regiment alarmiert. Die 1. Garde-Infanterie-Division hatte Befehl bekommen, eine Brigade zur Verfügung des X. Reservekorps in Marsch nach Nogent l´Abesse zu setzen. Der Marsch war nicht weit, aber bis die Regimenter untergezogen waren, war Mitternacht vergangen und schon bald darauf wurde erneut Alarm gegeben. Von der Division war um 23:00 Uhr ein Befehl ausgegeben darüber worden, daß die 1., 7. und 2. Armee gemeinsam am 26.09.1914 angreifen sollten um dem Gegner das Herausziehen von Truppen aus der Frontlinie zu verwehren. Dabei sollte sich das X. Reservekorps mit der 1. Garde-Infanterie-Division in den Besitz von Taissy-Sillery setzen. Zu diesem Zweck sollten sich die beiden Garde-Brigaden südlich Cernay und Nogent zum Angriff Richtung St. Léonard bereitstellen; rechts sollte die 19. Reserve-Division, links die 2. Garde-Reserve-Division angreifen. Der Angriff sollte um 03:00 Uhr in der Frühe beginnen. Da der Befehl jedoch erst um 02:00 Uhr ausgegeben werden konnte, verzögerte sich der Angriff bis 05:00 Uhr. Die Grenadiere und Füsiliere wurden daher auf unangenehme Weise von der aufmerksam gewordenen Artillerie des Feindes empfangen. Während das I. und II. Bataillon bei Nogent in Reserve bleib, rückten die Füsiliere hinter dem rechten Flügel des 3. Garderegiments zu Fuß vor. Links davon trat das 4. Garderegiment zu Fuß an. Zunächst warf man den Feind auf den Kanal zurück, doch dann stockte der Angriff im schweren Artilleriefeuer der Festung Reims und auch an den Flanken machte sich der Feind bemerkbar. Vom Fort de Pompelle schoß die schwere Artillerie und aus Reims ging Infanterie vor, die von den Füsilieren abgewehrt wurden. Erst am Nachmittag versuchte sich die 2. Garde-Reserve-Division in den Besitz von de Pompelle zu setzen, blieb jedoch nach schweren Verlusten liegen. So verbluteten sich die Garderegimenter nach und nach. Am Abend wurden sie folgerichtig in die Ausgangsstellungen zurückgenommen. Die Reste des 3. Garderegiments zu Fuß, das über 800 Mann verloren hatte, ging im Schutze des Füsilierbataillons des ersten Hiebes zurück. Doch wagte es der Feind den ganzen Tag über nicht, in der Front anzugreifen. Ein französischer Gefangener, den der Prinz befragte, antwortete auf die Frage nach dem Warum: "Wir wußten doch, daß wir die preußische Garde vor uns hatten, die läßt sich nicht über den Haufen werfen."

Karl Willnitz vom Füsilierbataillon berichtet über den 25./26.09.1914: "Für uns ist der Tag noch nicht zu Ende. Kaum daß die Dämmerung auf den Ort sich herniedersenkt, kommt der Befehl, dem schon im Gefecht befindlichen, schwer bedrängten 3. Garde-Regiment zu Hilfe zu eilen. In einem schnellen Marsch erreichen wir auf völlig zerschossenen Straßen den Ort Nogent l´Abesse, nördlich des Forts St. Léonhard, dem südlichsten Fort der Festung Reims, und sind etwa ½ 12 Uhr nachts in eines der schwersten Gefechte verwickelt.

Bemüht, einen Keil in die französische Front zu treiben, soll die 1. Garde-Infanterie-Division, verstärkt durch das 10. Reserve-Korps, die Wälder westlich Nogent l´Abesse stürmen und den Kanal de la Marne überschreiten. Das Ganze stellt einen Gegenstoß zur Entlastung der Kämpfe dar, die sich im Norden von Reims um den Brimont abspielen. Mit einer beispiellosen Erbitterung wird dort oben von beiden Seiten um jeden Zentimeter Land gestritten; jeder will eine Entscheidung herbeiführen, und die Franzosen vor allen Dingen den Brimont, das nördlichste, alles überragende Fort, wieder in Besitz nehmen.

Eigenartig ist das Kampfgelände um uns. Wie die Ruinen einer alten Burg, stehen die Trümmer des Forts St. Léonhard, vom Feuer umlodert, gegen den nächtlichen Himmel. Man erzählt uns, daß zwei Schuß der Dicken Berta es fertig gebracht haben, dieses gewaltige Festungswerk dem Erdboden gleichzumachen. Ob dies stimmt, wissen wir nicht. Es wird so viel berichtet in diesen Tagen, da der Schlachtengott die Waage des Sieges verschleiert hält. Donnergrollen mischt sich plötzlich als Begleitung in die Sinfonie der Hölle. Tiefe, jagende Gewitterwolken spiegeln den blutigroten Schein der Flammen wider und beleuchten in ihren grotesken Formen die mörderische Schlacht dieser Stunden. Ein Nachteil ist es für uns, daß wir ohne Artillerieunterstützung Mann gegen Mann kämpfen müssen. Schauerlich das Blitzen der Bajonette und das grauenhafte, fürchterliche Schreien der Verwundeten, die Verbissenheit des Kampfes, den wir immer weiter vorwärts tragen, bis uns die Erdwälle der Kasematten ein vorläufiges Halt gebieten.

Schon glaubten wir, damit unsere Aufgabe gelöst zu haben, da setzt rechts, in unserer Flanke, rasendes Artilleriefeuer ein. Aus der Festung Reims versucht man gleichzeitig, durch einen Ausfall größerer Truppenverbände, uns seitlich aufzurollen und drohendes Unheil von den eigenen Linien abzuwenden. Unsere Artillerie funkt jetzt endlich dazwischen. Sie ist zwar den Festungsgeschützen nicht gewachsen, erreicht aber immerhin, daß die von uns zurückgeworfenen Truppen in Schach gehalten werden.

Ueber zwei Stunden tobt bereits der Kampf der aufgepflanzten Seitengewehre. Gelände, das schon gewonnen worden ist, muß wieder preisgegeben werden. Es kommt vor, daß in den Granattrichtern buchstäblich der letzte Mann kampfunfähig gemacht werden muss, bis wieder ein paar Meter gewonnen werden können. Schließlich gelingt es jedoch, mit einem verzweifelten »Hurra« den letzten Widerstand zu brechen. Bis an den Marnekanal stoßen wir vor. Sehr bedauerlich ist es, daß kein Brückenmaterial vorgefunden wird, um dem fliehenden Feind nachsetzen zu können. Zwei Pontonbrücken fliegen in die Luft, nachdem die größte Anzahl Franzosen und Engländer hinüber ist. Wir sehen noch das Feuer aufblitzen und können in seinem Scheine vom Feinde alle jene Gefangen nehmen, die sich nicht retten konnten.

Etwas weiter rechts steht der Kampf unentschieden. Das 3. Garde-Regiment liegt dort, verzweifelnd kämpfend, im schwersten Artilleriefeuer. Nicht einen Meter weicht es zurück, weil, wie wir etwas später erfahren, eine Fahne verloren worden ist. Um die Fahne wieder zu erringen, werden wir sofort mit neuer Front gleichfalls eingesetzt. Der Einsatz bringt aber nicht die Fahne. Es bedarf energischer Befehle, uns die Sinnlosigkeit des nächtlichen Suchens auf dem Schlachtfeld nach unserer Fahne begreiflich zu machen, als wir etwa 4 Uhr nachts durch neue, frische Truppen abgelöst und herausgezogen werden sollen. Keiner will den Rückmarsch antreten! Wir, die 1. Garde-Infanterie-Brigade (1. und 3. Garde-Regiment zu Fuß), verloren ein ruhmreiches Symbol der Vergangenheit und können trotz Einsatzes größter Todesverachtung den Makel nicht abwälzen, die höchste Beute dem Feinde überlassen zu haben.

Mit dem ersten Grauen des neuen Tages setzt schwerer Regen ein. Auch jetzt finden wir keine Ruhe. Im heftigsten Artilleriefeuer geht das Suchen weiter. Schon wollen wir, völlig durchnäßt, zurückgehen, da entdecken wir unter vielen Toten, schwarz von der weißen Kreide des Bodens sich abhebend, einen Teil des zerschossenen Fahnenschaftes, sonst nichts, obgleich wir erst gegen Mittag endgültig das Kampfgelände verlassen. Müde, unsäglich müde, sind wir plötzlich alle geworden; keiner kann sagen, wo die Fahne geblieben ist. Das letzte, was wir von ihr wissen, ist, daß sie inmitten heftigster Kämpfe mit ihren schwarzen Adlern in gelben Fenstern gespenstisch in der ersten Reihe gesehen wurde, flatternd über den Häuptern der Kameraden, den Weg nach vorwärts wies.

In den nächsten Tagen - der Verlust ist selbstverständlich der Division weitergemeldet worden - erwarten wir voll Bangen, ob einmal im französischen Heeresbericht bekanntgegeben wird, daß unsere Fahne im Triumph nach Paris eskortiert worden sei. Als dies auch nach Wochen nicht geschieht, wissen wir, daß der Feind sie nicht besitzt, daß sie verschollen und ihr Schicksal ungewiß geworden ist."

Die genannte Fahne wurde 15 Jahre später von einem Bauer bei Pflügen entdeckt. Sie lag unter der Uniform des letzten, unbekannten Trägers, der sie offenbar schützen wollte. Obwohl sie keine Kriegstrophäe im eigentlichen Sinn war, wurde sie einige Jahre im Invalidendom zu Paris als solche ausgestellt, bevor sie kurz vor dessen Tode dem greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg übergeben wurde, der selber lange im 3. Garderegiment zu Fuß gedient hatte und stets dessen Uniform trug.

Am 26.09.1914 trat die 1. Garde-Infanterie-Division wieder zum Angriff an, dieses mal bei Nogent. Dort verbluteten das 3. und 4. Garderegiment zu Fuß im schweren Feuer des Forts de Pompelle, dem Füsilierbataillon des Ersten Garderegiments zu Fuß erging es nicht besser und es verlor bei St. Léonard etwa 50 Mann an Toten und Verwundeten.

Am 27.09.1914 wurde das Regiment endlich in Guignicourt verladen. Die Regimentsgeschichte berichtet: "Der Rückmarsch, das schlechte Wetter, die schlechten Quartiere, das unablässige Hin und Her von Ruhe und Alarm, Kämpfe ohne klar erkennbare Ergebnisse, und zum Schluß der böse Tag von St. Léonhard: das alles hatte an Kraft und Nerven der Truppe gezehrt, und ein jeder war froh, der »Lausechampagne« den Rücken kehren und einem anderen Kriegsschauplatz entgegenzurollen."

Der Wettlauf zum Meer - Zwischen Arras und Bapaume

Skizze 6: Artois, Oktober 1914. Regimentsgeschichte.

Inzwischen hatte General von Falkenhayn, der preußische Kriegsminister, General von Moltke an der Spitze des deutschen Heeres abgelöst. Moltke war offiziell erkrankt, es ranken sich jedoch Gerüchte darum, daß er dem Kaiser gegenüber nach der verlorenen Schlacht an der Marne geäußert haben sollte, daß der Krieg verloren sei und deshalb abgelöst worden war. Beide Seiten versuchten nun, im so genannten "Wettlauf zum Meer", die Flanke des Gegners zu überflügeln und so den allmählich erstarrenden Krieg wieder in Bewegung zu bekommen.

Beide Seiten erkannten langsam, daß dieser Krieg nicht so schnell zu Ende gehen sollte und stellten sich nun auch personell und materiell darauf ein. Der enorme Verschleiß an Ausrüstungsgegenständen aller Art und insbesondere an Uniformen führte auf deutscher Seite dabei zu ersten Veränderungen. So wurde am 15.09.1914 der bereits im letzen Vorkriegsjahr erfolgreich erprobte „Feldrock nach Landsturmschnitt M1913“ eingeführt. Bei diesem wurde neben einigen anderen Vereinfachungen auch der schnell verschlissene untere Vorstoß an den Ärmelaufschlägen der Garderegimenter nun endgültig weggelassen.

Feldrock nach Landsturmschnitt M1913 eines Sergeanten des Ersten Garderegiments zu Fuß, wie er zu Beginn des Krieges häufig ausgegeben wurde, hier noch in der Friedensversion mit dem unteren Ärmelvorstoß, Archiv Seitenautor.

Ausgeladen wurde die 1. Garde-Infanterie-Division in St. Quentin, dort stießen wieder überwiegend ältere Landwehrleute als Ersatz zum Regiment. Am 30. wurde vorgerückt nach Vermand, am 01.10. Bapaume erreicht, dann Grévillers. Das Erste Garderegiment zu Fuß sollte als Teil der 6. Armee und der nördlich der Somme stehenden Korps angreifen. Das Regiment stand innerhalb der Brigade rechts bei Erwillers mit dem Füsilierbataillon und dem II. Bataillon in vorderer Linie, während das I. hinter dem rechten Flügel folgte, um die Verbindung mit dem IV. Armeekorps herzustellen. Am 02.10.1914 wurde das Dorf Courcelles angegriffen, dort gruben sich die Grenadiere und Füsiliere des II. und III. Bataillons im starken Abwehrfeuer ein.

Die Regimentsgeschichte berichtet: "Prinz Eitel Friedrich mußte die Führung des Regiments an Major Graf Blumenthal abgeben, da er in der Nacht mit dem Pferd gestürzt war und sich das Knie verletzt hatte. Der Angriff sollte 1 Uhr nachmittags stattfinden, mußte aber bis 2.30 Uhr verschoben werden, da erst jetzt der Nebel sich soweit gelichtet hatte, daß vorgegangen werden konnte. Erstes Angriffsziel war das Dorf Courcelles. Der Feind hatte den Bahndamm der Strecke Arras-Bapaume vor dem Ort besetzt, und von hier aus schlug den Angreifern, deren Vorgehen außerdem von Hamelincourt aus flankiert wurde, ein so heftiges Feuer entgegen, daß der Angriff zunächst zum Stehen kam. Den Schützen blieb nichts anderes übrig, als sich zwischen Erwillers und Courcelles einzugraben und die Nacht abzuwarten."

Für den 02.10.1914 notiert Karl Willnitz vom Füsilierbataillon: "Heute meint es die Sonne noch einmal besonders gut. Nach längerem Streiten einigen wir uns darauf, daß man den 2. Oktober 1914 schreibt. In der Hitze drückt der Affe fürchterlich. Zudem muß in meinem rechten Stiefel ein Stück Champagnerkreide ohne meine Erlaubnis Quartier bezogen haben. Der Schmerz wird immer größer, und ich spüre es genau, daß da etwas nicht in Ordnung ist.

    Ich wage es nicht aus dem Gliede herauszutreten, es könnte ein schlechtes Beispiel für die anderen werden, die sicher gleichfalls irgendwelche Beschwerden verspüren und sich auch vorwärts schleppen müssen, bis es hoffentlich einmal ein längeres Halten gibt.

    Eintönig geht es Mann hinter Mann neben einer breiten Straße auf ausgetretenen Pfaden über Stock und Stein gegen einen Feind, von dem wir bisher nichts sehen, dessen schwere Artillerie wir aber seit Stunden um so deutlicher hören.

    Soweit das Auge reicht, breitet sich nach allen vier Himmelsrichtungen ein fast ebenes Gelände aus. Unvergleichlich schön sind die Wälder zu unserer Rechten. Von braunrotem Laube übersät, stehen sie fast plastisch vor weißen Wolken und einem tiefblauen Himmel. Sie wissen noch nichts vom Kriege.

    Ganz das Gegenteil sind sie von den in unserer Erinnerung haftenden Bildern derjenigen Wälder, die wir im Kampfgelände vor Reims verlassen haben.

Offiziershelm Modell 1897 I./II. Bataillon und Regimentsstab des Ersten Garderegiments zu Fuß, Version ab 1914, Hilsenbeck: Offiziershelme

    Zu unserer Linken säumen hohe Pappeln die Chaussee. Man sagt uns, daß sie Napoleon gepflanzt habe, der diese hohen schlanken Bäume längs der Straßen in seinen strategischen Plänen »die Dritte Armee« nannte. Das ganze farbige Bild scheint ein alter Meister in einer glücklichen Stunde geschaffen zu haben. Es fesselt mich so, daß ich sogar meine Schmerzen im rechten Fuße vergesse. Eines fehlt jedoch im Bilde: Menschen. Menschen, wie sie in diese Landschaft gehören. Ich könnte mir solche denken, die, mit einem Wagen voller Reisigholz beladen, aus einem Waldwege kommen. Es könnte ein scheues Reh über den Weg huschen, oder irgendein Vogel zu sehen sein, die dann dem Bild einen besonderen Sinn zu geben hätten.

    Auf keinen Fall gehören wir in diese Landschaft. Wir sind fremd hier, sind »apokalyptische Reiter« in moderner Gestalt, sind der Krieg, sind der Tod, sind der Hunger, sind die Not. So heißt es wenigstens in alten Bauernliedern dieses Landes. Ob wohl unsere Altvorderen auch so wirre Gedanken hatten, wenn sie gegen den Feind zogen, genau so eigentlich Mitleid mit einer Landschaft, die den Krieg erleben muß, zeigten wie wir, die einen Schopenhauer und Kant, ein Neues Testament, einer aber auch seinen Haeckel im Tornister tragen? Meinen Schopenhauer will ich allerdings bei nächster Gelegenheit ins Feuer werfen. Die Sache denke ich mir sehr unangenehm, wenn ein solches Buch bei einem deutschen Soldaten - tot oder lebendig ist hier Nebensache - gefunden würde.

    Die Front kommt näher. Immer weiter geht der Marsch. Ein Kamerad beginnt plötzlich zu singen. Ob er sich damit seine Gedanken verscheuchen will oder die Angst ihm bereits wieder zum Herzen greift? Wer kann dies wissen! Jeder, der vor dem Feind war, hat schon einmal Angst gehabt, wer´s leugnet, betrügt sich selbst, es gibt sogar einige, die nie damit fertig werden und doch ihren Mann stehen, wenn es hart auf hart geht.

    Es ist nicht das richtige Lied, was unser Mann gewählt. Die Melodie bleibt dünn. Wir haben keine Lust mehr, von der Marie zu singen, die das ganze Regiment liebt und aus lauter Liebe bereit zum Sterben ist. Sterben, es ist näher für viele, als wir ahnen.

    Ganz hoch am blauen Himmel sehen wir drei feindliche Flieger nach Westen ziehen. Die blau-weiß-roten Ringe an ihren Tragflächen sind nur durch das Fernglas zu erkennen. Was die wohl wieder im Schilde führen? Keiner glaubt, daß ihre Anwesenheit unserem Marsche gilt. Nun sind sie schon über uns hinweg und haben sich einmal merkwürdig »nett« gegen uns betragen. Das heißt, nur scheinbar. Plötzlich gehen auf der Chaussee zur linken von uns die Pferde durch. Obgleich kein Schuß fällt und nichts zu hören ist, sinkt ein Hauptmann lautlos vom Pferde, rechts und links von mir fallen die Kameraden gruppenweise um, während mich selbst eine Hand, die aus der Chaussee zu greifen scheint, am rechten Fuße festzuhalten versucht. Wie ich mit einem kurzen Ruck freikomme, wird mir alles klar. Ein etwa fünfzehn Zentimeter langer, graublinkender Fliegerpfeil hat mich an die Straße geheftet, genagelt ist besser gesagt.

    Das Wehklagen von Hunderten von Menschen beweist, daß die Flieger nur zu gut ihr Ziel getroffen haben. Es stimmt nicht, wenn man diese heimtückische Waffe, den Fliegerpfeil den »Stillen Tod« nennt. Es ist ein grausames Stöhnen um uns her, ein Röcheln hier und ein Fluchen an anderer Stelle, Wut in jedem, ganz gleich, ob er getroffen wurde oder nicht, dieser gemeinen Waffe gegenüber ohnmächtig zu sein. Haß springt in uns auf. Vergeltung wollen wir üben. Als ob unsere Gedanken den Rächer gerufen hätten, sehen wir plötzlich, wie sich die drei Flieger, verfolgt von drei deutschen Flugzeugen, über die eigene Front zu retten suchen. Sie sind schnell, und nur durch Abschneiden des Weges gelingt es unserer Kette, sie zum Kampf zu stellen. Wir marschieren nicht mehr, keiner marschiert. Alles blickt nach oben, soweit man sich nicht um Verwundete bemüht. Der ganze Vormarsch stockt, bis endlich weit aus dem Rücken von Gruppe zu Gruppe, von Zug zu Zug, das Wort »weitergehen« durchgesagt wird und uns mechanisch wieder in Bewegung setzt.

    Merkwürdig, keiner spürt die Last seines Tornisters in solchen Augenblicken, wo das Auge noch immer den Kampf in den Lüften verfolgen kann. Jeder torkelt instinktiv Schritt für Schritt vorwärts und hat nur die Blicke und seinen Wunsch dort oben beim Kameraden, der Tausende von Metern über ihm den Schutzwall um die Heimat nach oben verlängert. Da ... wieder steht alles ohne Kommando. Es ist ein herrliches Gefühl, sehen zu können, wie die heimtückischen Flieger der deutschen Kriegskunst nicht gewachsen sind, wie sie nach einiger Zeit erneut feindwärts abdrehen und je ein roter deutscher Vogel sich an ihre Fersen heftet. Immer weiter auseinander kommen sie bei dieser Flucht. Fast schon den Augen entschwunden, stellt sich einer der flüchtenden Vögel doch noch einem deutschen Adler. Ein steiles Aufbäumen nach einer Schleife und ein Sturz in die Tiefe, den ein tausendstimmiges Hurra begleitet, lassen keinen Zweifel aufkommen, wer Sieger und wer Besiegter ist.

    Neue deutsche Geschwader ziehen über uns hinweg gegen den Feind. An dem Motorengeräusch haben wir längst erkannt, daß es die unseren sind. Wie sie in der Sonne verschwinden, wissen wir, daß da vorn dicke Luft ist, wo sie eingreifen werden. Wir verfallen wieder in unseren Trott und mit uns der ganze Troß, der sich gleich uns nach vorwärts schiebt.

    Stunden vergehen ... längst sind die Rücken wieder krumm geworden, kleben die Augen wieder auf dem Einerlei der Schollen und Furchen der nordfranzösischen Aecker. Kaum ein Halt, eine Pause, bis wir, spät am Nachmittag, unseren Bestimmungsort erreichen. Er liegt schon im Bereich der schweren Granaten. Vor Wochen noch ein kleines, hübsches Städtchen, bieten jetzt seine zerschossenen Mauern kaum ein halbwegs geschütztes Quartier für die Nacht. Wir lagern uns trotz alledem hinter den Trümmern und sind, ohne auch nur an Essen oder Trinken zu denken, im gleichen Augenblicke hinübergeschlummert. So müde bin ich, daß ich nun, wo die Möglichkeit vorhanden wäre, das Hindernis an meinem Stiefel zu beseitigen, nicht einmal diese so nötige Arbeit verrichte. Nur den krummen Fliegerpfeil besehe ich mir noch einmal und denke daran, wie wenig Millimeter gefehlt haben, daß auch ich wie so viele meiner Kameraden zur großen Armee gestoßen wäre.

    Schlimm hat es unsere Artillerie und deren Munitionskolonnen. Alle Kreuzungen, die sie nehmen müssen, liegen unter Steilfeuer des Feindes. Die Verluste sind groß, weil nur in den Schießpausen die Truppe es wagt, in einer irrsinnigen Fahrt über diesen gefährdeten Punkt hinwegzukommen.

    Ich höre wohl im Halbschlummer noch die Einschläge, auch das Hü und Hott und das Geschrei der Menschen, die von ihren Pferden in diesen Momenten das Allerletzte verlangen, aber es ist ja hundert Meter oder mehr entfernt von mir. Da soll nur jeder versuchen, mit sich selbst fertig zu werden und seine ihm gestellte Aufgabe zu lösen. Und ich brauche nicht mitanzusehen, wie mehreremal die Pause zu kurz gewesen und Roß und Reiter, doch noch getroffen, sich in einen wirren Klumpen verwandelt haben und ein neues Hindernis für die nachfolgenden Kameraden bilden.

    Daß wir uns so ganz ungestört dem Schlafe hingeben können, stimmt auch nicht ganz. Sollte ein feindliches Geschoß eine Ladung Munition treffen, so wäre wohl für uns die Himmelfahrt beschlossene Sache. Das Gute ist nur, daß wir viel zu müde sind, um überhaupt diese Gefahr in Erwägung zu ziehen.

    Wie lange wir gelegen haben, kann ich nicht bestimmen. So unsinnig es klingt, ich habe trotzdem das Bedürfnis, auf meine Armbanduhr zu schauen, um festzustellen, wie spät es eigentlich ist. Donnerwetter! Mein Uhrglas ist kaputt ... ein kleines französisches Granatsplitterchen? Auch eine meiner Patronentaschen ist vollständig durchschlagen worden, und ich kann mir heute noch nicht denken, wie es gekommen ist, daß die darin befindlichen Patronen nicht losgegangen sind. Mein Freund Hübner, der sich zur Rechten von mir hinpackte und mich bat, ich möchte ihm ein wenig Platz machen, steht bei dem Ruf »an die Gewehre« nicht auf. Schon will ich ihm einen Stoß mit dem Soldatenwecker - das ist die Stiefelspitze - versetzen, da merke ich, daß er tot ist. Der gezackte Boden einer Granate hat ihn zerrissen. Hübner hat einen beneidenswerten Tod gefunden, das letzte Kommando »Weggetreten!« im Schlafe empfangen. Wir können ihn nicht begraben, wir müssen weiter. Er hat, wie ich später erfuhr, sein Grab in der Heimat erhalten. Sein junges Weib ließ es sich nicht nehmen, das, was sterblich an ihm war, aus der Front ins heimatliche Dörfchen zu überführen.

    Es scheint von nicht gut zu stehen. Gut, daß die Dämmerung langsam ihre Fittiche breitet. ... Zweimal an einem Tage ist es gewesen, daß der Sensenmann ganz dicht an mir vorüberging. Schwer wird mir das Herz bei dem Gedanken, daß nun auch der lustige Hübner nicht mehr seine Scherze am Lagerfeuer zum besten geben kann. Hübner ... Ich sehe ihn noch, wie er 1909 zum Besuch des belgischen Königs mit dreißig anderen Kameraden in das Stadtschloß befohlen war und dort Zuträgerdienste für die servierende Potsdamer Schloßgarde leisten mußte. ... Das war Hübner, mein Kamerad, der nun durch einen tückischen Querschläger die Vollendung seines irdischen Daseins gefunden hatte.

    Weitere Verluste haben wir nicht. Dämmerung ist der Nacht gewichen, Nebel kommen und ziehen vorbei. Wie wir an der Stelle anlangen, an der andere Kameraden den ganzen Tag im Feuer gelegen haben, wird uns gesagt, daß der Gegner hinter dem Bahndamm sitzt und uns den Vormarsch verlegen will.

    Lautlos gelingt es uns, bis auf etwa vierhundert Schritt an des Feindes Stellung heranzukommen. Da fliegen plötzlich aus den Leuchtpistolen, die der Engländer dem verbündeten Franzosen als erste Unterstützung seines Kampfes geliefert hat, Schüsse in die Luft. Zu unserem Erstaunen und Erschrecken entfalten sich in etwa hundert Meter Höhe kleine Fallschirme, die ein magnesium-grünes Licht weithin verbreiten. Kaum, daß wir begreifen, welche zweite neue Waffe wir an diesem Tage in ihren Auswirkungen spüren müssen, setzt auch schon ein rasendes Infanteriefeuer ein, Schrapnells krachen in den Lüften, und von den Flanken erhalten wir Streufeuer gut getarnter Batterien und eines Maschinengewehres.

    Sprungweise arbeiten wir uns mit aufgepflanztem Seitengewehr vor, bleiben jedoch die ganze Nacht damit liegen, weil jeder Angriff unmöglich ist. Trotz des Riesenaufgebotes an Munition, trotz des stundenlangen Schießens sind unsere Verluste gering. Wie sich Nebel beim Morgengrauen im Tale bildet, haben wir gewonnenes Spiel.

    Obgleich er nur etwa einen halben Meter hoch liegt, kriechen wir doch in dieser wunderbaren Deckung vorwärts, und es gelingt uns, bei Tagesanbruch den Bahndamm zu erreichen, den auf der entgegengesetzten Seite der Feind sehr stark gesichert hält. Da der Damm nur einer doppelgleisigen Strecke dient, ist die Entfernung zwischen den Gegnern allerhöchstens nur acht Meter groß. Wir liegen also beinah in Tuchfühlung mit den Feinden, die ihrerseits kaum ahnen, daß und der Uebergang über das weite Feld schon gelungen ist.

    Nach und nach wird es hell. Der Nebel löst sich in großen Fetzen auf, und wir erfahren, daß vor uns zwei Dörfer liegen, Courcelles und Ayette. Courcelles ist das Nähere und soll als erstes genommen werden, »unter allen Umständen,« wie der Befehl lautet. Vorläufig ist daran nicht zu denken."

 Am frühen Morgen des 03.10.1914 lag man also den Franzosen (man war sich uneins, ob vielleicht auch Engländer gegenüber lagen) direkt gegenüber, nur durch einen Bahndamm getrennt. Um 06:00Uhr trat das Regiment zum Angriff an.  

Fähnrich von Selchow von der 9. Kompagnie gibt in einem Brief vom 25.10.1914 eine packende Schilderung des verlustreichen Kampfes wieder: "500m vor uns liegt im Grau des tagenden Morgens, sich noch dunkel abhebend, ein Bahndamm, den die Franzosen besetzt halten. Dort müssen wir rüber. Vorerst aber nun mal ran an den Damm. Die 500m werden unangenehm, denn der Franzose ist aufgewacht und knallt ganz lustig auf uns los. Mancher Brave fiel schon hier.

    Und dann waren wir dran. Am Fuße des Bahndammes läuft eine mit Draht durchflochtene Hecke entlang, durch die wir ungehindert hindurch kommen. Hier sehe ich zum letzten Male meinen Grafen. Hinauf auf den Bahndamm. Wir sehen wir die zwei Gleise - Donnerwetter, da bleibt einem doch im Moment das Blut stocken. So nahe hatten wir uns die Franzosen doch nicht gedacht. - Da lagen die Kerls auf dem Schotter der anderen Seite. - Das Bild war also folgendes: Auf dem einen Schotter lagen wir, auf dem anderen die greulichen Feinde. Beide hatten wir aufgepflanzt und kitzelten uns fast in der Nase damit. - Handgranaten kannte man noch nicht. Ich schlug also vor, diese erst einmal durch Schottersteine zu ersetzen. Bald flogen also solche hin und her. Doch was nutzte das auf die Dauer?

    Ich befahl also meinen Leuten zu schießen. Nun, das war besser gesagt, als getan. Die einzige Möglichkeit blieb die: Aufpassen, wo so ein Gaunergesicht mit dem bläuen Käppi hochkam. Hatten wir das mehrere Male beobachtet, und sah man das Käppi immer an derselben Stelle, legten wir schon in der ungefähren Richtung an, visierten über Korn und Kimme, blieben aber dabei schönstens in Deckung, da uns von der Flanke die Kerls beschossen hätten. Und nun kam vorsichtig erst ein Bajonett, dann ein rotes oder blaues Käppi (ein Zeichen, daß zwei Regimenter da sind) und schließlich das ekelhafte, verbrecherische Gaunergesicht hervor. Kaum war dieses erschienen - da, Knall - Hurra - getroffen! Und dann schnellstens wieder in Deckung, denn schon zielte aus der Flanke ein anderer Franzose auf einen. - Dies Bild war so spannend und nervenerregend, daß ich es Nacht für Nacht noch vor mir sehe und deshalb noch recht unruhig schlafe.

    Ich sehe nach rechts. - Grade ein Aufstöhnen, der Feldwebelleutnant Schramm ist nicht mehr. - Schuß mitten in die Stirn. Ich schaue nach links. Mein Nachbar, der Füsilier X., stirbt in dem Moment denselben Heldentod. - Und so fort. Jeder vierte Mann lag eigentlich innerhalb der ersten zwei Stunden tot auf den Schienen. Wie merkwürdig, das Feuer links von mir fängt an abzuflauen. Da liegt doch der Graf, etwa zehn Schritte von mir entfernt. All mein Schreien nutzt nichts. Ich laufe also hin. »Wo ist der Graf?« - Antwort: »Eben hat er einen Kopfschuß erhalten, er ist tot und wir haben ihn bereits nach hinten geschafft!«

    Eine wahnsinnige Wut packt mich da. Und dabei schießen unsere Kerls nicht mehr. Da hilft nur, daß Kommando selbst zu übernehmen. Ich schreie sie also an. Als Antwort höre ich nur, daß wir doch gleich tot sind, wenn wir weiterschießen. »Passen Sie auf, Junker, Sie kugeln auch gleich tot den Abhang hinunter, wenn Sie uns belehren wollen.« Zu was sind wir denn da? Ich zeige Ihnen also, wie man den Hunden am besten beikommen könne, hatte aber eine solche Wut im Leibe über den Tod meines Grafen, daß ich zu unvorsichtig lange oben blieb, um das Gegenüber zu erhaschen, das aller Voraussicht nach den Grafen getroffen haben mußte.

    Da ratsch - mir wird dunkel vor den Augen, und doch hatte ich ungelogen ein herrliches Gefühl. Mir war so, als ob ich tot wäre und langsam in die Höhe schwebte. »Ne«, dachte ich, »so kannst du unmöglich tot gehen«, und so rief ich noch: »Mit Gott für König und Vaterland.« Dann ein Gefühl des rasenden Fallens in eine unendliche Tiefe, ich mache die Augen auf und liege unten am Bahndamm. Neben mir kniet ein Füsilier, der mir den ersten Notverband anlegt. Als ich den Helm abnahm, strömte das Blut doch in Massen heraus, und da ich ziemlich Schmerzen dabei hatte, fing ich an zu singen, um mir Schmerzenslaute vor den Mannschaften zu verkneifen. - "

Wieder wurde der weitere Angriff durch heftiges Flankenfeuer aufgehalten, da das IV. Armeekorps immer noch nicht herangekommen war. Nach heftigen Gefechten wurde dennoch der Bahndamm und das Dorf Courcelles laut Regimentsgeschichte gegen 07:00Uhr genommen,  Der Feind war auf Ayette ausgewichen, am Westerand dieses Dorfes blieb das Regiment eingegraben den 04.10.1914 über liegen.

Karl Willnitz von der 9. Kompagnie berichtet über den Kampf um Courcelles und die Episode, über die auch Fähnrich von Selchow schreibt: "Unter den Engländern, die gegenüber liegen, befinden sich verteufelt gute Scharfschützen. Wir ergründen dies, indem wir auf ein Seitengewehr einen Helm spießen und diesen über den Eisenbahndamm hinweg in die Höhe halten. Wenn es auch keine große Schießleistung ist, daß dieser Helm auf so kurze Entfernung augenblicklich von vier Geschossen durchbohrt wird, so haben wir doch andererseits den Beweis, daß man drüben auf der Hut ist.

    Keine Maus kommt über die Schienen, das steht fest, und es bedeutet den sicheren Tod für uns, wenn wir den Mut zu einem Sprung aufbringen würden. Vielleicht, daß man als alter Kerl Glück hätte, daß von zwanzig einer hinüber gelangen würde. Aber der  Nachwuchs, der Ersatz, unsere Jungen, die wir seit Tagen einreihten, die können das nicht. Denen steht die Angst im Gesicht geschrieben, weil sie Erfahrungen des Nahkampfes nicht besitzen. Springen würden sie, das weiß ich gewiß, aber es ist unverantwortlich von einem Führer, Menschen ohne Sinn und Verstand in den Tod zu hetzen. Also warten ... vielleicht, daß unsere Artillerie uns unterstützt, wenn sie sieht, daß wir unmöglich weiter können.

    Vielleicht gelingt etwas links von uns der Durchbruch, wo der Eisenbahndamm sich im flachen Gelände verliert und sogar die Schienen tiefer gelegt sind, da man eine Hauptchaussee, deren Linienführung die Bahnstrecke kreuzt, nicht unterbrechen wollte. Ja, wenn wir wenigstens Handgranaten zur Stelle hätten, dann sollte wohl ein lustiges Werfen beginnen. Wir kennen diese Waffe bisher nur vom Hörensagen. Bis in unsere vordere Linie hat sich noch keine verirrt. Die Pioniere sagen, es sei großer Mist, sie sähen aus wie Krebse und die hätten schon verschiedenen Kameraden beim Ueben die Finger weggerissen. Nun, eines schönen Tages werden wir ja selber probieren können, vorläufig nützt uns diese Wissenschaft nichts, und mit Erdklumpen und Steinen sich gegenseitig zu bewerfen, wie es der Fahnenjunker v. S. jetzt dem Dritten Zuge befiehlt, ist nach unserer Ansicht eine Kinderei und hat absolut keinen Zweck.

    Auf den Eisenbahnschienen etwas rechts von mir liegt ein toter Franzose, ein Korporal, wie man an seinen Schnüren sieht. Es ist jedoch ausgeschlossen, zu erkennen, welchem Regiment er angehört. Dies auszumachen, ist sehr wichtig für unsere Heeresführung, kann man doch aus hundert abgerissenen Achselklappen eines Frontabschnittes genau kontrollieren, wo diese Truppen herkommen, also die Front geschwächt worden ist, und wo wir einsetzen können, um einen Stoß in feindliche Stellungen zu wagen. Das eigenartige ist, daß dieser Tote seinen Arm durch ein hellbraun schimmerndes, rundes Weißbrot gesteckt hält. Wir wissen, daß dies eine Angewohnheit aller französischen Kolonialregimenter ist und auch schon des öfteren Linientruppen vorwärtsmarschierten, bei denen wir Gleiches beobachten konnten. Der Tote liegt au8f seinem Gewehr. Er muß des Nachts von einer verirrten französischen Kugel getroffen worden sein, da deutscherseits kaum in diese Höhe Schüsse abgegeben worden sind. Jedes Auge hängt nur noch an dem knusprigen Gebäck! Seit mehr als zwei Tagen haben wir kein Brot mehr gefaßt, seit vierundzwanzig Stunden keine Feldküche gesehen, auch die Zwiebackbestände sind zu Ende, und wir sind wieder einmal so hungrig, wie wir es des öfteren schon waren, wenn wir längere Zeit in der vorderen Linie uns befanden.

    Unserem Fourageführer haben wir gestern in dem zerschossenen Ort die allergrößten Vorwürfe gemacht. Dieser aber ist ein Gemütsmensch und ein Philosoph, stützt sich auf die Erfahrungen des neuen Krieges, die da behaupten, daß Bauchschüße umso weniger Wirkung zeigen und umso schneller heilbar sind, je leerer der Magen eines Getroffenen ist. Das denkt dieser Goldsohn nicht nur, das hat er uns auch gradheraus gesagt. Er hatte leider keinen Tornister zu schleppen und kein Gewehr zu tragen, konnte infolgedessen schneller laufen als wir, sonst hätte er wahrscheinlich eine fürchterliche Tracht Prügel bezogen. Dem toten Franzosen am nächsten liegt Heinrich Wende, ein Hamburger Zimmermann, der ob seines Berufes im ganzen Regiment den Spitznamen »Holzbock« trägt. Hein hat den Vorteil für sich, daß der starre Körper des Toten auf den Eisenbahnschienen ihm auch dann noch Deckung bietet, wenn er seine Nase etwas über den Damm hebt und Umschau im Gelände hält. Bis jetzt ist es immer gut gegangen, und es strömt wie in Fluidum von uns zu ihm, doch zu versuchen, den Körper herüber zu ziehen und das Brot zu kapern. Die linke Schiene ist leider ein unüberwindliches Hindernis.

    Hein klügelt es also auf andere Art aus, um vor allem an das Brot heranzukommen. Wie eine Schlange schiebt er sich langsam auf dem Bauche nach vorn, und es gelingt ihm tatsächlich, das Brot halb durchzureißen und die eine Hälfte in Besitz zu nehmen. Schon ist er nach menschlichem Ermessen wieder in Sicherheit, das heißt, beim Zurückkriechen nur noch mit dem Kopf ein wenig sichtbar, da trifft ihn von der Seite ein Kopfschuß mitten in die Stirn. Voll Entsetzen sehen wir, wie er mitsamt dem Brot den Bahndamm herunterkugelt und unten entseelt liegen bleibt. Das Brot hat er noch immer in seiner Hand, gibt es auch dann nicht frei, als einige Kameraden sich um ihn bemühen und seine Erkennungsmarke und den Inhalt der Taschen an sich nehmen. Im toten Winkel des feindlichen Feuers gelingt es sogar, ein Grab auszuheben und unseren Kameraden trotz des Gefechtes zur letzten Ruhe zu betten. Sein Brot lassen wir ihm und es ist keiner unter uns, der es ihm neidet, mit dieser Wegzehrung den letzten Gang anzutreten.

    Wendes Tod ist nicht ohne Gewinn für uns geblieben. Er hat den Weg gezeigt, wie wir doch noch vielleicht über den Damm gelangen können. Graf Fink von Finkenstein selbst ist es, der den Angriff jetzt ordnet. Er setzt sich an die Spitze der Gruppe, die den ersten Stoß führen soll, und gibt uns genaue Anweisungen, wie wir bei seinem Ruf »Sprung auf, marsch, marsch« nur jeweilig den dritten Mann einer jeden Gruppe, selbstverständlich zusammen mit dem Führer, spingen lassen sollen. Von jeder Gruppe soll diese Ueberrumpelung versucht werden und dann, unmittelbar nach der kommenden Feuersalve, der Rest über den kurzen Weg den Angriff vortragen. Es kommt hinzu, daß vom Kommando aus durch das Feldtelefon der Befehl wiederholt wurde: Courcelles ist unter allen Umständen zu nehmen.

    Was uns bei unserem Sprung ins Ungewisse behindern könnte, legen wir ab. Wir brauchen zu diesem Wagnis keine Tornister und Mantel, wohl aber Patronen, ein Gewehr und ein Bajonett. Da es nicht feststeht, wie weit der Angriff gelingen wird, hängen wir uns noch einen Gurt voller Patronen um den Hals. Wir wollen vor allen Dingen der Gefahr entgehen, nach gelungenem Ueberfall drüben ohne Munition zu sein. Viere Minuten dauert dies alles, in fünf Minuten, so sagt unser Führer, wird der Gang nach Walhalla getan. Dreißig Sekunden, zwanzig Sekunden, fünfzehn ... zehn ... fünf ... »Sprung auf, marsch, maa ...« da sind wir hinüber.

    Ein Gemetzel ohne Gleichen setzt ein, unsere Bajonette tragen eine heillose Furcht in die Reihen der Franzosen. Während wir im dichtesten Handgemenge sind, eine Lücke erkämpfen wollen, setzt bereits feindliches Schrapnellfeuer auf den Bahndamm ein. Immer weiter reißt unser Durchbruch die Front des Dammes auf. So genau weiß der Franzose, daß er eine Schlappe erlitt, daß er sogar Schrapnells in die eigenen zurückflutenden Truppen setzt. Uns ist es nur angenehm. Wir versuchen sofort, Deckung zu finden, und es gelingt uns sogar, auf einem idealen Schußfeld die fliehenden Franzosen noch mit unserem Feuer zu beschießen, ehe sie in einer etwa dreihundert Meter zurückliegenden Hauptaufnahmestellung verschwinden.

    Der Erfolg, den wir erstritten haben, ist mit großen Opfern erkämpft. Manch Kamerad liegt auf dem grünen Rasen, manch einer zwischen den Schienen. Auch der Graf ist tot, der schwarze Fink, wie wir ihn nannten. Der beste Kamerad, den wir gehabt. Immer bei seinen Soldaten, immer ein leuchtendes Vorbild in Freud und Leid, war er es vor allen Dingen, der manch einen Strauß auch mit »hinten« tapfer ausfocht, wenn man von ihm etwas verlangte, was nicht dem Wohle seiner Frontsoldaten diente. Bei ihm gab es nach Rückkehr von der Front keinen Halsbinden-, Koppelschloß- und Schuhzweckenappell. Seine Worte: »Schlaft, Jungens, freßt Euch richtig satt und bringt mir dann die Brocken in Ordnung,« erreichten mehr als alle Befehle und Bestrafungen der sogenannten Etappenhengste.

    Der Kampf geht weiter, von allen Seiten bricht jetzt die deutsche Welle in das Vorgelände. Und wenn auch nur Schritt für Schritt der Franzmann und der Belgier nun weichen, gelangen wir um die Mittagszeit an das Dorf und nehmen es. Wie eine Festung hat man es ausgebaut. Schon sind wir mit Hurra drin und glauben den Befehl ausgeführt zu haben, da setzt ein erbitterter Straßenkampf durch herangeführte englische Reserven ein. Aus jeder Kellerluke kommen die Infanteriegeschosse, auf abgedeckten Ziegeldächern sind geschickt MGs untergebracht, und selbst aus einem Fenster des Kirchturms speien sie dem Eindringling Tausende von Geschosse entgegen, daß mehr als einmal schon gewonnene Straßenzüge wieder aufgegeben werden müssen. Der letzte Teil des Ortes, in dem die Kirche steht, kostet die meisten Opfer.

 

 

 

 

 Am 05.10.1914 ging es weiter über Douchy und schließlich gegen Abend wurde Blaireville erobert. Dort mußte das Regiment sich aufgrund des starken Artilleriefeuers eingraben. Der Angriff auf Wailly am folgenden Tage blieb mangels Unterstützung legen. So blieb das Erste Garderegiment zu Fuß bis zum 08.10. im feindlichen Geschützfeuer liegen, was erhebliche Verluste verursachte. Am 09.10.1914 wurde das Füsilierbataillon zur 7. Infanterie-Division abkommandiert, kam dort aber nicht zum Einsatz. Das gesamte Regiment deckte am 10.10. den deutschen Rückzug von Hannescamp auf die Höhen bei Essarts, welche schließlich am 15.10.1914 erreicht wurden und bis zum 04.11.1914 besetzt blieben. Trotz der enormen Verluste des Regimentes, das nur noch 16 Offiziere und 1.200 Mannschaften aufwies, war der Kampfgeist ungebrochen. So wurde das Dorf Hanneskamp mit wehenden Fahnen und der „Wacht am Rhein“ durchquert. Am 25.10.1914 trafen aus Potsdam 400 Wiedergenesene und Rekruten ein. So richtete man sich in den immer tiefer ausgehobenen Gräben auf den Winter ein, doch lange konnte man sich nicht der Ruhe erfreuen, denn bald schon wurde das Regiment erneut in die Schlacht geworfen.

Ypern

Vom 05.-08.11.1914 marschierte das Regiment 100 km über Lille nach Dronkaard. Abends kamen die Offiziere beim Prinzen zu einem Bierabend zusammen und bekamen das nächste Angriffsziel genannt: Ypern.

Skizze 7: Ypern, 11.11.1914. Regimentsgeschichte.

Am 09.11. wurden die Ausgangsstellungen beim Polygonveldwald bezogen, das Füsilierbataillon blieb als Armeegruppenreserve in Koelberg. Die Stellungen waren gefüllt mit Wasser und Leichen. Am 11.11.1914 wurde nach Artillerievorbereitung der erste und zweite mit britischen Gardegrenadieren besetzte Graben genommen. Unter großen Verlusten wird auch der Nonneboschenwald genommen, wieder wurde vor allem die gut erkennbaren Offiziere gezielt herausgeschossen. Dann blieb der Angriff endgültig im vernichtenden MG-, Gewehr- und Artilleriefeuer liegen. Verstärkungen kamen nicht nach vorne durch und auch das Füsilierbataillon wurde nicht freigegeben. Der folgende britische Gegenangriff überrollte dann die lose deutsche Linie und nur einzelne Gruppen konnten sich noch nach hinten zu den eigenen Linien durchschlagen. Am Abend standen beide Seiten wieder etwa dort, wo sie morgens die Schlacht begonnen hatten. Es setzte ein Unwetter ein und die Kämpfe ebbten langsam ab. Auch am 12.11. blieb es ruhig, am 13.11. kam endlich Verpflegung durch und am 14.11.1914 kehrten die zerschlagenen Bataillone nach Koelberg zurück. Die Verluste waren abermals gewaltig. Alle Offiziere der beteiligten Bataillone waren verwundet oder tot[2]. Vom I. Bataillon waren noch 15 Unteroffiziere, 188 Mann übrig, vom II. Bataillon noch 25 Unteroffiziere und 260 Mann. Die Reste wurden zu einem Grenadier-Bataillon unter Major von Goerne zusammengefaßt.

Über den Angriff des Ersten Garderegiments zu Fuß bei Ypern berichtete auch die New York Times am 14.11.1914 und noch einmal am 18.11.1914.

Wohl um ihn zu schützen wurde Prinz Eitel Friedrich am 14.11.1914 zum Führer der 1. Garde-Infanterie-Brigade ernannt, er ließ sich von seinem Vater, Wilhelm II. jedoch versichern, daß er das Regiment nach dem Kriege wieder übernehmen dürfe. Seinen Posten als Regimentskommandeur, bzw. -führer[3] übernahm Major von Bismarck. Am 23.11. trafen etwa 700 Mann, dazu einige genesene Offiziere und Unteroffiziere ein und so konnte das Regiment wieder komplett aufgestellt werden. Dennoch war allen klar, daß das alte Friedensregiment nach Ypern aufgehört hatte zu bestehen. Diejenigen, die am 09. August aus Potsdam losmarschiert waren, bildeten nur noch eine verschwindend kleine Minderheit. Am 08.12.1914 rückte das Regiment von den kalten und nassen Stellungen vor Ypern ab und wurde nach Douai verlegt.

In Douai wurden „richtige“ Quartiere bezogen, d. h. man zog in warme, trockene Häuser und schlief zum ersten mal seit langen wieder in Betten. Die Stadt war noch nicht geräumt, sodaß auch die Läden geöffnet waren und auch sonst ein fast friedlich erscheinendes Leben geführt wurde. Mitte Dezember trafen 4 Offiziere (meist von der Kavallerie, z. B. vom 1. Garde-Ulanen-Rgt. und Rgt. Gardes du Corps), 24 Unteroffiziere und 535 Mann Ersatz ein. Wenig später mußten jedoch 9 Unteroffiziere und 190 Mann (meist erfahrene Leute, 100 davon hatten sogar jedes Gefecht seit Kriegsbeginn mitgemacht) zur Aufstellung neuer Regimenter[4] abgegeben werden. Es wurde das schönste Weihnachtsfest des ganzen Krieges hier verbracht. Reichliche Gaben aus der Heimat, 24 t Bier je Bataillon und Anderes wurden herangeschafft und verteilt. Die Kaiserin schenkte jedem Angehörigen des Regiments eine gefüllte lederne Zigarrentasche mit Namenszug. Als das Regiment am heiligen Abend im Dom zu St. Pierre die Messe beginnen wollte kamen plötzlich Wagen vorgefahren und der Kaiser höchstpersönlich entstieg einer dieser Karossen. Er blieb den ganzen Abend bei „seiner“ Truppe, so wie er es in Friedenszeiten auch immer getan hatte. Vom 06. bis 07.01.1915 besuchte er es erneut und nahm am 07.01.1915 eine große Parade des Regimentes ab.

Am 10.01. hatte das schöne Leben in der Etappe ein Ende und das Regiment wurde mit der gesamten 1. Garde-Infanterie-Brigade per Bahn nach St. Etienne in der Champagne verbracht. Dort löste es am 12.01.1915 die 30. Infanterie-Brigade ab. Es traf dann nach einigen Tagen erneut Ersatz ein: 6 Offiziere, 230 Fähnriche, Unteroffiziere und Mannschaften. Allgemein war zu bemerken, daß der Ersatz, der zu Beginn des Krieges meist aus älteren Reserve-Männern bestand, nun und im Folgenden immer jünger wurde.

Grenadier des Ersten Garderegiments zu Fuß bei der Ablöse von der vordersten Stellung, Januar 1915, Regimentsgeschichte

Das dem Regiment gegenüberliegende „Feld 4“ wurde vom französischen Regiment 83 gehalten. Am 20.01. und 25.01. wurden im Zusammenspiel mit dem Feldartillerieregiment 44 ein feindlicher Grabenvorstoß erobert. Dieses Unternehmen wurde in Stoßtrupps der 10. Kompagnie, Teilweise im Nahkampf, durchgeführt. Am 02.02. versuchte der Gegner das Feld 4 zurück zu erobern, wurde jedoch vom I. Bataillon (Grenadiere)  blutig abgewiesen. Am 03. und 04. versuchte der Gegner es erneut, wurde jedoch abermals abgewiesen, diesmal vom Füsilierbataillon. Abends wurde das Regiment abgelöst und marschierte nach Liry, am 09.02. zurück nach Douai. Die Tage vor St.-Etienne hatten 400 Tote und Verwundete gekostet, die nun zumindest teilweise durch 16 Unteroffiziere und 230 Mannschaften (Wiedergenesene und Rekruten) ersetzt wurden. Bis zum 20.02. blieb das Regiment in den guten Quartieren von Douai, dann mußte es erneut in die verhaßte „Lausechampagne“ ziehen. In Vrizy bezog es Quartiere in üblen Pferdeställen. Am 03.03.1915 paradierte das Regiment erneut vor dem Kaiser, dieses mal auf dem Marktplatz von Vouziers.

Waffenreinigen in der verschlammten Lausechampagne, Januar 1915, Regimentsgeschichte

Am gleichen Tage wurden die auffälligen Litzen am Kragen per A.K.O. auf 7 cm verkürzt, was dem Maß für die Mantelpattenlitzen entsprach, die alten 14cm langen Litzen wurden zurückgelegt für den späteren Frieden. Mit der gleichen A.K.O. wurde der „vereinfachte Feldrock M1915“ eingeführt, der nun Rollaufschläge ohne Vorstoß und ohne Litzen hatte. Unteroffiziere behielten dabei die einzelne Litze am Kragen, natürlich ebenfalls verkürzt auf 7 cm.

Felduniformen beim Ersten Garderegiment zu Fuß 1915, der Soldat ganz links trägt bereits die auf  7cm verkürzten Kragenlitzen, Archiv Seitenautor

Am 11.03.1915 wurde das Regiment verladen, per Bahn ging es nach Ardeul, von da aus marschierte es nach Ripont, wo das Gepäck zurückgelassen wurde. Das II. Bataillon blieb als Reserve in Ripont, das I. Bataillon übernahm die Reservestellung, das Füsilierbataillon rückte durch knöchelhohen Kreideschlamm in die vorderste Line. Dort wehrte es am 12. und 13.03. erste Angriffe der Franzosen blutig ab, die teilweise bis in die Reservestellung vorangekommen waren. Auch am 15. - 16.03. wogten die Kämpfe hin- und her. Am 16. wurde das II. Bataillon dem 3. Garderegiment zu Fuß unterstellt, da dem Feind hier ernste Einbrüche gelungen waren. Die 6. Kompagnie wurde dabei fast vollständig aufgerieben. Das schwer gebeutelte 3. Garderegiment zu Fuß wurde durch das rheinische 29. Infanterieregiment abgelöst und gemeinsam mit diesem wurden weitere heftige Angriffe abgewehrt, der schlimmste am 18.03.1915. Am 20.03. wurde das Erste Garderegiment zu Fuß endlich durch das 65. Infanterieregiment abgelöst. Der Einsatz in der Champagne hatte das Regiment 6 tote und 8 verwundete Offiziere bzw. 90 tote und 292 verwundete Mannschaften gekostet. Am 23.03.1915 paradierte die 1. Garde-Infanterie-Brigade in Vouziers erneut vor ihrem obersten Kriegsherren, der eine Dankesrede an seine treue Potsdamer Wachtparade hielt. Vom 25.03. an verweilte das Regiment bei Charleville, wo es versorgt, aufgefrischt und ausgebildet werden sollte. Schon am 30.03.1915 wurde es jedoch erneut verladen mit zunächst unbekanntem Ziel. Es ging nach Barr im Elsaß, wo zur Freude aller Quartier bezogen wurde. Dort sollte die Auffrischung ruhiger vonstatten gehen als im Feindesland. Der Prinz Eitel Friedrich wurde während dieses Aufenthaltes im Elsaß zum Führer der 1. Garde-Infanterie-Division ernannt, die Führung der 1. Garde-Infanterie-Brigade gab er an Oberst von Nostiz ab.

 Nach der Parade der 1. Gardeinfanteriebrigade verlieh S.M. in Vouziers Eiserne Kreuze an das Regiment, 23.03.1915, Regimentsgeschichte / Archiv Seitenautor

Ostfront 1915

 

Skizze 9: Übersichtskarte Gorlice-Lemberg Mai/Juni 1915, Regimentsgeschichte

Schon am 16.04.1915 wurden plötzlich alle Urlauber zurückbeordert. Das Regiment wurde dann in der folgenden Nacht mit Verpflegung für drei Tage versehen und mit streng geheimen Ziel verladen. Das gesamte Gardecorps wurde der 11. Armee unter Generaloberst August von Mackensen (1849-1945) zugewiesen, welcher die geplante Offensive an der Ostfront zur Entlastung der österreichisch-ungarischen Verbündeten leiten sollte.

Biwak vor dem Tag des Durchbruchs bei Gorlice, Regimentsgeschichte

Über Breslau und Krakau gelangte das Regiment nach Bochnia, wo es am 19.04.1915 ausgeladen wurde. Bis zum 22.04. marschierte es nach Kobyle, am 27.04. wurde es schließlich in die vorderste Stellung eingeschoben, welche sofort ausgebaut wurde. Am 02.05.1915, dem Tag der Schlacht von Groß-Görschen im Jahre 1813, traten das II. Bataillon und das Füsilierbataillon als Spitze des Regimentes und der gesamten 11. Armee nach starkem Artilleriefeuer um 9:45 zum Angriff an. Die Russen, welche ein derartiges Artilleriefeuer nicht kannten, flohen oder wurden gefangen genommen. Am Abend wurde fast ohne Feindberührung die östliche Höhe hinter dem Dorf Rzepiennik erreicht.

Skizze 10: Gorlice, 2.  Mai 1915, Regimentsgeschichte

Die russische Front bei Gorlice war an diesem Tage auf der ganzen Linie von der 11. Armee durchbrochen worden. Zweifelsohne wäre auch dieser 02. Mai 1915 auf die Ehrentafel des Ersten Garderegimentes zu Fuß geschrieben worden, hätte es das Regiment nach 1918 noch gegeben. Bis zum 06.05. wurde die Wisloka überschritten und Kowalowy erreicht. Bei allen diesen Kämpfen ist bemerkenswert, daß die Russen im Nahkampf zwar gut standhielten, bei starkem Artilleriefeuer jedoch schnell aufgaben. So sind die geringen Verluste des Regimentes in dieser Phase zu erklären. Die Verluste des Regimentes an der Ostfront betrugen bis zum 04..05.1915 lediglich 21 Tote und 80 Verwundete, so gering war der Widerstand. Man fühlte sich einem hoffnungslos unterlegenem Feind gegenüber, sowohl militärisch als auch kulturell, wie die vielen Berichte von ärmlichen und schmutzigen Behausungen bezeugen. Das führte manches mal sogar zu grobem Leichtsinn, z. B. als Kowalowy lediglich von den Regiments-Adjutanten „eingenommen“ wurde und sich diese dann völlig überraschend starken Feindkräften gegenüberstehen sahen.

An der Wisloka, 07.05.1915, Regimentsgeschichte

Am 07.05.1915 wurde an der Chaussee östlich Kolaczyce Halt gemacht und das Regiment grub sich vor russischen Stellungen ein. Am nächsten Morgen hatten die Russen das Weite gesucht und der Vormarsch auf den Wislok (oder der Wisloka) wurde fortgesetzt. Dieser wurde am Abend bei Wojkowka erreicht und sofort überschritten unter leichter Feindberührung.

Gefangene Russen bei Stryczow am 10.05.1915, Regimentsgeschichte

Die Verfolgung der fliehenden Russen dauerte bis 2 Uhr nachts. Am nächsten Morgen wurde mit dem 3. Garderegiment zu Fuß eine stark befestigte Stellung bei Sodowa erobert, die Verfolgung ging bis Polomya weiter. Die russischen Nachhuten verfolgend nutzte die gesamte 11. Armee den bisherigen Erfolg aus und so erreichte man in langen Märschen bis zum 14.05. Jaroslau. Die Stadt am San wurde am nächsten Tag - wieder mit dem 3. Garderegiment zu Fuß - nach starker Artillerievorbereitung angegriffen. Dieses mal wichen die Russen nicht aus ihren gut ausgebauten Stellungen und die Kompanien des I. Bataillon erlitten schwere Verluste durch das Infanterie- und sogar Artilleriefeuer. Der erste Graben wurde dennoch im Nahkampf genommen, um das eigentliche Festungswerk entbrannte dann ein regelrechter Wettlauf der 2. und 3. Kompagnie. Die 2. gewann ihn, der Kompagnieführer Lt. Von L´Estocq fiel jedoch dabei. Am Abend wurde der Kampf abgebrochen, 52 Tote und 140 Verwundete hatte er bislang das Regiment gekostet und der östliche Teil der Befestigungen von Jaroslau waren immer noch in Feindeshand. In der Nacht zogen sich diese jedoch auf das östliche San-Ufer zurück.

Vom I. Bataillon eroberte Schanze bei Jaroslau am 15.05.1915, Regimentsgeschichte

Erst als die angrenzenden Truppen der 2. Garde-Infanterie-Division den Feind schlugen, wich er auch vor der 1. Garde-Infanterie-Brigade zurück und so konnte am 18.05.1915 der San überschritten werden. Kaum am anderen Ufer angelangt, erging der Befehl, bei Pidowa anzugreifen. Die Verfolgung der geschlagenen Russen wurde erst abends abgebrochen, es folgten Gegenangriffe, die jedoch vom I. Bataillon (Grenadiere) und Füsilierbataillon abgewiesen wurden. Man baute die Stellungen nun aus und das Regiment wurde am 21.05. abgelöst und nach Jaroslau zurückgenommen. Am 26.05.1915 erfolgte der nächste Einsatz, das II. Bataillon (Grenadiere) und Füsilierbataillon nahmen gegen heftigen Widerstand Zalefka-Wola, nach starker Artillerie-Vorbereitung ein. Bei nur 45 eigenen Toten und Verwundeten wurden 850 Gefangene gemacht. Hier kam es zum einzigen Reiterangriff des gesamten Krieges auf das Regiment: das II. Bataillon (Grenadiere) wurde vom russischen 11. Dragonerregiment angegriffen und vernichtete den tapferen Angreifer vollkommen. Bis zum 28.05.1915 wurde Lapajowka erreicht und das Regiment grub sich hier ein. Während weiter südlich die Festung Przemysl fiel, kehrte hier völlige Ruhe ein.

Am 11.06.1915 begannen die Vorbereitungen für einen neuen großen Angriff der Heeresgruppe Mackensen. Das Erste Garderegiment zu Fuß rückte am 13.06.1915 um 4 Uhr bei Wielkie-Oczy nach Artillerievorbereitung vor. Das II. Bataillon (Grenadiere) und Füsilierbataillon kamen jedoch nicht sehr weit, da sich herausstellte, daß der schwere Beschuß nahezu wirkungslos geblieben war und der Feind in guten Stellungen hartnäckigen Widerstand leistete. Erst nach fünf Stunden weiterem Beschuß durch schwere Artillerie wich der Feind und gegen Abend konnte er bis Budczyn zurückgedrängt werden. Dort wurde am nächsten Morgen um 7 Uhr der Angriff gegen Hrykowka fortgesetzt. Ab Mittag kam der Angriff in deckungslosem Gelände und im eigenen Artilleriefeuer zum Stehen. Der Feind setzte mit frischen Regimentern sogar zum Gegenangriff an, welcher erst im Handgemenge in den eigenen Linien aufgehalten werden konnte. Hptm. von Bock und Polach, der Führer der 10. Kompagnie fiel dabei. Um 17:30 Uhr griff schließlich auch das I. Bataillon (Grenadiere) in die Kämpfe ein und Abends wurde Skolin erreicht. Das II. Bataillon (Grenadiere) und Füsilierbataillon hatten teilweise größere Ausfälle als bei Colonfay erlitten, Lt. Lauck, der Führer der 5. Kompagnie war gefallen. Am 15.06. trat daher nur das I. Bataillon (Grenadiere) zum Angriff gegen Boza-Wola an, welches kampflos genommen wurde. Der befestigte Wald dahinter konnte dagegen trotz mehrstündigem Artilleriebeschuß nur unter schweren Verlusten und im Nahkampf genommen werden, an dem auch der Bataillonskommandeur Major Graf zu Eulenburg teilnahm. Bis zum 17.06.1915 wurde der Gegner bis zu den stark ausgebauten Stellungen bei Magierow verfolgt, welche bis zum 19.06. eingehend - auch aus der Luft - erkundet wurden. Da die benachbarten 3. und 4. Garderegiment zu Fuß bereits die Stellungen der Russen durchbrochen hatten, konnte der geplante Angriff abgeblasen werden und so trat man lediglich die Verfolgung an, wobei um 3:40 Uhr nachts die Bahnlinie Lemberg/Rawa-Ruska bei Dobrosin erreicht wurde. Dort konnte am 20.06. ein russischer Gegenangriff zusammen mit dem 4. Garderegiment zu Fuß und dem 3. Garde-Feldartillerieregiment blutig abgewiesen werden.

Am 24.06.1915 trat das Regiment aus seinen Stellungen bei Dobrosin an und erreichte bis zum 25. abends Wolka Mazowiecka. Am folgenden Tag wurde bei Tarnoczyn die alte russische Grenze überschritten, nachdem das Regiment mit einer Prozession im Dorf als Befreier empfangen wurde. Am 2. Juli wurde Laziska erreicht. Die Armee machte nun eine Pause, um den Truppen an den Flanken Zeit zum Nachziehen zu geben. Hier wurde Major Graf Eulenburg schwer verwundet, Hptm. Wagner übernahm das I. Bataillon (Grenadiere).

Am 12.07.1915 wurde allgemein befohlen, die Truppenfahnen in die Heimat zur jeweiligen stellvertretenden Corpskommandantur zu überführen. Die Fahnen des Gardecorps wurden entgegen diesem Befehl in den Fahnensaal des königlichen Schlosses verbracht.

Am 16.07.1915 trat das Regiment bei Mchy nach Artillerievorbereitung zum Angriff gegen Namule an. Am 17. wurde unter erheblichen Verlusten das Dorf Zazolkiew genommen und der gleichnamige Fluß überschritten, wo gerade mal 40 Grenadiere der Leibkompagnie über 500 Russen (man stand hier erstmals der russischen Garde gegenüber) gefangen nahmen. Am darauf folgenden Tag sollte wieder das I. Bataillon (Grenadiere) angreifen, dieses mal über deckungsloses, frisch gemähtes Feld gegen Krasnostaw. Trotz der Proteste der Offiziere, die diesen Angriff gegen starke Stellungen und Flankenfeuer für aussichtslos hielten, wurde der Angriff zusammen mit dem 3. Garderegiment zu Fuß um 3:30 Uhr begonnen. Der Angriff blieb dann auch wie erwartet im freien Feld liegen und erst gegen Abend wurden die Truppen wieder zurückgenommen, sodaß sie den ganzen Tag über im Feuer ausharren mußten. Das I. Bataillon (Grenadiere) hatte an diesen beiden Tagen 350 Mann tot oder verwundet eingebüßt, davon alleine 78 bei der Leibkompagnie. Auch der Regimentsadjutant Lt. Graf Matuschka war gefallen. Trotz des Mißerfolges zogen sich die Russen zurück in eine vorbereitete Stellung bei Krupietz. Dort griff das Regiment am 20. und 21.08.1915 an, blieb jedoch erneut im Abwehr- und Flankenfeuer liegen. Die gesamte 11. Armee und mit ihr besonders das Gardecorps hatte in den vergangenen Tagen schwer geblutet und so wurde in den gewonnenen Stellungen nun Halt gemacht und die nächsten Tage zur Auffrischung der Kräfte benutzt.

Vormarsch durch Galizien im Juli 1915, Regimentsgeschichte

Nachdem am 30.07. an anderer Stelle die russische Front durchbrochen wurde, setzte sich auch das Gardecorps wieder in Bewegung und nahm kämpfend die Verfolgung auf. Meist wichen die Russen in rückwärtige Stellungen aus, wenn die Deutschen sich zum angriff vorbereitet hatten. So verzögerten sie immer wieder geschickt den deutschen Vormarsch. Dennoch kam es immer wieder zu heftigen Gefechten mit den russischen Garderegimentern. Am 01. August 1915, also ein Jahr nach Kriegsbeginn, wurde Dobromysl genommen, hier fiel Rittmeister Graf Wedel, der Kommandeur des II. Bataillon (Grenadiere). Am 04. fiel Swierczow. Bei 40 eigenen Toten und Verwundeten nahm man 70 Russen des Leibregiments Pawlowsk gefangen. Am 09.08.1915 übernahm der letzte Friedenskommandeur des Regimentes, General von Friedeburg, für den erkrankten Oberst von Nostitz die Führung der 1. Garde-Infanterie-Brigade. Am 11.08. wurde Zienki eingenommen (48 Gefangene), am 13.08. Holeszow (100 gefangene und 60 tote russische Gardisten), hier mußte sich das Regiment dann jedoch in ungünstigen Stellungen eingraben und lag zwei Tage im gegnerischen Feuer fest. Am 23.08. erreichte es bei Janow den Bug, überschritt diesen und erreichte am 25.08. Motykaly. In der Nacht setzten die zurückflutenden Russen die nahe gelegene Festung Brest-Litowsk in Brand. Am Morgen wurde die Ljesna überschritten, am 27.08. Seienkowicze erobert gegen mäßigen Widerstand. Am 28. wurde der Vormarsch bei Batcze-Klescze nach empfindlichen Verlusten gestoppt. In der Nacht arbeitete sich das Regiment bis auf 200m an die feindlichen Stellungen heran, die um 5 Uhr gestürmt wurden. Mehrere Hundert Russen ergaben sich hier. Bis zum Nachmittag wurde kämpfend Strygowo erreicht, wo die 2. und 3. Kompagnie einen heftigen Gegenangriff abwies. Am 30. ging es noch einen Tagesmarsch ostwärts, dann wurde das Gardecorps aus der Kampflinie herausgezogen und marschierte bis zum 12.09. zurück nach Warschau. Dort wurde es am 14.09. gen Westen verladen. Das Erste Garderegiment zu Fuß hatte in den Kämpfen von Mai bis September 1915 insgesamt 45 Offiziere und 2.500 Unteroffiziere und Mannschaften tot oder verwundet verloren. Von denjenigen, die die Kämpfe bei Colonfay 1914 mitgemacht hatten, waren nur nur noch 1/10 im Regiment übrig, alle anderen waren später hinzugekommen.

Westfront 1915-1917

Am 17.09.1915 wurde das Regiment in Thuin und Erquelinnes (Belgien) ausgeladen und richtete sich auf eine längere Ruhe- und Auffrischungsphase ein. Auch Ersatz traf ein, sodaß das Regiment wieder auf volle Stärke gebracht werden konnte.

Gemäß A.K.O. vom 21.09.1915 wurde die „Bluse M1915“ eingeführt, welche überhaupt keine Vorstöße mehr besaß, lediglich an den neuen, schmaleren Schulterklappen wurden noch farbige Vorstöße angebracht. Mit der A.K.O. wurden allgemein neue Waffenfarben eingeführt, die Infanterie erhielt dabei weiß als Farbe, für das Erste Garderegiment zu Fuß änderte sich also farblich nichts an den Schulterklappen. Nur noch die Litzen unterschieden die Garde also von der Linie. Diese Litzen wurden mit der gleichen A.K.O. grau, nur der Spiegel war noch farbig. Er zeigte die Farbe der alten Litze, also hier wieder weiß. Die Länge blieb bei 7 cm. Später wurde aus Rohstoffmangel auch auf Papiergarn zurückgegriffen, äußerlich blieben die Litzen jedoch nun bis Kriegsende unverändert. Die Offiziere bekamen zur Bluse gestickte mattgraue Litzen mit einer mattsilbernen Kordel anstelle des Spiegels. Die Patten hatten die Maße der bisherigen, waren jedoch vom Kragentuch der Bluse, also resedagrün. Auch die Offiziere hatten am Rollaufschlag keine Litzen mehr. Diese neuen Proben sollten auch auf die vorhandenen Feldröcke älterer Machart gesetzt werden, das geschah aber praktisch nicht. Stattdessen wurden die alten Feldröcke unverändert aufgetragen, bis sie verschlissen waren. Nach dieser A.K.O. vom 21.09.1915 wurde auch ein neuer Waffenrock M1915, der sog. „Friedensrock“ eingeführt. Er entsprach weitestgehends der alten blauen Uniform, nur war er feldgrau und hatte die Taschen des Feldrockes M1907/10. Beim Ersten Garderegiment zu Fuß waren demnach wieder die alten Vorkriegs-Litzen am Kragen und den Ärmelaufschlägen. Aus Materialknappheit, besonders an Buntmetallen für die blanken Knöpfe, wurde allerdings schon am 24.3.1916 die Produktion wieder eingestellt und auf die Zeit nach dem (siegreichen) Kriege verschoben. Getragen wurde dieser Rock praktisch nicht mehr.

Am 25.09.1915 wurde das Regiment alarmiert und wurde nach Douai verbracht. Am 26. und 27. hatte es die zusammengeschossenen Gräben bei Givenchy erreicht und befand sich somit mitten in der 2. Champagneschlacht. Das II. Bataillon (Grenadiere) und das Füsilierbataillon lagen vorne, das I. Bataillon (Grenadiere) in Reserve. In der Nacht wurden fieberhaft die Stellungen ausgebessert und schon im Morgengrauen setzte das gegnerische Trommelfeuer ein, welches den ganzen Tag über anhielt. Unterbrochen wurde es nur von französischen Infanterieangriffen, die teilweise im Nahkampf abgewiesen wurden. Besonders heftig wurde beim Füsilierbataillon gekämpft. Die 9. Kompagnie hatte alleine 28 Tote, die 11. sogar 65 Tote und Verwundete. Als das links stehende 3. Garderegiment zu Fuß wankte, schob man nach und nach die 6. und 8. Kompagnie ein zur Absicherung der eigenen und Rückeroberung der beim Schwesterregiment verloren gegangenen Stellungen. In der Nacht zum 29.09.1915 wurden die Verwundeten geborgen und die Stellungen ausgebessert.

Das I. Bataillon (Grenadiere) wurde am 28.09.1915 nachmittags in die Stellungen des I./3. Garderegiment zu Fuß beordert, wo es gegen 5:00 Uhr morgens im strömenden Regen ankam. Mehrfach wurde der Weg und ebenfalls die ortskundigen Führer verfehlt. So sollte man denn in unbekanntem, völlig zerschossenem Terrain einen unbekannten Gegner angreifen. Während des Angriffs, der teilweise mit „Hurra“-Geschrei und aufgepflanztem Seitengewehr stattfand, erreichte dennoch die 3. Kompagnie einen feindlichen Graben, wo 152 Mann und 8 Offiziere gefangen genommen wurden. Morgens erkannte man jedoch, daß man vollkommen vom Feind umgeben war. Den  ganzen 29. und sogar den 30. hindurch hielt die Kompagnie die Stellung. Ohne Wasser und Verpflegung, mit Schwerverwundeten in den Gräben, die man nicht versorgen konnte, hielt die kleine Schar stand gegen alle Angriffe, die sogar mit Schwefelgas geführt wurden. Entsatz oder ein Entlastungsangriff kam nicht, nur der bittere Befehl des 3. Garderegiments zu Fuß, dem das I. Bataillon (Grenadiere) unterstellt war, in der Nacht auf die Ausgangsstellungen zurück zu gehen. Dies geschah im hellen Mondschein um 4:45 Uhr am 01.10.1915, trotz des Befehles zur Mitnahme und dem Flehen der Schwerverwundeten, mußten diese zurückgelassen werden, da kein geordneter Rückzug möglich war. Jeder versuchte sich alleine durch das Trichtergelände zu schlagen.

Die folgenden Tage wurde das Regiment fast ununterbrochen angegriffen, erst am 05.10.1915 wurde es vom 104. sächs. Infanterieregiment abgelöst. In den Kämpfen um Givenchy büßte das Erste Garderegiment zu Fuß 12 Offiziere und 1.500 Mannschaften und Unteroffiziere tot, verwundet oder vermißt ein - etwa die halbe Gefechtsstärke.

Vom 6.10. - 13.10.1915 lag das Regiment bei Douai als Heeresreserve. Material und Personal wurden ergänzt, Major Graf zu Eulenburg-Wicken kehrte als Führer des I. Bataillon (Grenadiere) aus der Genesung zurück. Am 13.10. wurde das Regiment als Corpsreserve des General-Kommandos IV in die vorderen Stellungen bei Provin beordert, am 16. wurde es wieder dem Gardecorps unterstellt und marschierte in die Ruhequartiere bei Oftricourt. Am 19.10. wurde es dann per Bahn abtransportiert und löste am 20.10. das Reserve-Infanterie-Regiment 84 in der „Bismarck-Stellung“ bei Fresniéres ab.

Grabenarbeit in der Stellung bei Fresniéres im Winter 1915/16, Regimentsgeschichte

Diesen ruhigen Abschnitt sollte das Erste Garderegiment zu Fuß nun 7 Monate besetzen. Die Zeit wurde mit Stellungsbau und -ausbesserungen, sowie der Ausbildung der Mannschaften und Führer verbracht. Ärgstes Problem waren Nässe, Kälte, der Schlamm und die Läuse. So verbrachte man die zweite Kriegsweihnacht. Die Lücken in Personal und Ausrüstung waren bis zum Jahreswechsel 1915/16 geschlossen. Im Mai wurde der nun „Kurmarck“ genannte Regimentsabschnitt erweitert. Dank der trockenen Witterung waren inzwischen vortreffliche Stellungen mit drei Grabenreihen und gut ausgebauten Unterständen, die teilweise bis zu 1,4m dicke Eisenbetondecken besaßen entstanden. Die Nachrichtenverbindungen wurden ebenfalls verbessert. Gelegentlich wurden Patrouillen-Unternehmungen geführt. Während ab Februar 1916 der deutsche Angriff auf Verdun lief, blieb es im Abschnitt bei Fresniéres ruhig. Am 27.05.1916 übernahm General Graf von der Golz die 1. Garde-Infanterie-Brigade, da General von Friedeburg die Führung der 2. Garde-Infanterie-Division übernahm.

Fresniéres nach der großen Beschießung im Juni 1916, Regimentsgeschichte

Im Laufe des Frühjahres 1916 gelangte der neue Stahlhelm zur Truppe, der die Pickelhaube ersetzte. Diese war zuletzt aus zum Teil abenteuerlichen Ersatzmaterialien wie Filz gefertigt worden und zeigte der Einfachheit halber auch bei Garderegimentern oft den Linienadler.

Stahlhelm M1916 mit Hohenzollern-Wappen, Archiv Seitenautor

Der neue Stahlhelm war nun für alle Waffengattungen und Regimenter gleich. Das Erste Garderegiment zu Fuß hatte jedoch auf der linken Seite ein schwarz-weißes Schachbrettwappen.[5]

Am 25.06.1916 wurde plötzlich das Artilleriefeuer auf den Regimentsabschnitt heftiger und hielt den Juli über unvermindert an. Am 20.07.1916 wurde das Regiment nach der Somme verlegt, wo derweil die Engländer ihre große Offensive gestartet hatten. Am 23.07. hatte sich das vollständig aufgefrischte und bestens geschulte Regiment komplett aus der Front bei Fresniéres herausgelöst. Die 1.Garde-Infanterie-Division marschierte nach Norden in Richtung Nesle, das Regiment zog in die Stellungen bei Curchy, Dreslincourt und erneuerte diese. Die Division sollte als Eingreifreserve der 35. Infanterie-Division der 2. Armee dienen. Am 03.08. wurde das Regiment nach Peronne versetzt. Nun folgten einige Tage der Übung im Stoßtruppkampf und im Umgang mit Flammenwerfern. Am 11.08.1916 Fand eine große Parade der 1.Garde-Infanterie-Division bei Caulaincourt in Anwesenheit des Kaisers statt. Er hielt eine lange Rede, es wurden Orden verliehen und die weitere Planung besprochen. Major Graf zu Eulenburg-Wicken, Führer des I. Bataillon (Grenadiere), übernahm vertretungsweise für den erkrankten Oberstlt. von Schönstadt die Führung des 3. Garderegiments zu Fuß.

Am 04.04.1916 wurde der Tradition gemäß Wilhelm, Prinz von Preußen und Sohn des Kronprinzen Wilhelm als Leutnant in das Erste Garderegiment zu Fuß eingestellt. Auch mitten im Krieg wurde also dieser Brauch des Hauses Hohenzollern fortgeführt. Es war dies jedoch die vorletzte Einstelluing preußischer Prinzen in das Regiment. Ein Jahr nach Wilhelm folgte ihm noch sein Bruder Louis Ferdinand.

Wilhelm, Prinz von Preußen als Leutnant im Ersten Garderegiment zu Fuß 1916

Am 13.08.1916 wurde das Regiment zunächst nach Buffu als Reserve verlegt, in der Nacht zum 14. löste man jedoch das angeschlagene 1. bayer. Reserve-Regiment in der vordersten Stellung bei Cléry-sur-Somme ab, diese Ablösung war am 16. abgeschlossen. Da die Front während der Angriffe der letzten 7 Wochen zwar gehalten, jedoch langsam Stück für Stück zurückwich, mußte das Regiment in frisch ausgehobenen, nicht sehr tiefen Stellungen ausharren. Am 18.08., dem Tag von St. Privat, wurde das Regiment hart bedrängt, vor allem der rechte Flügel zum 3. Garderegiment wurde schwer getroffen. Hier war es die Leibkompagnie, die den Angriff der französischen Infanterie teilweise erst auf 30m Distanz zurückschlagen konnte. Dann setzte das Artilleriefeuer wieder ein und der Zauber ging von neuem los. Immer wieder versuchte der Gegner die dünnen Linien nach heftigem Artilleriefeuer im Sturm zu nehmen, doch wiesen ihn die wenigen Grenadiere stets ab. Am Abend des 19.08.1916 wurden die Reste des I. Bataillon (Grenadiere) vom Füsilierbataillon abgelöst. Das Artilleriefeuer hielt die folgenden Tage an, ein kleinerer Infanterieangriff konnte am 20.08. mühelos abgewiesen werden. Am 22. wurde das Füsilierbataillon durch das II. Bataillon (Grenadiere) abgelöst. Am 24. abends gegen 19:00 griff erneut die französische Infanterie an, sie wurde mit Hilfe der MGs und im Gewehrfeuer (stehend, freihändig auf dem Grabenrand!) abgewiesen. In der folgenden Nacht löste wieder das I. Bataillon (Grenadiere) ab. Am 26.08.1916 setzte morgens ab 4:00 starkes Trommelfeuer auf die Grenadiere ein, es folgten ab 6:30 heftige Infanterieangriffe, die die angeschlagenen SEMPER-TALIS-Kompagnien nur unter schweren Verlusten aufhalten konnten. Am 28.08. wurde wieder das Füsilierbataillon in die vorderste Linie gesteckt. Am 29.08. unternahm der Feind erneut einen Angriffsversuch, welcher abgewiesen wurde. Abends wurde dann das II. Bataillon (Grenadiere) in die vorderste Linie gezogen. Am 30.08. wurde endlich das Regiment vom bayer. 1. Reserve-Infanterie-Regiment abgelöst, was am 01.09.1916 abgeschlossen war. Dabei fiel der Kompagniechef der 5. Kompagnie, Leutnant der Reserve Karl Hermann Nilius. Lediglich einige Offiziere, darunter der Regimentsführer Oberstlt. von Bismarck, verblieben in vorderster Linie. Als diese endlich von den Offizieren des frisch eingetroffenen Reserve-Infanterie-Regiment 241 abgelöst wurden und auch das Füsilierbataillon am 07.09. nicht länger die Reserve der 2. Garde-Division bei Bouchavesnes bildete, war der Somme-Einsatz für das Erste Garderegiment zu Fuß vorerst abgeschlossen. Die Verluste betrugen 18 Offiziere, davon 5 sicher gefallen (die Vermißten mußten größtenteils als gefallen angesehen werden), 1200 Unteroffiziere und Mannschaften, davon 305 gefallen.

Hohlwegstellung bei Cléry-sur-Somme, Regimentsgeschichte

Am 11.09.1916 traf das Regiment im bekannten Abschnitt „Kurmark“ bei Candor und Catigny ein und löste dort das Reserve-Infanterie-Regiment 206 ab. Hier herrschte zunächst völlige Kampfpause - Zeit zur Erholung, Auffrischung und Ausbildung für die Truppe. Am 28.09.1916 wurde jedem Bataillon eine MG-Kompagnie zugeteilt. Diese wurden nicht in das normale Nummerierungs-Schema eingeordnet, sondern erhielten die Bezeichnung 1. bis 3. MG-Kompagnie. Am 16.10. setzte plötzlich starkes Artilleriefeuer ein und der folgende Infanterieangriff erzielte einen Einbruch bei der 5. Kompagnie, bei dem der Gegner einige Verwundete mitschleppen konnte, trotz des sofortigen Gegenangriffes. Am 27.10. erfolgte ein Patrouillen-Unternehmen des II. Bataillon (Grenadiere). Der eingenommene feindliche Graben war jedoch wider Erwarten leer, so zog man unverrichteter Dinge ab.

Am 28. wurde das Regiment aus der Front gelöst und fand sich am 03.11.1916 in vorderster Linie bei Bouvincourt an der Somme wieder. Dort löste es das Regiment 156 ab. Da die Hauptlast der alliierten Angriffe weiter nördlich bei Péronne lag, konnte der Frontabschnitt des Ersten Garderegiment zu Fuß als relativ „ruhig“ bezeichnet werden. Umso schmerzlicher war der Tod des Regimentsführers Oberstleutnant von Bismarck am 05.11.1916. Er war beim Gang durch die vorderen Gräben von einem Scharfschützen am Kopf tödlich getroffen worden. Man bahrte den Toten zunächst in einem Kompagnieführer-Unterstand auf, abends dann wurde er zum Regiments-Gefechtsstand in der Beauséjour-Ferme getragen, wo er von den Offizieren des Regiments in den Sarg gelegt wurde. Feierlich wurde dieser dann nach einer kurzen Feier mit Gebet über die Somme getragen und dort auf einen mit Herbstlaub geschmückten Wagen gelegt. Ein berittener Offizier begleitete den Wagen bis Bouvincourt, wo das I. Bataillon (Grenadiere) Spalier stand. In einem Zimmer der Ortskrankenstube wurde der Sarg und 10 Kerzen aufgestellt, zwei Unteroffiziere bildeten die Ehrenwache. Prinz Eitel Friedrich kam hinzu und anschließend wurde der mit Blumen und Kränzen geschmückte Sarg auf einen  Wagen gehoben und der Trauerzug setzte sich nach Bernes in Gang. Dort fand am 07.11.1916 die Trauerfeier statt, die der Regimentspfarrer von Velsen leitete. Die ganze Generalität war anwesend, auch der Armeeführer, Excellenz von Gallwitz. Etwa eine Halbe Kompagnie und der Musikzug des Regiments hatten Aufstellung genommen, allesamt mit dem Stahlhelm ausgestattet. Anschließend wurde der Sarg auf dem Ehrenfriedhof des Regimentes bei Colonfay bestattet. Mit Wirkung vom 06.11.1916 wurde Major Graf zu Eulenburg-Wicken (10.10.1870-18.10.1961) zum Regimentsführer ernannt. Auch er wurde nicht Regimentschef, da dieser Titel Prinz Eitel Friedrich vorbehalten wurde, der nach dem Kriege wieder seinen angestammten Posten als Regimentschef einzunehmen wünschte.

Beisetzung von Major Bismarck auf dem Friedhof von Le Sourd (Colonfay) am 07.11.1916, Privatarchiv

Abgesehen von einigen Patrouillen-Unternehmungen - hüben wie drüben zum Einbringen von Gefangenen als „wichtig“ betrachtet - wurde es zum Jahresende hin immer ruhiger im Abschnitt des Regimentes. Weihnachten stimmte der Sängerchor der Leibkompagnie  im vordersten Graben die „Stille Nacht“ an und an diesen Festtagen schwieg sogar die Artillerie.

Am 11.01.1917 wechselte das Erste Garderegiment zu Fuß seinen Abschnitt mit dem Schwesterregiment, dem 3. Garderegiment zu Fuß. In diesem Abschnitt war es noch ruhiger als im vorigen, so konnte ausgiebig ein kleines Unternehmen mit Namen "Giftpille" an dem auch das 2. und 4. Garderegiment zu Fuß beteiligt war, vorbereitet werden. Ziel des Unternehmens war es, Gefangene einzubringen, zur Feststellung der gegnerischen Stärke. Vom I. Bataillon (Grenadiere) wurden vier Stoßtrupps gebildet. Ab 13:00 setzte das Vorbereitungsfeuer ein, ab 18:30 wurde dies zum Vernichtungsfeuer gesteigert. 18:45 stießen die Stoßtrupps vor und erreichten ohne großen Widerstand die feindlichen Gräben. In den Gräben entwickelte sich jedoch ein heftiger Nahkampf mit englischer Infanterie, welche unbemerkt die bislang in diesem Abschnitt liegenden Franzosen abgelöst hatten. Mit wenigen eigenen Verwundeten und 9 gefangenen Engländern erreichten die Stoßtrupps planmäßig wieder ihre Stellungen.

Am 08.02.1917 wurde das Regiment abgelöst und im rückwärtigen Gebiet bei St.Quentin und Mont d´Origny eingesetzt um die neue "Siegfried"-Stellung auszubauen. am 25.02.1917 wurde das Regiment nach Guiscard verlegt, wo es hinter seinen alten Stellungen als Aufnahme und Rückhalt für den Rückzug auf die "Siegfried"-Stellung bereitstehen sollte. Dieser taktische Rückzug mit dem Decknamen "Alberich" wurde von der Obersten Heeresleitung (OHL) geplant und durchgeführt um die Front zu verkürzen und zu festigen. An der Auffangstellung arbeitete das Erste Garderegiment zu Fuß bis einen Tag vor Beginn des Unternehmens. Am 15.03.1917 marschierte es ab nach La Fére und weiter nach Montcornet um weiter an seiner Ausbildung zu arbeiten. "Alberich" wurde zum vollen Erfolg für die OHL (Oberste Heeresleitung, die nun von Hindenburg und Ludendorff gebildet wurde). Die Ausbildung bestand hauptsächlich aus dem Stellungskampf nach den Grundsätzen der Abwehrschlacht und im beschränkten Maße aus dem Bewegungskrieg. Besonderen Wert wurde auf Nahkampf- und Handgranatenwurfausbildung gelegt. Auch begann man mit der Ausbildung an den neuen "leichten Maschinengewehren", welche langsam die Truppe erreichten. Die Offiziere des Regimentes wurden ebenfalls mit den neuen Taktiken und Geräten vertraut gemacht. Die Spielleute wurden im Auslegen von Signaltüchern ("Fliegerverbindungsdienst") ausgebildet. Die Nachrichtentruppe wurde am neuen "Erdtelegraphen" ausgebildet, welcher ebenfalls neu bei der Truppe war.

Winter 1916/17 an der Somme, Regimentsgeschichte

In die Zeit bei Montcornet fiel auch eine Umgruppierung auf Divisions-Ebene. Das Schwesterregiment, das 3. Garderegiment zu Fuß, bildete fortan zusammen mit dem Garde-Grenadier-Regiment Nr. 3 Königin Elisabeth und dem Infanterieregiment Graf Tauentzien von Wittenberg Nr. 20 die neu aufgestellte 5. Garde-Infanterie-Division. Die 1. Garde-Infanterie-Division bestand nun aus dem Ersten, 2. und 5. Garderegiment zu Fuß. Die Zusammenstellung von nur 3 Infanterieregimentern zu einer Division wurde nun im deutschen Heer die Regel.

Eingang in die "Drachenhöhle", April 1917, Regimentsgeschichte

Am 06.04.1917 marschierte die 1. Garde-Infanterie-Division als Reserve der 7. Armee in die Gegend von Notre Dame de Lieffe (nordöstlich Laon). Am 10.04.1917 besichtigte es dort Kronprinz Wilhelm. Nachdem er Eiserne Kreuze I. und II. Klasse verteilt hatte hielt er eine Rede in der er u. a. sagte:

"Dem Regiment verdanke ich alles, was ich militärisch weiß, den Wert der strammen Ausbildung des einzelnen Mannes habe ich in seinen Reihen kennen gelernt. Eine Kompagnie, die stramm und tüchtig in der Exerzierausbildung ist, die schlägt sich auch gut in schwerster Stunde. Meine besten Freunde, Graf Finckenstein und Hauptmann von Wedel, sind an der Spitze ihrer Kompagnien im Regiment gefallen. Ihr könnt es mir glauben, wie schwer es mir wird, euch jetzt wieder in die bevorstehenden Kämpfe einsetzen zu müssen, aber es hilft nichts. Und ich bin überzeugt, daß, wo mein altes Regiment eingesetzt wird, kein Fußbreit Boden verloren geht."

In der Nacht zum 11.04.1917 wurde das Füsilierbataillon in die vorderste Stellung bei Bove und Montbérault gezogen. I und II. Bataillon (Grenadiere) bezog dahinter Stellung. So verharrte man dort unter starkem Artilleriefeuer, welches bereits zu Verlusten führte, ehe die eigentliche Schlacht überhaupt losging. Die lang erwartete Offensive des neuen Oberbefehlshabers General Nivelle (sie war auch aufgrund des Rückzuges in die "Siegfried"-Linie mehrfach verschoben worden) startete am 16.04.1917 mit voller Wucht. Um 19:00 wurde die 9. und 11. Kompagnie zur Unterstützung des Garde-Grenadier-Regiment Nr. 3 Königin Elisabeth entsandt, der Rest des Regimentes wurde der 19. Reserve-Infanterie-Division unterstellt, Major Graf zu Eulenburg-Wicken begab sich zum Gefechtsstand des Reserve-Infanterie-Regiments 73 nordwestlich Bouconville. Die 10. Kompagnie wurde sofort dem schwer bedrängten Reserve-Infanterie-Regiment 92 zur Verfügung gestellt. Gegen 4 Uhr morgens am 17.04.1917 erreichte das II. Bataillon (Grenadiere) im strömenden Regen die Ausgangsstellungen für einen Gegenangriff zur Einnahme der Hurtebise-Ferme. Der vorbereitende Angriff (an der Spitze die 5. und 7. Kompagnie) auf den Nordhang der Bergnase gegen schwachen französischen Widerstand wurde gegen 7:15 Uhr durchgeführt. Man sammelte sich in der ehemaligen deutschen Stellung mit der so genannten "Drachenhöhle" als Unterschlupf und Ausgangspunkt zum weiteren Vorgehen. Der eigentliche Hauptangriff gegen 16:00 Uhr, diesmal mit der 7. und 8. Kompagnie an der Spitze, flankierend die 5. Kompagnie. Der Angriff kommt auch fast bis an die Hurtebise heran, im Nahkampf mit Handgranaten wurde der Gegner Stück für Stück aus den Gräben gedrängt, dann blieb der Angriff jedoch im schweren Artilleriefeuer (u. a. 28cm Mörser) liegen. Die genommenen Gräben mußten nach schweren Verlusten wieder aufgegeben werden. So war man am Abend fast wieder dort, wo man morgens gestartet war. Die Verluste der 5., 7. und 8. Kompagnie waren schon erheblich, die 9. Kompagnie, die beim Garde-Grenadier-Regiment Nr. 3 Königin Elisabeth eingesetzt war, wurde dagegen vollständig aufgerieben. Sie waren zusammen mit der 4. Kompagnie des Garde-Grenadier-Regiment Nr. 3 Königin Elisabeth in vorgeschobener Stellung abgeschnitten worden. In den deutschen Stellungen hörte man noch stundenlang Gewehrfeuer, sodaß angenommen werden kann, daß sich die beiden Kompagnien gewehrt hatten, bis ihnen die Munition ausging und die Reste in Gefangenschaft gingen. Die 10. Kompagnie erreichte nur mit Mühe im schlammigen, stockdunklen Gelände die befohlene Position bei der Sachsenhöhle (westlich der Drachenhöhle). Dort kämpfte man mit dem Reserve-Infanterie-Regiment 92. Am 18.04.1917 ab 6:00 Uhr sollte der Angriff des Ersten Garderegiments zu Fuß auf die Hurtebise-Ferme fortgesetzt werden. Dieses mal sollte das II. Bataillon (Grenadiere) zusammen mit Leib- und 2. Kompagnie unter Major von Stephani den Angriff führen. Von Stephani war gerade erst zum Führer des I. Bataillons (Grenadiere) ernannt worden. Der Angriff lief von vornherein schief, da sich die Leib- und 2. Kompagnie im schweren Artilleriefeuer und dem stockfinsteren Trichter-Gelände verirrten. Das II. Bataillon (Grenadiere) kam anfangs gut voran, da aber die Kompagnien des I. Bataillons (Grenadiere) nicht eingriffen, mußte der Angriff bald mangels Unterstützung eingestellt werden. Man richtete sich so gut es ging in den erreichten Stellungen ein. Diese bestanden aus zerschossenen Gräben und Höhlen, die als Unterkünfte dienten, bestanden. Der Kampf bestand nun aus andauernden Versuchen der Franzosen in den Besitz der Stellungen oder Höhlen oder zumindest deren Eingänge zu gelangen. Sie versuchten auch die Höhlendecken anzubohren und warfen Sprengladungen hinein. Am 20.04.1917 versuchte der Gegner das II. Bataillon (Grenadiere)  dreimal im Frontalangriff zu überrollen und wurde jedes mal blutig im Nahkampf abgewiesen. Der Führer der 8. Kompagnie, Hauptmann der Reserve von Schweinitz und der Führer der Minenwerfer-Kompagnie Leutnant der Reserve Kunkel fielen. Am nächsten Tag wurde das II. Bataillon (Grenadiere) durch das Füsilierbataillon des 2. Garderegiments zu Fuß abgelöst und in das Lager "Hannover" am Boverücken zurückgenommen, es bestand nur noch aus 280 Mann.

Vom 21.04. bis 24.04.1917 war es relativ ruhig an der Front, so konnte das Unternehmen "Semper talis" unter der Führung von Major von Eulenburg-Wicken ungestört vorbereitet werden. Dabei sollte vom I. Bataillon (Grenadiere) mit dem Füsilierbataillon des 2. Garderegiments zu Fuß, der 12. Kompagnie des Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 Kaiser Alexander und den Stoßtrupps des Sturmbataillons 7 endgültig die Hurtebise-Ferme und die östlich angrenzenden Gräben genommen werden. Nach kurzem, stärkstem Vernichtungsfeuer traten am 25.04.1917 um 06:20 Uhr die Sturmtruppen an, vorne weg die 2., Leib- und 4. Kompagnie, dahinter die 3. Kompagnie. Der Gegner wurde gerade beim Essenfassen überrascht und konnte völlig überrumpelt werden. Es wurden etwa 100 Gefangene, 4 schwere und viele leichte MG´s erbeutet. Ab 08.30 Uhr unternahmen die Franzosen jedoch einen Gegenangriff nach dem anderen, sodaß die Gräben nach und nach wieder verloren gingen. Um 20:30 Uhr erhielt die zur Unterstützung eingetroffene 12. Kompagnie des Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1 Kaiser Alexander den Befehl, erneut die Hurtebise-Ferme einzunehmen. Gleichzeitig sollte von der Bergnase her die 1. Kompagnie des 2. Garderegiments zu Fuß angreifen. Beide Stoßkeile blieben im MG-Feuer liegen. In der Nacht wurde das I. Bataillon (Grenadiere) vom Füsilierbataillon, das Füsilierbataillon des 2. Garderegiments zu Fuß von unserem II. Bataillon (Grenadiere) abgelöst. Das Unternehmen endete also damit, daß die feindlichen Gräben zwar genommen wurden, dann jedoch aufgrund der feindlichen Übermacht wieder geräumt werden mußte. Das alles kostete an Toten und Verwundeten 2 Offiziere, 19 Unteroffiziere und 137 Mann, dazu 17 Vermißte. Die Grenadiere Behnecke und Kranzel erhielten nach den Kämpfen das Eiserne Kreuz, da sie alleine einen Trupp von 35 Soldaten und einem Offizier gefangen genommen hatten. Am 26.04.1917 mußte das Füsilierbataillon schwere Angriffe abwehren und insgesamt verlorenes Terrain durch Gegenangriffe zurückerobern. Am Abend hatte man über 4000 Handgranaten verbraucht. Leider griff die eigene Artillerie meist zu spät in die Kämpfe ein, sodaß der Gegner relativ ungestört immer neue Stoßtrupps heranführen konnte. Am 28.04. mußte Major Graf zu Eulenburg-Wicken auf Befehl des Brigadekommandeurs Graf von der Goltz die Regimentsführung an Major von Stephani abgeben, um seine am 17.04. erhaltene Verwundung behandeln zu lassen. Oberleutnant von Leysieffer übernahm die Führung des I. Bataillons (Grenadiere). Am 29.04.1917 drang der Feind bei der 7. Kompagnie in die Drachenhöhle ein, konnte aber nach kurzer Zeit wieder vertrieben werden. Das ganze Regiment wurde nun alarmiert, da man weitere Angriffe erwartete, die kamen aber nicht. Bis zum 30.04.1917 hatte das Regiment 8 Offiziere und 845 Mannschaften tot, verwundet oder vermißt gemeldet.

Beim Unternehmen "Semper talis" gefangen genommene Franzosen werden vom Prinzen Eitel Friedrich vernommen, Regimentsgeschichte

Am 02. und 03.05.1917 ging schweres Trommelfeuer auf die Stellungen nieder. Es waren auch Gasgranaten dabei, von denen eine Leutnant Wolf Graf Finckenstein tötete. Mitten in die sehnsüchtig erwartete Ablösung durch das Infanterieregiment Freiherr von Sparr (3. Westfälisches) Nr. 16 platzte am 05.05.1917 um 10:00 Uhr ein französischer Angriff, der die 9., 10. und Leibkompagnie schwer traf. Im Nahkampf mußten die Angreifer abgewehrt werden. Der Führer der 9. Kompagnie Leutnant Graf Strachwitz fiel durch einen Granatsplitter. Am Abend waren immer noch alle Stellungen in deutscher Hand, nur ein kleines, besonders hart umkämpftes Stück des "Schlangengrabens" war verloren gegangen und konnte aufgrund der einbrechenden Nacht nicht mehr zurückerobert werden. In dieser Nacht konnte endlich die Ablösung durch das Infanterieregiment Freiherr von Sparr (3. Westfälisches) Nr. 16 abgeschlossen werden, jedoch hielten die Angriffe an, sodaß das II. Bataillon (Grenadiere) in Alarmbereitschaft blieb und bis zum 07.05.1917 wieder komplett in der vordersten Linie eingeschoben wurde. Dort mußte es zusammen mit den schwer bedrängten Rheinländern[6] den ganzen Tag über schwere und verlustreiche Angriffe abwehren. In der Nacht zum 08.05.1917 wurde endlich das angeschlagene Regiment aus der vordersten Linie herausgezogen. Bis zum 11.05. zog es in die "Tirpitzhöhle" bei Veslud. Das Erste Garderegiment zu Fuß hatte bis dahin bei der Abwehr des französischen Frühjahrs-Angriffs 20 Offiziere und 1100 Mannschaften tot und vermißt, dazu 2 Offiziere und 180 Mannschaften verschüttet, gaskrank und vermißt gemeldet.

Am 14.05.1917 paradierte das Regiment bei Tavaux vor dem Kronprinzen.

Am 15.05. wurde auf Anordnung der französischen Regierung die Offensive eingestellt, zahlreiche französische Regimenter meuterten und General Nivelle mußte seinen Hut nehmen. Ihm folgte General Pétain, der Held von Verdun als neuer Oberbefehlshaber.

Am 16.05.1917 wurde die 1. Garde-Infanterie-Division erneut verladen und löste in der Nacht zum 19.05. die 23. Landwehr-Division ab. Das Erste Garderegiment zu Fuß besetzte die Stellungen südwestlich Varennes (Argonnen), genauer an der Fille Morte und der Höhe 285. Bis auf die bei Regen vollaufenden Gräben war es relativ angenehm und ruhig in dieser Stellung. Am 26.05. wurde das Regiment wieder aus der Front herausgezogen und nach Floing bei Sedan verlegt. Das nahe liegende Schlachtfeld aus dem Kriege 1870/71 wurde natürlich von Mannschaften und Offizieren besucht. Am 06.06.1917 nahm das I. Bataillon (Grenadiere) an einer Parade bei Apremont vor dem Kaiser teil.

Parade vor dem Kaiser bei Apremont am 06.06.1917, Regimentsgeschichte

Ostfront 1917

Im Osten war inzwischen die "Kerenski-Offensive" losgebrochen. Am 30.06.1917 wurde daher das Regiment alarmiert und am 01./02.07. verladen. Die 1. Garde-Infanterie-Division rollte quer durch Deutschland der Ostfront entgegen. Dies wurde von den Soldaten mit Jubel begrüßt, kehrte man doch endlich der furchtbaren Westfront den Rücken. Über Rawa Ruska und Lemberg rollte man nach Zloczow, wo die Division am 05.07.1917 ausgeladen wurde und zum Gegenangriff zusammen mit der 2. Garde-Infanterie- und der 6. Infanterie-Division bereitgestellt. Das Erste Garderegiment zu Fuß wurde am 07.07. in Kruhow und Koltow einquartiert. Der bevorstehende Angriff wurde durch Übungen und Unterweisungen vorbereitet. Dieser war für den 12.017. geplant, mußte jedoch wegen schlechten Wetters auf den 19.07. verschoben werden. In der Nacht löste das Regiment Österreicher der k. u. k. 33. Infanterie-Division in vorderster Linie bei Manajow ab. Es stand damit an der Spitze des bevorstehenden Angriffs. Ganz vorne das I. Bataillon (Grenadiere), die anderen dahinter. Dazu schrieb Graf zu Eulenburg-Wicken in sein Kriegstagebuch: "Das bevorzugte I. Bataillon ist sehr beneidet. Ich habe die anderen damit getröstet, daß sie das nächste mal nach vorn kommen. Es ist ein herrliches Gefühl, eine Truppe zu führen, die nicht getrieben, sondern höchstens gehalten zu werden braucht."

Von 3:00 bis 10:00 Uhr ging mit ungeheurer Wucht auf den russischen Stellungen ein wahrer Granaten- und Minenhagel nieder. Eigentlich hatte das Regiment nur Befehl die 1. und 2. russische Stellung zu nehmen. Diese waren aber beide verlassen, so wurde die Attake einfach fortgesetzt und gegen Mittag hatte man Kruhow Gaj eingenommen. Der ganze Angriff hatte nur 2 Tote und 4 Verwundete gekostet, aber etliches an Material und 650 Gefangene eingebracht. Bis Abend wurde die Linie Troscianec-Zaloczke erreicht und die Übergänge über die Smolanka erkundet. Am 20.07.1917 gegen 6:00 Uhr wurde diese überschritten und bis 11:00 Uhr ohne ernsthaften Widerstand Novowce erreicht. Gegen 14:00 Uhr brach das II. Bataillon (Grenadiere) den Widerstand einer russischen Abteilung und nahm 160 von ihnen gefangen.

Die 6. Kompagnie bei Manajow am 19.07.1917, Regimentsgeschichte

Gegen 22:00 Uhr wurde Czernichow erreicht, von wo aus es am nächsten Morgen um 04:00 Uhr weiter ging. Jetzt aber versteifte sich beim Dorf Worobijowka der Widerstand, unterstützt von Artillerie vom anderen Sereth-Ufer. Das Füsilierbataillon erlitt dabei schwere Verluste von 20 Toten und 50 Verwundeten. Als das I. Bataillon (Grenadiere) mit seiner 2. Kompagnie jedoch die Hauptstellung aufgerollt hatte, floh auch hier der Gegner. 230 Gefangene und 4 Maschinengewehre waren die Beute. Gegen Abend wurde die Straße Zagrobela-Tarnopol erreicht, wo das Regiment die nächsten drei Tage verharrte, da die Division zunächst das Vorankommen der benachbarten Truppen abwarten mußte. Am 23.07.1917 wurde eine große Patrouille über den Sereth nach Tarnopol hinein gesandt, um zu erkunden, ob die Stadt noch besetzt sei. Diese wurde unter heftiges Artillerie- und MG-Feuer genommen und bildete zunächst auf dem gegenüberliegenden Sereth-Ufer einen Brückenkopf. Dieser wurde gegen heftige Infanterie-Angriffe verteidigt. Als dann aber ein mit noch mehr Truppen geführter Angriff, an dem sogar "Panzerautos" mit MG´s teilnahmen, losbrach, befahl Leutnant der Reserve Rosenkranz, Führer der 11. Kompagnie, den Rückzug über den Sereth. Bei diesem wurden die Verteidiger unaufhörlich beschossen und hatten große Verluste, auch Ltnt. Rosenkranz fiel. Als Belohnung erhielt Uffz. Arend das Eiserne Kreuz I. Klasse, alle anderen Überlebenden das Eiserne Kreuz II. Klasse.

Tarnopol im Juli 1917, Regimentsgeschichte

Als am 25.07.1917 die 6. Infanterie-Division den Sereth südlich Tarnopol überschritten hatte, trat auch die 1. Garde-Infanterie-Division wieder an, das Füsilierbataillon besetzte hinter dem weichenden Feind Tarnopol, dort erwartete sie am nächsten Tag der Kaiser, welcher alle überlebenden Füsiliere der Patrouille vom 23.07. zu Gefreiten ernannte. I. und II. Bataillon (Grenadiere) bekamen Befehl, den Sereth bei Czystylow und Biala zu überschreiten. Dies geschah zunächst durch den Versuch der 4. Kompagnie einen Brückenkopf zu bilden, der jedoch erneut durch heftige Gegenangriffe zunichte gemacht wurde. In der Nacht zum 26.07.1917 glückte schließlich beiden Bataillonen endgültig der Übergang und das Regiment wurde wieder vereint. Bis zum 10.08.1917 verblieb das Regiment in der gewonnenen Stellung. Dann wurde es abgelöst und nach Kozlow zurückgezogen. Die Kämpfe bis zur Eroberung von Tarnopol hatten das Regiment Verluste von 145 Verwundeten und 30 Toten gekostet.

Am 18.08.1917 wurde das Regiment erneut verladen und wurde auf dem Bahnhof Neugut ausgeladen. Von dort ging es mit mehreren Tagesmärschen bis nahe an die Düna heran. Ziel der gesamten Operation war es, möglichst schnell die Düna zu überschreiten und in nördlicher Richtung auf Riga zuzustoßen. Die 1. Garde-Infanterie-Division wurde dabei zusammen mit der 2. Garde-Infanterie-, Garde-Ersatz-, 14. bayer. und 19. Reserve-Division eingesetzt. Die 1. Garde-Infanterie-Division hatte dabei bei Pinkals/Üxküll der 19. Reserve-Division über den Fluß zu folgen. Am 01.09.1917 wurde mit einem 6-stündigen Vorbereitungsfeuer der Angriff eingeleitet.

Düna-Übergang bei Üxküll am 02.09.1917, Regimentsgeschichte

Regiments-Stab nach dem Düna-Übergang am 02.09.1917 abends, Regimentsgeschichte

Am 02.09. folgte die Division der Angriffsspitze über den Fluß und wurde in die vorderste Linie gezogen, das Erste Garderegiment zu Fuß griff aber erst am 04.09. in die Kämpfe mit dem sich zäh verteidigenden Gegner ein. Gegen 10:00 Uhr stieß die Spitze des Regiments mit der 6. Kompagnie auf der Petersburger Chaussee östlich Riga auf eine große Kolonne (mehr als ein Bataillon) marschierender Russen. Sofort griff die Kompagnie mit "Hurra"-Geschrei den Gegner an. Es entstand ein großes Chaos aus Zugtieren, Wagen, umherlaufenden Soldaten. Zunächst flohen die Russen in die umliegenden Wälder, dann jedoch festigte sich der Widerstand. Die Russen versuchten die Angreifer zu umgehen, stießen jedoch im dichten Unterholz auf die nacheilende 5. Kompagnie, wurden im Handgemenge aus dem Wald heraus getrieben und liefen genau in die MG´s der 6. Kompagnie. Nun zogen sich die Russen endgültig zurück. Die Straße bot ein Bild der Verwüstung, überall lagen Tote und Gerät aller Art. Der Gegner verlor an diesem Tage etwa 100 Tote, 100 Gefangene, 5 (rote) Fahnen, 5 Geschütze, 41 MG´s und hunderte von Wagen mit Gerät und der besonders willkommenen Verpflegung. Die eigenen Verluste betrugen 13 Tote und 36 Verwundete. Am Abend wurde die Aa bei Wangasch erreicht.

Die Petersburger Chaussee östlich Riga nach dem Sturm des II. Bataillons (Grenadiere) am 04.09.1917, Regimentsgeschichte

Riga war inzwischen durch die 2. Garde-Infanterie-Division genommen worden. Das Erste Garderegiment zu Fuß erhielt am 05.09.1917 den Auftrag mit dem Sturmbataillon 12 und Artillerieverstärkung die Aa zu überschreiten und bei der Linie Aa-Engelhardtshof eine Sicherungsstellung einzunehmen. Mit Ausnahme des II. Bataillons (Grenadiere), welches an einer Parade vor dem Kaiser in Neu-Grike teilnahm, erreichte das Regiment im Laufe des 06.09. die vorgegebene Position. Schon am 12.09. erging der Befehl, zurück zum Südufer der Aa zur Straße Riga-Hinzenberg zu gehen. Das I. Bataillon (Grenadiere) sicherte den Rückzug und wehrte mehrere Angriffe ab. Dort arbeitete man am Ausbau der Stellungen und schickte gelegentlich Patrouillen aus. Desweiteren erlebte das Regiment in dieser Stellung noch einmal eine eher ruhige Zeit, bevor es wieder an die Westfront ging.

Am 02.10.1917 verlieh vor der Front des komplett versammelten Regimentes Prinz Eitel-Friedrich dem Regimentsführer Graf zu Eulenburg-Wicken den höchsten preußischen Orden Pour-le-Merite[7]. Er sagte dabei: "Er ist nicht nur dem Führer, sondern dem ganzen Regiment verliehen in Anerkennung der ruhmreichen Taten in diesem Kriege." Am Abend wurde die Verleihung von allen Offizieren des Regimentes gefeiert.

Stellungsbau an der Aa im September 1917, Regimentsgeschichte

Im Kreise der deutschen Bevölkerung der Stadt verlebte man zum letzten Mal eine angenehme Zeit. Auch für die Deutschen in Riga, war es wohl so, denn als die Kunde vom Abmarsch kam, schickten junge Damen des Adels an die OHL ein Telegramm, in dem sie baten, die Garde noch länger in Riga zu belassen. Doch Hindenburg antwortete: "Es ist das Vorrecht der Garde, stets dort zu stehen, wo die Gefahr am Größten ist. Für die Herzen mag diese in Riga zu suchen sein, für das Vaterland aber ist sie an anderer Stelle."

Westfront 1917-18

So wurde das Regiment also am 13.10.1917 gen Westen verladen. Am 18.10. erreichte es Neuflize, bezog einige Tage Ortsunterkunft. Am 21. wurde es jedoch nach vorn verlegt, da die 1. Garde-Infanterie-Division die 14. Reserve-Division östlich Reims beim Dorf Beine ablösen sollte. Es war eine ruhige Stellung, daher konnte man sich ausgiebig dem Ausbau der Gräben und Unterkünfte widmen. Hin und wieder wurden Patrouillen ausgesandt und kleinere Scharmützel mit den Franzosen ausgetragen. Am 12.11. konnten Leutnant von Löwenfels und Gefreiter Bauer einen Verwundeten des 2. Garderegiments zu Fuß, der schon zwei Tage im Niemandsland um Hilfe schrie, zu retten. Am 26.11.1917 gelang es einem französischen Stoßtrupp einen Unterstand der 6. Kompagnie mit Handgranaten zu zerstören und die Besatzung zu töten. Am 29.11. besuchte Kronprinz Wilhelm das Regiment. Im Dezember verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Regimentes durch das Auftreten von Paratyphus. Weihnachten und Neujahr beging man also wieder an der Westfront. Das neue Jahr begann mit einem erfolgreichen Erkundungsunternehmen unter Leutnant von Taysen.

Winter 1917/18 in der Champagne, Regimentsgeschichte

Am 25.01.1918 wurde das Regiment nach Liart bei Charleville zurückgezogen. Dort wurde es in der neuen Stoßtrupptaktik ausgebildet und auf die kommende deutsche Entscheidungsoffensive vorbereitet. Bei La Viotte hatten die Pioniere zu diesem Zweck ein Übungswerk angelegt. Es wurden Angriffe, das Überwinden von Trichtergeländen, das MG-Schießen, die Zusammenarbeit mit der Fliegertruppe und der Artillerie geübt. Des Weiteren wurden Einweisungen in neue Kampfmittel durchgeführt.

Einweisung in das MG 08/15 und das britische/amerikanische Lewis-MG am 14.12.1917, Archiv Seitenautor

Ende Januar 1918 mußten 6 Leutnants an die 3. Garde-Infanterie-Division abgegeben werden, die besonders schwere Ausfälle an Offizieren hatte.

Einige Offiziere des Regimentes 1918, Regimentsgeschichte

Am 09.02.1918 wurde in Charleville der 41. Wiederkehr des Eintritts Wilhelms II. in das Regiment gedacht. Es wurden alle irgendwie erreichbaren ehemaligen und derzeitigen Offiziere eingeladen. Graf zu Eulenburg-Wicken hielt eine sehr ernste Rede, in der es u. A. hieß: "Auf 230 Jahre ruhmreicher Geschichte ohnegleichen darf das Regiment zurückblicken, einer Geschichte, die das getreue Spiegelbild ist der Geschichte Preußens und der Hohenzollern. Preußens große Tage sind gleichzeitig die Marksteine am Weg des Regimentes. An Preußens wichtigsten Entscheidungen hat es teilgehabt, solange es besteht, und so soll es bleiben."

Zur Steigerung der Mobilität erhielt das Regiment mehrere Lastkraftwagen und auch 40 Panjepferde. Der Tag des Angriffes wurde bis zuletzt geheim gehalten. Um jederzeit abmarschbereit zu sein, wurden mehrere Probemobilmachungen abgehalten. Desweitern wurde überall an der deutschen Front - so auch bei der Garde - die bevorstehende "Michael"-Offensive vorbereitet durch Sturm-Übungen, Materialbereitstellungen, Einschießen der Artillerie, Erkundung der gegnerischen Stellungen, etc. Am 10.03.1918 meldete General Ludendorff dem Kaiser, daß das Heer bereit stehe. Der Beginn des Angriffes wurde auf den 21.03.1918 festgelegt. Allen Beteiligten war klar, daß dies die letzte deutsche Offensive sein würde: Entweder man bezwang nun endgültig die Alliierten, bevor die inzwischen in den Krieg eingetretenen Amerikaner auf dem Kriegsschauplatz erschienen oder der Krieg war verloren.

Am 10.03.1918 erhielt das Regiment Befehl in die Ausgangsstellungen einzurücken, womit am 11.03. um 7:30 Uhr begonnen wurde. Es wurde zur Tarnung nur nachts marschiert, tagsüber geruht. Fontaine Notre Dame wurde am 20.03. abends erreicht. Die 1. Garde-Infanterie-Division bildete zunächst die Armeereserve der 18. Armee im Abschnitt des IX. Corps, vom 24.03.1918 an die Reserve des XXV. Reservecorps. Am 21.03. um 4:40 Uhr begann die deutsche Artillerie mit 1.700 Geschützen zunächst auf die feindliche Artillerie zu feuern, dann wurde das Feuer auf die Infanteriegräben vorverlegt. Um 9:30 Uhr begann der Infanterieangriff, der zunächst gut vorankam, sodaß die 1. Garde-Infanterie-Division um 11:45 Uhr nach Essigny le Petit und Courcelles, nordöstlich St. Quentin vorverlegt werden konnte. Dort wurde die Nacht verbracht. Am darauf folgenden Tag mußte zunächst von der Kampftruppe englischer Widerstand im Holnonwalde gebrochen werden, danach erhielt das Erste Garderegiment zu Fuß gegen 17:30 Uhr Befehl zum Vormarsch nach Selency, welches aber aufgrund Marschstockungen erst gegen 1:30 Uhr erreicht wurde. Am 23.03.1918 ging es weiter nach Roupy, am Abend wurde auf breiter Front die Marne erreicht. Die 5. englische Armee war von der 18. deutschen schwer geschlagen worden und sog sich weiter und weiter zurück. So konnte auch das Erste Garderegiment zu Fuß vorrücken und erreichte am 24.03. Matigny, am 25. Dreslincourt, am 26. Parvillers. Am 27.03. wurde 1. Garde-Infanterie-Division in die vorderste Linie bei Erches zwischen die 28. (badische) Infanterie- und die 5. Infanterie-Division gezogen. Am 28.03.1918 sollte in Richtung Plessiers und Fresnois en Chaussee angegriffen werden. Das Regiment zog dafür das I. und II. Bataillon vor, das Füsilierbataillon in der Mitte dahinter. Um 8:00 Uhr begann das Wirkungsschießen der Artillerie, 10:00 Uhr der Sturm der Infanterie. Das II. Bataillon erreicht gegen nur mäßigen Widerstand die Chaussee Hangest-Davnescourt, hinter deren Höhen zunächst das Aufschließen des I. Bataillons abgewartet werden sollte. Dieses wurde jedoch von 10 -15 MG´s in Arvillers aufgehalten, welche erst mit Artillerieunterstützung überwunden werden konnten. Um 14:00 Uhr erreichte auch das I. Bataillon die Chaussee. Dann bekam man Flankenfeuer aus der Kleinbahnstation, das durch die 4. Kompagnie gebrochen wurde. 66 Franzosen gingen in Gefangenschaft, weiterhin wurden 3 MG´s erbeutet. Auf Hangest konnte man nun aber immer noch nicht vorrücken, da die eigene Artillerie noch auf das Dorf feuerte. Um 18:30 fiel dann Hangest, wo Abends das Biwak bezogen wurde. Durch Armeebefehl wurde die 1. Garde-Infanterie-Division gestoppt, die drauf und dran war Franzosen von Engländern zu trennen. Der neue Angriff sollte nun in südwestlicher Richtung auf Le Hamel und Pierrepont geführt werden. Das 4. und 2. Garderegiment zu Fuß in vorderster Linie, das Erste Garderegiment zu Fuß dahinter. Am 29. wurde die Avre bei Contoire überschritten, am 30.03.1918 um 7:30 sollte der Angriff auf Hargicourt beginnen. Am 30.03.1918 um 1:00 Uhr erfolgte der vorbereitende Angriff auf Pierrepont, welches vom I. Bataillon  besetzt wurde. Um 6:00 Uhr begann die Artillerie auf Hargicourt zu feuern, um 7:30 Uhr ging die Infanterie vor. Es entbrannte ein heftiges Gefecht um Hargicourt, das zäh verteidigt wurde. Gegen 9:00 Uhr fiel das Dorf, es wurde reiche Beute an Gefangenen gemacht. Um 10:00 Uhr mußte erneut halt gemacht werden, da die Artillerie einen Stellungswechsel vornahm. Der Führer des II. Bataillons, Oberleutnant der Reserve Leysieffer, erhielt einen Oberschenkelschuß, an dem er wider erwarten verstarb. Oberleutnant Graf Hardenberg übernahm daraufhin das Bataillon. Um 16:00 Uhr griff das II. Bataillon Grivesnes an und erreicht im strömenden Regen und gegen heftigen Widerstand den Schloßpark. Gewehre und MG´s wurden durch Schlamm und Lehm unbrauchbar, der Gegner feuerte mit ca. 10 - 12 MG´s auf die im deckungslosen Gelände vorgehenden Grenadiere. Von 17:50 - 18:00 Uhr wurde Vorbereitungsfeuer geschossen, dann griffen die Grenadiere an. Der Führer der 5. Kompagnie, Leutnant der Reserve Weber fiel. Überhaupt kam der Angriff nicht voran, die Verluste stiegen, daher wurden die Bemühungen mit Einbrechen der Dunkelheit eingestellt und die Verwundeten geborgen.

Gefechtsstand des Regimentes vor Grivesnes, März 1918, Regimentsgeschichte

Über die schweren Verluste des Ersten Garderegiment zu Fuß bei Grivesnes berichtete auch die New York Times.

Am 31.03. (Ostersonntag) griff nun das Füsilierbataillon Grivesnes an, da dem Feind die inzwischen erfolgte Verlegung des Angriffsschwerpunktes der 1. Garde-Infanterie-Division verschleiert werden sollte. Vormittags schoß sich die Artillerie auf die feindlichen Infanterieziele ein, von 11:00 Uhr an eine Stunde wurde starkes Wirkungsfeuer geschossen, dann griffen die Füsiliere an. Das Schloß wurde genommen und im Dorf entbrannte ein wilder Häuserkampf. Die Franzosen führten sogar zwei MG-Panzerwagen heran, von denen einer von der 9. Kompagnie mit Handgranaten ausgeschaltet wurde, der andere wurde erbeutet. Dennoch wurde die Lage für die isolierten Füsiliere immer unhaltbarer, da die Franzosen immer noch aus zahlreichen MG´s, auch aus der Flanke schossen und ständig Infanterieangriffe durchführten, die nur mit Mühe abgewehrt werden konnten. Das feindliche Artilleriefeuer saß sehr präzise und hielt die Grenadierbataillone davon ab, ihren Kameraden zu Hilfe zu kommen. So wichen die dezimierten Kompagien gegen Abend wieder zurück in Ihre Ausgangsstellungen am Parkrand. Die reiche Beute (250 Gefangene, darunter ein Bataillonsstab, mehrere MG´s, ein Geschütz, der Panzerwagen) konnte nicht über die bittere Niederlage dieses Ostersonntages hinwegtäuschen. Am Abend erfolgte die Ablösung durch das 2. Garderegiment zu Fuß. Das dezimierte Erste Garderegiment zu Fuß wurde nach Hargicourt zurückgenommen, dort sollte endlich eine trockene Unterkunft bezogen werden. Doch die feindliche Artillerie zwang schon am 01.04.1918 das Regiment weiter nördlich Biwak zu beziehen. Am 02.04. schlug ein schwerer Volltreffer beim II. Bataillon ein, der 7 Tote, darunter zwei Offiziere und 60 Verwundete kostete. Die Grenadierbataillone wurden daher hinter den Steilhang südlich Hargicourt gezogen.

Schützenloch bei Hargicourt, April 1918, Regimentsgeschichte

Am 03.04.1918 griff die 5. Infanterie-Division und das 2. Garderegiment zu Fuß erneut Grivesnes an, damit die Offensive wieder in Schwung kommt, sie kamen aber ebenso wenig durch, wie vorher das Erste Garderegiment zu Fuß. Die Michael-Offensive war hier, wie auch bei den übrigen Angriffsspitzen abgewehrt worden vom neuen französischen Oberbefehlshaber Maréchal Foch. Am 05.04. wies das 4. Garderegiment zu Fuß mehrere Angriffe ab, dann löste sie das Erste Garderegiment zu Fuß ab. Die Stellung, überall einsehbar vom Feind, der mit Artillerie und Baumschützen den Grenadieren und Füsilieren hartnäckig zusetzte, erwies sich als übles Schlammloch. Der Dauerregen ließ sie überdies ständig vollaufen und durchnäßte auch die Ausrüstung und Kleidung. Major Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken berichtet:

"Oben grau in grau. Darunter Lehmbrei. In der Mitte Regen, Regen, Regen und kalter Wind, - ein Wetter, »daß man keinen Hund hinausjagen«, und unsere Leute liegen nun bald drei Wochen draußen! Da hilft nur der Standpunkt der Letzten in der Klasse: »Ich kann wenigstens nicht mehr herunterkommen! Größer kann die Schweinerei nicht mehr werden!« Die Löcher, die man sich zum Schutz gegen das Eisen gräbt, laufen voll Wasser, die schlechten Zeltbahnen suppen durch, und bald gibt´s kein trockenes Fleckchen mehr. Das bißchen Stroh, das einige Bevorzugte sich beschafft haben, wird zu Mist. Trockene Füße hat seit langem niemand mehr. Aber die Stimmung ist so gut, wie die Schweinerei groß ist. Eben komme ich von einem Rundgang durch ganze Regiment. Es ist eine Freude, die Leute zu sehen und zu sprechen, die äußerlich allerdings mehr Stromern als Grenadieren gleichen. Überall herrscht Galgenhumor, und die Waffen, vor allem die Maschinengewehre, werden immer wieder gereinigt und auf jede Weise vor der Schlammflut zu schützen gesucht. Dabei sind die körperlichen Kräfte aller durch die ungeheuren Anstrengungen und Entbehrungen aufs äußerste in Anspruch genommen. Schlimm ist auch die Langeweile für die armen Leute, die ziemlich bewegungslos an ihr nasses Loch gebunden sind."

Die Nachbarabschnitte wurden in den nächsten Tagen mehrfach angegriffen, auch mit Tanks. Am 10.04.1918 wurde das Erste Garderegiment zu Fuß durch das sächsische Schützenregiment 108 abgelöst und nach Quesnel und Folies als Corpsreserve zurückgezogen. Durch gestreutes Artilleriefeuer starb dabei der Adjutant des I. Bataillons, Leutnant Friedrich August von L`Estocq. Er wurde im Beisein aller Offiziere am 12.04. an der Kirche von Quesnel beerdigt. Insgesamt hatte das Regiment bei der Michael-Offensive 9 Offiziere, 145 Mannschaften an Toten, 850 an Verwundeten und 41 Vermißte gekostet.

Am 13.04.1918 marschierte das Regiment nach Ennemain, wo Unterkunft in englischen Baracken bezogen wurde. Dann begann erneut die Ausbildung für die kommenden Kämpfe. Ende des Monats wurde das Regiment nach Belgien verlegt, wo es in und um Chimay zum ersten mal seit langer Zeit gute Quartiere bezog. Dort wurde die Ausbildung fortgesetzt. Am 15.05.1918 nahm eine zusammengestellte Abteilung des Regimentes an einer Parade der 1. Garde-Infanterie-Division vor dem Kronprinzen teil.

Am 28.04.1918 starb in einer Zelle des Gefängnisses Theresienstadt Gavrilo Princip (25.07.1894 - 28.04.1918), der Auslöser des Weltkrieges. Da Princip zum Zeitpunkt der Tat noch nicht volljährig war, konnte er nach österreichischem Recht nicht zum Tode verurteilt werden. Entscheidend dafür war ein Missverständnis, das auf einem Schreibfehler beruhte. Bei der Geburt trug der Pfarrbeamte in Princips Geburtsurkunde irrtümlich „Juni“ ein, in den kirchlichen Büchern trug er jedoch das richtige Datum (Juli) ein. Dieser Umstand bewog den Staatsanwalt dazu, die Todesstrafe für Princip zu fordern, weil er nach der Geburtsurkunde zum Tatzeitpunkt genau 20 Jahre und 15 Tage alt gewesen wäre. Das Gericht folgte den Angaben in den kirchlichen Unterlagen, wies den Antrag des Staatsanwalts ab und verurteilte Princip.

Die Feldwebel des Regimentes 1918, Regimentsgeschichte

Als das Regiment am 20.05. in den Aufmarschraum für einen neuen Angriff abmarschierte, war es durch wiederholt eingetroffenen Ersatz auf volle Gefechtsstärke gebracht worden. Am 26.05.1918 um 22:30 Uhr marschierten die Bataillone der 1. Garde-Infanterie-Division in den Bereitstellungsraum, vorne 4. und 2. Garderegiment zu Fuß, das Erste dahinter. Das Angriffsziel war der Chemin des Dames. Leider waren in der Nacht zum 26.05. zwei Deutsche in Gefangenschaft geraten, die den Angriffsplan verrieten, sodaß man den ganzen Tag über die Franzosen arbeiten sehen konnte und in der Nacht zum 27.05. der Bereitstellungsraum unter Störungsfeuer genommen wurde. Ab 2:30 Uhr wurde deutscherseits Wirkungsfeuer geschossen, um 4:40 Uhr traten die Sturmtruppen an und kamen zunächst auch gut voran indem sie der Feuerwalze dicht folgten. Um 5:45 Uhr hat das 2. Garderegiment zu Fuß den Chemin des Dames erreicht, um 6:15 Uhr das 4. Garderegiment zu Fuß die Malval-Ferme. Der zähe Widerstand wurde überall gebrochen, sodaß das 4. Garderegiment zu Fuß um 8:40 die Bergnase überschreiten konnte, das 2. Garderegiment zu Fuß erreichte um 9.00 Uhr den Südrand des Beaulner-Rückens. Um 10:30 erreichte das 2. Garderegiment zu Fuß die Aisne und beginnt teils schwimmend, teils mit selbstgebauten Flößen den Fluß zu überschreiten. Die Nachbardivision eroberte wenig später bei Pont Arcy eine Brücke, die das Übersetzten erleichterte. Um 12:00 Uhr stand die 1. Garde-Infanterie-Division zwischen Aisne und Aisne-Kanal. Um 15:00 Uhr gelang es wiederum dem 2. Garderegiment zu Fuß den Kanal zu überschreiten. Beide Kampfregimenter arbeiteten sich bis zum Abend noch bis nach Braisne vor. Das Erste Garderegiment zu Fuß war den Kampftruppen gefolgt und nahm in der Nähe der Montagne-Ferme Ruhestellung ein. Am nächsten Morgen um 5:00 Uhr ging der Vormarsch weiter, das Erste Garderegiment zu Fuß griff nur unterstützend in die Kämpfe ein und blieb sonst in zweiter Linie Um 19.00 löste dann das Erste das 4. Garderegiment zu Fuß in der vordersten Linie ab. Bei Cuiry-Housse unterbrach die Dunkelheit den Angriff. Um 5:30 Uhr griffen das II. (Grenadiere) und III. Bataillon (Grenadiere) erneut an und kamen bis zur so genannten "1. Pariser Stellung". Nach Ausschalten der flankierenden MG´s, konnte diese am nächsten Morgen um 4:30 Uhr nach Artillerievorbereitung angegriffen werden. Die Füsiliere stürmten voran, die Grenadierbataillone dahinter. In den Gräber verteidigten französische Jäger jeden Fußbreit Boden, sodaß ein erbitterter Nahkampf begann, der gegen Abend abebbte. Am 30.05.1918 sollte um 3:15 Uhr weiter in Richtung Launoy angegriffen werden. Um 7:00 Uhr besetzte das Füsilierbataillon kampflos Muret et Crouttes, gegen 13:00 Uhr war mit dem Bois St. Jean die 2. Pariser Stellung durch das II. (Grenadiere) und Füsilierbataillon erreicht. Die Füsiliere wurden durch das I. Bataillon (Grenadiere), bevor der Angriff auf die starke Stellung  begonnen wurde. Um 20:00 Uhr griffen die Grenadiere nach Artillerievorbereitung unter Umgehung des Bois St. Jean an und erreichten gegen Mitternacht die Höhe 190 nördlich Billy. Der rechte Flügel des Regimentes hing jedoch völlig in der Luft, da die anschließende 37. Infanterie-Division abhing. Am 31.05.1918 ging es weiter über Chouy gegen den Bach Ourq, welche um 10:30 Uhr erreicht wurde. Am Ourq wurde Wasser gefaßt, dann griffen das Erste und 4. Garderegiment zu Fuß über den Bach an. Nachmittags wurde Noroy gemeinsam genommen, das I. Bataillon (Grenadiere) nahm Marizy St. Mard. Dort verbrachte das gesamte Regiment die Nacht. Durch das scharfe Voranschreiten der 1. Garde-Infanterie-Division war eine Ausbuchtung in der deutschen Front entstanden, da die anderen Angriffsspitzen etwas zurück hingen. Daher wurde am 01.06.1918 die Angriffrichtung der Division nach Westen verlagert. Es sollte weiter angegriffen werden, sobald die 28. Reserve-Division Noroy erreicht hatte. Das III. Bataillon (Grenadiere) nahm vormittags Marizy St. Geneviéve, um 13:00 Uhr griff das gesamte Regiment in Richtung Troësnes, dessen Ränder bald erreicht vom I. Bataillon (Grenadiere) wird. Dann jedoch verhinderte starkes Flankenfeuer das weitere Vorgehen. Auf der Straße nach La Ferté fuhren zwei Panzerwagen auf, die sich jedoch im MG-Feuer schnell zurückzogen. Das Füsilierbataillon erreicht noch Mosloy, das II. Bataillon (Grenadiere) gelangt bis zu einer Stellung westlich Marizy St. Geneviéve. Damit stand das 1. Garderegiment zu Fuß am nahesten an Paris zu diesem Zeitpunkt. Der weitere Angriff am 02.06.1918 sollte erst durchgeführt werden, sobald die 2. Garde-Infanterie-Division Troësnes genommen haben würde. Das gelang aber nicht und so wurde der Angriff zweimal verschoben und schließlich ganz abgesagt. Am 03.06. wurde dann doch wieder angegriffen, dieses mal mit kurzer, gut sitzender Artillerievorbereitung Crépy. Die Füsiliere erleiden im MG-Feuer aus dem Wäldchen bei Mosloy erhebliche Verluste. Die Grenadiere werden aus Troësnes beschossen und kommen ebenfalls nicht weiter. Um 15:00 Uhr versuchen die Grenadiere des Garde-Grenadierregiments Nr. 2 Kaiser Franz zum letzten mal Troësnes zu nehmen - vergeblich. So grub man sich denn in den gewonnenen Stellungen ein und schlug die heftigen Gegenangriffe frischer französischer Kräfte ab. In der Nacht zum 06.06.1918 wurde das Regiment vom 16. bayr. Infanterieregiment abgelöst und marschierte nach Oulchy ab, wo es Biwak bezog. Die Kämpfe der letzten 10 Tage hatten einen Verlust von 11 Offizieren (davon 2 gefallen) und 650 Unteroffizieren und Mannschaften gekostet. Sie wurden in großer Hitze ausgefochten.

Die 2. Kompagnie nach der Frühjahrsoffensive 1918, Semper talis Blatt

Am 04.06.1918 wurde im Wald bei Arcy eine Parade vor dem Kaiser durchgeführt an der auch eine zusammengestellte Abteilung des Erste Garderegiments zu Fuß unter Leutnant von Selchow teilnahm. Es war dies die letzte Parade des Regimentes, das so oft vor seinem obersten Kriegsherrn paradiert hatte.

Am 15.06.1918 wurde das Regiment alarmiert, da man einen französischen Angriff erwartete, doch wurde im Laufe des Vormittags die Alarmbereitschaft aufgehoben und das Regiment marschierte in bessere Quartiere bei Révillon ab, welches es am 19.06. erreichte. Dort war ihm drei Wochen der Ruhe und Auffrischung vergönnt. Es wurden u. a. 12 Offiziere und 300 Mannschaften vom aufgelösten Reserve-Ersatzregiment Nr. 1 und 5 Offiziere von anderen Regimentern, da gerade der Offiziersmangel spürbar wurde. Vom 25.06.1918 an wurde nahezu täglich das Übersetzten über die Aisne geübt. Es kündigten sich also neue Angriffsunternehmungen (Deckname "Hagen") der OHL an.

Am 29.06.1918 meldeten sich gleich 50 Mann krank. Sie litten an einer bislang unbekannten Krankheit, der "spanischen Grippe" oder "Influenza", der im Jahr 1918 noch Millionen Menschen weltweit zum Opfer fallen sollten. Die Kampffähigkeit der 1. Garde-Infanterie-Division litt nun zunehmend auch an dieser Krankheit.

Der deutsche Angriff auf Epernay und die Marne sollte zunächst am 10. dann am 15.07.1918 beginnen, da es Verzögerungen beim Artillerieaufmarsch gab. Das Erste Garderegiment zu Fuß war mit der 1. Garde-Infanterie-Division, der 23. und 100. Infanterie-Division der 7. Armee und der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz unterstellt. Die 1. Garde-Infanterie-Division sollte dabei Dormans erobern, Spitze bildeten das Erste und 2. Garderegiment zu Fuß, dazwischen ein Bataillon des 4. Garderegiments zu Fuß. Am 09.07.1918 fuhr daher der Regimentsadjutant zur Erkundung in das Aufmarschgebiet voraus. Am. 10. und 11. folgte das Regiment. Das I. Bataillon (Grenadiere) nahm am 11.07.1918 an einer Parade in Fismes vor Exzellenz von Boehn teil. In Révillon mußten derweil über 230 Grippekranke zurückgelassen werden. Diejenigen, die marschfähig waren, schleppten sich vielfach nur mühsam und geschwächt voran. Am 12. und 13.07.1918 lagerte das Erste Garderegiment zu Fuß bei Cierges. Dort explodierte in der Nacht zum 13. ein Großes Munitionsdepot, was aufgrund der auch dort gelagerten Leuchtkugeln in ein wahres Feuerwerk ausartete. In der nächsten Nacht, 2:00 Uhr marschierte das Regiment in die Versammlungsräume bei Forét de Ris. Das Regimentstagebuch vermerkte zum gleichen Datum den schlechten Gesundheitszustand und die schlechte Lebensmittelversorgung. Auch von den Maikämpfen war die Truppe noch nicht recht erholt. Dennoch setzte die Regimentsführung auf den unbedingten Willen der Soldaten und großes Vertrauen in die OHL. Am 15.07.1918 um 1:10 Uhr begann die Artillerie zu feuern, die Bataillone warteten gedeckt am Marneufer. Gegen 2:00 Uhr trat die Infanterie an, vorne weg die Leib- und 3. Kompagnie, dahinter die 9. und 10. Kompagnie. Am Marneufer warteten schon Pioniere mit 4 Pontons zum Übersetzten, von denen jedoch zwei schnell zerschossen waren. Im dichten Feuer der Franzosen setzten die durcheinander gewürfelten Kompagnien auf das andere Marneufer über. Gegen 7:50 Uhr erstarkte vor dem I. Bataillon (Grenadiere) der Widerstand, als dieses Chavenay und La Fontaine Creuse erreichte. Der Bataillonschef, Major von Stephani, ließ daraufhin den Wald vor den Ortschaften ab 8:40 Uhr unter schweres Artilleriefeuer nehmen. Gegen 10:00 Uhr ging es endlich weiter voran, doch die Verluste waren erheblich. Es waren insgesamt 6 Offiziere ausgefallen, zwei davon, Leutnant von Löwenfeld und Leutnant der Reserve Brüning, gefallen. Inzwischen wurde das II. Bataillon (Grenadiere) mit der 6. und 8. Kompagnie ebenfalls eingesetzte. Zusammen mit dem Füsilierbataillon erreichte dieses gegen Mittag den Weg von der Clos Milon-Ferme nach Nordosten. Dort wurden bei Comblizy starke Feindkräfte ausgemacht. Um diese auszuschalten wurden die Truppe neu geordnet und bereit gestellt. Dann setzte um 19:30 Uhr das Artilleriefeuer ein. Der Infanteriesturm begann um 20:15 Uhr. Dabei stellte sich aber heraus, daß das schwache Feuer nur wenig Wirkung gezeigt hatte (den Batterien fehlte es an Munition). So blieb denn der Angriff im freiem Feld liegen, lediglich die 12. Kompagnie drang in die feindlichen Stellungen ein, mußte sich jedoch nachts ebenfalls wieder zurückziehen.

Offenbar hatte das französische Oberkommando genaue Kenntnis vom Unternehmen "Hagen" gehabt und die deutschen Angriffspitzen zunächst durch eine schwache 1. Linie ziehen lassen um sie dann in der zweiten, völlig unversehrten Linie abzufangen. Diese Strategie hatten bislang die Deutschen  sehr erfolgreich angewendet, nun wandten sie die Franzosen gegen sie an. Trotz des erkannten Mißerfolges, sollte am 16.07.1918 weiter angegriffen werden. Dem kamen die Franzosen jedoch um 14:00 Uhr zuvor, als sie hinter einer gewaltigen, einstündigen Feuerwalze angriffen. Dieser Angriff wurde von der 8. Kompagnie abgeschlagen, der Kompagnieführer, Leutnant Uhlig fiel dabei. Um 16:00 Uhr setzte dann das eigene Feuer ein und um 17:00 Uhr stürmte die Garde (1., 2. und 4. Garderegiment zu Fuß) erneut vor. Auch dieser Angriff mißlang. Danach setzte gegnerisches Trommelfeuer auf den ganzen Streifen der 1. Garde-Infanterie-Division bis zurück zur Übergangsstelle bei Dormans ein, ohne daß ein Infanterieangriff erfolgte. Am 16.07.1918 erkannte die OHL die Sinnlosigkeit der Fortsetzung des Angriffs und der Kronprinz gab seiner Heeresgruppe Befehl, diesen einzustellen und zur Abwehr über zu gehen. Am 17.07.1918 setzte um 11:30 Uhr starkes Artilleriefeuer ein, der folgende Infanteriesturm wurde vom Füsilierbataillon und der 7. Kompagnie abgeschlagen. Als das benachbarte Jägerregiment Nr. 3 zurückwich und die Flanke der Füsiliere bedroht war, wurden die letzte Divisionsreserven, die Gebirgs-MG-Abteilung 227 und das I. Bataillon (Grenadiere) des 2. Garderegiments zu Fuß dort eingeschoben. Den Namen "Bataillon" verdiente dieses jedoch nicht mehr, da es aus ganzen 80 Mann bestand, die zudem meist an Gasvergiftung litten. In der Nacht mußte die Front bis zur Clos Milon-Ferme zurückgenommen werden, die Füsiliere wurden abgelöst durch das I. Bataillon (Grenadiere). Wieder waren mehrere Offiziere ausgefallen, die Leutnants von Bartocki und Riecke gefallen. Zunehmend machte es sich bemerkbar, daß die Übergangsstelle unter ständigem Artilleriefeuer lag und nur wenig Nachschub die Truppe erreichte. Den ganzen 18.07.1918 über verblieb die Truppe wo sie war.

Dormans im Juli 1918, Regimentsgeschichte

An anderer Stelle war es inzwischen Maréchal Foch gelungen die deutschen Linien zu durchbrechen, sodaß der deutsche Angriff endgültig gescheitert war und sich die Truppen am 19. und 20.07.1918 über die Marne zurückzogen. Dieser vollzog sich beim Erste Garderegiment zu Fuß bis zum 20.07. 06.15 Uhr, als endlich alle Bataillone das Nordufer der Marne erreicht hatten und im Bois de Meuniére Biwak bezogen. Der Feind hatte die Absetzbewegungen nicht bemerkt und griff am 20.07.1918 vormittags leere Stellungen an. Die Verluste bei Dormans waren abermals  gewaltig: fast 500 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften waren gefallen.

Schon am 22.07.1918 wurde die 1. Garde-Infanterie-Division wieder alarmiert um die nachdrängenden Franzosen und - zum ersten male - Amerikaner aufzuhalten. Das Erste Garderegiment zu Fuß marschierte zunächst nach Aougny, dann nach Le Charmel. Dort wurden laufend Teile des Regimentes eingesetzt, bis die Front in der Nacht zum 27.07. dort zurück genommen wurde. Das Regiment zog sich in die neue Stellung bei Cierges zurück.

Bei der OHL erkannte man spätestens jetzt, daß alle Versuche, den Gegner vor Eintreffen der Amerikaner zu schlagen, gescheitert waren. Was nun blieb, war der Abwehrkampf, den auch das einst so stolze Erste Garderegiment nun bestritt. Der Herbst setzte außergewöhnlich früh ein mit Kälte und Regen. Es wurde der Herbst des deutschen Heeres. Während der fortdauernden Kämpfe dezimierte nicht nur der Feind die gegnerischen Reihen, auch die Grippe (Influenza) raffte die Männer dahin, begünstigt durch Schlamm, Nässe und Erschöpfung. Endlich wurde in der Nacht zum 30.07.1918 das Regiment nach Mont St. Martin zurückgezogen, wo es zum ersten mal seit Wochen eine längere Ruhepause erlebte. Allerdings blieb es alarmbereit und mußte Stellungen ausbauen. Die Verpflegung wurde zusehends schlechter und reichte kaum noch aus. Endlich wurde es am 02.08.1918 aus dem Kampfbereich herausgezogen. Über bergiges Gelände und schlammige Wege wurde zunächst die Ailette nördlich Cerny erreicht, dann am 06.08. die Quartiere bei Rozoy.

Am 08.08.1918 hatten die Engländer mit der Unterstützung von mehreren Hundert Tanks[8] die deutschen Stellungen bei Villers-Bretonneux angegriffen und überrollt. Ganze Stäbe gerieten in Gefangenschaft, die 2. Armee war schwer angeschlagen. Es war dies der "schwarze Tag des deutschen Heeres" Hatte man nach dem 18.07.1918 sagen müssen, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, so blieb nun nur noch die Erkenntnis, daß er endgültig verloren war. Schritt für Schritt wichen nun die Deutschen zurück auf die Siegfried-Linie, wo sie im März so hoffnungsvoll gestartet waren.

Bis zum 20.08.1918 wurde das Regiment annähernd aufgefüllt, sodaß es dann wieder einigermaßen abmarschbereit war. Dennoch steckten den Grenadieren und Füsilieren die harten Kämpfe und die Grippe noch in den Knochen. Das II. Bataillon (Grenadiere) übernahm Rittmeister von Arnim (Gardes du Corps) und das I. Bataillon (Grenadiere) Rittmeister Graf zu Eulenburg-Gallingen (2. Gardeulanen Regiment). Am 21.08.1918 wurden die Bataillone verladen, am nächsten Tag trafen sie in Aizne-le-Chateau ein. Die 1. Garde-Infanterie-Division sollte der 9. Armee helfen, deren rechter Flügel arg bedrängt wurde vom französischen Gegner. Das Regioment marschierte nach Vauxvaillon, dann wurde es aufgrund aktueller Meldungen nach Wissignicourt beordert, wo es sich bereitstellte, einen Gegenangriff gegen die Franzosen zu starten, die bei Guny durchgebrochen waren. Es war wieder heiß geworden, sodaß die Märsche sehr anstrengend waren. Ein Angriff erfolgte nicht mehr. Am nächsten Tag, dem 23.08.1918 wurde die Division auf die Südseite der Ailette vorgezogen in Erwartung eines Großangriffs um in breiter Front bei der 103. Infanterie- und der Deutschen Jäger-Division eingesetzt zu werden. Das Erste Garderegiment zu Fuß marschierte zurück nach Vauxvaillon, auf dem Marsch entstanden die ersten Verluste durch Störungsfeuer. Dort hielt es sich bereit, während die Nachrichten von schweren Einbrüchen bei den Truppen vorne eintrafen. Gegen 23:00 Uhr wurde es daher nach Leully vorgezogen. Am nächsten Tag, dem 24.08.1918 sollte die 1. Garde-Infanterie-Divison bei Béthancourt und Les Ribaudes zum Gegenangriff antreten, daher marschierte das Erste Garderegiment zu Fuß in diese Gegend und erreichte das "Saubachtal" als Ausgangsstellung. Dann wurde der Angriff auf den folgenden Tag, den 25.08.1918, verschoben um erst einmal gründlich zu erkunden. Der Angriffsplan sah vor, daß das 4. Garderegiment zu Fuß rechts, das Erste links und das 2. dahinter eingesetzt werden sollte. Nach einstündiger Artillerievorbereitung sollte sollte aus den Sturmstellungen, die nachts zuvor besetzt werden sollten, angegriffen werden. Major Graf zu Eulenburg-Wicken, der wegen der kritischen Lage aus dem Urlaub zurückbeordert worden war, setzte das das Füsilierbataillon rechts, das II. Bataillon (Grenadiere) links und das I. als Reserve zurück im Saubachtal ein. Links hatte das Regiment Anschluß an das Jägerregiment 13 der Deutschen Jäger-Division. Die zugeteilten Batterien und die Minenwerfer-Kompagnie hatten sich im aufgewühlten Gelände verlaufen und waren nicht rechtzeitig zur Stelle um den Angriff wie geplant zu unterstützen. Dennoch begann um 5:30 Uhr der Beschuß der schweren Artillerie und um 6:30 Uhr der Infanteriesturm. Um 6:50 Uhr meldete Rittmeister von Arnim, Führer des II. Bataillons (Grenadiere) die Einnahme der Kleinbahn und die Gefangennahme von 18 Franzosen. Die Füsiliere hatten zugleich den Bahndamm erreicht und die Jäger Höhe 160 genommen. Diese mußten jedoch aufgrund starker Gegenangriffe langsam zurückweichen. Die Füsiliere kamen ebenfalls nicht weiter. Nur die 5. und 7. Kompagnie stürmten weiter vor, bis sie an den Bahndamm gelangen. Dort schlägt auf die kleine Schar heftiges MG-Feuer ein, nur der Chef der 7. Kompagnie, Leutnant Gerd von Tresckow, der Bruder Henning von Tresckows, stürmte mit einem Unteroffizier weiter voran. Dann wurden sie von schwarzen Franzosen angegriffen und von Tresckow erhielt einen Bauchschuß, wurde im Handgemenge niedergeschlagen und gefangen genommen. Die schwarzen Franzosen griffen nun auch die übrigen Teile des Bataillones an, welches sich hinter den Bahndamm zurückziehen mußte und dort im Grabensystem "Spinne" zur Verteidigung einrichtete. Zwischen 7:30 und 8:00 Uhr griffen die Franzosen diese Gräben mit starken Kräften an, dabei fällt der Führer der 6. Kompagnie, Leutnant der Reserve Graefe. Die Stellungen konnten jedoch gehalten werden. Da das 4. Garderegiment zu Fuß etwas weiter vorangekommen war, nämlich bis zur Malhotel-Ferme, mußte das II. Bataillon (Füsiliere) noch am gleichen Tage zusammen mit einem frischen Bataillon des 2. Garderegiment zu Fuß die Linie "verbessern". Dieses Ziel sollte durch Aufrollen des Grabens, dessen Ostteil die 9. Kompagnie besetzt hatte, nach Norden und Westen geschehen. Um 19:00 Uhr setzte das Sperrfeuer ein, um 19:30 Uhr begann der Infanteriesturm, der jedoch schon nach wenigen Minuten abgebrochen werden mußte, da der Feind mit Artillerie, MG´s und Handfeuerwaffen feuerte und Handgranaten warf.

Die nächsten Tage dienten der Verbesserung der Stellungen und der Vorbereitung eines neuen Angriffes, der für den 28.08.1918 geplant und dann auf den 29. verschoben worden war. Zunächst war geplant zur Vorbereitung des Hauptangriffes das Füsilierbataillon noch einmal die Stellungen bis zum Bahndamm einzunehmen. Der Bataillonsführer, Hauptmann von Schauroth konnte dieses sinnlose Unternehmen jedoch durch eine klugen Bericht über Verluste und Nutzen verhindern. Am 27.08.1918 hatte Major Graf zu Eulenburg-Wicken vertretungsweise die Führung der 1. Garde-Infanterie-Brigade übernommen, da der bisherige Brigade-Führer, General von der Osten, als Kommandant einer Division abberufen worden war. Major von Stephani übernahm daraufhin die Führung des Erste Garderegiments zu Fuß. In Erwartung von Tankangriffen erhielt jedes Bataillon je ein Tankgewehr, einige Tage später je ein zweites. Am 28.08.1918 löste das I. Bataillon (Grenadiere) die Füsiliere in der vordersten Stellung ab. Am gleichen Tage verstärkten die Franzosen ihr Artilleriefeuer auf die rückwärtigen Stellungen, was als sicheres Anzeichen dafür galt, daß bald ein Angriff folgen würde. Dann steigerte sich auch das Feuer auf die vorderen Linien. Gegen 4:00 Uhr folgte ein dichter Hagel von Brand-, Spreng- und Gasgranaten, um 6:30 Uhr folgte endlich die Infanterie, unterstützt durch zahlreiche Tanks. Es war das erste mal, daß sich das "vornehmste Regiment der zivilisierten Christenheit" einem Angriff durch Tanks ausgesetzt sah. Der erste Tankangriff traf das benachbarte 2. Garderegiment zu Fuß, welches zurück wich. Als aber flankierendes Feuer der Leib- und 3. Kompagnie einsetzte, wurden die Tanks zum Wenden gezwungen und die Gräben wurden wieder besetzt. Gleichzeitig traf ein schwerer Infanterieangriff die Leibkompagnie, dieser wurde jedoch unter hohen Feindverlusten abgewiesen. Um 7:15 tauchten vom Bahndamm her 5 Tanks vor dem I. Bataillon (Grenadiere) auf, wurden dann aber durch MG- und Gewehrfeuer zur Umkehr gezwungen. Der gleichzeitige Infanterieangriff kam im massierten Feuer gar nicht erst zur Entfaltung. Gleichzeitig erkundigte sich beim Bataillonsstab ständig die Regimentsführung per Telephon nach der Lage. Der Bataillonsführer, Rittmeister Graf zu Eulenburg-Gallingen, erwiderte dem vermittelnden Telephonisten:

"Die Lage ist, das sollt ihr wissen, vergast, betrommelt und beschissen!"

Der Telephonist gab diesen Spruch ungekürzt weiter an den Regimentsstab. Um 8:00 Uhr griff der Feind mit drei Tanks das II. Bataillon (Grenadiere) an, wurde jedoch in der Spinne von der zusammengesetzten 5. und 6. Kompagnie aufgehalten. Die Kampfwagen kamen auch dieses mal dicht an die deutschen Linien heran, wurden dann jedoch von Stoßtrupps mit geballten Ladungen zur Umkehr gezwungen. Nachmittags griff der Feind erneut an, dieses mal ohne Tanks, wurde jedoch ebenfalls abgewiesen. Die Tanks, die als unwiderstehlich gegolten hatten, hatten auf die Potsdamer Grenadiere keinen Eindruck gemacht. Fünf von ihnen lagen zerschossen und aufgegeben vor ihren Stellungen. Im Heeresbericht zum 29.08.1918, dem 4. Gedenktag der Schlacht von Colonfay, wurde ausdrücklich die 1. MG-Kompagnie des Ersten Garderegiments zu Fuß und ihr erfolgreicher Kampf gegen die Tanks erwähnt. Rechts und links des Regimentes waren dem Gegner jedoch mehrere Einbrüche gelungen, was sich im Folgenden nachteilig auswirken sollte.

Abgeschossene Tanks vor den Stellungen der 3. Kompagnie, Semper talis Blatt

Am 31.08.1918 um 17:15 Uhr griff der Feind nach 3½-stündiger Artillerievorbereitung massiert an und überrollte den vorderen Graben der 3. Kompagnie, blieb dann jedoch im MG-Kreuzfeuer in der tief gestaffelten deutschen Stellung liegen. Das 2. Garderegiment zu Fuß gab gleichzeitig sein Vorfeld auf. Beides, Vorfeld und verlorene Stellungen und sogar noch 200m neues Gelände wurde jedoch in beherzten Gegenangriffen der 3. Kompagnie und 9 Mann des Bataillonsstabes zurückerobert. Das II. Bataillon (Grenadiere) wurde noch schwerer getroffen, als es von zwei Seiten von Tanks und massierter Infanterie angegriffen wurde. Die Spinne mußte, da drei MG´s vernichtet waren und zudem die Munition ausging, aufgegeben werden. Ein Gegenangriff der 8. Kompagnie blieb liegen, das Bataillon mußte auf die Hauptkampflinie zurückweichen. In der Spinne zeugten zwei Tank-Wracks von den heftigen Kämpfen. Die tiefen Einbrüche bei den Nachbareinheiten zwangen die 1. Garde-Infanterie-Division in die neuen Stellungen östlich der Straße Coucy-Terney-Sorny zurück zu gehen. Das Erste Garderegiment zu Fuß wurde aus der Front herausgezogen und bekam Befehl sich als Brigadereserve bei Auffrique und Iumencourt bereit zu stellen um die weiteren Absetzbewegungen zu decken, da dem Feind weitere Einbrüche gelungen waren und die Front weiter und weiter zurück genommen werden mußte. Dieser Befehl trug schon die Unterschrift des neuen Brigadekommandeurs, Oberst Graf von der Schulenburg, Major Graf zu Eulenburg-Wicken konnte also wieder zum Ersten Garderegiment zu Fuß zurückkehren. Er erhielt ebenso den Befehl über das 4. Garderegiment zu Fuß, das nahezu aufgerieben war. In der Nacht vom 04. zum 05.09.1918 wurde befehlsgemäß die Stellung geräumt und der Rückmarsch in die Siegfriedstellung durchgeführt. Die Kämpfe in diesem Abschnitt hatten das Regiment den Verlust von 14 Offizieren und ca. 500 Mann gekostet.

Blick von der Bauquois-Höhe auf den Cheypy-Wald im September 1918, Semper talis Blatt

Am 04.09.1918 telegraphierte der Kaiser an Graf zu Eulenburg-Wicken:

"Wie mir zu meiner Genugtuung gemeldet ist, sind von meinem Ersten Garderegiment zu Fuß schwere feindliche Angriffe abgeschlagen worden und der an anderer Stelle eingebrochene Feind im Augenblick großer Gefahr durch den von Ihnen persönlich angesetzten Gegenstoß zurückgeworfen worden. In Anerkennung dieses tatkräftigen entscheidenden Verhaltens von Führer und Truppe sende Ich dem Regiment meinen Gruß und Dank und verleihe Ihnen das Eichenlaub zum Orden Pour le Merite.

gez. Wilhelm I.R."

Graf Eulenburg-Wicken dankte Seiner Majestät mit folgendem Telegramm:

"Euer Majestät bitte ich des Regiments und meinem alleruntertänigsten Dank für die gnädigen Worte der Anerkennung und die hohe, beschämende Auszeichnung entgegenzunehmen. Das Regiment wird nie vergessen, was es seiner Überlieferung schuldig ist."

Zu Vivaise, der ersten Station auf dem Marsch in die Sammelquartiere bei Crépy an der Serre, überreichte Prinz Eitel Friedrich die hohe Auszeichnung. Das Eichenlaub zum Pour le Mertite war die höchste Kampfauszeichnung, die es im kaiserlichen Heer zu erwerben gab. Es wurde 1914-18 insgesamt 122 mal verliehen, davon ganze 7 mal an Truppenführer, die diese Auszeichnung für persönliche Tapferkeit erhielten.

Die Stellung auf der Bauquois-Höhe im September 1918, Semper talis Blatt

Am 08.09.1918 wurden auf höheren Befehl die 3., 5. und 11. Kompagnie aufgelöst, da sie nahezu aufgerieben waren und Ersatz nicht zu erwarten war. Anstatt in die wohlverdiente Ruhe zu gehen, wurde das angeschlagene Regiment am 09.09.1918 erneut verladen und in die Argonnen gebracht. Es ging zunächst nach Briquenay und Bessu, unweit Grandpré. Am 12.09.1918 marschierte das Regiment am kommandierenden General der Heeresgruppe, Excellenz Frantze vorbei, der tief beeindruckt sagte, daß er so etwas "vortreffliches" lange nicht gesehen hätte. Am 13. und 15.09.1918 kam Ersatz aus dem aufgelösten Infanterie-Regiment Nr. 201, mit Offizieren und Unteroffizieren rund 250 Mann. Am 17.09. löste das Regiment in der Stellung südöstlich Varennes ab. Der Divisionsabschnitt hieß "Tiefland", der Regimentsabschnitt "Weinberg". Die Stellungen waren teilweise überhaupt nicht vorhanden, und wenn doch nur mangelhaft ausgebaut. Der Feind konnte die teilweise nur 1 bis 1½ m tiefen Stellungen einsehen, die Drahthindernisse waren verfallen, viele Vorfeldgräben feindwärts nicht verdrahtet. Das Gelände war verzwickt und unübersichtlich. Aber immerhin galt die Stellung als so ruhig, das der Regimentsführer beurlaubt wurde. So passierte denn auch außer Instandsetzungsarbeiten und gelegentlichen Patrouillen nicht viel. Bei einer dieser Patrouillen fiel am 20.09.1918 Leutnant von Friedeburg mit gerade mal 18 Jahren. Am 22. und 24.09.1918 traf noch einmal Ersatz ein, sodaß die "Neuen" schon fast 400 Mann im Regiment ausmachten. Am 22.09. wurde erhöhte Tätigkeit hinter den Linien des Feindes und das Auftreten von Amerikanern bemerkt. Die 1. Garde-Infanterie-Division meldete, daß wahrscheinlich ein Großangriff bevorstünde. Gerade, als eine Umgruppierung der Bataillone (I. und Füsilierbataillon nach vorne, II. in Reserve dahinter) vor sich ging, am 25.09.1918 um 23:00 Uhr, begann der feindliche Angriff mit schwerem Artilleriefeuer, welches um 2:30 Uhr noch gesteigert wurde. Ab 3:00 Uhr lag stärkstes Trommelfeuer auf den Geschützen der Hauptwiderstandslinie I, den Gefechtsständen und Gräben. Alle Mulden wurden vergast, die oberirdischen Leitungen unterbrochen, sodaß der Regimentsführer Major von Stephani nur gelegentlich erfuhr, was vor sich ging. Weiterhin lag dichter Herbstnebel über dem Schlachtfeld. Um 6:00 Uhr griffen die Amerikaner in dichten Massen an und tauchten plötzlich aus dem Nebel heraus auf. Das Vorfeld wurde überrannt und auch in die Hauptwiderstandslinie I drang der Feind ein. Die überraschten deutschen Truppen konnten sich nur einzeln und unter schweren Verlusten nach hinten durchschlagen. Major von Stephani erhielt erst um 9:00 Uhr Nachricht vom feindlichen Einbruch und wenige Minuten später tauchte auch schon die erste Streife vor dem Regimentsgefechtsstand auf. Major von Stephani begab sich daraufhin sofort zum Rückhaltbataillon von Wedel, das gleichfalls von den Vorgängen noch nichts wußte. Dort wurden sofort Gegenmaßnahmen ergriffen: die 8. Kompagnie sollte über den Argonnerriegel vorstoßen und die Trümmer der beiden anderen Bataillone aufnehmen, 6. und 7. Kompagnie gingen ebenfalls zum Argonnerriegel vor. Gegen 10:30 Uhr war endlich der feindliche Vorstoß gestoppt. Dann aber ging der linke Nachbar zurück, was zu einer offenen Flanke des II. Bataillons (Grenadiere) führte. Daher zog sich dieses bis zur Hauptwiderstandslinie II südlich Epionville zurück, dort wurde es unterstützt durch das Infanterieregiment Graf Tauentzien von Wittenberg Nr. 20. Inzwischen sammelten sich die Reste des I. (Grenadiere) und III. Bataillons (Füsiliere) vor Epionville. Nachmittags war der Feind bis Ivoiry durchgebrochen, sodaß auch Epionville aufgegeben werden mußte und sich das Regiment bis Eclisfontaine zurückzog. Die Verluste waren abermals verheerend gewesen: 4. und 9. Kompagnie nahezu aufgerieben, Leibkompagnie nur noch in Resten vorhanden. 6 Offiziere wurden vermißt, 3 waren gefallen. Außerdem hatte das Erste Garderegiment zu Fuß das erste mal in seiner Geschichte eine Stellung nicht gehalten, ja es war sogar teilweise zerschlagen und zurückgedrängt worden. Am nächsten Tag griffen die Amerikaner erneut an, wurden aber unter schweren Feindverlusten im zusammengefaßten MG-, Infanterie- und Artilleriefeuer abgewiesen. Als aber die benachbarte 5. Garde-Infanterie-Division zurückwich, ging auch das Erste Garderegiment zu Fuß - oder besser dessen völlig erschöpfte Reste - zurück bis zur Linie Exermont-Cierges. Am Abend des 28.09.1918 wurde es herausgezogen und als Gruppenreserve bei Gesnes gesammelt.

Die Reste der Leib- und 2. Kompagnie nach den schweren Kämpfen bei Crécy-au-Mont im September 1918, Regimentsgeschichte

Das Regiment war auf nur noch rund 315 Mann zusammengeschmolzen. Major Graf zu Eulenburg-Wicken war am 26.09.1918 erneut aus seinem Urlaub abberufen worden und übernahm am 30.09.1918 wieder die Führung des Regiments, das inzwischen als Corpsreserve in Grandpré lag. Die Reste aller drei Bataillone wurden zu einem Bataillon („Bataillon Eulenburg“) unter der Führung von Hauptmann von Wedel zusammen gefaßt. Dieses Bataillon bestand aus drei Infanteriekompagnien und einer MG-Kompagnie. Als Corpsreserve blieb es alarmbereit. Die Quartiere waren außerdem so schlecht, daß an Erholung nicht zu denken war. Schon am 02.10.1918 wurde das Bataillon Eulenburg alarmiert und marschierte zum "Bayernrücken" westlich Chatel. Es sollte dort den Gegner, der auf Fléville vorrückte angreifen. Dazu sollte es die Aire überschreiten, was es nach langem Suchen (Fléville war schon in Feindeshand) bei St. Juvin endlich durchführen konnte. Dort angekommen, erhielt es den Befehl, nach Bessu zurück zu marschieren. Das Bataillon hatte zwar keinen Kampfeinsatz, war jedoch durch die Strapazen zusätzlich geschwächt worden. Am 06.10.1918 wurde eine neue MG-Kompagnie aufgestellt. Das Bataillon Eulenburg deckte derweil bis zum 09.10.1918 die rechte Flanke der bei Termes kämpfenden Truppen. Am 10.10. wurde es endlich aus der Front herausgelöst und nach La Croix zurück verlegt. Die Ruhe dauerte auch hier nicht lange, denn am 13.10.1918 wurde das Bataillon Eulenburg erneut alarmiert und marschierte nachts über unwegsames Gelände und knietiefen Schlamm  in die Stellungen bei Beaurepaire. Durch mangelnde Ortkenntnis der zugewiesenen Führer und unklare Befehle, war der Anmarsch erst um 7:00 Uhr morgens beendet. Am Morgen des 14.10.1918 griff der Feind nach heftigem Trommelfeuer an und erzielte einige Einbrüche in die vorderen Linien. Das Bataillon Eulenburg erhielt daraufhin Befehl, den Gegner zurück zu werfen, was anfänglich in dem unübersichtlichen Gelände auch gelang. Dann aber setzte heftiges Artilleriefeuer ein und es erfolgten starke Gegenangriffe. Am Abend saßen die Amerikaner in den eigenen Stellungen. Am nächsten Morgen griffen die Amerikaner erneut an und zerschlugen dabei eine der drei Infanteriekompagnien. In der Regimentsgeschichte steht dazu zu lesen: "Dann aber war das Bataillon am Ende seiner Kraft angelangt!" uns so mußte es am 16.10. aus der Front herausgezogen werden und marschierte nach La Croix zurück. Am 17.10.1918 marschierte es in Ruhequartiere nach Vendresse. Auch hier blieb es nicht lange, denn schon am 19.10. wurde es zurück nach La Croix beordert. Dort wurde die "Abteilung Eulenburg" gebildet, bestehend aus je einem Bataillon des Ersten, 2. und 4. Garderegiments zu Fuß, der 5. Garde-Pionierkompagnie und zwei Batterien des 1. Gardefeldartillerieregiments. Am 20.10.1918 marschierte diese Abteilung ab. Sie bezog Stellung in den Mulden an der Chaussee nach Vouziers. Der für den Nachmittag geplante Angriff wurde auf den nächsten Tag verschoben und so verbrachte man eine schlechte Nacht auf dem nackten Erdboden. Am 21.10.1918 um 9:00 Uhr trat die Abteilung zum Angriff an, der auch gut voran kam. Die Höhen südöstlich Chestres wurden genommen, die "Fürstenhöhe" ebenso. Dann jedoch schlug eigens Artilleriefeuer in die Stellungen und die eben gewonnenen Position mußte wieder aufgegeben werden. Beim III. Bataillon (4. Garderegiment zu Fuß) schlug ein Volltreffer im Bataillonsstab ein und tötete alle dort anwesenden Offiziere. Am 22.10.1918 griff die Abteilung erneut an, geriet jedoch nach 7:15 Uhr in starkes Störungsfeuer französischer Artillerie und MG-Feuer. Um 7:45 Uhr setzte ein Gegenangriff ein. Ab 10:00 Uhr wurde die "Fürstenhöhe" unter gezieltes Artilleriefeuer genommen, um die französischen MG-Nester auszuschalten. Der Angriff wurde jedoch auf 18:00 Uhr verschoben. Von 17:55 Uhr bis 18:10 Uhr lag das Gelände unter Artilleriefeuer, der folgende Angriff blieb jedoch erneut im MG-Feuer liegen. Am 23. und 24.10.1918 lagen die eigenen Stellungen unter feindlichem Artilleriefeuer, der Infanterie-Angriff erfolgte am 24.10. abends, er wurde jedoch abgewiesen. Das Wetter und mit ihr die Stimmung der Truppe - schenkt man jedenfalls der Regimentsgeschichte Glauben - besserten sich zusehends. Am 24.10.1918 hieß es im Heeresbericht "Östlich von Vouziers taten sich in den letzten Kämpfen Teile der 1. Garde-Infanterie-Division unter Major Graf von Eulenburg besonders hervor."

Abgeschossener Tank vor den Stellungen des Ersten Garderegiments zu Fuß, Semper talis Blatt

In der Nacht vom 25. zum 26.10.1918 wurde die Abteilung Eulenburg aus der Front gezogen und aufgelöst. Das Bataillon des Ersten Garderegiments zu Fuß marschierte am 30.10. nach Chagny und Marquigny. Dort traf Ersatz ein, der es erlaubte, das I. Bataillon (Grenadiere) und das Füsilierbataillon neu aufzustellen. Das II. Bataillon (Grenadiere) wurde jedoch nicht wieder aufgestellt, sondern endgültig aufgelöst und die verbliebenen Mannschaften auf die Kompagnien verteilt. Am 31.10.1918 war dem Regiment endlich ein Tag Ruhe vergönnt, doch schon am 01.11.1918 ging es wieder an die Front. Es grub sich am Südufer des Ardennenkanals bei Day ein. Am 02.11.1918 unternahm das I. Bataillon (Grenadiere) einen Vorstoß in das Waldgelände südöstlich Neuville, der zwei MG´s und einige Gefangene einbrachte. Da die Anschlußtruppen liegen geblieben waren, mußte auch das Erste Garderegiment zu Fuß in die Ausgangsstellungen zurückgehen, wo die Leibkompagnie nachmittags einen Angriff abzuwehren hatte. In der Nacht wurde die Linie auf das Nordufer des Kanals zurückgenommen. Die OHL verlegte nun die Verteidigung hinter die Maas und im Zuge dieser Absetzbewegung ging auch das Erste Garderegiment zu Fuß unter Nachhutgefechten nach Norden zurück. Am 07.11.1918 überschritt es die Maas bei Sedan und ging bei Vrigne-Meuse in Stellung. Am 09.11.1918 wurde es dort abgelöst und nordwärts gezogen. Dort kam es gegen 2:30 Uhr an und ging zur Ruhe über. Major Graf zu Eulenburg-Wicken hatte der Führung des nachfolgenden Regiments genau die Schwachstellen schriftlich genannt und auch aufgezeigt, wie man diese beheben könne. Dennoch war nichts geschehen und so konnten die Franzosen am nächsten Morgen durch die Linien der ausgepumpten Deutschen über die Maas vorstoßen. Daraufhin wurde das Erste Garderegiment zu Fuß um 9:00 Uhr erneut alarmiert. Am 10.11.1918 um 11:45 Uhr führte so das stolze 1. Garderegiment zu Fuß seinen allerletzten Angriff am letzten Tag des 1. Weltkrieges durch und nahm die verlorene Stellung und sogar noch einen Teil der Nachbarstellung. Im dichten Nebel kamen die Angreifer gut voran gegen nur schwach verteidigte französische Posten. Das I. Bataillon (Grenadiere) stürmte mit der 4. Kompagnie und der Leibkompagnie voran. Als die Sonne durch den Nebel brach, griff die Leibkompagnie mit "Hurra" den weichenden Feind erneut an und erbeutete ein MG und machten mehrere Gefangene. Abends dann kam die Nachricht, daß Waffenstillstand herrsche und in der Nacht zum 11.11.1918 wurde das Erste Garderegiment zu Fuß aus der Front herausgelöst.

Bis dahin waren im Ersten Garderegiment zu Fuß im Verlaufe des Weltkrieges insgesamt 97 Offiziere, 480 Unteroffiziere und 4.025 Grenadiere/Füsiliere gefallen.

Am Morgen des 11.11.1918 versammelte Major Graf zu Eulenburg Wicken das Erste Garderegiment zu Fuß und hielt die folgende Ansprache, die hier im ungekürzten und unkommentierten Wortlaut wiedergegeben wird:

"Mein geliebtes, teures Regiment!

Wir stehen am Ende des gewaltigsten Ringens der Weltgeschichte. Wie ihr wißt, haben wir seit heute Nachmittag Waffenstillstand. Doch nicht frohen Herzens können wir ihn begrüßen, wie wir es alle gehofft hatten: das Vaterland liegt schwer darnieder. Aber einen Lichtblick in dieser dunklen schweren Zeit bedeutet für das Regiment der gestrige Tag, der letzte Tag des Krieges, an dem ihr dem Franzosen noch einmal gezeigt habt, was deutsche Männer sind, daß das Erste Garderegiment noch das alte ist, Semper talis! Das danke ich euch aus tiefstem Herzen.

Vier Jahre beispiellosen Kampfes liegen hinter uns. Vier Jahre lang bis zum letzten September in weit über hundert Schlachttagen hat das Regiment keine Stellung verloren und keinen Angriff versagt. Auch an jenem 26. September, als es zum ersten und einzigen Male infolge widriger Umstände dem vielfach überlegenen Feinde weichen mußte, hat es, den ihm vertrauten Boden schrittweise zäh verteidigend, seinen alten Ruf bewährt. Seit dem stehen wir sieben Wochen in schwersten Kämpfen, in Kälte, Schmutz und Nässe. Nur dreimal hatten wir ein Dach überm Kopf. Es ist mein Stolz, daß all das die Kampfkraft des Regiments nicht brechen konnte und daß es gestern, am letzten Kriegstage, seinen alten Angriffsgeist bewährt hat wie im Sturmesherbst 1914.

Schwer lastet das Schicksal auf dem Vaterlande. Durch den Zusammenbruch unserer Bundesgenossen fiel die ganze Last des Krieges auf uns allein. Die Übermacht des Feindes wuchs von Tag zu Tag. Mit schwer keuchender Brust konnte das Heer sich ihrer kaum noch erwehren. Diesen Augenblick, wo der Feind uns vorn an der Gurgel faßt, benutzten Verräter in der Heimat, von selbstsüchtigen Verführern aufgehetzt, um uns das Messer in den Rücken zu stoßen. Sie haben die Bahnen und die Rheinbrücken besetzt, uns die Zufuhren abgeschnitten und unseren geliebten Kaiser und König gezwungen, dem Throne zu entsagen. So haben sie es erreicht, daß ein übereilter Waffenstillstand zu den schmählichsten Bedingungen geschlossen, der alte deutsche Rhein dem Feinde preisgegeben werden mußte. Der nachfolgende Frieden wird uns Bedingungen aufzwingen, die unser Volk in Schmach und ewige Armut werfen und unter denen noch unsere Enkel stöhnen werden.

Ob wir in drei Tagen noch zu leben haben werden, ist ungewiß. Die uns in diese Lage brachten und das Vaterland stürzten, sind dieselben, die sich daheim an hohen Löhnen mästeten, während wir hier in Schmutz und Kälte unser Blut und unsere Knochen daran setzten, um jene zu schützen. Wer in Deutschland regiert, ich weiß es nicht. An der Spitze der Heeresleitung ist unser allverehrter Heldenführer, der Feldmarschall Hindenburg, geblieben. Wir können ihm nicht genug danken. Was muß es für ihn heißen, der mit Preußens Ehre und Stolz aufgewachsen ist, der Deutschland groß werden sah und der mit allen Fasern seiner Seele an unserem Hohenzollernstamm hängt, nun ohne den Kaiser befehlen zu sollen. Ohne ihn, dem Deutschland in diesem Kriege alles dankt, der es schon einmal vor der Vernichtung durch die Russenhorden errettete, wären wir jetzt völlig führerlos.

Was fordert nun der heutige Tag von uns, was verlangt das Vaterland? Es heißt bleiben als deutsche Männer, als Erstes Garderegiment, was wir gewesen sind in allem Sturm der Zeit, Semper talis, komme was wolle! Kopf hoch in Strammheit und Gehorsam, in Pünktlichkeit und Pflichttreue! Den Potsdamer Geist erhalten als einen Fels, an dem die Schmach der Zersetzung und Erniedrigung des Vaterlandes branden muß. Das Regiment so zu erhalten, ist noch meines Lebens einziges Ziel. Wollen wir es erreichen, so heißt es, fest und treu zusammenstehen in gegenseitigem Vertrauen. Ich habe Euch hierher gerufen, um jeden einzelnen ins Auge und in die Seele zu sehen.

Zunächst gilt es, in Ordnung die Heimat zu erreichen. Keinesfalls darf sich die "graue Flut" dorthin ergießend den Heimatboden vernichten. Was uns die nächsten Zeiten bringen werden, wissen wir nicht. Auf alles müssen wir vorbereitet sein, auch auf neuen Kampf. Aber eins ist nötig: Ihr müßt euch auf mich und ich mich auf euch felsenfest verlassen können. Wer glaubt, den Weg, den ich ihm weisen muß, nicht mitgehen zu können infolge seiner Überzeugung, der sage es heute seinem Kompagnieführer. Ich werde ihn in Frieden des Regimentes entlassen. Unter uns darf in dieser schweren Lage keiner sein, der des Ersten Garderegiments Geist nicht in sich trägt.

Und nun laßt uns, wie wir es so oft getan an manchen stolzen Tage, auch an diesem ernsten, schicksalschweren unsere Treue bekräftigen, die Treue, die nie enden kann, mag kommen, was da will, die Treue zu unseres Kaisers Person. Laßt uns rufen nach alter Art:

Seine Majestät, unser geliebter Kaiser und König, der Chef unseres stolzen Regimentes, hurra, hurra, hurra!"

Die Soldaten stimmten mit ein und ein letztes mal erschallte über die belgischen Berge das vielstimmige "Hurra!" Keiner der Soldaten bat um seine Entlassung, keiner forderte auch in diesem Regiment Soldatenräte.

Der Kaiser war schon am 09.11.1918 ins holländische Exil geflohen, wo er bis zu seinem Tode 1941 blieb und auch bestattet wurde. Einen Großteil seiner Uniformen nahm er mit und so kann man die wohl größte Sammlung preußischer Offiziersuniformen der Vorkriegs- aber auch Kriegszeit bis heute in Haus Doorn in Holland bewundern. Darunter sind natürlich auch etliche Stücke „seines“ Ersten Garderegiments zu Fuß, welches am 09. und 10.11.1918 ohne ihren obersten Führer weiter gekämpft hatte ohne dies zu ahnen.

Nachdem der Kaiser nun im Exil weilte, mußte auch die Kaiserin aus Sicherheitsgründen das Neue Palais verlassen. Die Wache des Neuen Palais hatte zwischenzeitlich auch dort die rote Fahne gehisst. „Dieser trübe November 1918!“ schrieb ein Potsdamer Chronist dieser Zeit, Ludwig Sternaux, in seinem Potsdambuch. „In letztem welken Flor das Neue Palais, der Park entblättert, tot die Wege zwischen den kahlen Bäumen. Und grau, trist, mit dünnem Nebel vor den Fenstern, der Morgen des 14. November. Im Muschelsaal versammelt sich das Personal, zögernd und bedrückt. Und dann tritt die Kaiserin ein, schlohweiß, verhärmt; Prinz Eitel Friedrich muß sie stützen. Hier im Muschelsaal, in dem immer die Weihnachtsfeier stattfand, wo sie ihrem Personal beschert hat, nimmt sie Abschied.“ Ein letzter Dienst wurde der Kaiserin vom Ersten Garderegiment zu Fuß geleistet. Der Kommandeur des Ersatzbataillons kommandierte an Leutnant der Reserve Gruber: "Stellen Sie sofort eine Wachkompagnie zusammen und führen Sie sie zum Neuen Palais!" Bald war das Kommando zusammengestellt und es konnte abgerückt werden, bis zum Brandenburger Tor (in Potsdam) mit angezogenem Gewehr, dann befahl Gruber: "Rührt Euch - Ein Lied!". Da sangen die alten Gardisten "In der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehen." Die Potsdamer, die mit ihnen zogen, weinten. Im Neuen Palais rückte das Wachkommando spät abends ein und bezog das alte Wachgebäude. Es wurden Posten aufgestellt. Dann kam die Nachricht, daß die Kaiserin in einer Stunde nach Doorn[9] abfahre. Von diesem Augenblick an wurde nur noch gedämpft gesprochen. Ein Wagen fuhr vor, die Flügeltüren öffneten sich, die Kaiserin trat heraus und ging langsam die Treppen herunter. Es erscholl die letzte Meldung: "Eine Wachkompagnie vom Ersten Garderegiment zur Palastwache kommandiert!" Die Kaiserin nickte dem meldendem Offizier langsam zu, blickte zu den Posten, die unter präsentiertem Gewehr standen, grüßte noch ein letztes mal und stieg in den Wagen. Die Soldaten blickten dem davonfahrenden Wagen wehmütig nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Sie blieben noch eine Weile so dastehen, bis sie sahen, daß im Palais eines der hellen Fenster nach dem anderen dunkel wurde und schauten still zu, bis auch das letzte Licht verlosch. Am nächsten Morgen gab es niemanden mehr im Palais, der die Abmeldung der Wache entgegengenommen hätte. Die Soldaten rückten nun wieder ab in die Garnison. Sie sangen nun nicht mehr. Man schrieb den 15.11.1918.

Die 1. Garde-Infanterie-Division marschierte derweil geordnet in die Heimat und schließlich nach Potsdam zurück. Am 11.12.1918, einem winterlichen Regentag, zog das Regiment in die alte Garnison in Potsdam ein, am Abend vorher hatten die auf Genesungsurlaub in Potsdam weilenden Offiziere von Selchow und von Kurowski in aller Stille die Fahnen des Regimentes aus dem Potsdamer Stadtschloß geholt und dem Regiment entgegen gebracht. Vor den Toren der Stadt übergaben sie sie dem Regiment  und so flatterten ein allerletztes mal die Fahnen dem Ersten Garderegiment zu Fuß voran, welches mit klingendem Spiel in die Stadt einzog. Die Division wurde angeführt von der 3. Escadron des Leibgarde-Husaren-Regimentes mit ihren schwarz-weißen Lanzenwimpeln. Danach kam der Divisionsstab mit dem General von Jena, dann der Stab der 1. Garde-Infanterie-Brigade, dann der Regimentsstab mit Major Graf zu Eulenburg-Wicken an der Spitze. Dahinter die vier silbernen Fahnen des Regimentes vor der Leibkompagnie. Dem Erste Garderegiment zu Fuß folgte das 2. und 4. Garderegiment zu Fuß, dahinter eine Abteilung des 1. Garde-Feldartillerieregiments und Pionier-Formationen. Dabei wurde die einziehenden Truppen von den Bürgern, die den Einzug dicht gedrängt am Straßenrand verfolgten, mit Blumen überschüttet. Der Einzug erfolgte quer durch die Stadt, in der Waisenstraße stand an einem Fenster Prinz Eitel-Friedrich von Preußen. Dieser wurde von allen Teilen seiner alten Division gegrüßt. Auf dem Lustgarten wurde das Erste Garderegiment zu Fuß vom zweiten Bürgermeister der Stadt Potsdam, Dr. Rauscher begrüßt. Dann nahm General von Jena noch einen Vorbeimarsch ab. Dies war nun die letzte Parade des Regimentes, welches einst stets zu Ehren seiner königlichen und kaiserlichen Chefs paradiert hatte.

Einzug des Ersten Garderegiments zu Fuß in Potsdam am 11.12.1918, Semper talis Blatt

Hier in der alten Garnisonstadt war alles anders geworden. Beim Ersatz-Bataillon waren die "Fesseln der Ordnung" gelöst worden, daher erging noch am Abend des 11.12.1918 ein Regimentsbefehl, der Grußpflicht, Zapfenstreich, vorschriftsmäßigen Straßenanzug und die Auflösung der Soldatenräte anordnete. Daraufhin erhob sich große Aufregung in allen Potsdamer Räten. Dem Divisionsstab wurde vom "Arbeiter- und Soldatenrat" ein Ultimatum gestellt, mit der Forderung sofortiger Zurücknahme des Regimentsbefehles und der Wiederhissung der roten Fahne unter Paradeaufstellung einer Ehrenkompagnie des Ersten Garderegiments zu Fuß. Die 1. Garde-Infanterie-Division unter ihrem Führer General von Jena schloß mit der Stadt Potsdam und dem Arbeiterrat einen Vergleich ab, der zu dem Befehl an das Regiment führte, Soldatenräte einzusetzen. Die restlichen, völlig irrwitzigen Forderungen wurden selbstverständlich nicht erfüllt. Dennoch war auch diese Unterwerfung unter den "Arbeiter- und Soldatenrat" für Major Graf zu Eulenburg-Wicken ein Widerspruch gegen seine innerste Überzeugung. Er konnte mit diesem Vergleich auch sein am 11.11.1918 gegebenes Versprechen nicht mehr einhalten. Daraufhin legte er die Führung des Regimentes nieder, da er „...der Überlieferung des Regiments und sich selbst nicht untreu“ werden konnte, wie er sagte. Ein allerletztes mal versammelte er daraufhin das Erste Garderegiment zu Fuß in der Potsdamer Garnisonkirche, bei den Gräbern der beiden Preußenkönige um ihm seinen Entschluß mitzuteilen. Es war still, als er seinen Entschluß verkündete und erklärte, warum er nicht weiter der Führer des Regimentes sein konnte. Jeder Anwesende wußte nun, daß das Alte zusammengebrochen war. Mit dem Führer ging auch das Regiment dahin. Stumm verließen die Bataillone die Kirche und rückten ab in die Kaserne in der Priesterstraße. Die Offiziere sammelten sich, wie stets nach Messen in der Garnisonkirche, am Portal zum Langen Stall. Nur daß dieses mal nicht wie einst die kaiserlichen und königlichen Hoheiten dabei waren. Die Offiziere waren ratlos, nachdenklich, was sollte denn nun geschehen? Da kamen die vier Fahnenträger mit den Fahnen des Regiments aus der Kirche heraus und ohne jegliche Anweisung traten die Leutnants von L´Estocq und von Taysen an die Träger heran und begleiteten sie stumm und ohne Spiel auf ihrem Weg zurück in das Stadtschloß. Es war aus, die Soldaten rückten ab zu ihrem letzten Marsch. Damit hatte das Königlich Preußische Erste Garderegiment zu Fuß aufgehört zu bestehen.

 

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[1] Hier irrt Willnitz womöglich, denn die alten Vorgängerregimenter, aus denen das Erste Garderegiment zu Fuß hervorgegangen ist, waren beide während des Pfälzer Erbfolgekrieges 1688-97 schon einmal in dieser Gegend. Am 23.09.1694 fand die Schlacht um die Feste Huy statt. Je ein Bataillon Kurprinz Nr. 6 und von Lottum Nr. 15 befanden sich dabei beim Korps des Generals von Heyden. Nach der Schlacht verlieb das Bataillon von Lottum Nr. 15 als Besatzung in Huy. Vom 19.07. bis 03.08.1695 wurde die Stadt Namur belagert und erobert. Ein Bataillon des Regiments Kurprinz Nr. 6 stand dabei auf dem rechten Maas-Ufer beim Korps des Generalfeldmarschalls von Flemming. Man befand sich also auf geschichtsträchtigem Boden für die Garde.

[2] Unter den Verwundeten war auch ein Leutnant Berndt von Kleist, dem nach schwerer Verwundung ein Bein amputiert werden mußte und der damit aus dem Regiment ausschied. Er beteiligte sich später am Widerstand gegen Hitler als Mitglied des Stabes von Henning von Tresckow bei der Heeresgruppe Mitte.

[3] Von Bismarck und später Graf zu Eulenburg-Wicken erhielten in der Ernennungsurkunde die Bezeichnung „Regimentsführer“, da ja der Prinz nach dem Krieg wieder der Regimentskommandeur werden wollte.

[4] Vornehmlich das Reserve-Infanterie-Regiment 261, welches insgesamt 300 Mann vom Ersten Garderegiment zu Fuß erhielt, zum einen Teil aus der Heimat, zum anderen, wie hier beschrieben, direkt aus dem Felde. Auch Offiziere wurden versetzt, darunter Major von Goerne, der Regimentschef wurde.

[5] Das lassen zumindest einige Fotoaufnahmen vermuten. Eine Vorschrift findet sich hierzu nicht, vermutlich wurde diese am Ende des 2. Weltkrieges mit dem gesamten Preußischen Staatsarchiv vernichtet. Es würde allerdings gut zur Garde passen, die sich ja nun nicht mehr weiter von der Linie abhob, ein solches Wappen zu führen. Auf dem Einband der offiziellen Regimentsgeschichte des Ersten Garderegiments zu Fuß findet sich ebenfalls ein Helm mit derartigem Wappen. Es darf demnach mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, daß dieses Wappen tatsächlich zumindest von diesem Regiment getragen wurde. In der Zeitschrift für Heereskunde Nr. 352 Nov./Dez. 1990 S. 156, schreibt dazu H. R. von Stein: "Das beim 1. Garde-Regiment zu Fuß im ersten Weltkrieg am Stahlhelm als Abzeichen ein Hohenzollern-Wappen getragen wurde, dürfte weitgehend bekannt sein. Weniger bekannt ist aber, das auch das 1. Garde-Feldartillerie-Regiment ein Hohenzollern-Wappen am Stahlhelm getragen hat. Leider schweigen sich soweit ich feststellen konnte, die Regimentsgeschichten über die Einführung dieses Stahlhelm-Abzeichens und den Grund dafür aus. Wahrscheinlich wurden bei beiden Regimentern etwa 1917 oder 1918 diese Abzeichen befohlen, eventuell, weil der Kaiser bei beiden Regimentern Chef war. Das beim 1. Garde-Regiment zu Fuß getragene Hohenzollern Wappen war unten spitz, das beim Garde-Feldartillerie-Regiment unten rund."

[6] Das Infanterieregiment Freiherr von Sparr (3. Westfälisches) Nr. 16 war in Köln-Mülheim im Rheinland stationiert. Mülheim war bis zum 18.03.1913 selbständig und sogar Kreisstadt des Landkreises Mülheim am Rhein (bis 1932, also sogar noch nach der Eingemeindung durch Köln), erst danach wurde es von Köln eingemeindet. Spitzname des Infanterieregiments Nr. 16 war "Die Hacketauer".

[7] Eitel Friedrich Prinz von Preußen reichte Major zu Eulenburg-Wicken mit folgendem Text zu diesem Orden ein: "Major zu Eulenburg hat sein Regiment seit November 1916 glänzend geführt. Seine fast an Tollkühnheit grenzende Tapferkeit hat ihm die Bewunderung seiner Untergebenen und die Achtung seiner Vorgesetzten eingebracht. ... In der Durchbruchsschlacht östlich Zloczow und den anschließenden Kämpfen kam seine energische Persönlichkeit überall zur vollen Geltung. Ebenso wie in den Kämpfen im Westen legte er den Hauptwert auf persönliche Erkundung und gab seine Befehle und Anordnungen aufgrund genauer persönlicher Anschauungen. Stets wußte er sein Regiment zu höchsten Leistungen fortzureißen und hat so, nachdem die feindliche Stellung im ersten Ansturm überrannt war, den Feind in unaufhaltsamem Vorwärtsstürmen vor sich hergejagt und jeden sich entgegensetzenden Widerstand sofort gebrochen. In Ausbildung und Disziplin hat Major Graf zu Eulenburg-Wicken das Regiment auf seinem alten, musterhaften Standpunkt zu erhalten und durch sein Vorbild und seinen überaus günstigen Einfluß auf die Truppe aus dem vortrefflichen Regiment die höchsten Leistungen herauszuholen gewußt..."

[8] Ironischerweise ist Villers-Bretoneux der Ort, an dem im April die gesamte deutsche Tankwaffe, zumindest die mit deutschen Fahrzeugen ausgestattete, ihren allerersten und sogar erfolgreichen Kampfeinsatz durchführte. Deutschland hatte es geschafft, ganze 20 Tanks vom Typ "A7V" zu produzieren und diese rollten am 21.03.1918 im Rahmen der "Michael"-Offensive zum Kampf. Der einzige heute noch existierende A7V steht übrigens im Queensland-Museum in Brisbaine (Australien).

[9] Die Kaiserin fuhr jedoch nicht nach Doorn, sondern zu ihrem Sohn, Eitel Friedrich Prinz von Preußen. Am 20.11.1918 bezog die Kaiserin zwei Zimmer der Villa Ingenheim, da ein weiterer Aufenthalt im Neuen Palais aus Sicherheitsgründen nicht möglich war. Bereits acht Tage später hatte Eitel Friedrich die Ausreisegenehmigung für seine Mutter erhalten. Sie konnte nun ihrem Ehemann ins niederländische Amerongen folgen. Am 27.11.1918 verließ sie die geliebte Heimat, um am folgenden Tag bei ihrem Gemahl im holländischen Exil einzutreffen. Von einer freiwilligen Auslieferung des Kaisers an die Siegermächte wollte sie nichts wissen. Im Mai 1920 bezog sie mit ihm Huis Doorn, das Wilhelm II. mit Einrichtungsgegenständen aus seinen ehemaligen Schlössern in Berlin und Potsdam ausgestattet hatte. Dort starb die letzte Kaiserin nach schwerer Krankheit am 11.04.1921. Bei ihrer Beisetzung im Potsdamer Antikentempel vor dem Neuen Palais von Sanssouci am 19.04.1921 bezeugten noch einmal Hunderttausende die Zuneigung, die ihr vom Volk entgegengebracht wurde. (Quelle: Internetpräsenz Haus Preussen)